Der SchriftstellerHermann Peter Piwitt ist im Alter von 90 Jahren gestorben. "In den Siebzigerjahren zählte er zu den Autoren der NeuenSubjektivität, die nach den Erfahrungen der Studentenrevolte eine andere, an Herbert Marcuses Schlagwort von der 'Neuen Sensibilität' orientierte Poetologie ausprobierten", schreibt Hilmar Klute in der SZ. "Piwitt hat es verstanden, das Aroma jener späten Nachkriegsjahre in seinen Erzählungen zu konservieren. ... Die Distanz zu seinem späteren Milieu, die sanfte Zurückweisung der Achtundsechziger und ihrer blechfroschhaften literarischen Ästhetik, die Hinwendung zur mit Sinnlichkeit versüßten Politik Italiens, all dies hat Piwitt schon 1976 in seiner Essaysammlung "Boccherini und andere Bürgerpflichten" gespiegelt. Es ging ihm, da war er seinem Freund Nicolas Born nicht unähnlich, um die Empfindungen hinter den Parolen, die Verletzungen hinter den politischen Kämpfen."
"Piwitt konnte alle Zustände der Menschenseele schildern", staunt Dietmar Dath in der FAZ. "Was ihn quälte, war die Außenwelt, aber auch Inneres, zu viel Mitleid mit Natur, zu wenig Geduld mit denen, die alles mitmachen, und so genau er beschreiben konnte, wie sich etwas von innen anfühlt, so transparent war ihm dann doch auch die andere Seite menschlichen Hirnlebens, das Argumentieren, Begründen, Folgern."
Etwas deutlicher schrieb Hans-Christoph Buch vor einem Jahr im Tagesspiegel zum 90. Gebuurtstag Piwitts. Er hätte zwar den ästhetischen Kahlschlag der Neodogmatiker in der 68er Zeit nicht mitgemacht, "aber er geriet in schlechte Gesellschaft in Hamburg, dessen linke Szene von der Zeitschrift konkret und der DDR-hörigen DKP dominiert wurde, während in Westberlin Maoisten die Agenda bestimmten... Auch wer sich wie Piwitt weigerte, rote Fahnen zu schwenken, zollte dem Zeitgeist Tribut. Statt sich wie sein Freund Nicolas Born frei zu machen von fremdbestimmten Ansprüchen, versuchte Piwitt, politische Einsichten zu verbinden mit avancierten Erzählformen, die Quadratur des Kreises, an der vor ihm schon andere gescheitert waren." Literaturklassiker in einfacher Sprache als Handreichungen für Deutschlehrer und deren Schüler gibt es schon seit Jahrzehnten, von daher ist die aktuelle, kulturkämpferische Aufregung zu diesem Thema Jens Jessen in der Zeit nicht sonderlich einsichtig. Zumal das Problem doch eh schon woanders anfange, nämlich an den Universitäten: "Die Germanistikstudenten, aus denen ja größtenteils Deutschlehrer hervorgehen sollen, sind nämlich ihrerseits schon eherunwillig, sich dem Anspruchsniveau der klassischen Literatur zu stellen", was sich "schon in den Siebzigerjahren" beobachten ließ. "Wie also sollte man von Schülern verlangen, was schon den Lehrern in ihrer Jugend eine Last war? ... Es hat etwas Unredliches, den schulischen Umgang mit alten Texten zu kritisieren, ohne diese gesellschaftliche Atmosphäre mitzudenken, die dem klassischen Erbe moralisch misstraut."
Weitere Artikel: Das publizistische Nachbeben zu PeterHandkes umstrittener "winterlichen Reise" aus den Neunzigern ist komplizierter als Alexander Schimmelbusch es in der FAZ darstellt (hier unser Resümee), schreibt Mladen Gladic in der Welt. Yannic Walter resümiert in der taz einen Fitness-Abend im Literarischen Colloquium Berlin. Andreas Platthaus gratuliert in der FAZ dem SchriftstellerJulianBarnes zum 80. Geburtstag. Dessen heute erscheinendes Buch "Abschied(e)" rezensiert Judith von Sternburg in der FR.
