Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 25.02.2025 - Aktualne

Petr Zidek bespricht die (auch auf Englisch erschienene) Monografie des slowakischen Historikers Michal Kšiňan über den slowakischen Abenteurer und Mitbegründer der Tschechoslowakei Milan Rastislav Štefánik. Štefánik, der nach einer Fernsehumfrage aus dem Jahr 2019 als "größter Slowake" gilt, erweist sich auch in der historischen Analyse als eine Figur wie aus einem Jules-Verne-Roman, die alle Normen gesprengt habe, meint Kšiňan. "Seine Expeditionen machten ihn zu einem der meistgereisten Europäer seiner Zeit. Neben vielen europäischen Ländern besuchte er Tahiti, Neuseeland, das heutige Turkmenistan, Algerien und Tunesien, Brasilien, Ecuador, Russland, die Vereinigten Staaten, Fidschi und Panama. Er war der erste Tschechoslowake, der 1905 den Mont Blanc bestieg. Dabei schleppte er für das Observatorium, an dem er arbeitete, schwere Teleskopteile auf den Gipfel. In den Folgejahren bestieg er Europas höchsten Berg weitere fünf Male und verbrachte unglaubliche 46 Tage auf dem Gipfel - obwohl er unter schweren gesundheitlichen Problemen litt." Als Erfinder habe er nicht nur astronomische Instrumente verbessert, sondern "ließ sich zum Beispiel auch eine selbsttätige Straßenbahnweiche, einen neuartigen Schnallentyp und eine Vorrichtung patentieren, mit der man gleichzeitig fotografieren und Bilder projizieren konnte." Im Jahr 1912 nahm er die französische Staatsbürgerschaft an, und während des Ersten Weltkriegs agierte er zugleich als französischer Offizier und als politischer Vertreter des tschechoslowakischen Auslandswiderstands. Nachdem Štefánik im Dezember 1915 Edvard Beneš kennengelernt hatte, stellte er sich in den Dienst der antiösterreichischen Bewegung. Vor allem als Türöffner sei er von unschätzbarem Wert, so Rezensent Zidek, denn im Februar 1916 habe er Masaryks erste Audienz beim französischen Premierminister Aristide Briand arrangiert. Ein Brief Štefániks an Masaryk, "in dem er gegen ein republikanisches Modell (er selbst wollte eine Monarchie mit einem Monarchen aus der italienischen Dynastie an der Spitze) und sogar gegen das Frauenwahlrecht protestiert, lässt jedoch darauf schließen, dass er konservativer war als die beiden anderen Gründerväter [Masaryk und Beneš] der Tschechoslowakei", so das Fazit von Petr Jidek. Wäre Štefánik 1919 nicht bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen (was seinen Mythos als moderner Held erst richtig begründete), "wäre die Geschichte des Staates, den er mit aus der Taufe gehoben hatte, wahrscheinlich anders verlaufen. Doch die Frage ist, ob er dann für die Slowaken der unbestrittene Universalheld sein würde, als der er heute gilt."

