Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2025 - Musik

Boris Herrmann spricht für die SZ mit der Sängerin Sophie Auster, der Tochter von Siri Hustvedt und Paul Auster. Zerknirscht blickt Detlef Diederichsen in seiner taz-Kolumne auf den aktuellen Boom der "Greatest Hits"-Compilations, die vor allem von Boomer-Künstlern auf den Markt geworfen werden: "Wenn man merkt, dass es zu Ende geht, treibt man schnell noch mal ein paar Blüten aus." Im WDR Kulturfeature erinnert Thomas von Steinaecker an Pierre Boulez.

Besprochen werden Ahmir "Questlove" Thompsons auf Disney+ gezeigter Musik-Dokumentarfilm "Sly Lives" über Sly Stone, der Zeit-Online-Kritiker Tobi Müller über weite Strecken sehr begeistert, das neue Album "Schwarze Magie" von Stella Sommers Projekt Die Heiterkeit (FR), ein Konzert von Brad Mehldau in Wien (Standard), ein neues Album von My Morning Jacket (Standard) und ein Auftritt des Joanna Duda Trios in Frankfurt (FR).
Stichwörter: Stone, Sly

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2025 - Musik

Maxi Broecking staunt in der taz: Der britische Komponist und Klangkunst-Kurator Robin McGinley hat gemeinsam mit dem Stockholmer The Great Learning Orchestra (TGLO) Yoko Onos Performance-Anweisungen "Grapefruit" mit Material aus den 50ern und 60ern umgesetzt und aufgenommen - und dies zum allerersten Mal überhaupt, "da sie vor allem imaginäre Klänge beschreiben, die sich assoziativ in Musik und Geräuschen äußern können. Etwa: Wie klingt das Atmen eines Raumes oder das Zählen von Sternen? ... Das 'Water Piece' mit der Anweisung, dem Klang unterirdischen Wassers zu lauschen, wurde in der Therme von Cefalù unweit von Palermo aufgenommen. Über mehrere Minuten ist das Geräusch unterirdisch sprudelnden Wassers zu hören. Für 'City Piece', von Ono im Winter 1961 geschrieben, soll ein leerer Kinderwagen durch eine Stadt geschoben werden. ... Onos Spielanweisungen spiegeln ihre eigene Verlorenheit und Aggression wider, die sie selbst immer wieder in Interviews thematisierte. Die Klangperformances auf dem Album lösen sich davon und untersuchen ihre Spielanweisungen als sonische Experimente."

Wir hören ins "Water Piece" rein, Menschen mit schwacher Blase seien gewarnt:



Stefan Zweifel erinnert sich in der NZZ wehmütig an die Nächte in den ersten Technojahren um 1990 in Zürich: Sie "waren eine Grenzerfahrung. In ihnen geschah etwas, das die Vernunft überstieg und sie aussetzen ließ im Moment der Ekstase, in dem man aus seinem Ich hinaustritt in eine fremde Welt des Ungehörten. Damals dachte man: Gott ist ein DJ. DJ Dionysos."

Weitere Artikel: Ljubiša Tošić (Standard) und Theresa Steininger (Presse) blicken vorab auf die Saison 2025/26 des Wiener Musikvereins. In der SZ gratuliert Max Fellmann Roger Hodgson von Supertramp zum 75. Geburtstag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Dirk von Petersdorff über Bob Dylans aus einer Beschäftigung mit Brecht hervorgegangenes Lied "When the Ship Comes In" von 1963:



Besprochen werden ein von Paavo Järvi dirigiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters mit Víkingur Ólafsson in Frankfurt (FR), ein Aufritt von Zaho de Sagazan in Köln (FR), Ariel Oehls neues Album "Lieben wir" ("Manchmal trieft es, manchmal trifft es", seufzt Karl Fluch im Standard) und "Heavy", ein Album von Ty Segalls Projekt Freckle (tazlerin Du Pham fühlt sich mitunter so, als würde sie "durch einen 70er-Jahre-Filter inmitten einer Wüstenlandschaft in einem Kinderbecken planschen").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.03.2025 - Musik

