Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

3760 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 376

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.04.2026 - Literatur

"Der Herbst könnte eine Zeit der Entdeckungen werden", schreibt Paul Jandl in der NZZ mit Blick auf die Frankfurter Buchmesse, die in diesem Jahr Tschechien als Gastland präsentiert - und insbesondere die kleineren deutschen Verlage haben sich aus Tschechiens reicher Gegenwartsliteratur ein paar Perlen gesichert: Jandl nennt etwa Marek Torčíks 'Was die Zeit nicht nimmt' und 'Pfingsten' von Miroslav Hlaučo. "Dass in Tschechien literarisch noch manches aufzuklären ist, macht die 1980 in Prag geborene Alice Horáčková deutlich. Nicht weniger als 900 Seiten hat ihr Roman 'Geteiltes Haus', der im August bei Diogenes erscheint. Es ist eine weit ausholende und zugleich fast kriminalistisch erzählte Familiengeschichte aus dem Riesengebirge, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugetragen hat. Quer durch die Verwandtschaft laufen die Trennlinien sprachlicher und kultureller Identität. Es geht um Heimat und Vertreibung. Erst durch Recherchen in ihrer Familie und durch den Fund versteckter Dokumente im Haus der Großeltern habe sich ein Mosaik ergeben, erzählt Alice Horáčková."

Außerdem: In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube dem Kinderbuchautor Sven Nordqvist zum 80. Geburtstag. Der Dlf hat vor kurzem ausführlich mit ihm gesprochen. Besprochen wird unter anderem Nicolas Mahlers Comic "Ach die dumme Literatur!" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2026 - Literatur

Die Diskussionen um Boualem Sansal reißen in Frankreich nicht ab. Libération und Le Monde bemühten sich in langen Reportagen darzulegen, dass der Autor, der ein Jahr lang in den Verliesen des algerischen Regimes verbrachte, in Wahrheit ein "Rechter" sei, deutsche Medien haben diese Behauptung erleichtert nachgeplappert. Er selbst hat sich dagegen verwahrt - zugleich hat er seinen Verlag verlassen und ist ins Haus Grasset gewechselt, das daraufhin selbst Ort eines Eklats wurde. In der Zeitschrift Nouvelle Revue Politique publiziert er nun einen Text, der zeigt, wie verletzt er ist. Er vergleicht das Verhalten der Medien mit einer Steinigung. In einem Gespräch äußert er sich auch nochmal zu den Umständen seiner Begnadigung: "Als ich aus dem Gefängnis kam, habe ich viel über meine Geschichte gelesen und gesehen. Und ich habe festgestellt, dass nicht alle Unterstützer auf derselben Linie lagen. Einige haben mich so unterstützt, wie man einen freien Mann unterstützt, der bereit ist, bis zum Tod zu kämpfen, um frei zu bleiben. Ich hatte Tebboune geschrieben, um ihm mitzuteilen, dass ich jede Begnadigung ablehne."

Im Figaro publiziert Manuel Valls, ehemals Premierminister Frankreichs, eine leidenschaftliche Verteidigung Sansals, den er in eine Reihe mit Camus, Solschenizyn, Rushdie stellt: Bei all diesen Autoren seien stets dieselben Strategien angewandt worden, um sie zu desavouieren. Hintergrund ist eine Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, in der eine Kritikerin von Le Monde Sansal als mittelmäßig und erfolglos abtat. "Die Worte ändern sich. Die Logik hingegen bleibt dieselbe: Man rechtfertigt die Verfolgung zum Teil, indem man das Opfer niedermacht, und wenn die Argumente fehlen, greift man sein Talent an. Denn genau darin liegt der tiefste Punkt des gegen Sansal veranstalteten Tribunals: sein Werk anzufechten, um der Frage nach seiner Freiheit besser ausweichen zu können. Ist der Schriftsteller mittelmäßig, verliert die Angelegenheit an Bedeutung. Sind seine Romane nichts wert, dann verdient seine Inhaftierung keine wirkliche Mobilisierung. Das ist eine zynische Argumentation und, ehrlich gesagt, zutiefst aufschlussreich: Sie zeigt, dass man das, was man moralisch nicht widerlegen kann, versucht, ästhetisch aufzulösen."