Besprochen werden unter anderem JensHarders Comic-Epos "Gamma … visions" (taz), HaraldJähners "Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955-1967" (NZZ) und neue Hörbücher, darunter KaiGrehn mit erheblichem Aufwand realisiertes Hörspiel "Die Causa Jeanne d'Arc" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nach vielen Jahrzehnten, in denen der Roman ungelesen im Regal stand, ist es dem SchriftstellerBurkhardSpinnen doch noch gelungen, ans Ende von Flauberts "Bouvard und Pécuchet" zu gelangen. In der WamSrät er uns eindringlich, es ihm gleich zu tun. Denn diese legendär als unlesbar geltende Farce aus dem späten 19. Jahrhundert über zwei Männer im übermütigen Wissenstaumel, die sich über das Liefersystem der französischen Buchhandlungen sämtliche Provinzen der Wissenschaft einverleiben und doch ratlos darin untergehen, liest sich für Spinnen wie die Prophezeiung unserer Medienrealität: "Das sogenannte Informationszeitalter steckt zwar um 1870 noch in seinen Anfängen, aber Bouvard und Pécuchet benehmen sich bereits genau so wie der durchschnittliche Internetnutzer unserer Gegenwart. Überfülle, Verwirrung, Konzentrationsschwäche, Ungeduld! Während ich dies schreibe, tappen gerade Millionen Menschen durch den Informationsdschungel des Internets auf der Suche nach verbindlichen Antworten" und stoßen dabei auf "ein Tohuwabohu von seriösen Erkenntnissen, alerten Halbwahrheiten und dreisten Lügen. Leider sind sie nicht dafür ausgebildet, das eine vom anderen zu trennen. Vielmehr sind sie wie Bouvard und Pécuchet erfüllt von dem Irrglauben, ein jeder könne auf einfachste Art und Weise zu wertvollen und nützlichen Erkenntnissen gelangen."
Außerdem: Sarah Pines porträtiert in der WamS die SchriftstellerinLilyBrett. Melanie Mühl spricht in der FAZ mit der SchriftstellerinRaphaelaEdelbauer über deren Youtube-Kanal. Peter B. Schumann blickt fürs Literaturefeature im Dlf Kultur auf neue literarische Stimmen aus Lateinamerika. Eva Brandstädter führt in "Bilder und Zeiten" der FAZ durch Leben und Werk des georgischen Schriftstellers Konstantine Gamsachurdia. Der SchriftstellerHans Christoph Buch versenkt sich für das "Literarische Leben" der FAZ in Heinrich von Kleists"Verlobung in St. Domingo". Sophia Coper hat für die FAZDiarySlams besucht, bei denen sich wildfremde Menschen aus den eigenen Tagebücher aus Teenagerzeiten vorlesen. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Jens Ulrich Eckard daran, wie der SchriftstellerKnutHamsun 1943 Hitler besuchte. Peter Rawert blickt für "Bilder und Zeiten" der FAZ in die Geschichte der "Verwandlungsbücher", die in der frühen Neuzeit eine Jahrmarktsensation für Gaukler waren. In der "Langen Nacht" von Dlf Kulturbefasst sich Christian Blees mit JackLondon.
Besprochen werden unter anderem die von KaterynaMishchenko und KatharinaRaabe herausgegebene Anthologie "Geteilter Horizont. Die Zukunft der Ukraine" (FR), NoraGomringers "Am Meerschwein übt das Kind den Tod" (FR), PascalMerciers "Der Fluss der Zeit" (NZZ), MichalAjvaz' "Die andere Stadt" (taz), Josh Winnings Thriller "Verbrenn das Negativ" (taz), AnnettePehnts Geschichtenband "Einen Vulkan besteigen" (FAZ) und TaraSullivans "The Bitter Side of Sweet" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Jürgen Wehrs über MatthiasClaudius' "Nach der Krankheit":
"Ich lag und schlief; da fiel ein böses Fieber Im Schlaf auf mich daher, Und stach mir in der Brust ..."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Petra Schellen unterhält sich für die taz mit der nach Deutschland ausgewanderten russischen SchriftstellerinMarijaStepanova, die in ihrem neuen Roman "Der Absprung" von einer Russin im Exil erzählt, die sich zunehmend Selbstvorwürfe macht aufgrund einer "subjektiv empfundenen Bürde von Schuld. Denn abgesehen davon, dass man sie als Repräsentantin des Staates sieht, aus dem sie floh, fühlt sie sich selbst schuldig. Sie fragt sich, inwieweit sie Teil der Gesellschaft des angreifenden Landes war. Gibt es etwas in ihr, das sie auf unbewusste Art brutal macht?" Dennoch sei sie "dagegen, Sprache verantwortlich zu machen oder bestimmte Nationen oder Sprachen als besonders anfällig für Grausamkeit zu betrachten. ... Sprache ist eher ein Opfer. Die offizielle Presse in Russland etwa übt gerade einen Akt der Brutalität gegenüber der Sprache."