Samir H. Köck plaudert für die Presse mit der französischen Popsängerin Zaho de Sagazan, die wiederum Christian Schachinger im Standard porträtiert. Merle Krefeld blickt für VAN darauf, wie die Lübecker Musikhochschule den eklatanten Mangel an Musiklehrern in den nächsten Jahren beheben will. Christine Lemke-Matwey porträtiert für die Zeit die Sängerin Fatma Said, die beinahe Tennisprofi geworden wäre, sich dann aber doch fürs deutsche Kunstlied als Betätigungsfeld entschied. Ebenfalls in der Zeit erzählt Florian Zinnecker von seiner Begegnung mit der Pianistin Alice Sara Ott. Christian Staas schreibt in der Zeit über das britische Duo Woo, das zwar schon seit den Achtzigern musiziert, aber erst vor zehn Jahren seinen Durchbruch hatte und nunmehr kontinuierlich seine hunderte, zuvor für die Schublade entstandenen Aufnahmen auswertet. Susanne Westenfelder befasst sich in VAN (passend zu dieser aktuellen Podcast-Doku vom BR) mit dem himmelschreienden Unfug der sogenannten "Germanischen Neuen Medizin", deren Begründer, der Scharlatan und Antisemit Ryke Geerd Hamer, der Ansicht war, mittels einer "magischen" Melodie Krebs behandeln zu können. Harry Nutt schreibt in der FR einen Nachruf auf den Liedermacher Dieter Süverkrüp. Volker Hagedorn ruft auf VAN der Komponistin Sofia Gubaidulina nach (mehr zu ihrem Tod bereits hier).

Besprochen werden ein Konzert des Jerusalem Symphony Orchestras unter Julian Rachlin in Wien (Standard), ein Konzert von The XX in Offenbach (FR), ein Auftritt von Sabrina Carpenter in Berlin (Tsp), ein Liederabend mit dem Tenor Matthew Polenzani in Frankfurt (FR) und "Schwarze Magie", das neue Album von Die Heiterkeit (Zeit).

Stichwörter: Musikhochschule

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.03.2025 - Musik

Christian Schachinger blickt im Standard voraus auf "Gesamtklärwerk Deutschland", das im April erscheinende neue Album von Jonathan Meese und DJ Hell, die sich darauf an Kraftwerk abarbeiten. Konstantin Nowotny porträtiert in der taz den Leipziger Rapper HeXer. Jan Feddersen schreibt in der taz zum Tod der Rosenstolz-Sängerin Anna R (weitere Nachrufe bereits hier). Kolja Podkowik verneigt sich in der Jungle World vor Nina Hagen, die kürzlich 70 Jahre alt geworden ist, und stellt ein für allemal klar: "Das Album 'Nina Hagen Band' von 1978 ist eine der besten Platten, die je gemacht wurden, in Deutschland vielleicht die beste."



Besprochen werden Bernard MacMahons von der Band selbst produzierter und entsprechend hagiografischer Kino-Dokumentarfilm "Becoming Led Zeppelin" (taz), ein Konzert des Pianisten Pierre-Laurent Aimard in Frankfurt (FR), das neue Album der Wiener Band Cousines Like Shit (Standard) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter ein neues Album des Oud-Spielers Anouar Brahem mit Django Bates, Anja Lechner und Dave Holland (Standard-Kritiker Ljubiša Tošić hört eine "Melancholie, die friedvolle Laune erweckt").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2025 - Musik



Die Sängerin Anna R des insbesondere in der schwulen Community überaus beliebten Berliner Duos Rosenstolz ist überraschend im Alter von nur 55 Jahren gestorben. Sie war "eine der größten Ikonen des deutschen Nachwendepop", schreibt Joachim Hentschel in der SZ - oder gleich "die Zarah Leander der deutschen Wiedervereinigung", wie Manuel Brug in der Welt schreibt. "'Mondän-Pop', so nannte man die von Melancholie durchpulste Rosenstolz-Melange aus Chanson und sanft treibendem Rock, den Berlins in den Nullerjahren regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ebenso wie Marianne Rosenberg mochte. Die in Verlorenheit schillernde, die Tragik der großen Primadonnen beschwörende Stimme ... empfanden Geschmacksrichter zwar als grässlich, aber es war konsequent." Rosenstolz sangen "trotzig schillernde Camp-Titel. Therapiemusik, Sedativum und Leitfaden für einsame Großstadtseelen."

