Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.05.2026 - Musik

Morgen abend steigt in Wien das große Finale des Eurovision Song Contest. Die Pali-Szene schäumt wegen der Teilnahme Israels, diesmal vertreten durch Noam Bettan. Manche stellen da Grundsatzfragen, dabei ist die israelische Teilnahme seit je her "nicht verwunderlich", erinnert Jan Feddersen in der taz: "Israels öffentlich-rechtlicher TV-Sender KAN agiert medial in seinem Land regierungsunabhängig, was der entscheidende Unterschied etwa zu den Sendern Russlands und Belarus' ist." Und "Israel ist seit mehr als einem halben Jahrhundert Mitglied der Eurovisionskette (wie auch Sendeanstalten aus dem zu Asien zählenden Kaukasus oder auch Nordafrikas) öffentlich-rechtlicher TV-Häuser. Das war und ist natürlich für die propalästinensische Protestszene viel zu kompliziert." Bettan habe derweil "lernen müssen, gegen Buhrufe anzusingen, ohne die Nerven zu verlieren. Aber man merkt ihm eine gewisse Nervosität an." Marcus Tychsen hat für die Welt mit Bettan gesprochen.



Der ESC ist "unfreiwillig zu einem Spiegel westlicher Polarisierung geworden", schreibt Richard C. Schneider in der NZZ. "Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Intensität der Auseinandersetzung, sondern die völlige Auflösung früherer Trennlinien zwischen Kunst und Politik. Lange galt in liberalen Demokratien die Vorstellung, Kultur müsse gerade deshalb frei bleiben, weil sie nicht permanent moralisch oder staatlich funktionalisiert werden dürfe." Doch "während westliche Institutionen jahrzehntelang individuelle Identität, Diversität und subjektive Perspektiven betonten, erleben wir nun eine Rückkehr kollektiver Zuschreibungen. Der Pass wird wichtiger als das Werk. Herkunft zählt stärker als künstlerischer Inhalt. ... Eine israelische Sängerin, ein israelischer Sänger repräsentieren plötzlich Geostrategie. Ein Pavillon wird zum moralischen Schlachtfeld. Ein Filmfestival verwandelt sich in eine außenpolitische Debatte. Dadurch geht paradoxerweise genau jene Differenzierungsfähigkeit verloren, die Kunst eigentlich ermöglichen könnte."

Mehr zum ESC: Marco Schreuder resümiert hier im Standard das zweite ESC-Semifinale und spricht dort mit der ukrainischen Sängerin LelékaFrüher war weniger Lametta, klagt derweil Nicole im Tagesspiegel-Gespräch: "Der ESC ist heute nur noch laut, schrill und bizarr. Früher war das Bühnenbild für alle gleich, was einen fairen Wettbewerb ermöglichte."

Weiteres: Die Welt gratuliert Udo Lindenberg mit einer Auswahl ihrer Udo-Lieblingslieder zum 80. Geburtstag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jan Opielka über Bob Dylans Song "Not Dark Yet".

Besprochen werden ein Sokolov-Konzert in Wien (Standard), ein Berliner Konzert der britischen Pianistin Mitsuko Uchida (Tsp-Kritikerin Isabel Herzfeld "möchte nur noch niederknien und ihr die Hände küssen"), ein Wiener Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Simon Rattle mit Magdalena Kožená (Standard), ein Hadyn-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti (Standard), ein Frankfurter Konzert des Ensemble Modern mit Kompositionen von Hannah Kendall (FR), ein Wiener Kammermusik-Abend mit Daniil Trifonov und Nikolaj Szeps-Znaider (Standard), ein Konzert von Eric Clapton in Mannheim (FR), eine ARD-Doku über Xatar (ZeitOnline), Olivia Deans Konzert in Berlin (ZeitOnline), Helge Schneiders Aufritt beim Klavierfestival Ruhr (FAZ) und White Fence' Album "Orange" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.05.2026 - Musik