Weiteres: Maja Beckers spricht in der Zeit mit der Bestseller-Autorin Isabelle Herzog. Besprochen werden unter anderem Denise Minas Kriminalroman "Die große Hitze" (FR), Robert Seethalers "Die Straße" (FAZ), Tupoka Ogettes Memoir "Trotzdem zuhause" (Zeit) und Slobodan Šnajders "Engel des Verschwindens" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Stichwörter: Sansal, Boualem

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2026 - Literatur

Die Deutung der Dlf-Recherche zur Causa Mängelliste um Charlotte Gneuß, Ingo Schulze und Frank Witzel (hier und dort unsere Resümees), dass im Literaturbetrieb weiterhin "Männer Frauen vorschreiben, was sie schreiben dürfen, dass ihre Texte anders bewertet werden und dass männliche Netzwerke weiterhin Karrieren beeinflussen", überzeugt Katharina Schmitz im Freitag nicht. Zum einen "sind längst viele Schlüsselpositionen von Frauen besetzt. Zum anderen, weil man den Eindruck gewinnen kann, dass es ältere männliche Autoren heute mitunter schwerer haben, auf einem umkämpften Markt Aufmerksamkeit zu gewinnen, als junge Autorinnen. ... Interessanter sind vielmehr die Binnendifferenzen innerhalb der 'Generation DDR', die in der Affäre sichtbar werden." So zeigt sich alleine schon in Schulzes "Mängelliste", "wie sensibel die Frage bleibt, wie die DDR erzählt wird - und es dabei bis heute ein erhebliches Verletzungspotenzial gibt".

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Susanne Messmer spricht in der taz mit dem Kinder- und Jugendbuchautor James Reynolds unter anderem über seine Jugend in einem vornehmlich schwarzen Vorort von Washington D.C. Was das Schreiben betrifft, ist er der Ansicht, dass "Sprache den Geist nachahmen sollte. Wir erweisen uns manchmal einen Bärendienst, indem wir eloquent schreiben, denn der Geist ist kein eloquenter Ort." Dort "wimmelt es oft nur so vor Gedanken und Emotionen. Sie schießen dir wie Momentaufnahmen durch den Kopf, es ist nicht kontinuierlich fließend. Die Sprache sollte Momente des Schocks oder der außergewöhnlichen Freude widerspiegeln. Wir sollten nicht nur gewählte Wörter nutzen, sondern bis an die Grenzen der Sprache gehen. Die Syntax aufbrechen. Es spielt sogar eine Rolle, wie du Satzzeichen setzt."

Weitere Artikel: Willi Winkler (SZ) und Tilman Spreckelsen (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Lyrikkritiker Wolfgang Werth. Besprochen werden unter anderem Gustav Seibts "Ein Sommer mit Goethe" (taz), Nava Ebrahimis "Und Federn überall" (Intellectures), Anja Bachls Lyrikband "mitternachtszustand" (FR), Roya Sorayas Comic "Wind in meinem Kopftuch" (Tsp) und Colm Tóibins "Die Schwestern" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2026 - Literatur

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Deutsche Medien hat diese Meldung nicht im geringsten gekratzt: Kamel Daoud ist vom algerischen Regime zu drei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden (unser Resümee), weil er in seinem Roman "Huris" das "Schwarze Jahrzehnt" thematisiert, also jene Zeit, als sich Islamisten und das Regime bekriegten und 200.000 Landleute massakrierten. Die Islamisten sind inzwischen vom Regime amnestiert, aber für das Schreiben eines Romans zum Thema wird man zu Gefängnis verurteilt. Auch in Frankreich stieß die Meldung auf laue Reaktionen, die die Kolumnistin Sophia Aram in Le Parisien kritisiert: "Man könnte meinen, dass die von Algier gegen den Schriftsteller inszenierten Verleumdungskampagnen schließlich Spuren hinterlassen haben, es sei denn, das Anprangern der Verbrechen, die von Islamisten unter Mitwirkung des Regimes begangen wurden, hat die Literaturszene in Verlegenheit gebracht oder, schlimmer noch, gilt ihnen als 'Islamophobie' oder Neokolonialismus."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Weitere Artikel: Für die taz unterhält sich Andreas Fanizadeh mit der in Dresden lebenden, ukrainischen Schriftstellerin Iryna Fingerova über ihren Roman "Zugwind". In Berlin wurde die Buchvorstellung von "Zekamerone. Geschichten aus dem Gefängnis" des belarusischen Oppositionellen Maxim Znak nachgeholt, berichtet Tobias Lehmkuhl in der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Charles Lewinskys "Eine andere Geschichte" (FR), Christoph Zielinskis "Villa Wundergold" (Standard), Safae el Khannoussis Debütroman "Oroppa" (Standard), Judith Schalanskys Poetikvorlesung "Marmor, Quecksilber, Nebel" (NZZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, sowie neue Lyrikbände von Jutta Richter, Heinz Janisch, Nils Mohl und Arne Rautenberg (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2026 - Literatur