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - Aktualne

Aleš Palán berichtet über neu entdeckte Tagebücher des tschechischen Künstlers und Schriftstellers Jiří Kolář aus den Jahren 1957-1958. Über die politisch schwierigen Zeiten lasse sich Kolář darin weniger aus, doch zeige er sich als rastlos Kulturbesessener und schildere viele Begegnungen mit Gleichgesinnten: "Er hat sich regelrecht von der Kultur ernährt", schreibt Palán, und "seiner Wahrnehmungsfähigkeit scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein (…) Wie ausgetrockneter Boden saugt er Unmengen von Lektüre, Musik und Kunstwerken auf, und er diskutiert unermüdlich, wo es möglich ist, etwa an seinem berühmten Tisch im Prager Café Slavia. (…) Es ist, als gäbe es kein Privatleben, als würde die Kultur an sich das Dasein rechtfertigen." In Kolářs Tagebüchern tauchen auch viele andere Autoren auf, die später berühmt wurden, etwa Václav Havel, Josef Škvorecký und Bohumil Hrabal. "Sie präsentieren sich dem Leser hier am Anfang ihrer Laufbahn, voller Feuer, mit dem sie die Begrenzungen der Zeit durchbrechen oder dies zumindest beharrlich versuchen." Kolář, der 1942 die Avantgarde-Gruppe Skupina 42 mitbegründete, ist im Westen heute vor allem als bildender Künstler mit seinen stilprägenden Collagewerken bekannt, dabei wurde er unter den Kommunisten als Lyriker, wegen seines Gedichtbands "Prometheova játra" (Die Leber des Prometheus) inhaftiert, der als politisches Pamphlet betrachtet wurde. Kolář gehörte später zu den Unterzeichnern der Charta 77 und emigrierte 1979 nach Berlin, dann auf Einladung des Centre Pompidou nach Paris. Wer einen Eindruck davon gewinnen will, "wie Kolář mit Reproduktionen großer Kunstwerke der Vergangenheit arbeitete und ihnen einen neuen Kontext verlieh", dem empfiehlt Aleš Palán die aktuelle Kolář-Ausstellung "Voilà la femme", die noch bis zum 26. Januar nächsten Jahres im Prager Messepalast Veletržní palác läuft.

Magazinrundschau vom 03.09.2024 - Aktualne

In Prag starb dieser Tage die tschechische Schriftstellerin und Literaturtheroretikerin Daniela Hodrová, Trägerin des Staatspreises für Literatur, des Magnesia Litera und des Franz-Kafka-Preises, wie Aktuálně berichtet. Zur Zeit der kommunistischen Normalisierung kursierten ihre Texte nur im Samizdat, und es dauerte zwei Jahrzehnte, bis sie den Lesern auf offiziellem Wege zugänglich wurde. "Es war einfach ein Fakt, ich habe es nicht als Unrecht empfunden. Dieses Gefühl ist mir fremd. Das Schreiben war per se wesentlich und lebensnotwendig', soll Hodrová gesagt haben. Die Autorin, die als anspruchsvoll gilt und nie für ein Massenpublikum geschrieben hat, wurde früh als postmodern bezeichnet, da die Struktur vor der Handlung in den Vordergrund trete, außerdem Mythen eine wichtige Rolle bei ihr spielten. Dennoch seien ihre Texte eng mit Prag, genauer gesagt dem Gebiet zwischen Vinohrady und Žižkov verknüpft. "Das Sterben war für sie ein zentrales Thema", schreibt Aktuálně: "In ihren Texten treffen sich die Lebenden mit den Toten ebenso wie das Reale mit dem Möglichen, während die Vergangenheit hartnäckig an den Menschen und Orten der Gegenwart haftet."

Magazinrundschau vom 04.06.2024 - Aktualne

Auf dem diesjährigen Filmfestival Zlín wurde soeben der 1938 geborene tschechische Filmemacher Hynek Bočan für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Bočan, der sowohl als Regisseur als auch als Drehbuchautor zeichnet, war in den produktiven Sechzigerjahren Teil der Tschechoslowakischen Neuen Welle und des Prager Frühlings, verlegte sich dann in schwierigeren Kommunismuszeiten auf Märchenfilme und Fernsehserien. Anfang der Achtzigerjahre zog das Regime die Schrauben wieder einmal enger an, "man durfte kaum noch etwas", wie Bočan laut Aktuálně in Zlín erzählt. "Im Märchenfilm aber durften wir alles, wir durften sogar so etwas Gewagtes sagen wie, dass das Gute siegt und das Böse bestraft werden muss." Aus dieser Zeit stammt auch sein Märchenfilm "Mit dem Teufel ist nicht gut spaßen". Gleichzeitig betont Bočan, wie schwierig es ist, gute Märchenfilme zu drehen, denn Kinder seien unbestechliche Zuschauer. "Wenn die Kinder während des Films anfangen, aufs Klo zu gehen, dann wissen Sie, dass etwas nicht stimmt (…) Wenn sie 90 Minuten lang durchhalten, was für ein kleines Kind viel ist, dann ist die Sache gelungen." Neben einer großartigen Ausstattung und großartigen Schauspielern ist für Bočan auch der Humor unerlässlich - für den die tschechischen Märchenfilme ja überhaupt berühmt sind. Zwischen den nationalen Märchenstoffen hat Bočan große Unterschiede entdeckt: "Deutsche Märchen sind anders, wesentlich drastischer, von russischen gar nicht erst zu sprechen." Auch die Teufelsfiguren fielen sehr unterschiedlich aus. "Die tschechischen Teufel sind eigentlich gerecht, sie bestrafen das Böse, können aber nichts gegen einen redlichen Menschen ausrichten - meist ein Schuster -, der sie am Ende ins Lächerliche zieht."