Auf dem neuen Ikkimel-Album "Poppstar" geht es mal wieder zu "stumpfen Technobeats" um "Poppen, Para, Pillen", schreibt Jolinde Hüchtker in der Zeit, "aber witzig ist das schon". Trotzdem stellen sich Hüchtker Fragen: In der sogenannten Fotzenrap-Debatte "wähnt man sich manchmal noch immer in den feminist sex wars der 1970er-Jahre. Liegt in der radikalen sexuellen Selbstbestimmung die Freiheit der Frau? Oder kann das zur Schau gestellte Sexuelle in einer patriarchalen Gesellschaft gar nicht selbstbestimmt sein, weil es sich immer zu einer männlichen Dominanz verhalten muss? ... Ist Ikkimel also empowernd, oder gilt hier sex sells, auch wenn die Frau diesmal das Subjekt ist, das unterwirft? Oder einfach beides? Gibt es das überhaupt, das weibliche Subjekt im Rap, oder wird alles am Ende zum Produkt einer Männerfantasie erklärt, und nie wieder kann irgendeine Frau auf einer Bühne mit dem, nun ja, Arsch wackeln und erfolgreich sein, ohne dem Feminismus zu schaden? Und wäre das überhaupt ein Verlust? 'Poppstar' fügt der Debatte rein gar nichts hinzu."



"Der ESC war nie bloß Glitter, nie bloß Pathos und Pailletten", schreibt Martin Berz in der NZZ und erinnert an die tatsächlich sehr lange Geschichte von Kontroversen, die sich immer wieder um die Veranstaltung legten - meistens ins aufgeregten Zeiten: "Der Wettbewerb war von Anfang an ein geopolitisches Theater", denn "Europa sollte als kulturelle Gemeinschaft neu zusammenfinden. ... Wer glaubt, die Debatten um Israels Teilnahme hätten den ESC erst politisiert, liegt falsch. Politisch war er immer. Neu ist nur, dass die Illusion der Unschuld nicht mehr aufrechterhalten werden kann." Marco Schreuder resümiert im Standard das erste Semifinale des Eurovision Song Contest.

Besprochen werden eine von Yves Abel dirigierte konzertante Aufführung von Hector Berlioz' "Fausts Verdammnis" in Zürich, die laut NZZ-Kritiker Christian Wildhagen sehr angemessen ist, "denn das Stück passt in keine Schublade, es ist weder Oper noch Oratorium noch Sinfonie", John Lingans Buch "Backbeats. A History of Rock and Roll in Fifteen Drummers" (Jungle World), das neue Album von American Football (Welt) und Joshua Idehens Debütalbum "I Know You're Hurting" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.05.2026 - Musik

Johanna Adorján schreibt in der SZ "eine kleine Liebeserklärung" an Sophia Kennedys kürzlich veröffentlichtes und auf Deutsch eingesungenes Stück "Schenke mir ein". Dieser "klingt, als wäre Hildegard Knefs Geist in sie gefahren. Sie singt ... von Rausch" und von "zwei Personen, von denen die eine nicht mehr laufen kann. Nicht schlimm, die andere wird sie halten." Die Musik ist eher eine "leichtfüßig tänzelnde, mitunter auch mal dudelige Untermalung. ... Das wirklich Allerallerschönste aber ist, dass man hört, dass Sophia Kennedy beim Singen lächelt. Das ist es wahrscheinlich, was einen so die Ohren spitzen lässt, wenn man den Song zum ersten Mal hört. Und auch noch beim zweiten Mal. Und beim dritten. Und vielleicht auch noch in einem Jahr. Denn wer lächelt heute schon noch beim Singen? Wer lächelt überhaupt noch, zumal auf Deutsch? Jedes von Sophia Kennedy hier überdeutlich artikulierte und lächelnd in ein Mikrofon gesprechsungene Wort bekommt auf diese Weise eine überraschende Kostbarkeit."



Weiteres: Merle Zils hat für die taz das HardcorePunk-Festival "Rites of Spring" in München besucht. Imran Ayata schreibt in der taz einen Nachruf auf den Hip-Hop-DJ Mahmut.