Der Perlentaucher probiert neue Formate aus. Die Perlentaucher Benita Berthmann und Lukas Pazzini, die bisher unser Bücherpodcast betreuten, werden künftig auf Instagram neue Bücher vorstellen. Benita Berthmann spricht in ihrem ersten Post über Tete Loepers Erinnerungen an den Genozid in Ruanda, die sie bereits in ihrer Kolumne "Wo wir nicht sind" vorgestellt hat. Folgen Sie uns hier auf Instagram.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Perlentaucher (@perlentaucher.de)



Der Schriftsteller Colson Whitehead ärgert sich in der FAS über Kreativschaffende, die sich für ihre Ideen auf eine KI verlassen, deren Unfähigkeit ironisiert er so: "Ich habe ein digitales Helferlein. Es regelt alles für mich, managt den Workflow und delegiert monotone Aufgaben, erinnert mich sogar daran, wann ich meine Kinder herzen muss. Ich nenne es den Gooch. Der Gooch ist die ganze Nacht aktiv, folgt emsig den Pfaden seines binären Trotts, aktualisiert meine To-do-Liste und notiert Namen. Kennen Sie die Redewendung 'Er konnte seinen Arsch nicht mal mit beiden Händen und einer Taschenlampe finden'? So erging es mir. Ich führte gewissermaßen ein halbes Leben. Ein arschloses Halbleben. Nun meldet der Gooch, wo sich mein Arsch befindet. Und das mit einem Ping. In dieser schönen neuen Welt sucht man seinen Arsch nicht mehr vergebens."

Das Festival "Litglow" in Hildesheim wird von Studenten des dortigen Literaturinstituts organisiert - Jens Ulrich Eckhard erlebte dort etwas leidenschaftsarmen Konformismus, wie er in der Welt klagt: "Ist der 'Hildesheim-Sound' gar kein Stil, sondern ein System? Eines, das Abweichung erlaubt, solange sie anschlussfähig bleibt und somit Literatur als Variation innerhalb eines gut austarierten Rahmens hervorbringt? Nein, auf gar keinen Fall, heißt es tags darauf bei den 'LitTalks' (…) Früher habe es vielleicht einen Hang zur stilistischen Vereinheitlichung gegeben, heute gehe es jedoch viel demokratischer zu. Es gebe die unterschiedlichsten Strömungen. Statt ästhetische Normen zu vermitteln, setze Hildesheim darauf, die individuelle Form auszuprägen. Ein 'glow', der erstaunlich kontrolliert vor sich hinglimmt."

Weitere Artikel: Léonie Wagner (NZZ) lässt sich von Maria Kolesnikowa erklären, welche Bedeutung Literatur in der Haft für sie hatte. Sandra Kegel reist für die FAZ schon mal ins diesjährige Gastland der Buchmesse, Tschechien, und blickt auf das, was uns literarisch diesen Herbst erwartet. Thomas Steinfeld erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an W. G. Sebald und Dietrich Schwanitz, zwei Außenseiter der deutschen Literatur, die eigentlich in erster Linie Universitätsprofessoren waren. Vierzig Jahre Tschernobyl haben Aurelie von Blazekovic in der SZ zu einer Relektüre von Gudrun Pausewangs "Die Wolke" animiert. Mia Eidlhuber interviewt die Schriftstellerin Monika Helfer für den Standard. Gerhard Strejcek forscht für die NZZ nach, wie Kafkas letzter Frühling aussah. 

