Die kürzlich in der französischen Nationalbibliothek aufgetauchten, bislang unbekannten Mozart-Stücke sind François-PierreGoy - nach eigener Aussage eigentlich Mozart-Laie - fast schon in den Schoß gefallen, verrät der französische Archivar im Tagesspiegel-Gespräch: Nur weil er kurz zuvor bereits andere Mozart-Handschriften auf dem Tisch hatte, fielen ihm die eindeutigen Parallelen etwa in den "Systemklammern" auf, denn "Notenschriften sind, genau wie Handschriften, völlig einzigartig". Aber wie kann das eigentlich sein, dass solche Entdeckungen in den Katakomben der Archive auch heute noch gemacht werden? "Wir haben so viele Handschriften, dass das Leben eines Bibliothekars nicht ausreichen würde, um alles zu untersuchen. Wegen der komplizierten Zusammenführung von Beständen verschiedener Institutionen - viele mit eigenen Inventarsystemen - wurde über die Jahrzehnte einiges nur provisorisch erfasst, hastig auf Zettel notiert. Wir katalogisieren diese Bestände fortwährend. ... Vor allem ergänzen wir aber auch fortwährend die spärlichenOriginaleinträge, korrigieren ungenaue oder falsche Datierungen, beschreiben die Inhalte ausführlicher."
Weiteres: Anastasia Tikhomirova berichtet in einer Reportage für Zeit Online vom Open-Air-Festival Fusion, das im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern am letzten Wochenende auch trotz brutalster Hitzetemperaturen stattgefunden hat, während andere Festivals abgesagt wurden. Christoph Irrgeher porträtiert im Standard den österreichischen Jazzsaxofonisten WolfgangPuschnig. Joachim Hentschel plaudert in der SZ mit Sting. Stefan Ender (Standard), Matthias Greuling (NZZ) und Manuel Brug (Welt) erinnern an PeterAlexander, der heute vor hundert Jahren geboren wurde.
Mahtab Qolizadeh und Lisa Schneider geben in der taz einen Einblick, wie sich Sängerinnen im Iran via Social Media gegen das über sie allein wegen ihres Geschlechts verhängte Betätigungsverbot widersetzen - und wie sie dafür vom Teheraner Regime drangsaliert werden. ParastooAhmadi etwa "trat vor etwa anderthalb Jahren (...) ohne Publikum unter dem Titel 'Imaginary Concert' in einer alten Karawanserei auf. Sie trug ein ärmelloses Kleid, kein Kopftuch. Das bei YouTube hochgeladene Video ihrer Performance wurden bislang etwa drei Millionen Mal geklickt. Sehr schnell wurden sie und alle beteiligten Musiker - Ehsan Birghadar, Soheil Faqih Nasiri, Amin Taheri und Amirali Pirnia - vorgeladen. ... Nach einem Bericht von BBC-Persian wurde Ahmadi zu Peitschenhieben, einem achtjährigen Ausreiseverbot sowie Berufsverbot verurteilt."
Weitere Artikel: Thomas Maier porträtiert für die FAZ die in Buenos Aires tätige Musikwissenschaftlerin Silvia Glocer, die die Lebenslinien von einst vor den Nazis nach Argentinien geflohenen, jüdischen Musikern erforscht (mehr dazu hier im Argentinischen Tageblatt). Eva Goldbach freut sich in der FAZ darüber, dass die französischen Chansons von Zaho de Sagazan und Oklou auch international und sogar in Deutschland Erfolg haben. Stefan Ender spricht im Standard mit Michael Sedlaczek über PeterAlexander, der dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre.
Besprochen werden eine dadaistische Performance von Blixa Bargeld in Solingen (FAZ), ein Konzert der TotenHosen in Frankfurt (FR), ein Konzert von BrunoMars in München (SZ), eine von ValentinEgel dirigierte und vom MünchnerRundfunkorchester eingespiele Aufnahme von Kompositionen von AntonReicha (FAZ), GrahamCoxons erst 15 Jahre nach Entstehen veröffentlichtes Album "Castle Park" (FAZ) und das nach 15 Jahren Pause lange ersehnte Comeback-Album "Born to Kill" der Country-Punk-Urgesteine Social Distortion ("Es ist wieder ein Erlebnis, Ness an seiner Gibson Les Paul zu hören", jubelt Edo Reents in der FAZ).