Besprochen werden Oliver Schwehms ARD-Doku "Boney M. Disco. Macht. Legende", die laut ZeitOnline-Kritiker Matthias Dell die "rassistischen und sexistischen Produktionsbedingungen in der deutschen Popbranche der 1970er- und 1980er-Jahre schildert", Frankfurter Konzerte von Sophie Auster (FR) und Janine Jansen (FR), ein Comeback-Soloalbum von Linda Perry, die einst bei den 4 Non Blondes sang (Standard), der Abschluss des Donaufestivals in Krems unter anderem mit Oneohtrix Point Never und John Maus (Standard) und neue Indiepop-Veröffentlichungen, darunter das neue, "vor Klugheit platzende Album" von Bruce Hornsby (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.05.2026 - Musik

Mit ihrem neuen Album "Musick" stellen Laibach mal wieder drängende Fragen an den Zeitgeist: KI in der Musikproduktion, Algorithmen in deren Distribution. "Dass KI-Songs heute genauso stinklangweilig klingen wie die handgemachte Musik, liegt doch vor allem daran, dass immer noch Menschen hinter ihr stehen", sagt Laibach-Sänger Ivan Novak in Joachim Hentschels SZ-Porträt. "Heute zeigt sich Autoritarismus weniger durch sichtbare Unterdrückung als durch unsichtbare Strukturierung: Algorithmen entscheiden über Sichtbarkeit, Plattformen formen Verhalten, Märkte belohnen Wiederholung, und Systeme bevorzugen Klarheit, Unmittelbarkeit und wiedererkennbare Muster', antwortet uns das Kollektiv Laibach. ... Tatsächlich klingt 'Musick', als hätten Menschen Musik gemacht, die sich anhören soll, als käme sie aus dem Open-AI-Engine. Es wäre der nächste, diabolische Twist: wenn die Menschen sich von der KI abschauen würden, wie man als selbstlernende Maschine lebt."



Weitere Artikel: Marco Schreuder spricht für den Standard mit Timna Brauer, die 1986 während der Waldheim-Affäre für Österreich beim Eurovision Song Contest antrat und sich heute fragt, ob sie damals als Aushängeschild nach vorne geschickt wurde, weil sie jüdisch ist, die aktuellen Boykottaufrufe gegen Israel hält sie außerdem für "puren Antisemitismus". Nadine Lange porträtiert für den Tagesspiegel die ukrainische ESC-Sängerin Leléka. Linus Schöpfer liest für die NZZ Studien darüber, warum sich so viele in einem "seltsamen Ertauben der Geschmacksknospe" der Musik beim Eurovision Song Contest aussetzen, obwohl diese zu großen Teilen einfach nur schauderhaft ist. Mladen Gladić deutet in der Welt das Cover-Artwork des angekündigten neuen Stones-Albums "Foreign Tongues" mit kunsthistorischem Instrument.

Besprochen werden ein Mahler-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons (Standard), das Debütalbum von Castora Herz (taz), ein Konzert von Yuşan Zillya in Frankfurt (FR), Víkingur Ólafssons multimedial dargebotene Goldberg-Variatonen in Luzern (NZZ), das Album "Happy Today des Jeff Parker ETA IVtet (FAZ) und das Album von "Sol.Hz" von Seefeel, bei dem man sich laut tazler Thaddeus Hermann "in den experimentellen Klanggeweben der Jetztzeit sofort wieder findet".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.05.2026 - Musik

Thomas Wochnik ärgert sich im Tagesspiegel-Kommentar über den erfolgreichen Beschluss der in den letzten Wochen kontrovers diskutierten GEMA-Reform, umso mehr da diese nun in der Öffentlichkeit als "endlich Förderung für alle" annonciert werde. Beschlossen wurde da "offenbar eine Art Elitenfördersystem: Einfach ausgedrückt können fortan Top-Performer aus egal welchem Bereich Förderungen abgreifen, während weniger ausgelastete Musikschaffende auf der Strecke bleiben. Was künstlerisch wertvoll und damit förderfähig ist, regelt in Zukunft also der Markt. ... Wollen wir eine Gesellschaft sein, die sich mit ihren Minderheiten solidarisiert und sie schützt? Oder wollen wir eine Mehrheitskultur, in der sich nur das durchsetzt, was der breiten Masse gefällt? Und in der jede Form von wirtschaftlich risikobehaftetem Experiment nur Menschen vorbehalten bleibt, die es sich ohnehin leisten können. Eben diese Frage hätte die Gema offen zur Abstimmung stellen müssen."