Besprochen werden unter anderem Olivier Guez' "Die Welt in ihren Händen" (WAMS), Svenja Leibers "Nelka" (taz), Sharon Dodua Otoos "So, in etwa, ist es geschehen" (FAS) und Domenico Müllensiefens "Manchmal muss man sich entscheiden" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt der Literaturwissenschaftler Alexander Košenina über Thomas Braschs "Ansturm der Windstille":

"Im Tiergartenpark auf der Spree die Ruderer
legen sich in die Riemen im Abendlicht vorwärts
eins zwei fällt der Schweiß für nichts und
wieder nichts …"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2026 - Literatur

Anh Trans Dlf-Recherche zur Mängelliste-Causa (unser Resümee), die aufgedeckt hat, dass Frank Witzel seinerzeit Ingo Schulzes Anmerkungen zu Charlotte Gneuß' "Gittersee" an die Jury des Deutschen Buchpreises durchgestochen hat, bringt Alexander Cammann (ZeitOnline) nicht gerade aus der Fassung: "Vermutlich kam hier vieles zusammen, nicht zuletzt Hybris: Der Wessi Witzel hat auf die Ostkompetenz seines Freundes Schulze allzu blind vertraut, während der selbstsichere Ossi Schulze sich seiner Erfahrung und Erinnerung zu gewiss war. Ob hinter diesem Agieren auch die ewige Männerbündelei gegen eine Autorin steckt, wie das Feature meint, erscheint hingegen eher fraglich." Bedrückend findet Cammann allerdings doch, wie es Gneuß bei der damaligen Debatte als Debütautorin ging: Das war "eine Feuertaufe im Literaturbetrieb, die man niemandem wünschen kann".

"Inwiefern es sich bei der Listenerstellung Schulzes um einen 'übergriffigen und paternalistischen Akt' handelt, wie der Dlf in den Raum stellt, darüber darf man streiten", kommentiert Julia Hubernagel in der taz. "Allerdings ebenso darüber, ob die Kosten-Nutzen- beziehungsweise Schadenanalyse bei Debatten dieser Art bei männlichen und weiblichen Autor:innen zu ähnlichen Ergebnissen kommt. Das Beispiel 'Stella' und dessen sehr erfolgreichen Autor Takis Würger lässt vermuten: eher nicht." Doch "was im Beitrag des Dlf etwas zu kurz kommt: Die Entscheidung ist weder gottgegeben noch objektiv, es gewinnt nicht einfach der beste Roman. Über die Auswahl entscheiden sieben Jurymitglieder mit verschiedensten Vorlieben und Agenden."

Wer zum Boykott von Literatur aufruft, schadet in allererster Linie der Kunst und danach sich selbst, aber allenfalls nur unter Umständen dem boykottierten Autor, meint der Schriftsteller Etgar Keret in der SZ. "Das Kunstwerk wird zu einem gewöhnlichen Konsumgut, wie jedes andere im Supermarkt des Lebens. Aus Sicht des Boykottierenden liefert ein Künstler Waren. ... Wäre ich in der puristischen, selbstgerechten Welt der Boykotte aufgewachsen, hätte ich wahrscheinlich nie T. S. Eliot, Louis-Ferdinand Céline oder Ezra Pound lesen können - drei bekennende Antisemiten, durch deren Werke ich weit mehr über mich selbst und die Welt gelernt habe als aus unzähligen anderen, deren Autoren womöglich bessere Menschen waren, die mich aber viel weniger tief berührten. Und hätte ich diese horizonterweiternden Werke aus denselben moralistischen Gründen gemieden, die kulturellen Boykotten zugrunde liegen, wem hätte das dann geschadet? Hätte ich damit die Kunst bestraft? Oder einfach nur mich selbst?"

Außerdem: Im SZ-Gespräch erklärt die Schriftstellerin Virginie Despentes, warum auch sie Grasset verlassen hat (unser Resümee in unserer Debattenrundschaut). Lars von Törne wirft für den Tagesspiegel einen Blick auf die Lage des so renommierten wie zuletzt krisengeschüttelten Comicfestivals in Angoulême, dessen frühere Organisatoren die neuen Organisatoren verklagen. Nikolai Ott berichtet in der FAZ vom Münchner Literaturfest. Beatrice von Matt erinnert in der NZZ an ihren vor einem Jahr gestorbenen Ehemann, den Literaturwissenschaftler Peter von Matt.