In der DDR stieß Anna R mit ihrem Wunsch, sich zur Sängerin ausbilden zu lassen, noch auf Mauern und musste stattdessen eine Ausbildung als Chemielaborantin absolvieren, erinnert Harry Nutt in der FR. "Im späteren Verlauf ihrer Karriere kam es ihr wiederholt zugute, eine zu sein, die sich nicht unterkriegen lässt. Auf ihre ganz eigene Art glich Anna R jener von Renate Krössner verkörperten Sängerin in dem DDR-Klassiker 'Solo Sunny' von Konrad Wolf."

Jan Feddersen würdigt sie in der taz als Sängerin: "Wirkte sie in Liedern wie 'Die Schlampen sind müde', 'Liebe ist alles' oder 'Die Astronautin' bisweilen kühl timbriert, aber selbstvertraut, so schildern sie FreundInnen als zweifelbereit, ja, keineswegs so triumphal in den fast expressionistisch anmutenden Gesten. Sie war keine Gewinnerin von irgendeinem Casting, sie war einfach eine Sängerin mit innerem Volumen: eine Liedinterpretin in eigener Sache."

Auch solche Geschichten gibt es im Netz noch: Eigentlich ist Julian Zalla Mathematiker, aber auf Youtube spielt er seit einigen Jahren nahezu täglich ein - meist rares - Klavierstück ein, bietet dazu die Noten zum Mitlesen und im Begleittext meist auch weiterführende Informationen. Über 2700 Aufnahmen sind so mit einem digitalen Klavier und behutsamer MIDI-Bearbeitung zusammen gekommen, darunter "wirkliche Raritäten der Klaviermusik", staunt Jan Brachmann in der FAZ: "ein vorbildliches Kompendium musikalischer Bildung und Aufklärung". Zalla "durchkreuzt die ökonomischen und politischen Mechanismen musikalischer Repertoirebildung. Der Kanon unseres Konzertbetriebs - bei der Klaviermusik besonders eng und öde - kam durch ökonomische und politische Interessen zustande. Er hat viel mit dem 'nation building' im neunzehnten Jahrhundert, mit Macht, Prominenz, Verdrängung und wirtschaftlicher Risikominimierung zu tun." Und "die Streamingdienste im Netz heute erforschen dagegen unsere Vorlieben und bieten uns an, was unsere Neigungen bestätigt." All dem stellt sich Zalla entgegen, mit "professionellem Klavierspiel, Neugier auf unbekanntes Repertoire bei guter Schulung in Musikgeschichte, digitaler und technologischer Kompetenz".



Außerdem: Hubert Wetzel porträtiert in der SZ den Country-Musiker Sturgill Simpson, der zwar aus demselben Ort kommt wie J.D. Vance, anders als der US-Vizepräsident aber "Hoffnung gibt für die Freundschaft mit Amerika". Dazu passend spricht Katharina Moser in der Welt mit Shaboozey, der mit seiner Mischung aus Country und Hiphop seit Monaten die Country-Charts in den USA anführt.



Besprochen werden Bernard MacMahons Kino-Dokumentarfilm "Becoming Led Zeppelin" (Tsp), ein von Yannick Nézet-Séguin dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker (Standard) und Sam Fenders Auftritt in Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.03.2025 - Musik