Carolin Gasteiger porträtiert in der SZ den Pianisten Sofiane Pamart, der mit seiner popstar-artigen Hipster-Inszenierung die Likes und Streams millionenfach einffängt. Aber "rätselhaft bleibt, was das Einende ist, das sie alle an Sofiane Pamart finden. Vielleicht doch der Eskapismus? Pamarts wollweiche, tröpfelnd-fließende Musik bietet ja den perfekten Fluchtort in einer harten Welt. Ähnlich wie das boomende Literatur-Genre Romantasy. Mit klassischer Musik hat das schnell nur noch bedingt zu tun. Die Zuschreibung 'neoklassisch' hört er trotzdem nicht gerne. Was nun diese kleine Ironie bringt: Der Pianist/Rapper/Entertainer Chilly Gonzales (laut Pamart ein Freund) spießt in seinem Song 'Neoclassical massacre' verdächtig exakt das auf, was Pamart macht: 'There's a new algorithm/ It's pitching your pieces/ To someone in their kitchen/ Trying to finish their thesis (oh no)'."

Außerdem: Ruth Lang Fuentes berichtet in der taz vom Femua-Festival in Côte d'Ivoire. Elmar Krekeler porträtiert in der WamS den Musiker Christopher von Deylen alias Schiller. Anlässlich der von Trump verordneten weiteren Truppenabzüge aus Deutschland erinnert sich Willi Winkler in der SZ daran, wie die GIs nach Deutschland kamen und die Popkultur mit im Gepäck hatten. Stefan Ender blickt für den Standard ins Programm der Styriarte in Graz. Das Tonhalle-Orchester Zürich hat sein Programm für die kommende Saison vorgestellt, berichtet Christian Wildhagen in der NZZ. In der FAZ gratuliert Jan Wiele dem Folksänger Donovan zum 80. Geburtstag. Und Christiane Lutz ist in der SZ sehr begeistert von der durchchoreografierten Wucht des Musikvideos zu "Storm I & II" von Gener8ion und Yung Lean.



Besprochen werden ein von Dalia Stasevska dirigiertes Konzert des HR-Sinfonieorchesters (FR), ein Konzert der Harfinistin Brandee Younger mit der HR-Bigband (FR) und Pigeons Album "Outtanational", die mit ihrer Mischung aus "Soul, Funk und vor allem auch Afrobeat" Standard-Kritiker Christian Schachinger durchaus begeistert: "Wiederhören macht Freude."

Stichwörter: Gema

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.05.2026 - Musik

"Die Blues Brothers zelebrieren den Groove; Laibach verhören den Mechanismus dahinter", sagt Ivan Novak von der slowenischen Band im taz-Gespräch mit Robert Mießner. Eben hat die Band ihr neues Album "sick of music" und dazu die Single "Allgorhythm" veröffentlicht: "Die anarchische Freude der Blues Brothers wird in 'Allgorhythm' zu etwas, das eher einer algorithmischen Zwangshandlung nahekommt: eine Choreografie, die die Rhythmen des Scrollens, der Dateneingabe und der Verhaltenserfassung nachahmt. Der Körper tanzt nicht mehr frei - er führt aus. Wenn es bei uns Anklänge an die Blues Brothers gibt, liegen sie weniger im Einfluss als in einer gemeinsamen strukturellen DNA - der Transformation von Musik und Bewegung in ein System. ... Gesten werden wiederholt, Bewegungen mechanisch absolviert, das Gefühl, der Körper ist in einer Schleife ('Loop') gefangen, die er nicht selbst entworfen hat - all das ist auch Chaplins Vision. Doch wo er Raum für einen Bruch lässt - damit der Körper rebellieren, stören, entkommen kann -, neigt unsere Choreografie dazu, den Loop zu schließen. Das System hat kein Außerhalb mehr; es ist verinnerlicht."



"Über zwei Oktaven windet sich die Stimme aus den Höhen schmachtender Lust hinunter in die Bariton-Tiefe der Verzweiflung", schwärmt Daniel Haas in der NZZ nachdem er den Soulsänger Durand Bernarr gehört hat. Von den Nischen des Internets und als Backgroundsänger für größere Stars hat sich Bernarr bis zum Grammy 2025 hochgearbeitet. "Das neue Album 'Bernarr' ist ein 17 Songs umfassendes Porträt des Künstlers als queerer Mann, erzählerisch vielseitig und klangästhetisch überraschend. Humorvoll und dramatisch, lakonisch und engagiert. Die Energie des Rocks in 'River' trifft auf R'n'B-Eleganz im Girl-Group-Stil von 'Hello'. 'Undivided' lässt ein Lamento über den Stress des Starseins über lässige Discohouse-Beats federn, und 'Sugar Family' illustriert mit heiterer, an Prince geschulter Funkyness die alte Einsicht, dass man, um weiterzukommen, Hilfe braucht."



