Efeu - Die Kulturrundschau

Schneidezähne aus Lapislazuli

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.04.2026. Die Theaterkritiker verlieren sich beim Berliner FIND-Festival mit Katie Mitchell und Maggie Nelson im Mund einer Mohnblume in Suff, Sex und Trauer. So hinreißend ist Raffael nie entzaubert worden, freut sich die Welt in einer monumentalen Ausstellung im New Yorker MET. Monopol findet Balance dank Alexander Calder in Paris.  Artechock stöhnt angesichts der neofeudalen Gremien, die darüber entscheiden, dass Kunst die Bürger nicht ärgern darf. Und Boards of Canada geben ihr erstes Lebenszeichen nach 13 Jahren.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2026 finden Sie hier

Bühne

"Seichte" Unterhaltung kam für das FIND-Festival an der Berliner Schaubühne in diesen Zeiten nicht in Frage, bemerkt Patrick Wildermann (Tsp) - und das bestätigt ihm auch Schaubühnen-Dramaturgin Maja Zade. Und so stellt sich der Kritiker auf ein düsteres Programm ein: "Sucht und Suizid, Rassismus und Flucht - das sind nur ein paar der schwerwiegenden Themen, die das FIND diesmal mit Arbeiten aus Kanada, Brasilien, Norwegen oder Italien bearbeitet." Unter anderem wird die brasilianische Theatermacherin Janina Leite in ihrem Stück "Stabat Mater" Sex mit einem Pornodarsteller haben, angeleitet von ihrer eigenen Mutter, verrät Wildermann.

Szene aus "Bluets". Foto: Gianmarco Bresadola

Den Anfang aber macht die britische Regisseurin Katie Mitchell mit ihrer Adaption von "Bluets", Maggie Nelsons Prosaminiaturen über Liebeskummer und andere Tragödien, vor allem aber über die Farbe Blau. Vor einer Videoarbeit des Filmemachers Grant Gee, der die Kamera durch Berlin gleiten lässt, spielen drei Akteurinnen die Szenen nach - und nachtkritikerin Esther Slevogt erlebt in diesem "süffigen Stadtporträt" in erster Linie eine "Etüde des Sehens", etwa wenn "in einem Video riesengroß einmal eine Biene in das Zentrum einer knallroten Mohnblume fliegt, während eine Stimme erklärt, dass die Biene selbst hier gerade einen klaffenden bläulich-lila Mund wahrnimmt. (...) Es wird von Goethes Farbenlehre berichtet, von der Kathedrale von Chartres und ihrem somnambulen Blau. Von Billie Holiday und dem Blues. Von Menschen, die sich die Schneidezähne durch Lapislazuli ersetzen ließen." "Theatralisch unauffällig", aber von "sinnlicher Prägnanz", nennt Simon Strauss in der FAZ den Abend, während Ulrich Seidler (BlZ) mit wenig Hoffnung nach Hause geht: "Suff, Sex, Trauer, Schmerz, Leere und Einsamkeit werden von diesem seltsamen Blau verschleiert. Man findet also nirgends Halt in dieser kalten Theaterapparatur der Selbstvergessenheit."

Weitere Artikel: In der SZ bemerkt Egbert Tholl anhand von Elisabeth Stöpplers Stockhausen-Inszenierung "Michaels Reise" an der Hamburger Staatsoper, wie gut Kinderopern funktionieren können.
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Film

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Ausgerechnet im Absolutismus herrschten oft "optimale Bedingungen" dafür, dass der "einzelne genial begabte Künstler die Möglichkeiten seines Schaffens" bestens ausnutzen konnte, auch ohne Furcht vor Sanktionen, nimmt Rüdiger Suchsland in seiner Artechock-Kolumne als Erkenntnis aus Martin Warnkes neuaufgelegter Studie "Hofkünstler  - Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers" mit. Aber was ist dann mit der Demokratie? Zumindest in ihrer deutschen Variante walten die neofeudalen Gremien. "Was ist gesellschaftlich gewünscht? So ist öffentlich finanzierte Kunst bei uns heute undenkbar, die einer Revolution das Wort redet, den Klimawandel leugnet oder gar die demokratischen Institutionen kritisiert. Besonders deutlich wird das in der Filmkunst. Hier regieren durchaus selbstherrlich die immergleichen Menschen in den Entscheider-Gremien. ... Eine demokratische Form der Fürstenherrschaft. ... Was kann die Demokratie also tun, um ihren Gegnern keine Argumente zu liefern? Sie braucht mehr Mut zur künstlerischen Freiheit. Kunst muss irritieren und provozieren, sie darf die Mehrheit der Bürger ärgern. Demokratische Kunst ist gerade kein Diener des Staates."

