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Dlf-Recherche zur
Mängelliste-Causa (
unser Resümee), die aufgedeckt hat, dass
Frank Witzel seinerzeit
Ingo Schulzes Anmerkungen zu
Charlotte Gneuß'
"Gittersee" an die Jury des Deutschen Buchpreises durchgestochen hat,
bringt Alexander Cammann (
ZeitOnline) nicht gerade aus der Fassung: "Vermutlich kam hier vieles zusammen, nicht zuletzt
Hybris: Der Wessi Witzel hat auf die Ostkompetenz seines Freundes Schulze allzu blind vertraut, während der selbstsichere Ossi Schulze sich seiner Erfahrung und Erinnerung zu gewiss war. Ob hinter diesem Agieren auch
die ewige Männerbündelei gegen eine Autorin steckt, wie das Feature meint, erscheint hingegen eher fraglich." Bedrückend findet Cammann allerdings doch, wie es Gneuß bei der damaligen Debatte als Debütautorin ging: Das war "eine
Feuertaufe im Literaturbetrieb, die man niemandem wünschen kann".
"Inwiefern es sich bei der Listenerstellung Schulzes um einen 'übergriffigen und paternalistischen Akt' handelt, wie der
Dlf in den Raum stellt, darüber darf man
streiten",
kommentiert Julia Hubernagel in der
taz. "Allerdings ebenso darüber, ob die Kosten-Nutzen- beziehungsweise
Schadenanalyse bei Debatten dieser Art bei männlichen und weiblichen Autor:innen zu ähnlichen Ergebnissen kommt. Das Beispiel
'Stella' und dessen sehr erfolgreichen Autor Takis Würger lässt vermuten: eher nicht." Doch "was im Beitrag des
Dlf etwas zu kurz kommt: Die Entscheidung ist weder gottgegeben noch objektiv, es gewinnt nicht einfach
der beste Roman. Über die Auswahl entscheiden sieben Jurymitglieder
mit verschiedensten Vorlieben und Agenden."
Wer zum
Boykott von Literatur aufruft, schadet in allererster Linie der Kunst und danach sich selbst, aber allenfalls nur unter Umständen dem boykottierten Autor, meint der
Schriftsteller Etgar Keret in der
SZ. "Das Kunstwerk wird zu einem
gewöhnlichen Konsumgut, wie jedes andere im Supermarkt des Lebens. Aus Sicht des Boykottierenden liefert ein Künstler Waren. ... Wäre ich in der
puristischen,
selbstgerechten Welt der Boykotte aufgewachsen, hätte ich wahrscheinlich nie T. S. Eliot, Louis-Ferdinand Céline oder Ezra Pound lesen können -
drei bekennende Antisemiten, durch deren Werke ich weit mehr über mich selbst und die Welt gelernt habe als aus unzähligen anderen, deren Autoren womöglich bessere Menschen waren, die mich aber viel weniger tief berührten. Und hätte ich diese horizonterweiternden Werke aus denselben
moralistischen Gründen gemieden, die kulturellen Boykotten zugrunde liegen, wem hätte das dann geschadet? Hätte ich damit die Kunst bestraft? Oder einfach nur mich selbst?"
Außerdem: Im
SZ-Gespräch erklärt die
Schriftstellerin Virginie Despentes, warum auch sie
Grasset verlassen hat (unser
Resümee in unserer Debattenrundschaut). Lars von Törne
wirft für den
Tagesspiegel einen Blick auf die Lage des so renommierten wie zuletzt krisengeschüttelten
Comicfestivals in
Angoulême, dessen frühere Organisatoren die neuen Organisatoren verklagen. Nikolai Ott berichtet in der
FAZ vom
Münchner Literaturfest. Beatrice von Matt erinnert in der
NZZ an ihren vor einem Jahr gestorbenen Ehemann, den
Literaturwissenschaftler Peter von Matt.
Besprochen werden unter anderem
Markus Orths' "Die Enthusiasten" (
FR),
Michal Tallos' Prosaband "Alles in Ordnung, Liebe überall" (
Standard),
Norbert Gstreins "Im ersten Licht" (
Intellectures),
Daniel Siemens' Biografie des Fotografen
Fred Stein (
FAZ) und
Elena Ferrantes Essayband "An den Rändern" (
SZ).
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