"Dieser Song ist nicht nur ein gutes, angemessen zornig vorgetragenes Statement gegen dieautoritäre und tödliche Politik des aktuellen US-Präsidenten und seiner Schergen", schreibt Jens Balzer auf Zeit Online über BruceSpringsteens unter den Eindrücken der ICE-Exzesse in den USA entstandenes Stück "Streets of Minneapolis", er ist auch "als Protestsong ... geradezu idealtypisch gelungen". Dies nicht zuletzt darin, wie es Woody Guthrie als Stichwortgeber aufruft. Und es ist "ein zutiefst patriotisches Lied. Es verteidigt ein richtiges gegen ein falsches Verständnis von Patriotismus." Denn die Menschen auf der Gegenseite "sind ebenso falsche Christen, wie sie falsche Patrioten sind. ... 'ICE out / ICE out', lässt Bruce Springsteen am Schluss seines Songs einen Demonstrationschor skandieren. Es klingt wie eine Teufelsaustreibung."
"Offensichtlich sieht Springsteen die Zeit gekommen, um eine breitere Widerstandsbewegung gegen die Politik Donald Trumps zu formieren", schreibt Ueli Bernays in der NZZ. "Subtil" ist die Lyrik zu diesem Zweck zwar nicht gerade, "aber in der gegenwärtigen Situation muss man eben direkt sein", kommentiert Dirk Knipphals in der taz. Nicht nur Springsteen ruft zum Protest auf, auch im eher Trump zugeneigten Country zeigen sich insbesondere unter jüngeren Musikern kritische Stimmen, schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel und hebt hier JesseWelles und ZachBryan hervor.
Weitere Artikel: Christoph Irrgeher fragt sich im Standard, ob das millionenschwere Strauss-Jahr der Stadt Wien nicht eine große "Geldvernichtung" war. Anastasia Zejneli stellt in der taz die polnischenHiphop vor. Einst als feministische Ikone zur Queen of Rap geadelt, ist NickiMinaj jetzt, da sie mit Trump küngelt, höchstens noch die Queen of Cringe, ärgert sich Alice von Lenthe in der taz. Lotte Thaler berichtet in der FAZ vom Streichquartettfestin Heidelberg.
Besprochen werden ein gemeinsames Konzert von MarthaArgerich und den Brüdern Renaud und Gautier Capuçon in Wien (Standard), ein von Santtu-MatiasRouvali dirigiertes Gastspiel des Londoner PhilharmoniaOrchestra in Wien (Standard) und das Debütalbum der Leipziger Indie-Band FrauLehmann (SZ).
Hartmut Welscher beugt sich für VAN über die alle zwei Jahre veröffentliche Planstellenstatistik, die einen Überblick über Stellenabbau und -wachstum an deutschenOrchestern liefert. Dass sich an der Gesamtzahl nur sehr wenig getan hat, sollte einen nicht beruhigen, da diese Statistik "traditionell nur begrenzt die Realität abbildet. Die Träger der Orchester besetzen in der Praxis oft weniger Stellen als offiziell vorgesehen." Bei manchen Orchestern sei die Vakanzquote gar zweistellig, das seien "echteWarnsignale. Für hohe Vakanzen gibt es vielfältige Ursachen wie Fachkräftemangel, regionale Standortnachteile und teils langwierige Einstellungsverfahren. Wo Unterbesetzung jedoch über längere Zeiträume hingenommen werde, entstehe der Eindruck eines 'stillen Personalabbaus, ohne eine politische Debatte, ohne transparenten politischen Beschluss und vor allem auf Kosten der Beschäftigten', so Unisono-Co-Geschäftsführerin Julia Hofmann."
Im Kommentar auf Backstage Classicalfindet es die Komponistin Kathrin Denner zwar grundsätzlich richtig, dass die GEMA auf veränderte Gegebenheiten mit einer Strukturreform ihrer Kulturförderung reagieren will. Sie warnt aber vor einer Verschiebung zuungunsten von Künstlern "mit mittlerer oder niedriger Aufführungsdichte", bei denen laut ihrer Analyse "deutliche Einnahmeverluste zu erwarten sind, teils in erheblichem Umfang. Auch Studierende verlieren in vielen Fällen, während Berufsanfänger:innen nur dann Zugewinne erzielen, wenn sie außergewöhnlich hohe Leistungsparameter erreichen. ... Kulturförderung droht so, stärker marktförmig zu wirken, statt ausgleichend und stabilisierend zu funktionieren."
