Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 20.01.2026 - Aktualne

František Drtikol: Composition, 1929


Avantgarde-Fotograf, Dandy, spiritueller Guru und Kommunist - Petra Smítalová erinnert an den tschechischen Fotografen František Drtikol und dessen gegensatzreiches Leben. Drtikol studierte Anfang des 20. Jahrhunderts in München Kunstfotografie und eröffnete später in Prag ein eigenes Atelier, wobei er Wert darauf legte, kein bloßer Porträtist, sondern ein Künstlerfotograf zu sein. "Durchdachte Kompositionen, der Umgang mit Licht, ausdrucksstarke Gesten, Mimik - all das machte seine Fotografien einzigartig", so Smítalová. Bald gingen bei ihm Minister, berühmte Künstler und Präsidenten ein und aus. Einen Hauptteil seines Schaffens stellte die Aktfotografie dar, "vor allem weibliche Akte, die für die damalige Zeit sehr gewagt waren. 'Bei Drtikol entwickelt sich die Frau vom jungfräulichen Symbol der Reinheit über die fatale Salome, den sexuellen Dämon, der Männer zerstört, bis hin zur mythischen Mutter Erde'", wie die Kunsthistorikerin Anna Fárová schrieb. Ende der Zwanzigerjahre hatte Drtikol weltweiten Ruhm erreicht, wenn auch einige seiner Akte lange als anstößig galten - "in Japan beispielsweise gab es aufgrund prüder Gesetze Probleme mit einer Ausstellung, und Chicago schickte eine Bildersammlung sogar am Vorabend der Eröffnung zurück - angeblich war die Schambehaarung des Modells zu üppig." Trotz seines Ruhms hatte Drtikol auch immer wieder mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Nachdem er sich schon früh intensiv mit religiösen Systemen beschäftigt hatte - mit dem Christentum, aber auch mit dem Buddhismus und anderen östlichen Lehren, mit Okkultismus und Spiritismus -, verkaufte er 1935 sein Atelier, wandte sich der Meditation und der Malerei zu und leitete als eine Art Yogi Seminare. "Er lehrte verschiedene spirituelle Lehren, hielt sich jedoch an keine davon strikt, sondern wählte sich aus jeder etwas aus. Sein Ansatz war relativ unorthodox", wie Smítalová zusammenfasst. Trotz alledem wurde Drtikol 1945 auch Mitglied der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei. "Ironischerweises war es jedoch gerade die sozialistische Zukunft, die seine Kunst als bourgeois-dekadent in Vergessenheit geraten ließ." Heute werden seine Fotografien bei Christie's oder Sotheby's für Zehntausende von Dollar versteigert.

Magazinrundschau vom 13.01.2026 - Aktualne

Anlässlich des 85. Geburtstags von Joan Baez erinnert Aktuálně an die langjährige Freundschaft der Sängerin mit Václav Havel. Baez habe schon früh die Ereignisse in der damaligen Tschechoslowakei verfolgt und bereits 1976 gegen die Verfolgung von Mitgliedern der Gruppe "Plastic People Of The Universe" protestiert. Aufsehenerregend war dann ihr Auftritt im Juni 1989 auf einem Musikfestival in Bratislava, wo Baez unter tosendem Applaus ein Lied für die Charta 77 sang und von der Bühne aus den damaligen Dissidenten Václav Havel grüßte. Als sie dann auch noch den regimekritischen Liedermacher Ivan Hoffman auf die Bühne lud, drehten die Veranstalter ihr das Mikrofon ab. Aber sie sang einfach weiter, "dass einem ein Schauer über den Rücken lief, sang akustisch ohne Verstärker ein Lied in dieser riesigen Halle, die totenstill war", wie sich Havel später erinnerte. Da Havel damals von der Geheimpolizei verfolgt wurde, ließ Joan Baez ihn anschließend als "Roadie" ihre Gitarre tragen, damit er nicht verhaftet wurde.