Magazinrundschau vom 14.05.2024 - Aktualne

In seinem Nachruf auf den Literaturwissenschaftler Peter Demetz, der kürzlich mit 101 Jahren verstarb, würdigt Daniel Konrád den gebürtigen Prager und späteren US-Bürger nicht nur als "renommierten Germanisten und Essayisten, sondern auch als Zeugen des 20. Jahrhunderts". Demetz, dessen jüdische Mutter von den Nazis deportiert wurde und im Konzentrationslager starb, entkam selbst nur knapp der Erschießung. "Vom nordböhmischen Zwangsarbeitslager aus sah er den rot und gelb gefärbten Himmel über dem bombardierten Dresden. Am selben Abend tötete eine von den Allierten auf Prag abgeworfene Bombe seine Protektoratsliebe, die Deutschböhmin Waltraut." Auch noch Ende des Kriegs erlebte Demetz nationalsozialistische Gewalt, aber auch von Tschechen verübte Gewalt an Deutschen. Diese Erfahrungen bewirkten, dass er seine Heimatstadt Prag gleichermaßen "golden und schwarz" sah (so auch der Titel eines seiner Bücher), sie "ebenso liebte wie hasste". Nach der Übernahme der Kommunisten emigrierte Demetz zunächst nach Deutschland, dann in die USA, wo er als Germanistikprofessor lange an der Yale University wirkte. Er "galt als letzte Verbindung zur Welt der Prager deutsch-jüdischen Literatur". Gleichzeitig verwahrte er sich in seinen Aufsätzen und Erinnerungen stets gegen den romantischen Mythos des "magischen, mystischen Prags der Alchemisten" und setzte ihm ein Prag der "Könige, der Hussiten, der Aufklärung, des Kubismus und der Ersten Republik" entgegen. Sein Interesse galt dem vielsprachigen, multiethnischen Prag, das jahrhundertlang von Tschechen, Deutschen, Juden und Italienern bewohnt wurde, "deren Schnittstellen und kulturelles Erbe er in allen Details kannte", so Daniel Konrád. Dass Prag im neuen Jahrtausend auf andere, nämlich slawischere Weise wieder kosmopolitisch wurde, habe Demetz nicht als Tragödie betrachtet. "Nun leben hier Russen, Polen, Ukrainer, Slowaken. Das ist auch eine Chance. So ergeben sich nun mal die Dinge", zitiert Konrád den Verstorbenen.