Weitere Artikel: Julian Zwingel ärgert sich in der taz, dass die Berliner Universität der Künste im Zuge von Sparplänen der Berliner Politik die SoundStudies als eigenständigen Studiengang künftig einsparen wird - dabei wurden genau in diesem Studiengang in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche Künstler ausgebildet, die es "in die ganz großen Kulturhäuser schafften und wichtige Stipendien und Auszeichnungen erhielten". Weitere Hintergründe dazu liefert Eva Murašov im Tagesspiegel. Mit seinem Saisonmotto "American Dream" will SebastianNordmann gerade auch angesichts aktueller Ereignisse Künstler und Orchester aus den USA unterstützen, erklärt der neue Lucerne-Festival-Leiter im Backstage-Classical-Interview. Eine "schallende Ohrfeige" siehttazler Dirk Knipphals darin, dass PhilipGlass die Premiere seiner Lincoln-Sinfonie im Kennedy-Center aus Protest gegen Trump abgesagt hat. Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Jazzmusiker RichieBeirach. Hanspeter Künzler schreibt in der NZZ zum Tod des Schweizer Musikers HardyHepp. Der Country-Star ZachBryan gehört zu den wenigen Ausnahmen der ansonsten zum beträchtlichen Teil MAGA-besoffenen US-Countryszene, die aktuell den Mund aufkriegen gegen den momentan grassierenden ICE-Irrsinn, schreibt Ueli Bernays in der NZZ, und auch "der 29-jährige Sänger BryanAndrews hat Trumps Politik jüngst aus christlicher Warte kritisiert".
Die Popkritiker trauern um den jamaikanischen Reggae-Schlagzeuger SlyDunbar. Gemeinsam mit dem Bassisten RobbieShakespeare hatte er insbesondere in den Achtzigern zahlreichen internationalen Pop-Acts - darunter die Dire Straits, Joe Cocker, Mick Jagger, Bob Dylan, Serge Gainsbourg und viele weitere - ein Reggae- und Dub-Gepräge mit auf den Weg gegeben. Mit ihrer "Lässigkeit und Eleganz" konnten "Sly & Robbie jeden noch so banalen Popsong mit einem untergründigenRhythmus zu einer Hymne aufladen", schreibt Andrian Kreye in der SZ. "Dunbar zerlegte jeden Groove in unzählige Arabesken. Die Snare setzte er oft unerwartet zwischen Wirbel und Fills, die sich um die Basslinien seines Weggefährten legten. ... Beide beherrschten es in Perfektion, ihre Schläge und Töne um Sekundenbruchteile zu verschleppen oder auch einfach mal eine Pause stehen zu lassen. Das hat auf der Tanzfläche den Effekt, dass der Leib in einen untergründigen Alarmzustand versetzt wird. Wo isser denn, derBeat?"
Auch in den Siebzigern war Dunbar bereits umtriebig. Er "perfektionierte das sogenannte 'Double Drumming', er behielt das Phillysoul-Tempo, aber spielte es mit doppelten Rimshots (Schlägen auf den Blechrahmen der Snare)", schreibt Julian Weber in der taz. "Der Song 'Right Time' von den MightyDiamonds (1972) highlightet seinen Stil. Dunbar ist der pfeilgerade Antreiber, dessen funkyDoubledrumming die Knie stante pede erweicht." Und "wer jemals die Hüften zu 'Padlock' von Gwen Guthrie geschwungen hat, weiß, dass Disco erst durch Dub alle Facetten seiner flamboyanten Persönlichkeit kennenlernen konnte. Auch hier sind Sly und Robbie federführend am Werk." Weitere Nachrufe schreiben Harry Nutt (FR) und Edo Reents (FAZ).
