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13.04.2026. Franz Schrekers Oper "Das Spielwerk und die Prinzessin" begeistert die Kritiker in Halle. Outlook India trauert um die Sängerin Asha Bhosle, die große Stimme Bollywoods. Die SZ fragt sich, wie es mit der Sammlung Bührle weitergehen soll. Die FAZ wirft einen Blick auf den schon über zwanzig Jahre dauernden Kritiker-Streit zwischen Elke Heidenreich und DenisScheck. Die Rolling Stones haben eine neue Single rausgebracht - aber nur auf Vinyl und unter dem Alias The Cockroaches, melden die Kritiker.
"Das Spielwerk und die Prinzessin". Foto: Anna Kolata.
Was für eine gigantische, wilde Inszenierung, ruft Lotte Thaler in der FAZ, hingerissen von Nele Lindemanns Inszenierung der Schreker-Oper "Das Spielwerk und die Prinzessin" am Opernhaus Halle: "Was diese Oper eigentlich ist, lässt sich auch heute noch kaum beschreiben: eine Mischung aus Märchen, Symbolismus, Mysterienspiel, Eros und Tod, Massenhysterie und Feuersbrunst - eigentlich alles, was das Opernherz begehrt, nur in dramaturgisch höchst verschlüsselter Sprache und Abfolge." Die Regisseurin "gastiert in Halle erstmals mit einer Opernregie und stellt das Stück zusammen mit ihrer Ausstatterin Zana Bosnjak als modernes Märchen auf die Bühne, als videoverspielte, farbige Fantasy zwischen vegetativen Mustern von Moosen und Korallen bis hin zu Silhouetten nächtlicher Hochhauspanoramen."
Besonders die Sängerin Franziska Krötenheerd in der Titelrolle der Prinzessin hat es Judith von Sternburg (FR) angetan: "Ihr Sopran sitzt ausgezeichnet, mit sicherer Höhe, Glasigkeit, Intensität. Die Sängerin ist beim Schlussapplaus glücklich und doch wie ausgewrungen. Es ist zu einem guten Stück ihr Abend, sie gibt ihm ihr Gesicht, ihre Verve, ihre todessüchtige Lebendigkeit. Zusammen mit dem kultivierten Tenor von Chulhyun Kim als Jüngling liefert sie sich ein im großen Stil konkurrenzfähiges Schlussduett. Hier könnte das Ausstellen der Stimmen arge Folgen haben, weil alles Forcieren hörbar würde. Ist aber nicht der Fall. In allen Belangen wird an diesem Abend in Halle auf Stimmkultur statt auf Kraftmeierei gesetzt."
Besprochen werden außerdem das Tanzstück "Tide" der Choreografen Sophie Zühlke und Serhat Perhat am Münchner Volkstheater (taz), Tom Kühnels Inszenierung von Ibsens "Nora" am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik), "Monster - Eine visuelle Albtraumanalyse" von Anta Helena Recke, Maxi Menja Lehmann und Anna Froelicher am Schauspielhaus Zürich (Nachtkritik, NZZ) und Nuran David Calis Inszenierung von Döblins "Berlin Alexanderplatz" am Landestheater Salzburg (Nachtkritik).
Die StimmeBollywoods ist verstummt: AshaBhosle ist gestern im Alter von 92 Jahren gestorben. Bekanntlich singen die Stars in Bollywood in den Musicalszenen ja nicht selbst - und Bhosle war die weibliche Stimme schlechthin. Über12.000Songs soll sie in ihrer viele Jahrzehnte umfassenden Karriere aufgenommen haben. "Ihre Abwesenheit ist schwer zu beschreiben, denn diese Ikone gehörte nie nur einer einzigen Ära an", schreibt Sakshi Salil Chavan auf Outlook India. "Ihre Stimme konnte auf je leichte Weise flirten, ächzen, provozierenundtrösten. Generationen haben sie als ihre eigene beansprucht: von den Liebhabern des Schwarzweißkinos bis zu den Zuhörern im Streaming-Zeitalter. Es gibt nur sehr wenige Künstler, deren Arbeit sich weiterhin so zeitgenössisch und präsent anfühlt und Bhosle gehörte in diese seltene Kategorie."
