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15.04.2026. Sind spanische Literaturpreise zu hoch dotiert? Nein, eher deutsche zu niedrig, findet die SZ. Moses Pelham darf - wahrscheinlich - Kraftwerk samplen, entscheidet der Europäische Gerichtshof. Der Tagesspiegel glaubt allerdings, dass die Entscheidung künftig die Kunstfreiheit eher einschränken wird. Die FAZ schlägt Alarm: Das Chemnitzer Bühnenkulturangebot könnte bald halbiert werden, wenn es nach der örtlichen SPD geht. Ebenfalls die FAZ ist ergriffen von Lee Millers Buchenwald-Fotografien, die zur Zeit in Weimar ausgestellt werden.
Christiane Lutz hält in der SZ wenig von der Kritik daran, dass der von einem spanischen Flughafenbetreiber finanzierte Aena-Literaturpreis für auf spanisch verfasste Literatur mit einem Preisgeld von einer Million Euro angeblich dekadent hoch dotiert sei (mehr dazu bereits hier). Eher fände sie generell mal etwas mehr Großzügigkeit angebracht: "Könnte sich nicht in Deutschland das ein oder andere Unternehmen dazu bewegen lassen, ebenfalls in Literatur zu investieren? Da findet sich doch sicher die eine oder andere Millionärin, die gern ein Förderprogramm für Autoren unterstützen würde. ... Hierzulande rühmt man sich, dass Kunst in vielen Bereichen eben nicht vom Geld einzelner Unternehmer oder so etwas Lästigem wie Publikumsvorlieben abhängig ist." Aber "auch in Deutschland sind die rosigen Kulturförderzeiten vorbei. Kulturetats werden gekürzt, das Gerangel um öffentliche Gelder wird wilder." Und "normalerfolgreiche Autoren (geschweige denn Übersetzer) haben in Deutschland ohnehin noch nie wirklich viel Geld verdient. Viele hangeln sich von Stipendium zu Stipendium, ein Bestseller reicht nicht aus, um sich zur Ruhe zu setzen."
Weiteres: Fridtjof Küchemann (FAZ) und Christine Knödler (SZ) melden, dass der KinderbuchillustratorJonKlassen mit dem Astrid Lindgren Memorial Award, dem wichtigsten Kinderbuchpreis der Welt, ausgezeichnet wurde. Besprochen werden unter anderem die Gesamtausgabe von ManfredSommers "Frank Cappa"-Comics (taz), NewshaTavakolians "And They Laughed at Me" (Intellectures), DavidVajdas "Diamanten" (NZZ), SteffenMartus' "Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute" (FAZ) und ChristianeRösingers "The Joy of Ageing" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Lee Miller - Foto: U.S. Army Official Photograph, Lizenz: CC BY-SA 4.0Konrad Muschik schaut sich für die FAZ die Ausstellung "Kunst und Dokumentation - Lee Millers Buchenwald-Fotografien" in der Weimarer M Books Galerie an. Miller gehörte zu jenen Kriegsjournalisten, die 1945 im Gefolge der US-Streitkräfte die deutschen Verbrechen dokumentierte. Wobei die Aufnahmen Millers nicht nur dokumentarischen, sondern außerdem künstlerischen Wert haben: "Kraftvoll wird das Bild auch durch den für Miller typischen, starken Kontrast von Hell und Dunkel, der das Zentrum erleuchten lässt. Aus der Tiefe der Komposition schreitet ein ehemaliger Häftling, klein, aber bestimmt, in die Bildmitte, in Richtung Tor. Eine andere Fotografie zeigt die Szene einer Menge befreiter Häftlinge, noch in Sträflingskleidung, manche mit Stock, die sich vor einer übergroßen, an einem Lagerhaus befestigten Europakarte versammelt haben. Auch hier der Schimmer einer - herzzerreißenden - Lebendigkeit und Würde, wie durch die Szene die Assoziation von rückgewonnener Hoffnung und Heimkehr eröffnet wird."