Marlene Knobloch hat für eine Reportage auf Zeit Online das Internationale Countryfestival in Berlin besucht, wo sie so ungläubig wie staunend die immense Popularität des Genres nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande zur Kenntnis nehmen musste. Vielleicht, mutmaßt sie nach vielen Begegnungen und Gesprächen, ist das Genre auch "deswegen so beliebt, weil Menschen Geschichten wollen. ... Wo andere Genres mit I-love-yous und Tonight gonna be a good night-Zeilen offen lassen, wen man überhaupt liebt, oder warum die Nacht jetzt genau gut werden wird, ist Country konkret, voller Details. Songs können sich nicht verstecken hinter giftgrünem Schriftzug und Persona-Inszenierung. Ein Song funktioniert, oder er funktioniert nicht. ... Und in Zeiten, in denen die Leute ständig Angst haben, etwas zu verlieren, sei es Geld, ihre Sicherheit, den Frieden in Europa, ihren Ruf auf der Arbeit, hält man sich gern an Traditionellem, Altbekanntem fest. ... Und sicher, Canyon-Prärie, Whiskey im Blut, das eiskalte Bier nach einer langen Truckfahrt auf dem Highway, Boots, Jeans und Jesus, darin steckt unheimlich viel Kitsch, Überzeichnung, Nostalgie, sowieso historische Verklärung. Aber auch Wahrheit."

Und wer konnte je George Jones widerstehen?



Im SZ-Gespräch schwärmt Filmkomponist Hans Zimmer von den heutigen Möglichkeiten der Score-Komposition: Nach einem Gespräch mit dem Regisseur "gehe ich ins Studio und fange an, zu schreiben - auch ohne die Bilder. Da ist oft noch gar nichts gedreht worden. Das war bei vielen Filmen so, und ich liebe diese Freiheit, einfach Musik zu schreiben, der man am Ende eine Richtung gibt."

Besprochen werden Richard Dawsons Album "End of the Middle" (taz), ein Auftritt von Phillip Boa in Frankfurt (FR) und ein neues Album des österreichischen Indiepop-Duos Cari Cari (Standard).

Stichwörter: Zimmer, Hans, Filmmusik, Country

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.03.2025 - Musik

"The Love Pretender", das neue Album von Jeff Mills und der Tokioter Band Spiral Deluxe, ist zwar schon 2019 aufgenommen worden, kommt aber erst jetzt ans Tageslicht. "Diese pumpende Instrumentalmusik atmet das Beste aus zwei näher verwandten Welten, als es auf den ersten Blick vermutbar wäre - Techno und Jazz", freut sich Max Dax in der FR. Es ist "eine hochdynamische Tour de Force, in der Techno das präzise, ausdefinierte Rhythmusfundament liefert, während die Musiker gemäß klar definierter Einsätze und Funktionen dichte Improvisationen beisteuern. ... Immer wieder erinnert die Musik an Tracks von Herbie Hancock aus seiner Fusion-Phase bis Mitte der 1970er Jahre - etwa 'Secrets' von 1975 -, auch wenn dessen rhythmische Grundierung eher der Disco und dem Funk zuzuordnen war. Jeff Mills, der als DJ über ein profundes Jazz-Wissen verfügt, hat offensichtlich mit den Tracks auf 'The Love Pretender' eine Kurskorrektur vorgenommen, die die Musik von Spinal Deluxe eben in die Nähe der oft instrumentalen Hancock-Schule sucht. Allerdings bereichert um hypnotische, deepe Bässe." Einen Einblick bietet dieser Trailer:



Weitere Artikel: In James Mangolds Bob-Dylan-Biopic "Like a Complete Unknown" (unsere Kritik) wird der Veranstalter Alan Lomax sehr zu Unrecht als Dylan-Antipode in der Frage um die Rolle der Rockmusik dargestellt, findet Risto Lenz in "Bilder und Zeiten" der FAZ, ganz "im Gegenteil: Er sah diesen als Transformationsprodukt diverser traditioneller Stile an". Leonie C. Wagner porträtiert in der NZZ die französische Popmusikerin Zaho de Sagazan, deren ersten Auftritt in Zürich Yann Cherix im Tagesanzeiger bespricht. Die NMZ hat Burkhard Schäfers Gespräch aus dem Jahr 2011 mit der eben verstorbenen Komponistin Sofia Gubaidulina wieder online gestellt (hier Gregor Dotzauers Nachruf im Tagesspiegel, dort unser Resümee der ersten Nachrufe gestern). Lars Fleischmann setzt in der taz den teuren Vinylpreisen die Vorzüge der CD entgegen, um die sich ebenfalls ein kleines Revival abzeichnet: "Die Preise sind im Keller", es gibt "Jahrhundertwerke für den Preis eines halben Pfunds Butter".