Weiteres: Ingrid Weidner empfiehlt auf Artechock die 37. Türkischen Filmtage in München. Elke Eckert wirft für Artechock ein Blick ins Programm der Münchner Filmreihe "Mediterraneo" In Brooklyn hat die Filme- und Serienmacherin Lena Dunham aus ihren Memoiren vorgelesen, berichtet Ann-Kathrin Nezik in der SZ. Rüdiger Suchsland schreibt auf Artechock zum Tod von Mario Adorf (weitere Nachrufe bereits hier).

Besprochen werden Franz Müllers "Das Glück der Tüchtigen" (critic.de, Artechock, unsere Kritik hier), Lee Cronins Horrorfilm "The Mummy" (Perlentaucher), Quentin Tarantinos Viereinhalb-Stunden-Cut seines einstigen Zweiteilers "Kill Bill" (Artechock, Standard, FD), Anna Rollers Verfilmung von Leif Randts Roman "Allegro Pastell" (Artechock, SZ, mehr zum Film bereits hier), Rebecca Zlotowskis "Paris Murder Mystery" (critic.de, SZ), Ben Wheatleys Actionkomödie "Normal" (Artechock, FAZ), Adrian Goigingers "Vier minus drei" (Artechock) und Michael Baumanns "Missing*Link" (Artechock).
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Stichwörter: Filmförderung

Literatur

"Sexismus darf in der Literaturkritik wie anderswo keinen Platz haben", stellt Michael Wurmitzer im Standard zur aktuellen Causa Scheck fest, "man sollte mit dem Sexismusvorwurf aber auch bedacht umgehen". Wilhelm von Sternburg erinnert in der FR an den Schriftsteller und Holocaust-Überlebenden Soma Morgenstern, der vor fünfzig Jahren gestorben ist. Die Jury des Tagesspiegel hat entschieden: Das sind die zehn besten Comics des Quartals - mit Alison Bechdels "Kaputt" auf der Spitzenposition. Besprochen wird unter anderem Svenja Leibers "Nelka" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Kunst

Raffael, die Alba Madonna, c. 1510. National Gallery of Art


Acht Jahre und umfangreiche Spenden hat es gebraucht, bis das New Yorker Metropolitan Museum seine "Mammutausstellung" über Raffael eröffnen konnte - aber das Warten hat sich gelohnt, findet Hannes Stein in der Welt. Dabei entzaubert das MET den Renaissance-Künstler geradezu, zeigt es doch anhand von hinreißenden Vorstudien, dass Raffael eben nicht zauberte, sondern arbeitete: "Nehmen wir etwa die 'Alba Madonna', ein kreisrundes Gemälde aus dem Jahr 1510, auf dem ein rotgelockter Knabe - Johannes der Täufer - bewundern zu dem (naturgemäß blonden) Jesuskind hochblickt, das im Schoß der Jungfrau sitzt; Jesus und Johannes halten gemeinsam einen langen dünnen Stock fest, der ein Holzkreuz ist. Das Bild ist beinahe zu schön. Lebendig und verrückt dagegen die Vorstudien, bei denen übrigens ein junger Mann für die Madonna Modell gesessen hat. Gelegentlich konnte dieser Maler von frappierender Sinnlichkeit sein: Betrachten wir etwa sein Porträt von Bindo Altoviti, einem furchtbar reichen jungen Mann (er war Bankier des Papstes). Raffael lässt ihn über die Schulter zurück auf uns blicken, sein blondes Haar umschmiegt leicht den Hals, die Lippen sind sinnlich, das Gesicht mädchenschön."

Gordon Parks, Calder with Snow Flurry I (1948), Roxbury 1952. © The Gordon Parks Foundation


Auf in die Pariser Fondation Louis Vuitton, wo in einer großen Retrospektive mit dem Titel "Rever en Equilibre" das poetische Werk des amerikanischen Bildhauers Alexander Calder gefeiert wird, ruft uns Maxi Broecking in monopol zu, begeistert von der fragilen Balance von Calders Mobiles. Zu sehen sind etwa die "filigranen, winzig gearbeiteten Drahtskulpturen und Zirkusfiguren, mit denen Calder satirische Vorstellungen für Künstlerfreunde gab. Kurz darauf folgt, angeregt durch Piet Mondrian, die Hinwendung zur Abstraktion und zu ersten beweglichen Objekten, die sein Freund Marcel Duchamp 1931 als 'Mobiles' bezeichnete. In ihrer Form sind sie zunächst inspiriert von den Umlaufbahnen der Planeten und dem vom Physiker Niels Bohr entwickelten Atommodell. Auch der Zufall wird zu einem zentralen Teil des Werks: Die Bewegung etwa entsteht nicht mehr mechanisch oder durch einen Motor, sondern allein durch Luftzirkulation."