Jazz bekamt schon immer wenig von dem großen Kuchen ab, der die Musikindustrie ist und jetzt kommt auch noch KI dazu und spült 100.000 generierte Songs am Tag in die generisch-klingenden Playlists, schreibt in der taz Detlef Diederichsen. Er zitiert den Jazz-Gitarristen Pat Metheny, der sich angesichts dieser Entwicklung hoffnungslos aber auch gespannt zeigt: "Der 71-jährige Gitarrist und 20-fache 'Grammy'-Gewinner Pat Metheny sorgt sich weniger um AI-Musik: 'Für den Die-Miete-bezahlen-Teil der Musik ist das natürlich eine Bedrohung', sagte er dem Prog-Magazin. 'Die Leute, die Muzak produzieren - man, die sind am Ende! Aber ich wurde Musiker, um Musik besser zu verstehen, und es gibt keine Abkürzung zum besseren Verständnis von Harmonien, Kontrapunkt und Improvisation.' Und so ist seine grundsätzliche Einstellung gegenüber der Verwendung von AI in Musik positiv: 'Ich bin neugierig und aufgeregt. Ich sehe AI als Teil dieser wunderbaren Ansammlung von Werkzeugen, die wir Musiker im 21. Jahrhundert zur Verfügung haben.'"
Der Komponist und begeisterte Kommunist Hans Werner Henze wäre dieser Tage hundert Jahre alt geworden. Er gilt als einer der ersten engagierten Künstler der frühen Bundesrepublik, machte Wahlkampf für Willy Brandt und ließ musikalische Konventionen hinter sich, erinnert Christiane Albiez in der NZZ. "Das Festhalten an reaktionären Werten und Autoritäten nach dem moralischen Totalversagen Nazideutschlands empörte ihn zutiefst. Die Diskriminierung als Homosexueller lehrte ihn, dass das Private politisch ist. (...) Er sah seine Aufgabe darin, 'mithilfe der Musik und in der Musik eine intellektuelle und moralische Veränderung herbeizuführen, Vermenschlichung, Freiheit, schöpferisch humanistische Freiheit'. Musik sei ein 'Ausdrucks- und Kommunikationsmittel', ihr Gegenstand immer ein human concern. Deshalb suchte er nach einer Musiksprache, die möglichst viele Menschen hören und verstehen sollten. Dazu brauchte er Erfolg auf den großen, am besten internationalen Bühnen", der dann schließlich hatte. In der tazerinnert Tim Caspar Boehme an Henze.
Weiteres: Die Welt trifft den Pianisten Martin Stadtfeld in Leipzig. Die SZ den Komponisten Bryce Dessner in Berlin. Elmar Krekeler erinnert in der Welt an den Komponisten Bohuslav Martinu. In der FAZ trauert Edo Reents um den Musiker David Clayton-Thomas, der im Alter von 84 Jahren gestorben ist. Mehrere Autoren fragen sich in der taz, was die Musik-Industrie bisher von der "Queen of Pop" Madonna gelernt hat, deren neues Album am 2.07 erscheint. Besprochen wird das Album "Hotlife" von Tiga (FR).
In der tazstellt Leonhard F. Seidl den Punkliedermacher Ziller vor, der in Allgäuer Mundart singt. Muss man nicht verstehen, meint Seidl, ist auch so wunderschön: "Kein Bergpanorama, kein Heimweh im Kitschgewand. Der Sound klingt handgemacht und glaubwürdig: Bass, Schlagzeug, Gitarre als Basis, dazu Bläser, Orgel, ein Akkordeon. 'Oh Büe' ist, als würde Jack Kerouac mit Gitarre in der Hand unterwegs sein, nicht auf dem Highway, sondern einen Bergpfad hinunter, mit einem Akkordeon im Gepäck und keinem Plan außer dem nächsten Vers. Selbst Zillers Spezl Murphy, der Mundartpoesie eigentlich scheiße findet, ist davon vollends überzeugt. Der Titeltrack könnte ein Sommerhit werden: leicht, schwebend, gute Laune tätowiert, wie sein Schöpfer. 'Weisch was, i hob scho viel zlang gnüa / I mecht kui Läscht, i mecht bloß a Rüeh' - Weißt du was, ich hab schon viel zu lang genug. Ich möchte keine Last, ich möchte nur meine Ruhe. 'Gschieder isch, i pack ming Zuig und gang furt vo doa' - Besser ist, ich pack mein Zeug und geh."