Besprochen werden ein von Jakob Hrůša dirigiertes Konzert der Berliner Philharmoniker (Tsp), ein neues Album der österreichischen Band Garish (Standard), ein Auftritt von K.I.Z. in Berlin (BLZ), Lenny Kravitz' Konzert in Berlin (BLZ), ein Konzert der HR-Sinfonieorchesters (FR) und das Debütalbum "Fantasie" der Pianistin Jeneba Kanneh-Mason (FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.03.2025 - Musik

Die 1931 in der Sowjetunion geborene, 1992 nach Deutschland ausgewanderte Komponistin Sofia Gubaidulina ist tot. Die Musikkritiker würdigen eine große Eigensinnige und Neugierige der Musikgeschichte. "Die unermüdliche Neugier und Gubaidulinas feines Gespür für klangliche Experimente jenseits der etablierten Hörerfahrungen lassen sich unter anderem an ihrer Vorliebe für ungewöhnliche Instrumentenkombinationen ablesen", schreibt Marcus Stäbler in der NZZ.

Vor allem aber war Gubaidulina eine religiöse Mysterikerin, wie Reinhard J. Brembeck in der SZ schreibt: Sie "transformierte in ihrer Musik das Religiöse immer in einen Musikwundergarten, in dem sie alle seit der Romantik erdachten Klangmöglichkeiten kunstvoll und unverkennbar einpflanzte: Romantisches und Meditatives, Apokalyptisches und Impressionistisches, Zärtliches und Scharfrichtermäßiges. Gubaidulina kannte und nutzte das alles, um ihre Musikwelt zu errichten, die genauso reichhaltig und divers wie die reale Welt der Menschen sein sollte, was ihr immer auch gelang. Dabei ging es ihr wesentlich darum, mit Klängen, Melodien und Rhythmen die Menschenseelen und ihre Ängste, Träume, Lüste zu erforschen und zu dokumentieren. So wirken ihre Stücke nicht wie Artefakte, sondern wie lebende Organismen."



"Die Gegenwart erreichte Gubaidulina mit ihrer Musik vor allem, weil sie aus Symbol- und Verweiszusammenhängen schöpfte, die älter und größer sind als das Ich", hält Jan Brachmann in der FAZ fest. Aber "in ihren Werken, die häufig atonalen und strengen Materialplänen gehorchen, werden keine wohligen Archaismen mit reinen Dreiklängen als Existenzberuhigungspillen verteilt. Ein spätes, schockierendes Orchesterwerk trägt gar den Titel 'Der Zorn Gottes'. Vorweggenommene Erlösung ist diese Musik nicht, nur Sehnsucht danach - aus der Erfahrung von Schmähung, Schändung und Schuld."

Vor dem "reinigenden Klangdonnerwetter" im "Zorn Gottes" geht auch Welt-Kritiker Manuel Brug auf die Knie: Dieses Werk "machte seinem Namen mit reinigendem Jericho-Bläserdonner von allein vier Wagnertuben und zwei Basstuben, vehementen Streicherfuriosi und gleißenden Dies-Irae-Kaskaden alle Ehre. Diese domestizierte Aggression, gestisch, kontrapunktisch, vielschichtig, raffiniert, leuchtend, zivilisatorisch enthemmt, sie tat so gut! Marschtrommel und großer Gong ließen als tönende Apotheose den thronenden Christus des Jüngsten Tags erscheinen."