Magazinrundschau vom 09.12.2025 - Aktualne

Martin Pleštil beschäftigt sich mit dem tschechoslowakischen, heute in Vergessenheit geratenen Musical "Hvězda padá vzhůru" (Ein Stern fällt nach oben) von 1974, in dem Karel Gott seine erste Hauptrolle spielte, und sieht darin ein Paradebeispiel, wie die Ideologie der damaligen kommunistischen 'Normalisierung' den Publikumshunger nach Musicalunterhaltung westlichen Typs auf ihre eigene Weise zu stillen versuchte. Auffällig findet er die paradoxe Rolle, die Karel Gott mit der Hauptfigur des Musicals einnahm: "Gott, obwohl ein nationaler Superstar, hatte sich immer an ausländischen Vorbildern orientiert, bei ihnen Inspiration gesucht und strebte nach internationalem Ruhm. 1971 dachte er sogar über die Emigration nach und kehrte nach einem Auslandsaufenthalt nicht in die Tschechoslowakei zurück. Nach einer Auseinandersetzung mit Präsident Husák kehrte er schließlich ohne größere Konsequenzen zurück - was dem Bemühen entsprach, dem Ruf der kommunistischen Populärunterhaltung und des 'Nationalheiligtums' nicht zu schaden." Seine Filmrolle in jenem Musical nun könne man als symbolische Ohrfeige der damaligen Regierung und vor allem als Schlag gegen Gotts persönliche Motive interpretieren: "Die Geschichte dreht sich nämlich um den Handwerker Švanda, der nebenher ein leidenschaftlicher Sänger ist. Seine Beliebtheit im Inland genügt ihm jedoch nicht, und so geht er ins Ausland, wo er in die Falle der kapitalistischen Welt tappt. Nach seiner Rückkehr hat er seine Lektion gelernt, das Singen für seine Mitmenschen ist ihm jetzt viel wichtiger als der Wunsch nach unsterblichem internationalem Ruhm." Dies habe völlig Gotts beruflicher Philosophie widersprochen, habe der Sänger doch immer fremde Kulturen bewundert und ins Ausland gestrebt, so Pleštil. Um diese Selbstverleugnung sei er jedoch nicht herumgekommen, und die "Läuterung" des Sängers habe dann in der Unterzeichung der sogenannten Anticharta gegipfelt. "Aus heutiger Sicht überdecken die unfreiwillig bizarren Momente des Films die ansonsten einfallsreiche Inszenierung Rychmans und sein Gespür für Choregrafie" - Pleštil bekennt hier ein gewisses guilty pleasure - "auch wenn der Gesamteindruck durch die Prämisse und die bewusst hässliche Umgebung der sündigen Großstadt getrübt wird."

Stichwörter: Tschechoslowakei, Gott, Karel

Magazinrundschau vom 18.11.2025 - Aktualne

ČSD-Baureihe 556.0 vor einem Korridorgüterzug Liberec-Varnsdorf bei der Durchfahrt durch Hainewalde (1972). Foto: Rainerhaufe - Eigenes Werk, unter CC BY-SA 4.0-Lizenz


Jan Sutnar widmet sich in einem Artikel der tschechoslowakischen Eisenbahn zu Zeiten des Kommunismus. Die Bahnpolitik sei so absurd gewesen wie die ganze Zeit: Einerseits wurde nicht mehr in den Schienenverkehr investiert, andererseits brauchte man die Züge dringend, "um Kohle zu den Kraftwerken, Erz zu den Schmelzhütten und Genossen aus befreundeten Ländern zu offiziellen Besuchen zu transportieren". Schließlich war innerstaatlicher LKW-Verkehr praktisch inexistent und die Bahn das wichtigste Gütertransportmittel. Im Zuge der allgemeinen Fehlwirtschaft war "eine der verrücktesten Sparideen die sogenannte Schwerlastbewegung. Dabei zogen Lokomotiven ein Vielfaches der eigentlich zulässigen Lasten, um den Einsatz weiterer Maschinen zu ersparen. Und tatsächlich schafften es die legendären ČSD-Dampfloks mit Stoker-Feuerung, einen über viertausend Tonnen schweren Zug im Alleingang zu ziehen - was sogleich begeistert von der Propaganda verwertet wurde (…) Das Problem war nur, dass die langsam fahrende Fracht nirgendwo anhalten durfte, da sie sich sonst nicht wieder fortbewegen konnte - weshalb der gesamte übrige Verkehr, einschließlich des Personenverkehrs, auf der betreffenden Strecke zum Erliegen kam." Nachdem Präsident Zápotocký den Bahnmitarbeitern 1952 auch noch ihr Unkündigbarkeit entzog, verlor der Beruf schnell an Prestige, was einen gravierenden Personalmangel zu Folge hatte. "Das Problem wurde duch Überstunden behoben. Allerdings in einem Ausmaß, das wir uns bei der heutigen Bahn kaum noch vorstellen können. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein Mitarbeiter im Betrieb drei Schichten, also 36 Stunden am Stück, arbeitete." Die Kellner im Speisewagen hätten es dabei am besten gehabt, die kamen beim Grenzverkehr mit ausländischen Fahrgästen an begehrtes Devisen-Trinkgeld."