Weitere Artikel: "Man darf nicht mitmachen, muss den Anfängen wehren", schreibt Axel Brüggemann auf Backstage Classical und freut sich über die Konsequenz, mit der PhilippGlass aus Protest gegen Trump die Uraufführung seiner neuen Sinfonie im Kennedy Center abgesagt hat. Jakob Biazza hat für die SZDJHell getroffen, der nicht nur gerade ein neues Album veröffentlicht, sondern aktuell auch an der Musik für ein demnächst in München aufgeführtes, ziemlich abenteuerlich klingendesTheaterstück über Klaus Lemke arbeitet. Christian Wildhagen blickt in der NZZ aufs erste Programm, das der neue Intendant SebastianNordmann für das LucerneFestival zusammengestellt hat: "Zentrale Sparten und Grundstrukturen des Festivals bleiben erhalten", wiewohl sich im Detail "veränderte Akzente" zeigen. NeilYoung hat aus Protest gegen die Küngelei zwischen DonaldTrump und JeffBezos seinen Musikkatalog von Amazon Music abgezogen und außerdem seine Neil Young Archives allen Menschen in Grönland kostenfrei zur Verfügung gestellt, melden Gerrit Bartels (Tsp) und Margarete Affenzeller (Standard).
Besprochen werden eine Netflix-Dokuserie über die Boyband TakeThat (Welt) sowie neue Alben von A$AP Rocky (taz), Robbie Williams (NZZ) und der SleafordMods (Standard).
Leon Frei porträtiert in der SZ die US-Popsängerin EzraFurman, die gläubig jüdisch und trans ist und mit Sorge auf die aktuelle Entwicklung in den USA blickt, von wo aus seit Wochen Horrormeldungen von gewalttätigen ICE-Angestellten das öffentliche Leben bestimmen. "'Bundesagenten mit Masken kommen in die Nachbarschaft und entführen Menschen. ... Man kann das Leuten kaum erklären, dass es so schlimm ist, wie es klingt. Es ist ein verdammter dystopischer Film. ... Und hier bin ich …', der Satz bleibt kurz stehen, er zieht sich bleischwer, 'in Deutschland, wo meine Großmutter gelebt hat. Und vor den Nazis geflohen ist. Unser ganzes Leben haben wir uns gefragt: Was hätten wir damals getan? Das ist unmöglich zu beantworten, bis man in einer Gesellschaft lebt - ich hasse es, das zu sagen, und ich sage es nicht leichtfertig -, in der etwas Vergleichbares passiert."
Weiteres: US-Rapper KanyeWest hat sich mit einer ganzseitigen Anzeige im Wall Street Journal für seine antisemitischenTiraden und andere politische Fehltritte entschuldigt und sein früheres Verhalten mit einer Gehirnverletzung begründet, die er sich bei einem Autounfall zugezogen haben soll, berichtet Inga Barthels im Tagesspiegel. Besprochen wird ein Konzert der WienerPhilharmoniker unter KarinaCanellakis (Standard),
Thilo Komma-Pöllath porträtiert in der FAS den Bariton und Musikprofessor HolgerFalk, der mit seiner Kunst und seinen Forschungsarbeiten "die klassischen Klavierlieder 'lebendig, berührend und relevant' ins 21. Jahrhundert führen" möchte. "Tatsächlich ist es auffällig, wie vergangenheitsbesessen die Welt der klassischen Musik oft tickt im Vergleich zu den anderen Künsten. ... Falks Forschungsprojekt will alte Gewohnheiten infrage stellen und die Interpreten erreichen. Vor allem geht es ihm um die akademische Ausbildung. Es dürfe nicht mehr nur um eine möglichst perfekte Darbietung eines Werkes gehen, sondern der Interpret müsse sich mit seinen eigenen Sehnsüchten, Fragen, Zweifeln, Brüchen, Lebensläufen in das Werk einschreiben. Falk nennt diese interpretatorische Technik 'personalisieren', und ebendieses Personalisieren führe dazu, dass der Sänger oder die Sängerin nicht mehr nur 'nachschaffend' agierten, sondern selbst zum 'Medium' für die Themen, Konflikte, Emotionen der jeweiligen Lieder würden."