Weitere Artikel: Reinhard J. Brembeck erzählt in der SZ von seiner Begegnung mit dem US-Komponisten John Adams. Lorina Speder erklärt in der taz den Reiz der Sängerin Umm Kulthum, deren 50. Todestag Ägypten in diesem Jahr gedenkt. König Charles III. zielt mit seiner eben auf Apple Music veröffentlichten Playlist eher nicht auf Distinktionsgewinn und Coolness, glaubt Marion Löhndorf in der NZZ: Stattdessen wirkt die Zusammenstellung "wie ein diplomatisch fein abgewogenes Musiksortiment". Außerdem meldet der Standard, dass es eine neue Rekonstruktion von Mozarts Antlitz gibt, aber "ob diese nun Mozart tatsächlich entspricht, muss offen bleiben".

Besprochen werden das neue Album von Lady Gaga (NZZ, mehr dazu hier), das neue Album von Grup Şimşek ("Ein Unbehagen bleibt", findet tazler Julian Weber, den die eine oder andere Zeile an einschlägige Parolen der Palästina-Solidarität erinnert), ein von Adam Fischer dirigiertes Konzert der Wiener Symphoniker mit der Sopranistin Camilla Nylund (Standard), Eddie Chacons "Lay Low" (FR) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Solo-Album von Punklegende Bob Mould ("die Texte sind düster, die Melodien strahlend hell", findet Simon Brauer im Tagesspiegel).

Stichwörter: Gubaidulina, Sofia

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.03.2025 - Musik

Hartmut Welscher hat für VAN das ungeheure Hin und Her recherchiert, das mit dem krachend gescheiterten RBB-Bauvorhaben eines Digitalen Medienhauses für das Deutsche Symphonieorchester einherging. Dessen Probeort musste dem neuen Gebäude nämlich weichen. Schlecht beraten war allerdings die vorschnelle Entscheidung, den Klangkörper für teures Geld ins seit Jahren leerstehende ICC Berlin zu verfrachten, wo es schlechterdings kaum Perspektive gab. "Statt eine mittlere einstellige Millionensumme in Umbau und Unterhalt eines Ausweichquartiers ohne Zukunft zu investieren, hätte man gleich einen Ort ertüchtigen können, der dem Orchester eine längerfristige Perspektive bietet. In das Sendezentrum konnte man auch nicht zurück: Der Bau des Medienhauses war zwar inzwischen gestoppt, der Fricsay-Saal aber bereits entkernt worden. Also musste ein Ausweichquartier vom Ausweichquartier her. ... Innerhalb von drei Jahren wurden somit für mindestens 2,6 Millionen Euro zwei Ausweichquartiere für das DSO ertüchtigt und mindestens dieselbe Summe für Miet- und Betriebskosten gezahlt - wegen eines Medienhauses, das nie gebaut wurde."

Die Geigerin Lisa Batiashvili verrät Hartmut Welscher im VAN-Gespräch ihre Gründe dafür, warum sie zwar seit vielen Jahren nicht mehr in Russland auftritt, aber - anders als etwa ihr Kollege Christian Tetzlaff (unser Resümee) - weiterhin in den USA spielen wird. "Ich bewundere jeden Menschen, der die Entscheidung trifft, für eine Idee auf seine Konzerte zu verzichten. Aber für mich persönlich ist ein Boykott keine Lösung. Ich würde auch gerne einen Unterschied machen zwischen Russland und den USA. Russland musste mehrere Kriege führen, bis einige Künstler sagten, dass sie dort nicht mehr auftreten. In den USA gibt es jetzt einen fatalen Politikwechsel, aber es gibt sehr viele Menschen, die dagegen protestieren, und sie haben immer noch das Recht dazu, anders als in Russland - wir wissen, was mit den Oppositionellen dort passiert. Ich möchte dieses Land auch deshalb nicht boykottieren, weil ich daran glaube, dass es sich wiederfinden kann. Ich bin der Meinung, dass man nicht alles aufgeben darf, weil man dadurch den Raum dem Extremismus überlässt. Es gilt jetzt, dranzubleiben."