Na dann: Griabiga Dag
Ousmane Ag Mossa, Gitarrist und Frontman der malischen Band Tamikrest, spricht im Interview mit der FR über das neue Album der Band, über die Bedeutung des Teetrinkens, ihre internationale Karriere und die Situation in seiner Heimatstadt Kidal, die von Tuareg-Rebellen und Dschihadisten überrannt wurde: "Ich war seit 2023 nicht mehr in Kidal. Aber es gibt kein Licht mehr in der Wüste, alles geschieht in völliger Dunkelheit. Es ist so, als hätte man die Wüstenbewohner ihrem eigenen Schicksal überlassen." Dass einige Tuaregsmit den Dschihadisten gemeinsame Sache machen, wundert ihn nicht. Die regierende Militärjunta habe ihnen kaum eine Wahl gelassen, meint er, insbesondere, seitdem sie mit den Wagner-Söldnern zusammenarbeitet: "Das sind ehemalige Häftlinge, oft Mörder, die für ihre Taten im Gefängnis saßen. Dann schickt man sie in die Wüste, wo sie Terror verbreiten. Da bist du froh, wenn du jemanden findest, der dir sagt: 'Auch wenn wir keine gemeinsame Ideologie haben, haben wir einen gemeinsamen Feind'. Aber die Tuareg-Gruppen und Gruppen wie Al-Qaida trennen ideologisch gesehen Welten voneinander. Den Rebellen geht es eigentlich nur darum, in einer gewissen Freiheit und in Würde auf ihrem Gebiet zu leben, das ohnehin schon schwer zu bewohnen ist."
Tamikrests Video zu "Imanin" zeigt das Flüchtlingslager M'Berra, wo derzeit viele Tuareg leben müssen:
Weiteres: Dirk Schneider stellt in der taz den Münchner Musiker Enik und dessen Album "Rainbow Planecrashes" vor. Besprochen werden Olof Dreijers Album "Loud Bloom" (FR), KitschKriegs "KitschKrieg Zwei" (taz) und eine Einspielung von Bachs Goldberg-Variationen mit dem Trio Asya Fateyeva (Saxofon), Eckart Runge (Cello) und Andreas Borregaard (Akkordeon) (die Elmar Krekeler in der Welt wärmstens empfiehlt).
Helmut Mauro (SZ) möchte sich das diesjährige Bachfest in Leipzig nicht durch den Skandal um Dirigent John Eliot Gardiner verderben lassen: Der hatte versucht, einer Mitarbeiterin des Bachfestes eine Papierrolle in den Ausschnitt zu stecken (oder unter ihre Kette, die Aussagen differieren), diese hat inzwischen Strafanzeige wegen sexuellen Übergriffs gestellt. Ein Erfolg war das Festival dennoch: "Mehr als 200 Veranstaltungen waren es in diesem Jahr, darunter auch ein neuer Aspekt Bach'scher Ausstrahlung, nämlich die Erweiterung des Horizontes nach Wien. Martin Haselböck war mit seinem Originalklangensemble 'Wiener Akademie' und sieben Solisten angereist, darunter der wunderbare Countertenor Alois Mühlbacher, um unter anderem eine Bachkantate zu präsentieren, in der die Flüsse Weichsel, Pleiße, Elbe und Donau sprechen. Hintergrund: Die sächsische Kurfürstin stammte aus Wien." In der NZZ schreibt Christian Wildhagen zum Fall um Gardiner.