Außerdem: Für die SZ tummelt sich Juliane Liebert fünf Nächte lang in der Berliner Clubszene, die sich noch nicht entschieden hat, ob sie dem Clubsterben nun endgültig nachgeben oder wegen zweier Neugründungen im Westen der Stadt Aufbruchstimmung verbreiten soll. Dorothea Walchshäusl porträtiert in der NZZ das Schweizer Klassik-Trio Concept. Besprochen werden ein von LahavShani dirigiertes Konzert der BerlinerPhilharmoniker (Tsp), ein Wiener Konzert der OsloPhilharmonic unter KlausMäkelä (Standard), ein von KentNagano dirigiertes Konzert des HR-Sinfonieorchesters in Frankfurt (FR) und DJHells Album "Neoclash" (FAS).
Helmut Mauró ist in der SZ sehr zufrieden mit dem Siemens-Musikpreis für JordiSavall (mehr dazu bereits hier), der "musikalische Spielpraxis, dirigentische Übersicht und Forscherdrang" vereine. "Er hat Hunderte vergessene Werke vornehmlich aus dem spanischen Kulturraum wieder zugänglich gemacht, hat immer weiter geforscht bis in die arabischen und afrikanischen Gebiete. Aber er stellt die kostbaren Funde nicht einfach nur zu Konzertprogrammen zusammen und führt sie mit dem von ihm gegründeten Ensemble HespèrionXXI auf, sondern er will viel mehr darüber wissen und weitererzählen, wie welche Musik entsteht und warum. Wechselseitige Einflüsse interessieren ihn. Wer kommt bei Bachs berühmter Chaconne sonst schon auf die Idee, dass die Form der Chaconne von südamerikanischenUreinwohnern stammt?" Auch Axel Brüggemann von Backstage Classicalfindet diese Würdigung "großartig".
Auf VAN berichtet Maryna Hordiienko vom Eröffnungskonzert des Festivals "Liatoshynsky Space" in Kyjiw. Dass die Darbietung teils schief und unkonzentriert war, sieht sie den Musikern nach: Gespielt wurde in einem unbeheiztenSaal, zwischendurch gab es Luftalarm. "Es hätte ein Konzert voller Wärme und Licht sein können. Aber das war es nicht - wegenRussland." Doch "dann scheint das Orchester von einem Geist des Widerstands und dem Willen, ein normales Leben zu führen, erfasst zu werden, und Liatoshynskys Sinfonie ist ein unheimlich treffender musikalischer Ausdruck dieser Gefühle. Ich kann mich, auch wenn ich an viele Konzerte in vielen Jahren denke, nicht erinnern, dass das Nationale Sinfonieorchester je so inspiriert gespielt hätte. Zugegeben, der lyrische Satz klingt unkonzentriert und chaotisch, aber die dramatischen Passagen sind voller echter Gefühle und Energie."
"Mir hat Musik noch nie so wehgetan", klagt Christina Rietz auf Zeit Online, nachdem sie aus einem elektrisch verzerrten Klassik-Experiment aus dem Berghain wankt: Erst gab es bellende Kontrabässe, dann "Bratschen auf Steroiden", die die "Maschinenwerdung der Töne" zelebrieren. Dann nochmal die volle Kontrabass-Attacke: "Es ist ein Klang aus Schwermetall, es knurrt und knarzt, röhrt und dröhnt in Dolby Surround." Immerhin gibt es manchmal auch unverzerrte Klänge. "Diese Töne sind warm. Sie vibrieren. Sie haben eine Seele. Das ist schön. Intermittierende Erlösung: Erst wirst du geknechtet, dann gestreichelt. Man könnte an diesem Ort gut eine Sekte gründen; die Lage ist massenhypnotischgünstig."
Weitere Artikel: VAN-Kritiker Albrecht Selge begegnete beim Berliner Ultraschall-Festival "endlosen Weiten und beklemmenden Engen, manchmal im Wechsel, manchmal im selben Stück" (hier einige Mitschnitte). Leonie Charlotte Wagner spricht in der NZZ mit VeronicaFusaro, die für die Schweiz zum EurovisionSongContest antritt. Für die tazporträtiert Maxi Broecking den US-Jazzbassisten ThomasMorgan, der mit "Around You Is A Forest" gerade ein neues Album veröffentlicht hat.
Besprochen werden Michaela MeliánsAlbum "Music for a While" (taz), ein Konzert von MarthaArgerich in Luzern (BC), eine Doppel-CD mit Liveaufnahmen aus den Achtzigern des Trios Gestalt et Jive, das seinerzeit in der deutschen Freejazzszene für einiges Aufsehen sorgte (FR) und das letzte Konzert der Berliner Kammermusikreihe "SpectrumConcerts", die nicht mehr weiter gefördert wird (Tsp).