Magazinrundschau vom 08.07.2025 - Aktualne

Szene aus Jaroslav Papoušeks "Ecce Homo Homolka"


Auf dem gerade stattfindenden Filmfestival von Karlovy Vary wird auch ein tschechischer Filmklassiker in digitaler Restaurierung neu präsentiert: Jaroslav Papoušeks "Ecce Homo Homolka" von 1969, das tragikomische bis sarkastische Porträt einer kleinbürgerlichen Familie an einem langweiligen Sonntag. Der Film sei in Tschechien ungebrochen beliebt, erzählt Filmkritiker Martin Šrajer, vielleicht weil sich jeder in ihm wiedererkenne. "Er entstand zwar Ende der Sechziger, kam aber treffenderweise erst im März 1970 in die Kinos, in der Zeit der Normalisierung, der 'Wiederherstellung der Ordnung', als die Menschen sich aus dem öffentlichen Raum in die Privatsphäre ihrer Wohnungen und Wochenendhäuschen zurückzogen. Von den großen politischen Versprechungen zurück zu den kleinen Alltagsfrustrationen. Mit seiner ungeschminkten, veristischen Poetik, die zuvor auch die Werke von Miloš Forman und Ivan Passer prägte, mit denen Papoušek eng zusammenarbeitete, stellt der Film auch einen letzten Nachhall der Tschechoslowakischen Neuen Welle dar." (Übrigens spielen auch Miloš Formans Söhne in dem Film mit.) Im Vergleich zu seinen Kollegen ist Papoušeks Stil jedoch weniger "filmisch", sondern improvisierter, noch lebensnaher, bis an die Grenze des Dokumentarischen, so Šrajer. "Papoušek interessiert sich für nichts als den Mikrokosmos eines Haushalts, seine Rituale und Marotten." Dabei ist das Besondere von Papoušeks Blick, dass er sich einerseits über seine bodenständigen Figuren, die ewig streitenden Homolkas, lustig macht und sie andererseits ernst nimmt - in ihrer Kleinlichkeit, ihrem Stursinn und ihrem Hedonismus. "'Ecce Homo Homolka' ist ein Film, der niemals altert, weil wir als Gesellschaft nicht über ihn hinausgewachsen sind", meint Martin Šrajer.

Hier der Trailer

Magazinrundschau vom 24.06.2025 - Aktualne

Im Thomas-Mann-Jubiläumsjahr erinnert Aktuálně daran, dass das ostböhmische Dorf Proseč Thomas Mann mit der Gewährung des Heimatrechts die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft ermöglichte und ihn damit vor der Zwangsauslieferung an Nazideutschland bewahrte. Thomas Mann war zu der Zeit in der Schweizer Emigration, doch "weder die Schweiz noch Österreich wagten, aus Angst vor dem mächtigen Nachbarn, ihm zu helfen". Daraufhin bot der Bürgermeister von Proseč Jan Herynek unter Vermittlung des Textilkaufmanns Rudolf Fleischmann Thomas Mann 1936 die Einbürgerung vor. Mann schilderte später, wie er die tschechischen Eidesworte nachsprach, ohne sie zu verstehen. Auch Heinrich Mann erhielt das Prosečer Heimatrecht, "nachdem er es zuvor erfolglos in Liberec/Reichenberg beantragt hatte, wo zu dieser Zeit aber schon die Henlein-Anhänger das Sagen hatten". Während des nationalsozialistischen Protektorats "wurde Bürgermeister Herynek dann achtmal brutal von der Pardubicer Gestapo verhört (…) Die Dokumente zur Erteilung des Heimatrechts an den berühmten Schriftsteller hatte der Bürgermeister jedoch gleich nach der Besetzung der Tschechoslowakei weitsichtig vernichten lassen." Mithelfer Rudolf Fleischmann konnte unter dramatischen Umständen nach England fliehen und wurde von den Nationalsozialisten in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Der spätere Dissident und Politiker Petr Pithart sieht in dem Engagement des Dorfes ein Beispiel, "dass man nicht nur von Parlamenten und Generalstabsgebäuden aus, sondern auch vom Rathaus einer kleinen Ortschaft mitten ins Weltgeschehen eingreifen kann".