Aishani Biswas führt auf Outlook India anhand ausgewählter Beispiele durch Bhosles Karriere. Mit diesem Stück von 1971 etwa wurde sie "zur Stimme der Rebellion":
Bestellen Sie bei eichendorff21!Am besten liest man die im Band "Berufung: Kritiker" versammelten Texte des 2021 verstorbenen Filmkritikers Hans Schifferle wohl wirklich auf einem Roadtrip durch die USA, schreibt Lukas Foerster auf critic.de - und hat kurzerhand genau das getan. Während er Phoenix, Arizona, Las Vegas, Malls und andere genuin amerikanische Orte besucht, offenbart sich ihm Schifferle, der letzte Rock'n'Roller der Filmkritik, der für die SZ genauso schrieb wie für Underground-Zeitschriften, als ein Vertreter der rettendenKritik: "Das Kino, das ist bei Schifferle und seiner Generation der vor allem Münchener (aber wie ich von Mannes' dichtem, geschickt insbesondere die filmkritikhistorischen Kontexte des Schaffens Schifferles erschließendem Vorwort gelernt habe, teils auch Kölner) Filmkritik stets stark von Hollywood her gedacht. Hollywood nicht als kulturindustrielle Hegemonialmacht freilich, die 'unser Unterbewusstsein kolonialisiert' (Wim Wenders), sondern als, wie es in einem Text über Bill Condons James-Whale-Biopic 'Gods and Monsters heißt, 'eine surrealistische american beauty, die zwischen Kino und Wirklichkeit liegt, zwischen Erinnerung und Begehren'. In eben diesem Sinne sind die USA immer nochmehr Kino als jedes andere Land der Welt."
Weiteres: Martin Dahms porträtiert in der FR den spanischen Regisseur SantiagoSegura, der in seiner Heimat mit seinen Komödien über den tollpatschigen Ermittler Torrente die Massen ins Kino lockt, im Ausland aber weitgehend unbekannt ist. Besprochen werden OlivierAssayas' "Der Magier im Kreml" (Tsp, unsere Kritik), Jonah Hills auf Apple gezeigter Film "Outcome" (SZ) sowie ARD- und Arte-Dokus zum 40. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe (FAZ).
Ausstellungsansicht der Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich. Foto: Franca Candrian/Kunsthaus Zürich
Im Kunsthaus Zürich ist die Sammlung Bührle wieder zu sehen - aber erst einmal mit deutlich sichtbaren Lücken, und wie es weitergeht, ist auch immer noch nicht klar, so Nicolas Freund in der SZ: "Es wirkt ein wenig, als würde man das Lager der Sammlung und nicht einen Ausstellungsraum betreten. Gerade diese Art der Präsentation macht aber großen Spaß. Zum einen, weil die Bilder wieder öffentlich zu sehen sind, und zum anderen, weil sie eher ungewöhnlich ist und die Werke in der direkten Nachbarschaft zueinander, in einem ungewohnten Kontext, teils ganz anders wirken als allein auf einer weißen Wand. (…) Die neue Schau macht auch diese Belastung der Kunstwerke durch die Sammlung wieder überdeutlich. Sie aufzulösen und in dem Museum aufgehen zu lassen, ist wegen der Vereinbarungen zwischen dem Kunsthaus und der Sammlungsstiftung aber nicht einfach so möglich. Eine Lösung, die Kunst von der Belastung durch die Sammlung zu befreien, könnte ein solcher Schritt dennoch sein."
Weiteres: Alexandra Wach empfiehlt für Monopol alles Sehenswerte auf der Art Düsseldorf, Silke Hohmann porträtiert im selben Medium den Leiter der Messe, Gilles Neiens. Der Künstler Thomas Zipp ist im Alter von 60 Jahren gestorben, Gesine Borcherdt schreibt den Nachruf in der Welt (mehr bereits hier). Besprochen wird die Ausstellung "Antifascism: Now" in der Lothringer 13 Halle in München (FAZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Paul Ingendaay staunt in der FAZ über den neuen spanischen, nach einem Flughafenbetreiber benannten und mit öffentlichen Mitteln bestrittenen Aena-Literaturpreis, der - als Gegengewicht zum rein kommerziell orientierten Planeta-Preis - sage und schreibe auf eine Million Euro dotiert ist. Verliehen wurde er nun an die in Berlin lebende ArgentinierinSamanta Schweblin für ihren Erzählband "Das gute Übel" - für Ingendaay zweifellos "eine würdige Preisträgerin". Trotzdem diskutiert Spanien: "Wirklich eine ganze Million Euro für 190 Seiten? ... Den größten Zweifel säte der Preisstifter Aena, an dem der spanische Staat zu 51 Prozent beteiligt ist. Darf Staatsknete in dieser Größenordnung die Künste alimentieren? Die großen Literaturpreise tun es bescheidener: Der Cervantes-Preis ist mit 125.000 Euro dotiert, der britische Booker-Preis mit umgerechnet 57.000, der französische Goncourt sogar nur mit zehn Euro. ... Wichtig bei dem neuen Literaturpreis ist das Kleingedruckte. Nicht eine, sondern sogar zwei Millionen fließen für die Literatur. Die zweite Tranche geht in den Kauf der Bücher aller fünf Finalisten."