Weitere Artikel: Backstage Classical meldet, dass die Salzburger Festspiele und Markus Hinterhäuser mit ihrer Klage gegen das Magazin gescheitert sind. Christian Wildhagen blickt für die NZZ aufs Programm der letzten Ausgabe des Lucerne Festivals unter dessen scheidenden Leiter Michael Haefliger. Michael Stallknecht porträtiert in der NZZ die Cellistin Estelle Revaz, die seit 2023 im Schweizer Nationalrat sitzt. Die Jungle World lässt weiter über Punk diskutieren: Für Tobias Brück bildet insbesondere die DIY-Subkultur der Bewegung quasi das Pendant zum neoliberalen Zeitgeist der Thatcher-Jahre. Lotte Thaler erinnert sich in VAN an Pierre Boulez in Baden-Baden. Arno Lücker vergleicht für VAN sechs Aufnahmen von Amy Beachs "Trio für Violine, Violoncello und Klavier a-Moll op. 150".

Besprochen werden ein Konzert zu Ehren von Pierre Boulez des WDR Sinfonieorchesters (VAN), ein von Tarmo Peltokoski dirigiertes Berliner Konzert des Orchestre National du Capitole de Toulouse (VAN), ein von Oscar Jockel dirigiertes Konzert in Wien der Camerata Salzburg mit dem Pianisten Mao Fujita (Standard), ein neues Album von Buntspecht (Standard) und Spelllings Album "Portrait of My Heart" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.03.2025 - Musik

Christian Schachingers Kritik im Standard nach zu schließen muss es sich bei "Ghost Palace", dem neuen Album des kanadischen Duos Burning Hell, um das am meisten vollgestellte Album aller Zeiten handeln - und das "macht großen Spaß". Sänger Mathias Kom etwa ist "populärwissenschaftlich zwischen Kosmologie, Cultural Studies, Jean Baudrillard, Hipstertum in Theorie und Praxis, Klimawandel und Hip-Hop-Klassik von Public Enemy bestens eingelesen. ... Mit brummigem Bariton und einer musikalischen Mischung aus klassischem, manchmal gar punkigem Indierock, Klischee-Country, Arabesken auf dem Banjo, nachdenklicher Klarinette, Postkarten-Reggae, Dire Straits und 'Sultans of Swing', Broadway-Musical, Ukulelen-Ballade, einem Gitarrensolo auf dem Eierschneider und pupsendem Kinderorgel-Pop sowie fröhlichem Backgroundchor ist in der Hölle ganz schön etwas los. Textlich singt Mathias Kom von allen Dingen, die uns schon im Leben höllisch auf die Nerven gehen. Die Olympischen Sommerspiele in Paris, Ed Sheeran, die Red Hot Chili Peppers, Morrissey, der Eiffelturm in Las Vegas, überhaupt Architektursünden, Mikroplastik im Wasser, 'The Final Countdown' von Europe, Sand in den Socken, überhaupt der ganze Planet. O Gott!!!"



Weitere Artikel: Steffen Rüth spricht für die FR mit Tocotronic über deren neues Album "Golden Years". Das Klassikkonzert - im Zuge der Coronakrise bereits zum Auslaufmodell erklärt - ist laut neuesten Branchenanalysen wieder voll im Spiel: "Die deutschen Orchester spielen inzwischen mehr große Livekonzerte als vor Corona", schreibt Michael Stallknecht in der SZ, und das im übrigen obwohl sich im gleichen Zeitraum "die Zahl der Streamingaktivitäten von Opernhäusern und Orchestern deutlich erhöht hat". Stephanie Grimm plaudert für die taz mit Jamie XX über dessen neues Album. König Charles III. hat zum Commonwealth-Tag für Apple eine Playlist mit Popmusik aus zwar nicht allen, aber vielen Staaten des Commonwealth zusammengestellt - und zwar eine "überraschend diverse Sammlung, die immer wieder recht souverän an den naheliegendsten Songs vorüberschlendert und also ein wenig niedrigschwelliger Pop-Kultur-Frontalunterricht wird", wie Jakob Biazza in der SZ kommentiert. Jens F. Laurson (Presse) und Christoph Irrgeher (Standard) resümieren ein von Andris Nelsons dirgiertes Konzert in Wien des Gewandhausorchesters Leipzig. Für Zeit Online porträtiert Tobi Müller die Londoner Jazzmusikerin Nubya Garcia.