Außerdem spricht Petra Schellen für die taz mit der Grönländerin LaaliLyberth, die mit ihrem Inuit Verlag der Literatur ihres Heimatlandes ein Forum in Deutschland bieten will. Besprochen werden unter anderem VolkerWeidermanns "Wenn ich eine Wolke wäre" über die DichterinMaschaKaléko (FR), MirinaeLees "Die acht Leben der Frau Mook" (FR) und die von HansPleschinski herausgegebenen und übersetzten Erinnerungen von MarieAntoinettes Kammerfrau HenrietteCampan (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Alexander Cammann erzählt in der Zeit von seiner Begegnung mit dem AutorMarkoMartin in Berlin, dessen schillerndes Leben ihm sichtlich imponiert. Denn "so jemand wie Marko Martin ist eigentlich nicht vorgesehen im Repertoire unserer Gegenwart. ... Sein Mix von Lebensthemen ist außergewöhnlich: Als Autor lässt er seine Erzählungen in aller Welt von Lateinamerika bis Syrien oder Südostasien spielen, inspiriert von seinen Reisen und Erfahrungen. Als Reporter hat er sich den globalenFreiheitsbewegungen verschrieben. ... Und er ist an den Küchentischen Ostmitteleuropas zu Hause, befreundet mit vielen Ex-Dissidenten, den Heroen des 89er-Umbruchs. Womit wir beim engagierten Intellektuellen und Essayisten Marko Martin wären: Er kreist in dieser Rolle um die Freiheit, in Gegenwart und Geschichte, auch hierzulande. Sein jüngstes Buch heißt denn auch doppelsinnig 'Freiheitsaufgaben', ein kluger Essay, in dem er sein Nachdenken über die Gefährdungen von Freiheit und seine Erlebnisse in einer virtuosen Montage zusammenschneidet."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: In der Zeit porträtiert Katharina Teutsch den französischen SchriftstellerAurélienBellanger, der in seinem Roman "Die letzten Tagen der Linken" mit den französischen Sozialisten abrechnet. Willi Winkler spricht in der SZ mit dem Schriftsteller JulianBarnes, dessen aktuelles (und in der NZZrezensiertes) Buch "Abschied(e)" tatsächlich sein letztes sein soll, unter anderem über philosophische Gottesbeweise und das Leben nach dem Tod. Patrick Bahners (FAZ) und Martin Zips (SZ) schreiben zum Tod des "Dilbert"-Cartoonisten ScottAdams.
Besprochen werden unter anderem PeterWaterhouses "Z Ypsilon X" (FAZ) und LeïlaSlimanis "Trag das Feuer weiter" (Zeit, FAZ, SZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau.