"Den Musikschulen geht das qualifizierte Personal aus", warnt Merle Krafeld auf VAN nach Lektüre dieser Studie (PDF). In knapp zehn Jahren "könnten selbst unter günstigen Annahmen etwa drei Viertel der frei werdenden Stellen nicht qualifiziert besetzt werden". Pikant daran: Das liegt auch daran, dass seit 2022 die große Zahl an Honorvertragskräften an Musikhochschulen nach einem Gerichtsurteil in feste Anstellungen überführt werden mussten. "Der VdM fordert darum jetzt eine größere Beteiligung der Länder an den pädagogischen Personalkosten der Musikschulen." Denn "die Auswirkungen sind bereits deutlich erkennbar: höhere Gebühren, eine wachsende Belastung der Kommunen und zunehmende finanzielle Hürden für Familien. Gerade im ländlichen Raum treffen so steigende Kosten auf begrenzte kommunale Mittel und größere Entfernungen zu den Musikschulen bei zum Teil schlechter Anbindung - mit der Folge, dass Angebote reduziert oder im schlimmsten Fall eingestellt werden müssen."

Weitere Artikel: Kurz vor dem ESC blickt Stefan Ender im Standard auf Wiens Verhältnis zur Musik. Julian Weber ist in der taz sichtlich genervt von den beiden neuen Songs der Rolling Stones.

Besprochen werden James Camerons in 3D gedrehter Billie-Eilish-Konzertfilm, der SZ-Kritiker Joachim Hentschel ziemlich imponiert ("Irgendwann könnte diese Doku als Zeitdokument gelten, das mehr Weisheit über den popkulturellen Status quo und die Rituale der längst sagenumwobenen Generation Z in sich trägt, als es die meisten gut gemeinten Langzeitporträt-Fleißfilme tun"), ein neues Album von Aldous Harding (taz), Robyns Album "Sexistential" (FR), ein Konzert von Tori Amos in Zürich (NZZ) und die ARD-Doku "70 Jahre ESC - More than Music" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2026 - Musik

Rund um ein Aufnahmestudio auf der im tiefen Berliner Osten gelegenen Allee der Kosmonauten tummelt sich seit einigen Jahren eine vitale Postpunk-Szene, schreibt Vojin Saša Vukadinović in der Jungle World. Mit dem Album "Eisenmund" liegt nun der Debüt-Longplayer der in diesem Kontext arbeitenden Band Schimmel über Berlin vor - und Vukadinović ist absolut beeindruckt: "Schon die umwerfende Abfolge der drei ersten Lieder der LP ... sucht an Wucht, Esprit und Innovation ihresgleichen. Die insgesamt neun Stücke bieten unmittelbar Packendes, das auf unwiderstehliche Weise antreibt, zugleich aber auch sanft entrückt; exzellente Gitarrenriffs, ein hyperpräzises Schlagzeug und perfekte Bassläufe; Lyrics, die zwischen surrealem Traum und totaler Abgebrühtheit changieren." Erneut erweist sich, "dass dieser bewegungsreiche Kreis an Musikerinnen und Musikern, der sich dem Underground verpflichtet hat, dem Neuen den Weg zu ebnen vermag. Mehr noch: Es rettet dieses auch vor den kulturellen Erdrückungsversuchen dieser Ära mit all ihren schalen Versprechungen, seichten Zumutungen und auf Endlosschleife abgespulten Belanglosigkeiten."



Weiteres: Für den Standard spricht Marco Schreuder mit Noam Bettan, der ab kommender Woche Israel beim Eurovision Song Contest vertreten wird. Dazu gibt Jens Balzer in der Zeit Orientierungspunkte im Dickicht der zahlreichen Boykott- und Gegenboykott-Maßnahmen, die sich für oder gegen eine Teilnahme Israels engagieren. Dorothea Walchshäusl blickt in der NZZ voraus auf das von Víkingur Ólafsson kuratierte "Pulse"-Programm im Rahmen des Lucerne Festivals, bei dem im Kontrast zu anderen Komponisten die Modernität Bachs hervorgehoben werden soll. Volker Zander hat für die taz Josef Protschka besucht, der im Alter von zwölf Jahren die Knabenstimme in Karlheinz Stockhausens vor 70 Jahren uraufgeführtem "Gesang der Jünglinge" beigetragen hat - danach brachen Tumulte aus, erinnert sich Protschka: "Die Leute sind mit Schirmen aufeinander losgegangen." Joachim Hentschel porträtiert in der SZ den Konzertveranstalter Marek Lieberberg, der heute 80 Jahre alt wird. Jens Balzer begibt sich für die "Kultursommer"-Beilage der Zeit in die musikalischen Welten von Mittelaltermärkten.