Marina Abramović ist ausnahmsweise nicht selbst zugegen im Gropius-Bau, wo derzeit ihre Ausstellung "Balkan Erotic Epic" zu sehen ist - die tatsächlich nur ein Vorgeschmack ist auf das gleichnamige Bühnenspektakel, das Abramović im Oktober bei den Berliner Festspielen präsentieren wird. Ordentlich was los ist auch schon in der Museumsversion, wie Nicola Kuhn im Tagesspiegel zu berichten weiß. Ins Bild gesetzt werden in Abramovićs Filmmontagen diverse bizarre erotische Rituale Südosteuropas - wobei eher der Spektakelwert als die ethnografische Akuratesse im Zentrum steht: "In einem Video massieren Frauen in traditionellen Gewändern ihre nackten Brüste, um dem beerdigten Geliebten nahe zu sein. In einem anderen zeigen sie im Regen tanzend ihre entblößte Vulva dem Himmel, damit er sich wieder schließen möge und die Äcker nicht weiter überflutet. Die Szenen wirken drastisch überzogen, geradezu komisch-plakativ, auch wie sich in 'Slawische Seele' Männer mit Daumen in der Weste rechts und links einer barmenden, übergroßen Sängerin aufreihen, aus deren Gamaschenhosen erigierte Penisse hervorstehen. Und doch muss ein Stück Wahrheit dran sein, man kann sich der Wirkung dieser Bilder nicht entziehen."
Außerdem: Lisa-Marie Berndt unterhält sich auf monopol mit der peruanischen Künstlerin Wynnie Mynerva. Jens Kastner stellt in der taz Überlegungen zu Michel Foucaults Einfluss auf die Kunsttheorie und -praxis an.
Mehr "Bau-Bescheidenheit" würde Deutschland gut tun, meint Nikolaus Bernau im Tagesspiegel-Kommentar. Aktueller Anlass ist die ewige Wartezeit auf die Wiedereröffnung des Pergamon-Museums. Warum, fragt er sich, sehnt man sich immer nach dem perfekten großen Wurf? "Im deutschen Wohnungsbau wird extrem teure, perfekte Lärmisolierung erwartet. In Hamburg soll (ohne dass sich der dort ansässige Spiegel bisher darüber aufregte) eine neue Oper gebaut werden, obwohl der bestehende Bau hervorragend ist. In Stuttgart entsteht ein Riesenbahnhof für zwanzig Minuten Zeitgewinn zwischen Paris und Wien. Und in deutschen Museen ist es undenkbar, die Bauarbeiten sichtbar werden zu lassen, also etwa den Altarsaal an die Archäologische Promenade anzuschließen und die Touristen zwischen Sicherheitsplanen zu führen. Da würde das Hamburger Nachrichtenmagazin schließlich sofort über den Staub lästern, den die Bautätigkeiten aufwirbeln."
Außerdem: Gerhard Matzig hofft in der SZ, dass Jürgen Habermas' Haus in Starnberg - einst ersonnen von den Münchner Architekten Heinz Hilmer und Christoph Sattler - erstens erhalten bleibt und zweitens zu einem Fixpunkt des Kulturlebens wird. Als mögliche Vorbilder bringt Matzig unter anderem die Villa Massimo in Rom und das Haus Wittgenstein in Wien ins Spiel.
Das weibliche Gesicht der Gen Z: Zendaya in The Drama 2026 ist das Jahr von Zendaya, schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ. Gerade lief das kontrovers diskutierte Arthaus-Beziehungsdrama "The Drama" mit ihr an, später im Jahr folgen mit DenisVilleneuves "Dune 3" und ChristopherNolans "The Odyssey" zwei oscarschwere Autorenfilm-Blockbuster, die langerwartete dritte Staffel von "Euphoria" ist auch eben angelaufen und als "das weibliche Gesicht der Gen Z" gilt sie eh seit paar Jahren. Mit einigem Geschick ist es ihr gelungen, sich vom Kinderstar-Image zu emanzipieren, ohne in die Absturz-Falle zu tappen: "Stattdessen überzeugte sie mit einer strategisch-ehrgeizigenRollenwahl - und immensem Talent. Trotz ihrer jugendlichen Ausstrahlung ist Zendaya eine überraschend reife Darstellerin, die zwischenZerbrechlichkeit, IntensitätundStärke changiert und auch die Abgründe nicht scheut. Mit einem Gesicht, in dem sich in jeder Szene etwas Neues spiegeln kann: Wut, Schmerz, Freude flackern ebenso schnell auf, wie sie wieder verschwinden können. Als Schauspielerin kann Zendaya ein wandelndes Enigma sein. In ihrer Karriereplanung weiss sie jedoch exakt, wohin sie geht."