Besprochen werden unter anderem Markus Orths' "Die Enthusiasten" (FR), Michal Tallos' Prosaband "Alles in Ordnung, Liebe überall" (Standard), Norbert Gstreins "Im ersten Licht" (Intellectures), Daniel Siemens' Biografie des Fotografen Fred Stein (FAZ) und Elena Ferrantes Essayband "An den Rändern" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.04.2026 - Literatur

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Kamel Daoud ist vom algerischen Regime in Abwesenheit zu drei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. Vorgeworfen wird ihm, mit seinem Roman "Huris" gegen das "Gesetz für den Frieden und die nationale Versöhnung" verstoßen zu haben. Er schreibt in seinem Roman verbotenerweise über das "Schwarze Jahrzehnt". Etienne Gernelle kann es in Le Point nicht fassen: ein Gesetz, das nach dem Bürgerkrieg eingeführt wurde und dessen Artikel 46 diejenigen bestraft, die es wagen, über ihn zu sprechen. Nicht Blutvergießen ist also schwerwiegend, sondern zu sagen, dass Blut vergossen wurde. Kamel Daoud ist der einzige Fall, in dem dieses verrückte Gesetz angewendet wurde. Sein Verbrechen, das ihn offenbar gefährlicher macht als Terroristen, besteht also darin, dass er... das Tabu gebrochen hat. Der Roman beginnt übrigens mit der Wiedergabe dieses Artikels 46 der 'Charta für Frieden und nationale Versöhnung'." Durch das Gesetz wurden Tausende Terroristen amnestiert - und nun ein Schriftsteller verurteilt, "eine unfreiwillige Hommage der Zensoren: Die Feder wird in Algerien offiziell als eine Waffe anerkannt, die mächtiger ist als die Bombe..."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Eine Recherche von Anh Tran für den Dlf kommt nochmal auf die Kontroverse um Ingo Schulzes "Mängelliste" zu Charlotte Gneuß' Debütroman "Gittersee" vor drei Jahren zu sprechen: Demnach soll es der Schriftsteller Frank Witzel gewesen sein, der diese Liste an die Jury des Deutschen Buchpreises durchgestochen hatte - weil er angeblich die mit ihm befreundete Juryvorsitzende Katharina Teutsch "nicht ahnungslos dastehen" lassen wollte, während Schulze der Autorin mit seiner Liste angeblich nur "helfen" wollte. Witzel hatte der Recherche zufolge nach Rücksprache mit Schulze gehandelt, der 2023 noch abgestritten hat, an dieser Weitergabe beteiligt gewesen zu sein. "Ob - und wenn ja wie - Schulzes Liste die Entscheidung der Jury beeinflusst hat, wird sich vermutlich nie eindeutig feststellen lassen. Katharina Teutsch verneint eine Beeinflussung. Doch auf der Shortlist taucht 'Gittersee' nicht mehr auf. ... Unabhängig davon, ob Ingo Schulze Charlotte Gneuß und seinem Verlag helfen wollte oder ob Frank Witzel seine Freundin Katharina Teutsch 'nicht ahnungslos dastehen' lassen wollte: Am Ende handelt es sich hier um die versuchte Einflussnahme auf die Jury eines der wichtigsten Literaturpreise hierzulande."

Weiteres: Das Literaturteam der FR feiert den "Welttag des Buches" mit Lesetipps. Besprochen werden unter anderem Saba Sams' "Wir sind das Leben" (taz), Fleur Jaeggys "Die letzten Tage von Ingeborg" (NZZ), Elena Ferrantes Essayband "An den Rändern" (Zeit), Joann Sfars Comic "Terre de sang" (FAZ) und Esther Schüttpelz' "Grüne Welle" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2026 - Literatur

Harald Eggebrecht macht in der SZ auf die Lage des Karl May Verlags in Bamberg aufmerksam, der aktuell zum Verkauf steht oder ansonsten wohl schließen müsste. Außerdem sind die Nominierten für den Deutschen Sachbuchpreis bekannt gegeben worden. In unserem Online-Buchhandel Eichendorff21 haben wir sie für Sie als Büchertisch zusammengestellt.