Magazinrundschau vom 05.03.2024 - Aktualne

Anlässlich des 200. Geburtstags des tschechischen Komponisten Bedřich Smetana unterhält sich Petr Kořínek mit dem Musikwissenschaftler und Pilsner Operndramaturgen Vojtěch Frank über den Menschen Smetana hinter dem Mythos des Nationalkomponisten, dem vor allem mit seinen Werken "Mein Vaterland" und "Die Moldau" immer das typisch Tschechische anhaftete und der nie ganz dieselbe internationale Reichweite erlangte wie Dvořák. Dabei sei Smetanas Schaffen von Anfang an auch von Franz Liszt beeinflusst gewesen, und in Werken wie der symphonischen Dichtung "Hakon Jarl" oder dem Klavierwerk "Am Seegestade" zeigten sich nach seinen in Schweden verbrachten Jahren auch nordische Einflüsse, so Vojtěch Frank. Zwar in tschechischer Familie aufgewachsen, war Smetanas Erziehung in der K.-u.K.-Monarchie deutschsprachig gewesen, sodass er sein Tschechisch erst später perfektioniert habe. Vor allem im Revolutionsjahr 1848 habe er sich dann mit den Gedanken der tschechischen Emanzipationsbewegung identifiziert. Musikalisch habe er Liszts' damals sehr progressiven, modernen Stil auf tschechische Inhalte angewandt. "Wenn wir von dem 'typisch Tschechischen' in Smetanas Musik sprechen", so Frank, "ist dabei interessant, dass er eigentlich nie in irgendeinen banalen Patriotismus abrutschte. (…) Zwar gehen seine Melodien oft von der traditionellen Volksmusik aus, bleiben aber nicht bei einer schlichten Aneignung, sondern transportieren sie auf kunstvolle Weise auf eine höhere Ebene." Nie sei er in Kitsch und Pathos abgeglitten. Wer über die bekannten Orchesterwerke und Opern hinaus etwas von Smetana kennenlernen will, dem legt Vojtěch Frank vor allem Smetanas Kammermusik - seine Streichquartette und das Klaviertrio - ans Herz.

Magazinrundschau vom 17.10.2023 - Aktualne

Es gibt sie doch, die russischen Intellektuellen, die sich zu Wort melden. Anlässlich der Konferenz "Women in War" der Václav-Havel-Bibliothek warb die international ausgezeichnete russische Autorin und Filmemacherin mit tatarischen Wurzeln Gusel Jachina in Prag für die Aufrechterhaltung des Dialogs, wie Aktuálně.cz berichtet. "Der Dialog ist nötig und es gibt einen großen Bedarf", sagt Jachina. "Als ich zum ersten Mal 1995 nach Europa reiste, fragten mich französische Studenten ernsthaft, ob in Moskau wilde Bären lebten. Es kann nicht sein, dass wir so wenig voneinander wissen. Gegenwärtig lässt sich von Europa aus nicht nach Russland hineinsehen, und umgekehrt. Das ist der Nährboden für neue Stereotypen." Die Schriftstellerin, die wechselnd in Moskau und Almaty lebt, verurteilte letztes Jahr gleich zu Beginn öffentlich die russische Invasion in die Ukraine. "Es ist zu früh, heute von Versöhnung zu reden, solange der Konflikt noch andauert, aber für die Kunst ist es nicht zu früh. Die Kunst hat in Kriegszeiten noch mehr Aufgaben als in Friedenszeiten. Außer mit der Verarbeitung aktueller Traumata muss sie sich auch der Frage widmen, was morgen ist", glaubt Jachina. Nach dem russischen Angriff im Februar 2022 habe sie zunächst nicht arbeiten können, das Schreiben habe für sie jeden Sinn verloren. Erst später habe sie begriffen, dass es heute wichtiger denn je sei, den Spuren des Totalitarismus zu folgen. Dass das Gedenken an Josef Stalin in ihrem Land heute freundlicher ausfällt als früher, versucht Jachina sich durch den "Wunsch nach einem Leben in einem großen, respektierten Land und nach sozialer Gerechtigkeit" zu erklären. "Mein Verhältnis zu Stalin ist in meinen Büchern sehr klar. Auch auf einer legislativen Ebene muss er als Verbrecher bezeichnet werden. In den Neunzigerjahren war es ein Fehler, dass die Destalinisierung nicht auf politischer Ebene, sondern nur in der Kunst erfolgte."