1954 hatte Leo Fender die Stratocoaster entwickelt, mehr als siebzig Jahre profitierte das Unternehmen davon, dass jeder sie nachbauen oder variieren konnte - nun hat Fender die Form urheberrechtlich schützen lassen, weil das Landgericht Düsseldorf sie kurzerhand zur Kunst erklärt hat, berichtet Jan Küveler in der Welt: "Die Düsseldorfer Kammer fühlte sich vom Korpus offenbar lyrisch inspiriert: Die kantenlose Grundform, heißt es in der Begründung, wecke Assoziationen an einen weiblichen Rumpf aus Hüfte, Taille und Armen, die asymmetrische Linienführung erzeuge den Eindruck einer dynamischen Neigung, 'vergleichbar einer zur Seite geneigten Tänzerin'; das linke, weiter ausgreifende Horn erinnere an einen Arm und verstärke die Streckbewegung." Sind die prägenden Linien bei Nachbauten der E-Gitarre wiedererkennbar, versendet Fender Unterlassungsschreiben, es drohen bis zu 250.000 Euro Ordnungsgeld.
Weitere Artikel: Bei über 80 Prozent der Berufsmusiker in klassischen Orchestern werden heute Hörschäden nachgewiesen, weiß Jens Ulrich Eckhard, der in der Welt bessere Musikermedizin fordert. Harry Nutt hört in der FRWoody Guthries "Dust Bowl Ballads", aber auch Songs von Bob Dylan, Joan Baez oder Janis Joplin, und träumt von einem anderen Amerika. Joachim Hentschel (SZ), Jan Wiele (FAZ) und Ueli Bernays (NZZ) gedenken des im Alter von 94 Jahren verstorbenen amerikanischen Musikproduzenten Clive Davis. Ebenfalls in der FAZ schreibt heute der Musikwissenschaftler Ulrich Konrad zu den Hintergründen der neu entdeckten Sonaten Mozarts (unser Resümee).
Eine Sensation ist das schon: Der Restaurator François-Pierre Goy hat in Frankreichs Nationalbibliothek ein unbekanntesMozart-Manuskript entdeckt - Kompositionsübungen und sieben Stücke für Flöte und Harfe, die gestern nachmittag, eingespielt von der Flötistin Mathilde Calderini und dem Harfenisten Nicolas Tulliez, auf Radio France übertragen wurden. Thomas Wochnik hat für den Tagesspiegel aufgeregt zugehört: "Tulliez' Harfe perlt nur so dahin, erschafft eine Leinwand für die Quasi-Singstimme von Calderinis Flöte, die mal, für mozartsche Verhältnisse, sentimental nachdenklich, mal beschwingt und tänzerisch Geschichten erzählt. Die Musik ist von einer gewissen Schlichtheit, aber stets sonnig und klar. Es klingt nach Mozart. Ob man auch ohne das Original-Manuskript, also voreingenommen hörend so eindeutig darauf käme, mögen andere beurteilen. Denn neben der typisch mozartschen Farbe, die sich durch die Partitur zieht, scheint auch eine von Mozart weniger bekannte Schlichtheit auf, die etwa dem parallel komponierten Doppelkonzert für Flöte, Harfe und Orchester KV 299 fehlt." In der NZZ meint Thomas Ribi allerdings: "Keine großen Werke, die das Mozart-Bild verändern würden."
Auch Stefan Grund (Welt) ist hingerissen, allerdings dank einer lebenden Legende: Martha Argerich gab in der Hamburger Laeiszhalle, begleitet von den Symphonikern Hamburg unter Leitung von Sylvain Cambreling, das Klavierkonzert Nr. 1 von Ludwig van Beethoven. Für Grund klang das, als hätte Argerich den "Lebensfluss selbst angezapft": "Da quellen und perlen die Läufe mit der Brillanz von im Sonnenschein glitzernden Wassertropfen, fließen auch mal etwas langsamer, etwas melancholischer, wo das Flussbett sich weitet, dann sprudeln sie wieder aufgeregt an Hindernissen vorbei und ergießen sich ein ums andere Mal in kleinen Wasserfällen in den nächsten Abschnitt des alles mit sich reißenden Stromes. Dessen Ufer aber bestehen aus nicht weniger als einem ganzen Orchester, das der glänzenden Interpretation der weltberühmten Virtuosin einen Rahmen bietet." In der arte-Mediathek können wir mithören.