Jan Brachmann freut sich in der FAZ, dass der Siemens-Musikpreis in diesem Jahr an JodiSavall und damit "an einen der bedeutendsten Musiker, Forscher und Wissensvernetzer des vergangenen halben Jahrhunderts" geht. "Musik erschöpfte sich für ihn seit je nicht in Partituren, Traktaten und historischen Spieltechniken. Wie der Berliner Musiksoziologe Christian Kaden begreift auch Savall Musik als kommunikative Praxis, als soziales, kulturelles Handeln, das in Zusammenhängen von Riten, Repräsentationen, Arbeitsformen und körperbasierten Techniken der Verständigung verankert ist. Musik steht für Savall in engster Beziehung zu unserem kulturellen Gedächtnis." Insbesondere Savalls Verdienste in der Musikpublizistik mit sorgfältig besorgten CD-Buch-Kombinationen und sein Engagement für die Wiederbelebung der Gambe lobt Brachmann.
Außerdem: Julian Weber unternimmt in der taz mit John McEntire und Doug McCombs von der Post-Rock-Band Tortoise einen Deepdive in deren neues Album "Touch" (mehr dazu bereits hier). Ueli Bernays führt in der NZZ durch Leben und Werk des Afrobeats-Musiker BurnaBoy. Holger Noltze erzählt in VAN von seinem Ausflug nach Dießen am Ammersee, wo an CarlOrffs letztem Wohnsitz ein neuer Ausstellungsraum eröffnet wurde. Besprochen werden LucindaWilliams' neues Album "World's Gone Wrong" (Tsp) und ein Frankfurter Konzert von KeralaDust (FR).
Auf dem neuen Tschaikowsky-Album von DaniilTrifonov lassen sich bei beiden "neue, ungeahnte Facetten" ausmachen, freut sich Dorothea Walchshäusl in der NZZ. Der Pianist hat dafür Soloklavier-Stücke ausgewählt, die eher als "Geheimtipps" gelten. "Der Kontrast zum weithin bekannten Meister der großen dramatischen Geste und des hochkochenden Pathos könnte kaum größer sein. Vielmehr zeigt Tschaikowsky hier eine verletzliche, fastkindlicheSeite, nahbar und maximal konzentriert." Aber "auch Trifonov ist als Interpret so persönlich wie selten zu erleben. 'Sein Anschlag vereint Zärtlichkeit mit einem dämonischen Element', sagte einst Martha Argerich über ihren Kollegen. Ein hellhöriges Urteil. Doch die dämonische Seite tritt bei seiner Ausdeutung dieser intimenMiniaturen fast gänzlich in den Hintergrund."
Weitere Artikel: Backstage Classical meldet, dass die MannheimerPhilharmoniker Konzerte mit dem Geiger VadimRepin wegen dessen angeblicher Russlandnähe abgesagt haben. Jakob Biazza findet in der SZ einigen Gefallen an der WebsiteMTV Rewind, in der man über einen Fundus von über 40.000 Musikvideos das Neunzigerjahre-Feeling des Musiksender-Pioniers wieder aufleben lassen kann (mehr dazu auch bei Open Culture). Besprochen werden das neue Album von A$APRocky (FR) und ein Konzert in Frankfurt des Museumsorchesters unter MarekJanowski mit ArabellaSteinbacher (FR).
Helmut Mauró porträtiert in der SZ die Pianistin AlexandraDovgan, die mit ihren 18 Jahren auf den großen Bühnen reüssiert und der er auch im weiteren eine glänzende Karriere prophezeit. "Was Dovgan heute auf dem Konzertflügel musikalisch erzählt, das klingt nicht nur hochvirtuos, sondern wirkt so persönlich und natürlich, als sei Musik ihre eigentliche Sprache, als träume sie nachts in Tönen." Mit elf Jahren spielte "sie dem großen Sokolov persönlich vor, nach dessen letztem Konzert in Sankt Petersburg. Sokolov wird später sagen, Dovgan sei kein Wunderkind. Denn sie spiele nicht wie ein Kind, sondern wie eine erwachsene, voll entwickelte Persönlichkeit. So etwas konnte man zuletzt über den zwölfjährigen EvgenyKissin sagen, als er 1984 an einem Abend beide Klavierkonzerte von Frédéric Chopin vortrug." Auf Youtubegibt es zahlreiche Aufnahmen von ihr.