Besprochen werden das von Rui Pedro Dâmaso, Alexander Pehlemann und Lucia Udvardyová herausgegebene Buch "Unearthing the Music" über Widerstand im musikalischen Underground in Osteuropa von 1950 bis 2000 (Jungle World), ein von James Cameron in 3D inszenierter Konzertfilm von Billie Eilish (Tsp) und ein Konzert von Simon Bailey in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2026 - Musik

Grigory Sokolov war wieder für seinen jährlichen Auftritt in Berlin und hat mit seinem Programm Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz ganz und gar verzaubert: Es "entgrenzt sich die Zeit, wird zum unendlichen Klangraum, in dem alle Platz finden: sämtliche Gemütsregungen, sämtliche Arten, Musik zu hören. Erneut bezaubern seine stupende Anschlags- und Pedaltechnik mit dem minutiös austarierten Tastendruck, das Federleichte der Läufe und Triller, die munter hüpfenden Punktierten, die Freiheit des Ausdrucks. ... Diesmal feiert er vor allem die Melodie, konturiert die Hauptlinien, ohne die Nebenstimmen zu vernachlässigen." VAN-Kritiker Albrecht Selge erlebte an dem Abend "ein Spiel mit Dauern. Das Konzentrierteste, Beethovens letzte sechs Bagatellen, folgt ohne Klatschpause der langen frühen Sonate, sodass das höchst Komprimierte Teil eines einzigen langen Fließens wird. Die Anmutung des Endlosen, die sich eher dem Unendlichen als dem lediglich nicht Aufhörenden nähert, setzt sich naturgemäß fort in Franz Schuberts B-Dur-Sonate D960."

Schmutz statt Glam, sackartige Klamotten statt körperbetonte Sexyness und dazu düstere Klangwelten zwischen Gothic Rock und Punk, die sexualisierte Gewalt und Sexismus im Allgemeinen thematisieren: Sofia Isella bringt die "female rage" der GenZ ästhetisch auf den Punkt, schreibt Maja Goertz in der NZZ. "Mit ihrer Düsterkeit grenzt sie sich klar von einem feministischen Pop in pinken Kleidern ab, der Barbie feiert, leicht konsumierbar bleibt und doch auch Empowerment darzustellen versucht. ... Ihre Konzerte aber sind harmlos im Vergleich zu ihren Musikvideos. Darin schlägt sie sich zuweilen rohe Eier in den Mund oder beißt auf den Schalen herum, sie spuckt Blut und wütet wie eine Besessene - und erinnert an verstörende Bodyhorrorfilme. ... Alles ist angelegt auf Anti-Ästhetik, auf Schock." So "überzeichnet sie das Empfinden junger Frauen, die sich fragen: Wohin mit der eigenen Wut"?



Weitere Artikel: Vor dem Wiener Auftritt des italienischen Duos Mind Enterprises durchstreift Christian Schachinger für den Standard die Welt der Italo-Disco. Außerdem stellt Schachinger die Düstermusik von Rún vor. Gerrit Bartels hört für den Tagesspiegel die zwei Songs, die die Rolling Stones vorab aus ihrem angekündigten neuen Album veröffentlicht haben, und prognostiziert für den Sommer "ein Stones-Fest, das vielleicht die Welt wieder ein bisschen mehr zusammenrücken lässt".