Besprochen wird außerdem ein Konzert des Jazzgitarristen Pat Metheny mit seinem Side-Eye-Projekt in der Frankfurter Jahrhunderthalle (FR), ein Konzert von Aldous Harding im Berliner Huxleys (taz) und ein Konzert mit Werken von Bryce Dessner und Anton Bruckner unter dem Dirigat von Ivàn Fischer im Konzerthaus Berlin (Tsp).
Das Wochenende bescherte Frankfurt ein Konzert von Helene Fischer. In der FAZ ist Eckhart Nickel gar nicht mal unbeeindruckt von Mischung aus Glamour und Bodenständigkeit der Sängerin mit sibirischen Wurzeln: "'Da ist ein Feuer am Horizont', heißt es da, 'das keine Grenzen kennt / Sehnsucht, die nie mehr schweigt / Die tief im Herzen brennt.' Feuerrot ist auch ihr erstes Kostüm, das aus unzähligen Lederlamellen besteht und aus ihr mit kniehohen Lackstiefeln eine Art Wildwest-Amazone im Circus Maximus macht. Die zur Show auf den Monitoren eingeblendeten Animationen machen aus ihr eine abstrakte Spielkarte, dank der Farbe assoziiert man sofort die Herz-Dame. ... Weil es so brüllend heiß ist, 'bei euch da ist doch auch bestimmt über vierzig Grad, von wegen Dreißiger', so Helene, wirft sie die Lamellen bald ab. 'Mir läuft die Supp', erklärt sie dazu wiederum in perfektem Hessisch. Um 20.47 Uhr wird das erste Hitzeopfer von Sanitätern abtransportiert." In der FRschreibt Markus Hladek über das Konzert.
Weitere Artikel: Daniel Haas widmet sich in der NZZ kopfschüttelnd dem deutsche Sommerhit 2026 "Gut genug" des Produzententeams Kitschkrieg. Egbert Tholl berichtet in der SZ von der Entdeckung eines unbekannten Stücks - eigentlich eher Unterrichtsmaterial - von Mozart, das dieser 1778 für eine von ihm verehrte Harfenistin komponiert hatte.
Besprochen werden ein Konzert von Bad Bunny in Düsseldorf (Welt), ein Konzert des Jazztrompeters Frederik Köster mit seinem neuen Quartett "Dark Matter" in der Frankfurter Romanfabrik (FR), ein Konzert von Igor Levit mit dem 2. Klavierkonzert von Brahms in der Tonhalle Zürich (NZZ)
Das diesmal wohl wirklich, wirklich letzte Album der Rolling Stones macht für Edo Reents (FAZ) zwar nicht ganz rundum glücklich, insgesamt kann er "Foreign Tongues" aber doch einiges abgewinnen: "Ganz bei sich sind die Stones ..., wenn sie nicht außer sich sind. Gerade die ruhigeren Blues- und Countrynummern überzeugen, ja, berühren in ihrer ungeschminkten Direktheit: 'Back in Your Life', die akustische Chuck-Berry-Reverenz 'Beautiful Delilah' und die verletzliche Ballade 'Some of Us', bei der Keith Richards stimmlich tapfer sein Bestes gibt. Und dann gibt es schließlich doch noch ein Meisterwerk: 'Ringing Hollow' hat, ohne jede Hektik, ohne jeden Druck, die majestätische Gelassenheit der großen countryfizierten und immer ein wenig selbstparodistisch wirkenden Stücke von 'Sticky Fingers' oder 'Exile On Main St.'"
Für die SZ interviewt Torsten Groß Frontmann Mick Jagger, der auch über überraschende politische Verweise in den neuen Songs spricht: "Nun will man allerdings kein predigender Rocksänger sein. Man will den Leuten keine Moralpredigten halten oder versuchen, sie zu bekehren. Aber man möchte die Situation kommentieren. Das durchaus. Manchmal geschieht das humorvoll, manchmal weniger humorvoll. Dann schreibt man vielleicht ein Liebeslied und wirft an unerwarteter Stelle einen politischen Kommentar hinein." Für die Zeit hat Torsten Groß außerdem mit Gitarrist Keith Richards telefoniert.