Weitere Artikel: Für die SZ ruft Christine Dössel bei Marina Abramovic an, für deren Ausstellungseröffnung "Balkan Erotic Epic" im Berliner Gropiusbau Menschen einen halben Kilometer lang Schlange standen, um zu fragen, wie es selbst bei ihr mit der Erotik läuft: "'Die Menopause war eine große Befreiung für mich.'" Im Tsp-Interview spricht Marc Brandenburg, dessen aktuelle Ausstellung "20th Century Debris" gerade in der Berlinischen Galerie zu sehen ist, über die queere Subkultur der Achtziger, Armut und den Horror des Spätkapitalimus. Der deutsche Romantiker Friedrich Nerly wurde vor allem durch seine Veduten von Venedig bekannt, Meisterschaft erlangte er allerdings in Rom, bemerkt Andreas Kilb (FAZ) in der Nerlys römischen Jahren gewidmeten Ausstellung "Natur und Antike" in der Kunsthalle Bremen.

Besprochen werden außerdem die von Beastie Boy Mike D. kuratierte Ausstellung "Mishpocha. The Art of Collaboration" im Jüdischen Museum in Frankfurt (FR) und eine Ausstellung über die lettische Künstlerin und Theatermacherin Asja Lãcis im Kunstraum Kreuzberg (taz).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Calder, Alexander, Raffael

Design

Saft fürs Handy: Solarpaneele fürs digitale Stadleben (Nick Geipel / Charlotte von Ravenstein, Museum der Dinge)


Die Kunsthochschule Weißensee prägt das Gesicht Berlins, schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel: Von hier kommen zahlreiche Plakate von Kulturinstitutionen der Stadt, aber auch ganze BVG-Waggons werden dort gestaltet. Mit "Gestalten für Berlin. Design aus der Kunsthochschule Weißensee" ist dem nun auch eine Ausstellung im Museum der Dinge/Werkbundarchiv gewidmet. Hier treffen die Geschichte der Kunsthochschule und Entwürfe junger Jahrgänge aufeinander, die sich Gedanken um das zukünftige Leben in dieser Stadt machen: "Auf das Kapitel 'Die Stadt von morgen', die mit der orange leuchtenden Solarpaneele 'Powerplant' (Entwurf: Nick Geipel und Charlotte von Ravenstein) eine kostenlose Stromquelle für Passanten zeigt, die an Straßenlaternen montiert werden und spontanes Handyaufladen ermöglichen soll, folgt das Kapitel 'Wassergeschichten'. Da hängt die Fotografie eines realisierten historischen Entwurfs der Weißenseer Dozentin Gertraude Pohl für eine Brunnenanlage in Marzahn, in der 1987 Kinder planschen, neben dem Rendering des Leopoldplatzes von heute. In dieser Idee versprechen mit Pflanzen bestückte und von Wasser durchrieselte Ton-Elemente Abkühlung. Allerdings nur, wenn aus der studentischen Vision Realität wird."

Archiv: Design

Musik

tazler Johann Voigt taucht tief ein in "No Country for Old Grim", das neue Soloalbum des Rappers Grim104, der darauf schwer mit seiner Lage hadert. Dieser analysiere darauf "die eigene Verstrickung ins Chaos. Also: beobachten, sich selbst befragen, Schlüsse ziehen." Es "ist die Selbstverortung eines 37-jährigen Rappers, der begriffen hat, dass er für immer Nische bleiben wird. Wenig Kohle, dafür künstlerische Freiheit". Denn: Das Majorlabel Four Music/Sony wollte das Album nicht haben, weil es "zu 'Culture'" sei. "Das bedeutet, nicht anschlussfähig zu sein um jeden Preis, aber dadurch auch uninteressant für die Algorithmen von Streamingdiensten. Grims Erlebnishorizont ist kleinteilig. Es geht um das Leben in Berlin-Gesundbrunnen und Wedding", aber auch "um die Ambivalenz zwischen der Sozialisation im norddeutschen Dorf und der Hinwendung zur Metropole. ... Außerdem bedeutet "Culture" ein Potpourri subkultureller Codes. Heißt, dass zappelnde Breakbeats hier genauso eine Rolle spielen wie klirrend-kühle Wave-Sounds und Sample-Beats."



Weiteres: Stephanie Grimm berichtet in der taz von der Tallinn Music Week. In den USA hat ein Gericht festgestellt, dass die fusionierten Ticketservices Live Nation und Ticketmaster ein illegales Monopol errichtet haben, berichtet Niels Bossert in der NZZ. Die Agenturen melden, dass der Pianist Oleg Maisenberg im Alter von 80 Jahren gestorben ist.

Besprochen werden Paul Simons Konzert in Berlin (FR), ein Konzert der Geigerin Maria Dueñas und des Pianisten Alexander Malofeev in Wien (Standard), ein Auftritt des Berliner Rap-Dups 6euroneunzig in Frankfurt (FR), Lisa Wulffs Album "Hand aufs Herz" (FR) sowie Walter Gröbchens und Thomas Mießgangs Buch "Die guten Kräfte" über die Geschichte des Austro-Pop (Presse).

Und eine Sensation: Die Meister des elektronischen Flou und der akustischen Craquelets Boards of Canada geben ihr erstes Lebenszeichen nach 13 Jahren!

Archiv: Musik
Stichwörter: Grim104, Rap