Die Fehde zwischen ElkeHeidenreich und DenisScheck reicht wohl bis in die frühen Nullerjahre zurück, schreibt Sandra Kegel in der FAZ, und ist "ein kultursoziologisches Lehrstück über zwei konfligierende Konzepte von Fernsehöffentlichkeit und Literaturvermittlung". Ein paar ausgesuchte Deftigkeiten des anhaltenden Schlagabtauschs zwischen den beiden hat Kegel auch rausgesucht: "Die beiden haben im innigen Streit aber auch bewiesen, dass sie Witz haben. Er verriss im Jahr 2003 einen Roman, den sie gelobt hatte: 'Sie konterte per Interview, Scheck sei ein 'hysterischesRolltreppendickerchen' und 'Tchibo-Literatur-Vertreter'. Er bestritt dann zwar, mit 'alte Schachtel' Heidenreich gemeint zu haben... Später sagte er, weil Heidenreich niemandem mehr beweisen müsse, wie klug sie sei, habe sie in ihrem neuen Buch gleich ganz darauf verzichtet."
Außerdem: Sabine Scholl spricht für den Standard mit DanaGrigorcea über deren neuen Roman "Tanzende Frau, blauer Hahn". Besprochen werden unter anderem KarlOveKnausgårds Essay- und Reportage-Band "Im Augenblick" (taz), StefanoBottonisOrbán-Biografie (Standard), RichardPrice' "Lazarus Man" (Standard), MatthiasNawrats "Das glückliche Schicksal" (NZZ), John Grishams "Das Vermächtnis" (FR), SlobodanŠnajders "Engel des Verschwindens" (Standard), KlemensRenoldners "Die Wolken von beiden Seiten gesehen" (Standard) und DanaGrigorceas "Tanzende Frau, blauer Hahn" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Konzerthaus am Kieler Schloss. Foto: Marcus Bredt.
Ulf Meyer freut sich in der FAZ über die gelungene Sanierung des Konzerthauses am Kieler Schloss. Gerkan, Marg und Partner haben mit dem Architekten Björn Bergfeld zusammengearbeitet: "Da Theater-Architektur hinsichtlich ihrer wesentlichen Nutzung Nacht-Architektur ist, war für die Architekten die Illumination der Räume in Dämmerung und Dunkelheit besonders wichtig: Wie eine Schatzkiste glänzt die äußere Saalwand nun dank einer flächigen LED-Hinterbeleuchtung. Das gleißend weiße Licht fällt flächig durch Mineralwerkstoff-Paneele hindurch, die so dünn geschnitten wurden, dass sie einen strahlenden Kontrast zu den Einbauten aus Schwarzstahl bilden. Der Saalcorpus wird also nicht angestrahlt, sondern glüht gleichsam."
Außerdem: Hannes Stein besucht für die Welt den Anbau am New Yorker New Museum von Rem Koolhaas und Shohei Shigematsu (unsere Resümees).
Viel Aufregung um eine Platte einer Band namens TheCockroaches, die in relativ anonymer Aufmachung in den Plattenläden landete und ratzfatz ausverkauft war - kein Wunder, handelt es sich dabei doch um neue Musik von den RollingStones, die obendrein vorerst nur auf Vinyl erhältlich ist, ein neues Album im Juli teast und vorab in London von einer ebenfalls eher mysteriösen Werbekampagne annonciert wurde. Dass die Stones die Streamer ignorieren, freut Gerrit Bartels im Tagesspiegel: "So gehört sich das für die größte Rock'n'Roll-Band der Welt". Schon in den Siebzigern hatte die Band den Alias für Kellerkonzerte genutzt, weiß in der SZ Jakob Biazza, der auch die vielen Anspielungen und Hinweise zu deuten weiß, die auf der Website thecockroaches.com preisgeben, wer sich hinter der Band versteckt. Geboten wird auf der Single ein "sehr toller Rumpel-Blues. Eines dieser so famos abgehangenen und dann sandgestrahlten Richards-Intro-Riffs. Feinstes Jagger-Mundharmonika-Kikeriki. Ron Wood lässt ein paar grelle Slide-Guitar-Einwürfe strahlen. Dazu ein womöglich etwas kraftmeiernder Shuffle-Beat und insgesamt trotzdem vielLässigkeit."
Weiteres: Für ZeitOnline spricht Christoph Amend mit HerbertGrönemeyer, der gestern 70 Jahre alt wurde, wozu Wieland Schwanebeck (54books) gratuliert. Jonathan Fischer (NZZ) und Edo Reents (FAZ) gratulieren AlGreen zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden ein Clubkonzert der PetShopBoys in London (taz), ein Konzert von FranzFerdinand in Frankfurt (FR), WalterGröbchens und ThomasMießgangs Buch "Die guten Kräfte" über "die Geschichte der österreichischenPopmusik in 100 Songs" (Standard), eine vom InnsbruckerFestwochenorchester unter AlessandroDeMarchi eingespielte Aufnahme von Vivaldis Oper "L'Olimpiade" (FAZ), ein neues Album des LeonkoroQuartetts mit Aufnahmen von Berg, Webern und Schulhoff (FAZ), OmerKleins jazziges Klavieralbum "The Poetics" (FAZ) und JoshuaIdehens neues Album "I Know You're Hurting, Everyone Is Hurting, Everyone Is Trying, You Have Got To Try" (taz).
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