Weiteres: Karen Krüger gratuliert dem Komponisten, Regisseur und Autor Zülfü Livaneli zum 80. Geburtstag (FAZ), Thomas Lindemann stellt Igor Levits neu gegründetes Plattenlabel "No Silence" vor (FAS), der Mailänder Psychologe Wolfgang H. Ullrich behandelt Musiker, die unter Bühnenangst leiden, Karen Krüger interviewt ihn (FAS), Janan Basoul stellt in der tazSherine Abdel-Wahab vor, eine Art arabische Britney Spears, Valerie Dirk fragt sich im Standard, ob "Du bist gut genug" von Kitschkrieg, Blumengarten und Shirin David wohl zum WM-Hit 2026 wird.
Besprochen wird: Gustavo Dudamels Dirigat von Gabriela Ortiz' "Revolución diamantina" und Beethovens "Eroica" an der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel) und die Neueinspielung von BohuslavMartinus Symphonien durch die Bamberger Symphoniker (Wams).
VAN konnte die Machbarkeitsstudie zur dringend notwendigen Sanierung der BerlinerPhilharmonie einsehen und liefert detaillierte Informationen daraus. Ab2032 soll das Haus - pünktlich zum 150-jährigen Jubiläum der Philharmoniker - schließen und das für wohl achtJahre zu einem Insgesamtpreis von 1,15MilliardenEuro (angesichts zahlreicher Bauplan-Katastrophen in der Hauptstadt in den letzten Jahren sind beide Angaben wohl mit erheblichen Vorbehalten zu genießen). Was macht das Orchester in der Zwischenzeit? "Als 'tragfähigste Vorzugsvariante' für eine Interimsspielstätte für die Philharmoniker während der Bauphase empfiehlt die WHP-Studie die Hangars 1 bis 3 des ehemaligen Flughafens Tempelhof", schreibt Hartmut Welscher. "In Hangar 1 soll demnach ein Großer Saal 'mit sehr guter Akustik' und rund 2.000 Plätzen - 400 weniger als in der Philharmonie - entstehen, in Hangar 3 ein multifunktionaler Kammermusiksaal mit etwa 1.000 Plätzen; Hangar 2 nimmt das gemeinsame Foyer auf."
"Es ist eine Lust, diesen beiden Seelenverwandten zu folgen, wie sie alte Gewissheiten über Bord werfen und junge Schönheit an Bord holen", freut sich Eleonore Büning in ihrem NZZ-Resümee vom Intonations-Festival in Berlin über das Beethoven-Konzert von MarthaArgerich mit "dem ewigen Geigen-Geheimtipp Boris Brovtsyn". Gegeben wurde die Violinsonate op. 30 Nr. 2. "Ein Schock: Die Pianistin geht das Stück so stürmisch intensiv an, als sei sie allein auf der Welt und als sei es ihr Job, eine Solosonate für Klavier zu performen. Das ist diese c-Moll-Sonate irgendwie auch, aber der hochvirtuose Brovtsyn widerspricht. Er grätscht dazwischen, schmiegt sich Argerichs Spiel an. Bald stellt sich heraus: Sie hört ihm so gut zu wie er ihr." Für Büning ist dieses Konzert "ein Ereignis, das der Grundidee dieses besonderen Musikfestivals vollkommen entspricht. Generationen begegnen einander. Erinnerung mischt sich mit Entdeckung. Widerspruch ist kein Unglück, vielmehr eine Chance."
Weiteres: Der sehr transparent mit ki-generierterMusik umgehende Streamingdienst Deezer stellt nun Nutzern anderer Streamingdienste ein Tool zur Verfügung, mit dem diese dort gehörte Musik auf möglicheKI-Ursprünge hin untersuchen können, berichtet Kristoffer Cornils in der taz. Gerald Felber (FAZ) und Christina Rietz (Zeit Online) berichten vom Bach-Festival in Leipzig. Michael Ernst resümiert in der FAZ die Dresdner Musikfestspiele. Helene Slancar meldet im Standard jüngste Popkultur-Aufregungen um Olivia Rodrigos neues Musikvideo "Drop Dead", in dem die Popkünstlerin ein Babydoll-Kleid trägt.
Besprochen werden das neue Album von Ikkimel (taz) und die Neuveröffentlichung des ursprünglich 1969 erschienenen Jazzklassikers "People in Sorrow" des Art Ensemble of Chicago (taz).
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