Magazinrundschau vom 15.04.2025 - Aktualne

Petra Smítalová erinnert an den tschechischen Maler und Schriftsteller Josef Čapek, der vor achtzig Jahren im KZ Bergen-Belsen starb. Čapek gilt als einer der Begründer der modernen Kunst in der damaligen Tschechoslowakei. Vom Kubismus inspiriert, entwickelte er seinen eigenen Stil, der Verspieltheit und Minimalismus vereinte, er schrieb jedoch auch zahlreiche Bücher, arbeitete als Journalist, Dramatiker, Bühnenbildner und beschäftigte sich mit Kunstkritik und -theorie. Dabei arbeitete er eng mit seinem jüngeren Bruder, dem berühmten Schriftsteller und Dramatiker Karel Čapek, zusammen. Josef habe auch den Begriff "Roboter" erfunden, den sein Bruder Karel erstmals in seinem Theaterstück R.U.R. verwendete und der seither zum Allgemeingut gehört. In den 1930er-Jahren zeichnete Josef Čapek politische Karikaturen, in denen er Hitler und den Nazismus kritisierte, was ihn nach der Besetzung der Tschechoslowakei ins Visier der Gestapo brachte. Nach einer Verhaftungsaktion gegen die tschechische Intelligenz wurde er nach und nach in verschiedene Konzentrationslager deportiert, darunter Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen und schließlich Bergen-Belsen. Trotz der unmenschlichen Bedingungen habe Čapek sich seinen kreativen Geist bewahrt, schreibt Smítalová. Er verfasste in den Lagern heimlich Gedichte und übersetzte Lyrik aus dem Englischen, Spanischen und Norwegischen. Seine Gedichte kursierten in Kopien unter den Mithäftlingen und wurden später unter dem Titel "Gedichte aus dem Konzentrationslager" veröffentlicht. Nur wenige Tage vor der Befreiung des KZ Bergen-Belsen im April 1945 starb Čapek dort an Typhus. Seine Leiche wurde nie gefunden. "Josef Čapek hat die tschechische Kultur nicht nur mit seiner Kunst, sondern auch mit seiner moralischen Haltung gegenüber totalitären Regimen tief geprägt. Sein Werk wird wegen seiner Originalität und seiner humanistischen Dimension bis heute geschätzt", meint Petra Smítalová.

Magazinrundschau vom 25.02.2025 - Aktualne

Petr Zidek bespricht die (auch auf Englisch erschienene) Monografie des slowakischen Historikers Michal Kšiňan über den slowakischen Abenteurer und Mitbegründer der Tschechoslowakei Milan Rastislav Štefánik. Štefánik, der nach einer Fernsehumfrage aus dem Jahr 2019 als "größter Slowake" gilt, erweist sich auch in der historischen Analyse als eine Figur wie aus einem Jules-Verne-Roman, die alle Normen gesprengt habe, meint Kšiňan. "Seine Expeditionen machten ihn zu einem der meistgereisten Europäer seiner Zeit. Neben vielen europäischen Ländern besuchte er Tahiti, Neuseeland, das heutige Turkmenistan, Algerien und Tunesien, Brasilien, Ecuador, Russland, die Vereinigten Staaten, Fidschi und Panama. Er war der erste Tschechoslowake, der 1905 den Mont Blanc bestieg. Dabei schleppte er für das Observatorium, an dem er arbeitete, schwere Teleskopteile auf den Gipfel. In den Folgejahren bestieg er Europas höchsten Berg weitere fünf Male und verbrachte unglaubliche 46 Tage auf dem Gipfel - obwohl er unter schweren gesundheitlichen Problemen litt." Als Erfinder habe er nicht nur astronomische Instrumente verbessert, sondern "ließ sich zum Beispiel auch eine selbsttätige Straßenbahnweiche, einen neuartigen Schnallentyp und eine Vorrichtung patentieren, mit der man gleichzeitig fotografieren und Bilder projizieren konnte." Im Jahr 1912 nahm er die französische Staatsbürgerschaft an, und während des Ersten Weltkriegs agierte er zugleich als französischer Offizier und als politischer Vertreter des tschechoslowakischen Auslandswiderstands. Nachdem Štefánik im Dezember 1915 Edvard Beneš kennengelernt hatte, stellte er sich in den Dienst der antiösterreichischen Bewegung. Vor allem als Türöffner sei er von unschätzbarem Wert, so Rezensent Zidek, denn im Februar 1916 habe er Masaryks erste Audienz beim französischen Premierminister Aristide Briand arrangiert. Ein Brief Štefániks an Masaryk, "in dem er gegen ein republikanisches Modell (er selbst wollte eine Monarchie mit einem Monarchen aus der italienischen Dynastie an der Spitze) und sogar gegen das Frauenwahlrecht protestiert, lässt jedoch darauf schließen, dass er konservativer war als die beiden anderen Gründerväter [Masaryk und Beneš] der Tschechoslowakei", so das Fazit von Petr Jidek. Wäre Štefánik 1919 nicht bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen (was seinen Mythos als moderner Held erst richtig begründete), "wäre die Geschichte des Staates, den er mit aus der Taufe gehoben hatte, wahrscheinlich anders verlaufen. Doch die Frage ist, ob er dann für die Slowaken der unbestrittene Universalheld sein würde, als der er heute gilt."