Sicher, "man sollte Kunst nachträglich nicht heroisieren, Gedichte werden nicht automatisch gut, nur weil die Autorin unfreiwillig zur Protagonistin einer amerikanischen Tragödie wurde", schickt Marlene Knobloch in der Zeit in ihrem Text über ReneeGood voraus, die in Minneapolis von einem ICE-Beamten erschossen wurde. Trotzdem stellt sie fest: Bei Goods 2020 preisgekröntem Gedicht "On Learning to Dissect Fetal Pigs" handelt es sich um "ein gutes, ein merkwürdiges Gedicht", das vor allem Good als Individuum vor den Überlagerungen durch Medien, Öffentlichkeit und politischen Fraktionen rettet: Ihr Gedicht "erzählt von einem Menschen, der mit Ideen rang, damit, wie man dieses Leben verstehen soll. Der mit Versen nach Erkenntnis tastete. Der an der nackten biologistischen Definition der Existenz zweifelte, der auf der Suche nach dem Eigensten, Innersten war, nach dem, was da noch liegen könnte oder mal gelegen hat."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Sehr fasziniert durchstreift Dietmar Dath im FAZ-Porträt die Science-Fiction-Welten von AikiMira. Bei deren Lektüre lernt er: "Sprache kann Gebiete der Imagination, die kein Fuß je betreten wird, besetzen, befreien, bewohnen oder aufgeben." Schon sieht Dath eine Internationale der Science-Fiction sich bilden: "Alyxandra Margaret Dellamonica (alias L. X. Beckett) ... in Kanada, Olga Ravn in Dänemark, Alain Damasio in Frankreich, Quifan Chen in China ... stehen wie Aiki Mira gegen die blödsinnigen Entwürfe illiterater Big-Tech-Hasardeure, die Aiki Mira unbeeindruckt ins Visier nimmt: 'Marskolonialismus, ewiges Leben, Privatstädte. Musk, Bezos, Thiel arbeiten an ihren persönlichen Fluchtfantasien. Autoritäre SF baut keine Zukunft, sondern ein Museum ihrer Macht. Mit Eintrittspreis. Ich möchte dieser Vision viele lebbare Zukünfte entgegensetzen: Körper, die nicht erobern, sondern sich verweben', inklusive 'Wesen, die schon hier sind, auch die nicht-menschlichen."
Schon auch bedauerlich findet es Susanne Messmer in der taz, dass sich die wegen Umbauten und Renovierungen bedingte 18-monatige Tournee des Literaturhauses Berlin quer durch die Hauptstadt nun dem Ende zuneigt. Dieses "Literaturhaus ohne Haus" wäre jedenfalls eine patentreife Idee, findet sie: "Denn egal, ob der Rapper AMEFU am Tag der Bücherverbrennung im SO36 Paul Celans 'Todesfuge' las oder ob Mikael Ross seine Graphic Novel 'Der verkehrte Himmel' mitten in jenem Wohngebiet in Lichtenberg vorstellen konnte, wo sie spielt: Literatur wartet meist viel zu lang darauf, entdeckt zu werden, statt selbst vor die Tür zu gehen."
Weiteres: Andreas Platthaus (FAZ) und Lars von Törne (Tsp) schreiben Nachrufe auf den "Dilbert"-Cartoonisten ScottAdams. Besprochen werden unter anderem LeïlaSlimanis "Trag das Feuer weiter" (FR), ElizabethJenkins' "Die Nachbarin" (FR) und MarcelNobis' Streifzug durch die Geschichte der Kneipenkultur desaltenWest-Berlins (taz). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Die Feuilletons sind zu zahm, die Redaktionen zu ängstlich und im Zuge Kulturkritiken zu fad geworden, findet auch der AutorJonathan Guggenberger in der taz. Was an Kanten in Kritiken vorhanden ist, werde erst rausredigiert, nur um dann verdutzt aus der Wäsche zu schauen, weil Reichweiten einbrechen, während im Netz jedem Dampfplauderer klar ist, dass Aufreger und Kontroversen ersehnte Klicks bringen. Aber auch die junge Generation selbst sei an der Zahmheit schuld: Nur niemanden vor den Kopf stoßen, nur keinen Verriss schreiben, "man weiß ja nie, vielleicht schreibt man bald selbst einen Roman". Guggenberger fordert daher "mehrVerrisse" und zwar "selbstbewusste, elegant geschriebene, mit unerwartetenThesen". Außerdem "müssen wir wieder 'intellektuelleMarktschreier' werden. Und wenn alles nichts hilft? "Dann müssen wir eben unsere Köpfe zusammenstecken, unsere Stimmen und unsere Portemonnaies in den Ring schmeißen und eigeneZeitungen, Magazine oder Plattformen gründen."
Außerdem: Tobias Lehmkuhl liest für die FAZ die teils preisgekrönten Gedichte von ReneeNicoleGood, die von einem ICE-Agenten in Minneapolis erschossen wurde. Matthias Heine verzweifelt in der Welt daran, dass immer mehr Schulen "Faust" nur noch in vereinfachter Form verabreichen. Sebastian Borger erinnert im Standard an AgathaChristie, die vor 50 Jahren gestorben ist.