RobbieWilliams legt mit "Britpop" das Album vor, das er am liebsten wohl schon in den Neunzigern eingespielt hätte, und präsentiert darauf stilgemäß abgehangenen Oasis- und Blur-Rock. Beim ersten Hören macht diese Sehnsucht nach der Zeit, "als die Welt noch in Ordnung war", zwar Freude, findetFR-Kritiker Max Dax. Doch nährt sich bald der Verdacht, "dass hier Chance um Chance ausgelassen wurde, echte Pop-Song für die Ewigkeit zu schreiben. Dieses Gefühl, dass hier einer Musik 'als ob' macht, mit leicht angezogener Handbremse, dem die eigene Cleverness (oder die seiner Spin Doctors) zuweilen im Wege steht, und die dennoch zum Besten gehört, was er je zustande gebracht hat - das ist die Zuspitzung eines Gefühls, das man bei Robbie Williams schon immer gehabt zu haben scheint: Diese verflixte, diesegroßeKunst, die gleich hinter dem Mainstream zum Greifen nahe zu liegen scheint, einfach nicht zu fassen zu bekommen." Auf Zeit Online winkt Christina Rietz ab: "Der Britpop von damals klingt heute noch frischer als Williams' Neuinterpretation."
Die Jazzkritiker trauern um den Gitarristen RalphTowner. "Mit seinem artikulationssicheren, klangfarbenreichen, stets fein strukturierten, gleichwohl spannungsreichen Improvisationsstil" gehörte er "zu den bedeutendsten Jazzgitarristen des letzten halben Jahrhunderts", schreibt Wolfgang Sandner in der FAZ. "Bei all den schnellen, lauten, technisch raffinierten, stets die Finger auf den Saiten und die Fußspitzen auf einer ganzen Batterie elektronischer Effektpedale bewegenden, immer nach neuen Spielgeräten mit Doppel-, Dreifach- und Kopfloshälsen oder auch anderen extremen Modifikationen Ausschau haltenden Freaks wird selbst im Jazz bisweilen vergessen, wasfüreinintimes, leises, insichruhendesInstrument für Kammermusik die Gitarre doch eigentlich ist. Ralph Towner erinnerte daran gleich mit seiner ersten Solo-Einspielung 'Diary' aus dem Jahr 1973." Weitere Nachrufe schreiben Gregor Dotzauer (Tsp) und Ueli Bernays (NZZ).
Weitere Artikel: Manuel Brug denkt in der Welt über BenjaminBrittens Verhältnis zu Deutschland nach. Jan Brachmann resümiert in der FAZ das Ultraschall-Festival in Berlin (Mitschnitte gibt es im Audioarchiv des Dlf Kultur). Dass GreenDay den kommenden SuperBowl mit einem Auftritt eröffnen sollen, deutet Nina Apin im taz-Kommentar als Ausdruck einer Nostalgie nach den Neunzigern. "Die Popsongs an der Spitze der Charts handeln immer weniger von Sex, SpaßundSelbstverwirklichung, sondern mehr von einem konformistischen, bürgerlichenLifestyle", stellt Helene Slancar im Standard bestürzt fest. Jakob Thaller staunt im Standard nicht schlecht, dass der alle Nervenkapazitäten aufbrauchende Frickel-Elektrokönig AphexTwin auf Youtube mehr Hörer hat als Durchhörbarkeits-Queen TaylorSwift. Und das gestern von der Kritik gefeierteMahler-Konzert der BerlinerPhilharmoniker gibt es nun auch beim Dlf Kulturzum Nachhören.
Besprochen werden Konzerte von MarthaArgerich und AndrásSchiff in Luzern und Zürich (NZZ), der Auftakt der Wiener Resonanzen-Festivals mit JordiSavall (Standard) und ein Strauss- und Haydn-Abend mit den WienerSymphonikern unter DanielHarding (Standard).
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