Weiteres: Marian Wilhelm stimmt im Standard auf das Porn Film Festivalin Wien ein. Tilman Spreckelsen meldet in der FAZ, dass in den Beständen eines Wanderkinobetreibers in den USA mit "Gugusse et l'Automate" ein bislang verschollen geglaubter Film des Effektekino-Pioniers GeorgesMéliès aufgetaucht ist, den die Library of Congress nun restauriert hat.
Besprochen werden AdrianGoigingers "Vier minus drei" (Tsp, Welt), RebeccaZlotowskis "Paris Murder Mystery" mit JodieFoster (Tsp), BenWheatleys Actionfilm "Normal" (Standard), CarlaSimóns "Romería" (NZZ, unsere Kritik) und AnnaRollers gleichnamige Verfilmung von LeifRandtsRoman "Allegro Pastell" (FAZ).
Simon Strauß zeigt sich in der FAZ ziemlich fassungslos darüber, dass die Chemnitzer SPD sich dafür ausgesprochen hat, das örtliche Sprechtheater und das Opernhaus zusammenzulegen. Einem "kulturpolitischen Kahlschlag in ungewöhnlichem Ausmaß" redet die SPD hier das Wort, meint Strauß. "Die Entscheidung, künftig kein eigenes Schauspielhaus mehr zu unterhalten, wäre nicht nur ein peinliches Armutszeugnis für eine Kulturhauptstadt, sie ginge auch auf Kosten der kulturellen Konkurrenzfähigkeit von Chemnitz, einer Stadt, die wegen mangelnder infrastruktureller Anschlussfähigkeit (es gibt nach wie vor keine ICE-Strecke nach Chemnitz!) sowieso schon mit Statusproblemen zu kämpfen hat. In einer Zeit, in der Machtfragen zunehmend im kulturellen Bereich aufgeworfen werden, wäre das eine Weichenstellung von fataler Fahrlässigkeit." In der BlZkommentiert Ulrich Seidler.
Szene aus "Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten". Foto: Armin Smailovic Die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem beschäftigt sich in der FAZ noch einmal mit dem Bochumer Theaterskandal um Tiago Rodrigues' Stück "Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten" - bei der Bochumer Premiere wurde ein Schauspieler, der einen Rechtsextremisten darstellte, von Zuschauern tätlich angegriffen (mehr hier). Griem möchte den Vorfall in eine Tradition der "Parabasis" eingeordnet sehen, also der direkten Ansprache des Publikums von der Bühne aus. Eine vorschnelle Verurteilung des intervenierenden Publikums lehnt sie aus dieser - einigermaßen abstrakten - Perspektive ab: "Vielleicht liefert die Bochumer Inszenierung von 'Catarina' aber nach der mancherorts willkommenen Gelegenheit zur Publikumsbeschimpfung bei genauerer Betrachtung doch eher einen Anlass, eine vielfach totgesagte bürgerliche Institution dafür zu feiern, dass sie sich gerade nicht zwischen Repräsentation und Partizipation entscheiden muss und damit auf der Höhe einer Gegenwart bleibt, in der populistische Publikumsansprachen auf vielen medialen Kanälen effizient praktiziert werden."
Außerdem: Wilhelm Sinkovicz ruft in der Presse dem Musikwissenschaftler, Publizisten und Opernfreund Heinz Irrgeher nach.
Besprochen werden die auch in anderen Medien fleißig bejubelteFranz-Schreker-Oper "Das Spielwerk und die Prinzessin" am Opernhaus Halle (nmz - "Fabrice Bollon und die Staatskapelle Halle übertreffen sich selbst"), Thomas Birkmeiers Bühnenfassung des Hitler-Romans "Er ist wieder da" von Timur Vermes am Wiener Renaissancetheater (Standard - "Die Realität hat dem Stoff längst seine satirischen Qualitäten entzogen") und Rebekka Davids Inszenierung "Zeit für Monster" nach Franz Kafkas "Der Bau" am Theater Braunschweig (taz- "Ein schlaues Vergnügen").