Besprochen werden unter anderem SebastianStrombachs Comic "Jeck" (FAZ.net), ElliUnruhs "Fische im Trüben" (FR), eine Ausstellung über Kleist und die Musik im Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder (FAZ), BodoKirchhoffs "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt" (FAZ) und neue Comicadaptionen von Theaterstoffen, darunter NeleHeaslips "Faust"-Bearbeitung (SZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau.
Im Standard-Essay tut sich der Schriftsteller StefanKutzenberger schwer mit der Vorstellung, dass man Bücher in den Wettbewerb um eine Auszeichnung schicken kann oder gar sollte, "denn Kunst kann alles sein, nur nicht messbar, sonst wäre sie keine". Mladen Gladic sorgt sich in der Welt um die Zukunft der Übersetzungszunft, nachdem der auf Liebesromane spezialisierte, französische Verlag Harlequin angekündigt hat, beim Übersetzung zukünftig auf KI zu setzen. Sebastian Borger (FR) und Paul Jandl (NZZ) erinnern an AgathaChristie, die vor 50 Jahren gestorben ist. Lukas Kapeller (Standard), Hans Peter Roth (Berner Zeitung) und Willi Winkler (SZ) schreiben Nachrufe auf den Science-Fiction-Autor ErichvonDäniken.
Der Blattmacher AlfMayer zählt zu jenen Internet-Idealisten, ohne deren beeindruckendes Engagement für die Möglichkeiten des Netz-Kulturjournalismus das Internet ein ärmerer Ort wäre. Sein CrimeMag, das in beeindruckender Konsequenz seit vielen Jahren jeden Monat neu erscheint und dabei gefühlt immer umfangreicher wird, legt davon beeindruckend Zeugnis ab. Das OnlinemagazinGespenster der Freiheit hat ihm nun ein schönes Videoporträt spendiert:
Außerdem frisch im Netz: unser Bücherbrief mit Hinweisen zu den wichtigsten Büchern des Monats. Besprochen werden ÁdámBodors Erzählband "Waldohreule" (NZZ), LeïlaSlimanis "Trag das Feuer weiter" (NZZ) und PeterWawerzineks "Rom sehen und nicht sterben" (online nachgereicht von der FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Zwei Monate nach seiner Freilassung aus der algerischen Haft hat BoualemSansal Berlin besucht. Im Gespräch mit Katharina Teutsch für die Zeit warnt der Schriftsteller westliche Demokratien eindringlich vor der Gefahr durch den Islamismus. "Als der Islam sich in den Neunzigerjahren in Algerien zum Islamismus entwickelte, gab es dort eine große Debatte: Soll man islamistische Parteien tolerieren? Wenn man das täte, so sagten damals viele, dann würde bald nicht mehr die Verfassung die Leitprinzipien liefern, sondern der Koran." Doch "dann kam der Moment, in dem die islamistische Bewegung so stark wurde, dass es nicht mehr möglich war, darüber offen zu sprechen. Und seither habe ich dann in Richtung Europa gesagt: Ihr müsst aufpassen, dass euch das nicht auch passiert. ... Die Linke hat damals geglaubt, dass die Leute, die aus arabischen Ländern nach Frankreich kommen, sich schon nach und nach integrieren werden. ... Der Islamismus ist aber nicht nur eine Denkweise, er ist eine Art, die Welt neu zu gestalten. Er hat eine auslöschendeSeite."