Besprochen werden unter anderem Colm Tóibíns "Die Schwestern" (FR), Katrin Zipses "Moosland" (FR), Safia Al Bagdadis "Unser Haus mit Rutsche" (SZ) und neue Sachbücher, darunter Peter Hayes' "Geschäfte im Schatten des Holocaust. Deutsche Großunternehmen im Dritten Reich" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2026 - Literatur

"Hinter der Kulisse aus ökonomischer Teilhabe, sexueller Selbstverfügung und moralischer Eindeutigkeit herrscht eine merkwürdige Leere", beobachtet Sara Rukaj, online (aber hinter einer paywall) nachgereicht in der NZZ am Sonntag, eine Tendenz unter jungen Schriftstellerinnen - sie nennt vor allem Sally Rooney und Caroline Wahl - , die Aufmüpfigkeit zwar markieren, dabei aber "sozialverträglich" bleiben, weil sie bloß eine einstudierte Rolle erfüllen. Entsprechend gefällig sei auch ihre Literatur: "Haltung ohne Konsequenz, Kritik ohne Erkenntnisgewinn, garniert mit einer Larmoyanz, die niemand ernsthaft beeindruckt, aber viele zuverlässig nervt. Kapitalismus ist schlimm, Männer sind schuld, Eltern beschädigt, und das Ich eine Dauerbaustelle mit Anspruch auf Subventionierung. ... Bleibt die Frage, wohin sie alle verschwunden sind - die unbequemen, widersprüchlichen, mitunter auch unsympathischen Frauen, die weder gefallen noch erziehen wollen. Die 'böse Frau', einst eine literarische Figur von beträchtlicher Ausdauer, ist heute weitgehend verschwunden. Dabei war sie gerade deshalb interessant, weil sie irritierte, widersprach - und damit zum eigenständigen Denken zwang." Rukaj nennt hier vor allem die Literatur von Patricia Highsmith, Elfriede Jelinek und Leïla Slimani.

Weiteres: Jan Wiele berichtet in der FAZ vom Hildesheimer Festival Litglow, das der literarische Nachwuchs organisiert hat und "jugendlichen Charme mit erwachsenen Existenzsorgen, aber auch Hoffnungen verbindet". Besprochen werden unter anderem Ali Smiths "Gliff" (FR), Judith Schalanskys Poetikvorlesung "Marmor, Quecksilber, Nebel" (FAZ) und Curtis Sittenfelds Erzählungsband "Mittelalte Frauen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2026 - Literatur

Im Freitag erzählt der Verleger Jörg Sundermeier, dass es auf der Facebook-Seite seines Verlags zu immer mehr antisemitischen Kommentaren insbesondere aus der linken Ecke kommt, sobald die Postings auch nur irgendetwas mit jüdischem Leben oder Antisemtismus zu tun haben. Mittlerweile "wird jeder Text, in dem jüdisches Leben für schützenswert erachtet wird, angegriffen, jeden Tag müssen wir Hasskommentare löschen. Die Takes sind dabei erstaunlich. So wurde etwa unter die Nachricht vom Tod der Holocaustüberlebenden Bela Winkens geschrieben, dass dieser Post 'nur vom Genozid ablenken' solle. Kommt das Wort Antisemitismus in einem Buchtitel vor, so wird den Autor*innen oder Herausgeber*innen umgehend unterstellt, sie seien 'Kindermörder'. ...  Wem zu allen jüdischen Menschen weltweit nichts anderes mehr als 'Kriegsverbrecher' oder 'Kindermörder' einfällt, der übertreibt oder polemisiert nicht etwa, nein, der bestätigt nur das Satre'sche Diktum, demzufolge der Antisemitismus 'keine Denkweise' sei, sondern 'eine Leidenschaft'."

Weiteres: Statt auf Denis Scheck verbal einzuschlagen, "sollte einem eher ein Kritiker leidtun, der so schwingungsfrei auf die Gegenwart und ihre literarischen Entsprechungen reagiert", kommentiert Mara Delius in der Welt. Alexander Kluy führt im Standard in beeindruckendem Umfang und mit vielen Lesetipps durch die Geschichte Buch gewordener Tagebücher von Literaten und anderen Zeitzeugen. In der FAZ porträtiert Wolfgang Schneider den Hörbuch-Sprecher Julian Mehne.

Besprochen werden unter anderem Siri Hustvedts "Ghost Stories" (Standard), Ben Rakidžijas "Briefe aus meinem Garten" (Standard), Benjamin Maacks "Bewerbungen um einen Job als Mensch: Ein Depressionstagebuch" (Standard), Paul Christoph Gäblers "36 Boys - Wie eine Kreuzberger Gang zur Legende wurde" (taz), die von Agnes Mann gelesene Hörbuchfassung von Pascale Hugues' "So voller Leben" (FAZ), Oisín McKennas in Großbritannien gefeierter Debütroman "Hitzetage" (SZ) und Elizabeth Strouts "Erzähl mir alles" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.