Kommt der Running-Gag der deutschen Urheber-Streitigkeiten um den Gebrauch gesampelter Musik nach mittlerweile deutlich über zwanzig Jahren doch noch an sein Ende? In der Sache Kraftwerk/MosesPelham (letzterer hatte für Sabrina Setlurs "Nur Mir" von ersteren zwei Sekunden aus "Metall auf Metall" verwendet, ohne vorher anzuklopfen) hat der EuropäischeGerichtshof nun jedenfalls Richtlinien vorgegeben, nach denen ein Sample auch ohne Genehmigung des Urhebers verwendet werden darf - sofern es ans Original zwar erinnert, aber hörbar weiter verarbeitet wurde und zum Original eine künstlerische Korrespondenz unterhält, also ein "Pastiche" ist (mehr dazu in den Agenturen). Damit könnte in dieser Geschichte "das vorletzte Wort gesprochen" sein, schreibt Wolfgang Janisch in der SZ - die finale Entscheidung liegt nun wieder beim Bundesgerichtshof. Michael Hanfeld in der FAZ ist sich sicher: "Damit hat Moses Pelham im jahrelangen Ringen um das für DJs und den Rap typischen Sampling eine weitere Grundsatzentscheidung errungen."
"Was wie eine Privatfehde aus Absurdistan anmutet, ist im Grunde viel mehr", merkt Frédéric Döhl im Tagesspiegel an. Denn: Das deutsche Urheberrecht war im Hinblick auf kreative Arbeit mit Orginalen eigentlich schon mal deutlich liberaler, wurde aber durch die InfoSoc-Richtlinie der EU erheblich eingeschränkt. Sind die Pastiche-Richtlinien des Europäischen Gerichtshofs nun also ein Anlass zum Jubel? Eher nicht so: "Sowohl Zitat- als auch Parodie-Karikatur-Schranke sind nun aber aus Kunstsicht voraussetzungsreiche, ästhetisch vergleichsweise limitierte Schranken, die nur spezifische Formen der Auseinandersetzung mit fremden Vorlagen erfassen und rechtlich privilegieren. Scheiden aber beide aus, bleibt im neuen Urheberrecht ab Wiedererkennbarkeit einer Übernahme nur die Pasticheschranke als Exitoption hin zu Erlaubnisfreiheit. Das heißt, es hängt rechtlich ganz viel an der Frage: Was ist Pastiche? ... Es wird nun viel Streit geben, was von dieser recht schwammigen Definition erfasst ist und was nicht. Klar ist: Es wird ab heute viel weniger erlaubnisfrei zulässig sein als nach altem Recht."
Weitere Artikel: "Es ist ein GewinnanLicht, LuftundLeichtigkeit" und außerdem klingt es hier mitunter "herrlich krisp und knusprig, also konturiert, aber nicht bullig", schreibt Jan Brachmann (FAZ) zur in den letzten Jahren baulich etwas umgestalteten HeidelbergerStadthalle, in der sich das Heidelberger FrühlingMusikfestival pünktlich zu seinem 30-jährigen Bestehen präsentierte. Michael Stallknecht beobachtet für die NZZ, wie sich das ausschließlich mit Schweizer Musikern besetzte SwissNationalOrchestra (nicht zu verwechseln mit dem Swiss Orchestra) aufstellt, um Kulturbotschafter der Schweiz zu werden. Im Freitagfindet Laura Ewert JustinBiebers minimalistischen Coachella-Auftritt (mehr dazu bereits hier) "tragisch berührend" und sieht darin "die größte Menschwerdung, die es auf einer derart großen Popbühne je gab". Und Paul Buschnegg fragt sich auf ZeitOnline, ob "hier ein vom Showbusiness gezeichneter Ex-Kinderstar der effekthaschenden Gegenwart den Mittelfinger zeigte", fand die Performance insgesamt aber "erfrischend" sowie "ungelenk, aberneu".
Besprochen werden ein Konzert von BeverlyGlenn-Copeland (taz) und das Debütalbum der österreichischen Alte-Herren-Punkband Post (Standard).
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