Mit seiner Begnadigung will Sansal sich nicht zufrieden geben, weshalb er nach Algerien gerne zurückkehren möchte, verrät er Lena Bopp von der FAZ: "Offiziell bin ich noch immer ein Krimineller, denn ... eine Begnadigung hebt die Strafe nicht auf." Damit "bleibe ich ein Ziel für Islamisten, Verrückte, die sagen: Er ist ein Spion Israels, man muss ihn töten. Wenn ich nach Algerien gehe, werde ich innerhalb eines Tages ermordet." Aber "ich möchte zurückkehren, um eine öffentliche Verhandlung mit ausländischen Beobachtern, ein neues Urteil mit echten Richtern und Anwälten zu fordern. Wenn ich dann verurteilt werde - okay. Aber wenn nicht, gehe ich als freierMann. Und jeder wird wissen, dass ich unschuldig bin." Für die SZ porträtiert Sonja Zekri Sansal. Vor 30 Jahren, im Januar 1996, erschien in der SZPeterHandkes "Winterliche Reise" nach Serbien und damit der Urtext von Handkes anhaltender Relativierung und Infragestellung des genozidalen Massakers von Srebrenica der Serben an den Bosniern. Heute liest sich der Text, wie "die Vorgeschichte des Krieges gegen die Tatsachen, in dem wir heute zu kämpfen haben", schreibt Alexander Schimmelbusch in der FAS. "Es ist alles schon da: Whataboutism, NATO-Bashing, der Bückling vor Kriegsverbrechern, die Herabwürdigung der Opfer brutaler Übergriffe, die Entwertung von Expertise und Analyse zugunsten von Affekt und Bauchgefühl, Jähzorn gepaart mit Weinerlichkeit sowie einer passiv-aggressiven Opferhaltung und so weiter. Und natürlich die Klage über gelenkte Mainstream-Medien, während man in einem solchen die Geschichte umschreibt, um Erfundenes in der politischen Debatte salonfähig zu machen und sich völlig frei, wie zuletzt im Kindergarten, eineeigeneFantasie-Realität ausdenken zu können, eine private Wirklichkeit."
Viele sind sich dessen kaum "bewusst, was für eine Lücke da bis heute klafft in dem, was Ostdeutsche über die eigene Geschichte wissen", schreibt der in der DDR aufgewachsene, in den Achtzigern aber in die Bundesrepublik abgeschobene Schriftsteller MartinAhrends in "Bilder und Zeiten" der FAZ, "weil bestimmte Bücher verboten waren zu Zeiten, als es wichtig gewesen wäre, sie zu lesen. Der ostdeutschen Öffentlichkeit fehlen wichtige Teile der eigenen Entwicklungsgeschichte. Stimmen, die verzagten und verstummten, Stimmen, die sich nie frei entwickeln konnten, Stimmen, die aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden. ... Die Politik des Herausschneidens und Herauszerrens hat Spätfolgen: ein löchrigesGeschichts- undSelbstbewusstsein. Schuld daran tragen nicht diejenigen, die es benennen, sondern die Selektoren von einst. Das Selbstbild der Ostdeutschen, das Dirk Oschmann in seinem Bestseller beklagt, hat weniger mit dem westdeutschen Blick als mit dem zerbrochenenSpiegel zu tun, den die SED-Kulturpolitik hinterlassen hat."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Annabelle Hirsch spricht für die FAS mit LeïlaSlimani über deren neuen Roman "Trag das Feuer weiter" und über Fragen der Identitätszugehörigkeit als Franko-Marokkanerin. Clemens Böckmann denkt in der taz über den Boom der Autofiktion in den letzten Jahren nach. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Dankesrede, die der SchriftstellerÉricVuillard zur Auszeichnung mit dem Ernst-Bloch-Preis gehalten hat. In der FAZ gratuliert Paul Ingendaay dem SchriftstellerAntonioMuñozMolina zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem FlorianIllies' "Wenn die Sonne untergeht" über die FamilieMann in Sanary (Standard), Auður Ava Ólafsdóttirs "Eden" (FR), die sieben Bände umfassende Ausgabe von RobertWalsers Feuilletons (Welt), AnneSterns Krimi "Die weiße Nacht" (Welt), MichaelAngeles "Ein deutscher Platz" über den Stuttgarter Platz in Berlin (FAZ) und JulianBarnes' "Abschied(e)" (WamS, FAS).
In der Frankfurter Anthologie schreibt Ulrich Greiner über SarahKirschs "Die Nacht streckt ihre Finger aus":
"Die Nacht streckt ihre Finger aus Sie findet mich in meinem Haus Sie setzt sich unter meinen Tisch ..."