Besprochen werden ein Konzert des Klangforums Wien (Standard) und neue Musikveröffentlichungen, darunter das Album "Unspoken" des im Iran aufgewachsenen Jazzgitarristen Mahan Mirarab (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2026 - Musik

In den nächsten Tagen erfolgt die Abstimmung über eine in den letzten Wochen heftig umstrittene GEMA-Reform. BR Klassik deckt nun anhand von internen Dokumenten und der eidesstattlichen Versicherung einer Quelle auf, dass es eine Telefonaktion gab, die offenbar insbesondere Mitglieder aus dem U-Segment zur Abstimmung bewogen haben soll und nach Einschätzung von BR Klassik den Verdacht entstehen lassen könnte, dass eine gezielte Einflussnahme aufs Wahlergebnis bezweckt werden sollte. "Angerufen wurden vor allem solche Mitglieder, die zuletzt hohe Tantiemen-Vorauszahlungen erhalten hatten. 'Das wird nicht so direkt ausgesprochen, aber die Logik für die Telefonaktion war: Ihr habt von uns gutes Geld bekommen, also stimmt im Gegenzug für die Reform', so die Quelle. Und weiter: 'Ich sehe das als Quid pro Quo.' Eine weitere bei der GEMA angestellte Person bestätigt gegenüber BR Klassik, dass 'Vorauszahlungen in der Sparte U ein Kriterium für die Auswahl der Mitglieder waren, die angerufen wurden'. Von insgesamt rund 1000 kontaktierten Mitgliedern sollen weit über die Hälfte von solchen Vorauszahlungen profitiert haben, zum Teil mit hohen sechsstelligen Summen. Es seien die 'Großverdiener' der GEMA, darunter bekannte Popmusiker, die der GEMA wegen der sprudelnden Einnahmen schon immer sehr 'gewogen' seien. ... Zu Beginn der Telefonkampagne seien weniger als 500 U-Mitglieder für die Wahl angemeldet gewesen, nach der Aktion habe sich die Zahl verdoppelt."

Axel Brüggemann bringt auf BackstageClassical Stimmen dazu. Seitens der GEMA wird die Telefonaktion zwar bestätigt, die Vorwürfe der Beeinflussung seien aber "abwegig. ... Der Komponist Moritz Eggert, der bereits vehement gegen die Reform gekämpft hatte, fordert nach der Veröffentlichung gegenüber BackstageClassical 'den sofortigen Rücktritt der Verantwortlichen Vorstände sowie des CEOs der GEMA'. Außerdem will Eggert Neuwahlen des Aufsichtsrates und das Aussetzen der Reform."

Helmut Mauró nennt in der SZ grundlegende Zahlen zum GEMA-Streit. Es geht insbesondere um die Kulturförderung, da die GEMA sich nicht als "reine Inkassogesellschaft" versteht, sondern auch Förderprogramme finanziert. "Von den insgesamt 50 Millionen Euro Fördermitteln gehen 70 Prozent an die U-Musik, 30 Prozent werden an Künstler und Projekte der E-Musik verteilt, gerade ältere Komponisten leben davon. Das bedeutet aber, dass die U-Musik nur mit dem 0,2-Fachen der von ihr eingenommenen Tantiemen gefördert wird, während die E-Musik das 2,5-Fache ihrer eingespielten Tantiemen als zusätzliche Fördermittel erhält. Denn die U-Musik verdient 97 Prozent der Mittel, die E-Sparte nur drei Prozent. ... Künftig soll die E-Förderung von 30 auf 14 Prozent gesenkt, die U-Förderung entsprechend von 70 auf 86 Prozent erhöht werden. Dabei" gehe es insbesondere um "junge Musiker" und "außergewöhnliche Musikprojekte. Es geht also nicht so sehr darum, althergebrachte Strukturen der Alimentierung ein bisschen zu verschieben, sondern Kulturförderung im Geist der Gema-Gründer ernst zu nehmen. Es soll eine Neuausrichtung auf die Zukunft sein, nicht nur Verwalten der Vergangenheit."

Weitere Artikel: Jan Brachmann berichtet in der FAZ von der 50. Schubertiade in Hohenems. Michael Ernst hat für die NMZ die Messiaen-Tagen in Görlitz besucht. Stefan Michalzik resümiert in der FR einen Hamburger Abend mit Benjamin von Stuckrad-Barre und Jan Delay zu Ehren von Udo Lindenberg. Bertram Job stimmt in der taz auf die Tour des Punk-Urgesteins Undertones ein.