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - Aktualne

Aleš Palán berichtet über neu entdeckte Tagebücher des tschechischen Künstlers und Schriftstellers Jiří Kolář aus den Jahren 1957-1958. Über die politisch schwierigen Zeiten lasse sich Kolář darin weniger aus, doch zeige er sich als rastlos Kulturbesessener und schildere viele Begegnungen mit Gleichgesinnten: "Er hat sich regelrecht von der Kultur ernährt", schreibt Palán, und "seiner Wahrnehmungsfähigkeit scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein (…) Wie ausgetrockneter Boden saugt er Unmengen von Lektüre, Musik und Kunstwerken auf, und er diskutiert unermüdlich, wo es möglich ist, etwa an seinem berühmten Tisch im Prager Café Slavia. (…) Es ist, als gäbe es kein Privatleben, als würde die Kultur an sich das Dasein rechtfertigen." In Kolářs Tagebüchern tauchen auch viele andere Autoren auf, die später berühmt wurden, etwa Václav Havel, Josef Škvorecký und Bohumil Hrabal. "Sie präsentieren sich dem Leser hier am Anfang ihrer Laufbahn, voller Feuer, mit dem sie die Begrenzungen der Zeit durchbrechen oder dies zumindest beharrlich versuchen." Kolář, der 1942 die Avantgarde-Gruppe Skupina 42 mitbegründete, ist im Westen heute vor allem als bildender Künstler mit seinen stilprägenden Collagewerken bekannt, dabei wurde er unter den Kommunisten als Lyriker, wegen seines Gedichtbands "Prometheova játra" (Die Leber des Prometheus) inhaftiert, der als politisches Pamphlet betrachtet wurde. Kolář gehörte später zu den Unterzeichnern der Charta 77 und emigrierte 1979 nach Berlin, dann auf Einladung des Centre Pompidou nach Paris. Wer einen Eindruck davon gewinnen will, "wie Kolář mit Reproduktionen großer Kunstwerke der Vergangenheit arbeitete und ihnen einen neuen Kontext verlieh", dem empfiehlt Aleš Palán die aktuelle Kolář-Ausstellung "Voilà la femme", die noch bis zum 26. Januar nächsten Jahres im Prager Messepalast Veletržní palác läuft.

Magazinrundschau vom 03.09.2024 - Aktualne

In Prag starb dieser Tage die tschechische Schriftstellerin und Literaturtheroretikerin Daniela Hodrová, Trägerin des Staatspreises für Literatur, des Magnesia Litera und des Franz-Kafka-Preises, wie Aktuálně berichtet. Zur Zeit der kommunistischen Normalisierung kursierten ihre Texte nur im Samizdat, und es dauerte zwei Jahrzehnte, bis sie den Lesern auf offiziellem Wege zugänglich wurde. "Es war einfach ein Fakt, ich habe es nicht als Unrecht empfunden. Dieses Gefühl ist mir fremd. Das Schreiben war per se wesentlich und lebensnotwendig', soll Hodrová gesagt haben. Die Autorin, die als anspruchsvoll gilt und nie für ein Massenpublikum geschrieben hat, wurde früh als postmodern bezeichnet, da die Struktur vor der Handlung in den Vordergrund trete, außerdem Mythen eine wichtige Rolle bei ihr spielten. Dennoch seien ihre Texte eng mit Prag, genauer gesagt dem Gebiet zwischen Vinohrady und Žižkov verknüpft. "Das Sterben war für sie ein zentrales Thema", schreibt Aktuálně: "In ihren Texten treffen sich die Lebenden mit den Toten ebenso wie das Reale mit dem Möglichen, während die Vergangenheit hartnäckig an den Menschen und Orten der Gegenwart haftet."