In der Literarischen Welt (online nachgereicht) erklärt die russische FriedensnobelpreisträgerinIrinaScherbakowa, welche Bücher sie besonders geprägt haben. Darunter befindet sich auch "Marschroute eines Lebens" von JewgeniaGinsburg: "Seit meiner Kindheit war ich von Freundinnen meiner Großmutter umgeben, die den Gulag überlebt hatten. Natürlich setzte sich niemand neben mich, um mir eigene Geschichte zu erzählen. Es waren Halbsätze, Bruchstücke von Erinnerungen. Als ich das Manuskript von Jewgenia Ginsburg las, war das genau die Art von Erzählung, die ich immer hatte hören wollen: wie eine junge, gebildete Frau, die an den Kommunismus und an die Partei glaubte, in die stalinistischen Gefängnisse geriet; wie sie allmählich erkannte, dass alles, was ihr widerfuhr, das Ergebnis des von Lenin und Stalin geschaffenen Systems war. Gefängnisse, Verhöre, der Gulag auf der Kolyma - für mich war dieses Buch die Beleuchtung des schwarzen Raums der Vergangenheit, in den ich eintreten wollte."
Besprochen werden unter anderem SayakaMuratas "Schwindende Welt" (taz), Jolán Földes' "Die Strasse der fischenden Katze" (NZZ), MollyThynnes Krimi "Eingeschneit mit einem Mörder" (FR) und ViktorMartinowitschs "Das Gute siegt" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Perlentaucher ist Angela Schader tief beeindruckt von SonLewandowskis Mitte des Monats erscheinendem Debütroman "Die Routinen", für den die Kölner Autorin "hartes Faktenmaterial in ein sprachlich und emotional vibrierendes, dichtes Werk überführt" hat. Es geht um die Entbehrungen und Versehrungen von Kunstturnerinnen. "Die Sprache wechselt zwischen Ich-, Du- und Wir-Form, geschmeidig und spannungsvoll, mit ihren gelegentlichen sprachakrobatischen Einlagen bestens aufs Thema abgestimmt. 'Ich' steht für Amik, 'Du' für Izzy, 'Wir' fürs große Kollektiv der Kunstturnerinnen: In dieser Konstellation werden nicht nur die prekären Beziehungen unter den Sportlerinnen gefasst, die gegensätzlichen emotionalen Kräften - der zentrifugalen des Konkurrenzdrucks, der zentripetalen einer Leidensgemeinschaft - ausgesetzt sind, sondern auch ein Aspekt, den Lewandowski immer wieder herausstreicht. Die Tatsache nämlich, dass den Turnerinnen die individuelle Stimme genommen wird, dass ihnen Karriere-Narrative quasi auf den Leib geschrieben, ihre eigenen Notrufe derweil überhört werden." Hier eine Leseprobe aus dem Roman.
Im Manga-Bereich ist vor allem das "BoysLove"-Segment sehr erfolgreich, das von der romantischen Liebe zwischen jungen Männern erzählt. Den Großteil des Publikums bilden allerdings Mädchen und Frauen, stellt Monika Rathmann in der SZ erstaunt fest und versucht dem auf den Grund zu gehen. Das Phänomen zeigte sich schon in den Siebzigern, erfährt sie von der Japanologin Katharina Hülsmann: "Die Leserinnen waren begeistert. Im Gegensatz zu ihrer patriarchal geprägten Realität konnten sie beim Lesen Romantik und sexuelle Begierde ohne eine weibliche Figur und damit ohne Sorge um traditionelle Geschlechterrollen oder gesellschaftliche Erwartungen zur Familienplanung erleben. ... Leserinnen versetzten sich in einen der Partner hinein und konnten so ihr Verlangen vom eigenen Geschlecht trennen." Aus der schwulen Szene gibt es aber auch Kritik: "BL-Geschichten seien keine realistische Darstellung von Homosexualität, sondern die Fetischisierung von schwulen Beziehungen."
Besprochen werden PeterTruschners "Wie ein Messer" (jW), JonFosses "Vaim" (NZZ), NeleHeaslips Comicadaption von Goethes "Faust" (FAZ), Andreas Molitors Göring-Biografie (NZZ), die Memoiren des Star-Anwalts Matthias Prinz (Zeit), AlinaBronskys "Essen" (FAZ) und TezerÖzlüs "Die kalten Nächte der Kindheit" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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