Besprochen werden ein von Zubin Mehta anlässlich dessen 90. Geburtstags dirigiertes Berliner Konzert der Staatskapelle Berlin (Tsp, hier das Programmbuch als Download), der Auftakt des Musikfests Hamburg mit Franz Schmidts Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln" (VAN), die im Ersten gezeigte Doku-Serie über den überraschend verstorbenen Rapper Xatar (Welt) und ein Konzert des Jazzmusikers Joshua Redman in Wien (Standard).
Stichwörter: Gema

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.05.2026 - Musik

"Es war wirklich, wirklich außergewöhnlich", schwärmt Jens Balzer auf ZeitOnline nach dem Rosalía-Konzert in Berlin. "Es ging hoch hinauf in den Himmel und dann wieder tief hinab in die Hölle; es ging um Leben und Sterben und Reinkarnation; es ging um Liebe und Hingabe und um Zorn und um Wut; man sah glühende Souveränität und kalten Beherrschungswillen, aber auch lustvolle Unterwerfung und enthemmtes Sich-überlassen an das Treiben des Beats; es ging um den Wunsch, die Beschwernisse des Körpers hinter sich zu lassen, um ganz aufzugehen in der Reinheit des Geistes; und im nächsten Moment fuhr der Geist dann wieder in den Körper zurück, um diesen in seiner ganzen Schönheit erstrahlen zu lassen." Kurz: "Rosalía ist die größte Popkünstlerin ihrer Generation. In ihrem musikalischen Talent; in ihrer Stimme; in ihrer Souveränität auf der Bühne; in der kompositorischen Kraft und Wandlungsfähigkeit ihrer Musik; in ihrer Fähigkeit, Themen zu setzen, zu reflektieren und im Konzert in völlig neuer Art zu variieren - in alldem kommt ihr derzeit niemand gleich."

Sehr ähnlich sieht es Silvia Silko im Tagesspiegel: "Rosalía ist wie eine Antithese zum gegenwärtigen Pop-Kosmos, in dem Gleichförmigkeit und künstliche Intelligenz mehr und mehr den Ton zu bestimmen scheinen. Vielleicht ist genau das ein Funke der Hoffnung, den die Musikerin einem schenkt. Sie ist diejenige, die Genregrenzen aufbricht, Anleihen von Ballett und Operette kunstvoll, aber auch snackable aufbereitet, obwohl einem der Kopf von Algorithmen und Aufmerksamkeitsökonomie versaut wurde. Ist Rosalía die Heilsbringerin, der twerkende Jesus der Popkultur?" In der Welt resümiert Lena Karger den Abend.

Sollte die GEMA am 6. und 7. Mai auf der Mitgliederversammlung im Hinblick auf die Ausrichtung der Kulturförderung tatsächlich so reformiert werden, wie dies zuletzt auf dem Tisch lag, werden "die finanziellen Einschnitte, die auf Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich der 'Ernsten Musik' zukommen, erheblich sein", räumt Johannes X. Schachtner, selbst Komponist im E-Segment und Mitglied im GEMA-Aufsichtsrat, in der FAZ unumwunden ein. Die Vorschläge einer Öffnung der Förderung für mehrere Genres und neue Fördermöglichkeiten, um die sich auch E-Musiker bemühen können, stimmen Schachtner durchaus zuversichtlich.

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Weitere Artikel: Christina Mohr spricht in der FR mit Christiane Rösinger über die Vorzüge des Älterwerdens. Benjamin Moldenhauer taucht fürs ND tief ein in die aktuelle Produktion von Mike Pattons Label Ipecac Recordings, das sich den experimentellen und obskuren Sounds drastisch-waghalsiger Musik verschrieben hat. Helene Slancar (Standard) und Samir H. Köck (Presse) resümieren den Auftakt des 21. Donaufestivals in Krems. Wenn Alt-Rock'n'Roller Peter Kraus demnächst zu seiner nunmehr achten Abschiedstournee antritt, befindet er sich mit dieser Art, es mit dem Abschied von der Bühne am Ende des Tages doch nicht so genau zu nehmen, in allerbester Gesellschaft, schreibt Linus Schöpfer in der NZZ am Sonntag.

Besprochen werden ein von Kirill Petrenko dirigiertes Gastspiel der Berliner Philharmoniker in Eisenstadt (Standard), ein von Andris Nelsons dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker in Wien (Standard), ein Konzert von Tori Amos in Frankfurt (FR), ein Konzert des London Symphony Orchestra in Frankfurt (FR) und das Debütalbum der Wiener Freie Energie Band (Standard).