Magazinrundschau vom 04.07.2023 - Aktualne

Im Interview mit Dominika Perlínová erklärt sich die amerikanische Historikerin Marci Shore die Passivität der russischen Bevölkerung angesichts des Krieges  mit einem Nihilismus, der sich aus dem Gefühl der Machtlosigkeit speise: "In philosophischer Hinsicht ist es interessant, dass sich die de facto von Russland kolonisierten Ukrainer ihrer Macht bewusst geworden sind, die Russen, die sie kolonialisiert haben, hingegen nicht. Warum verstehen sie sich als passiv und sind folglich nicht imstande, für irgendetwas Verantwortung zu übernehmen? Es wird oft davon gesprochen, dass Putin hervorragend die Demobilisierung der Bevölkerung betrieben habe. Dass die Russen also nicht mit Begeisterung in den Krieg ziehen, aber schlicht das Gefühl haben, allem, was dieser Mensch im Kreml tut, zu folgen.' Auf eine andere Weise begegnet Marci Shore dieser Ohnmacht unter den emigrierten russischen Kriegsgegnern, die besonders verzweifelt seien: "Sie haben das Gefühl, versagt zu haben und dass ihr Versagen unverzeihlich und nicht wiedergutzumachen ist. Es ist ihnen nicht gelungen, das eigene Volk anzusprechen. Das Gefühl der Unfähigkeit und Hoffnungslosigkeit durchdringt die russische Geschichte der letzten zweihundert Jahre. Zwischen der Intelligenzja und den einfachen Menschen besteht überall auf der Welt eine große Kluft, aber in Russland ist sie besonders groß."

Magazinrundschau vom 09.05.2023 - Aktualne

Mit dem Tod der tschechischen Mezzosopranistin Soňa Červená (1925-1923) ist eine große Dame der Opernmusik gegangen, darin sind sich alle Feuilletonisten einig. Die sogenannte "tschechische Carmen" (ihre häufigste Rolle) war 1962 nach Westdeutschland emigriert, sang unter Dirigenten von Kubelík bis Karajan, war mit Callas und Pavarotti befreundet und trat noch in hohem Alter als Sängerin und Schauspielerin auf. "Das Schicksal dieser herausragenden internationalen Sängerin und Schauspielerin bildet für uns das Schicksal der tschechischen Kultur ab, deren Talente so oft im Ausland zur Geltung kamen, weil sie zu Hause nicht genug Freiheit hatten", erklärte Jan Burian, Direktor des Prager Nationaltheaters, in dem Červená erst nach der Samtenen Revolution wieder auftrat, unter anderem unter der Regie von Robert Wilson. "Soňa Červená ist für uns eine Mahnung, wie wichtig es ist, nicht nur das Talent zu besitzen, sondern auch die offene Gesellschaft, in der sie glücklich sein konnte."

Hier singt sie die "Aria i mort de Pirene" aus Manuel de Fallas Oper "Atlantida":

Magazinrundschau vom 21.02.2023 - Aktualne

Tomáš Maca führt ein spannendes Gespräch mit dem Psychiater und Neurowissenschaftler Jiří Horáček, der die menschliche Anfälligkeit für Verschwörungstheorien erforscht. "Der menschliche Geist ist von der sogenannten prädiktiven Kodierung geprägt", so Horáček. "Wir registrieren die Realität um uns nicht so, dass wir sie im Geiste fotografieren, sondern so, dass wir darüber Mutmaßungen anstellen, wie sie in Zukunft aussehen wird, und anschließend überprüfen wir unsere Vorstellungen. Wir vergleichen sie mit dem, was kommt, und falls unsere Vorhersagen nicht zutreffen, müssen wir sie aktualisieren. (…) Es handelt sich um einen uralten Anpassungsmechanismus, den wir von unseren biologischen Vorfahren geerbt haben und der sich nicht unterbinden lässt. Er generiert immer wieder neue Vorhersagen, doch in Zeiten der Unsicherheit, wie wir sie etwa während der Pandemie erlebt haben, passt keine von ihnen." In diese Lücken stoßen dann die vermeintlichen Sicherheiten der Verschwörungstheorien. Hinzu komme die Funktion des Hormons Oxytocin, das für menschliche Bindungen verantwortlich ist und "uns nicht nur in unangenehmen Situationen zu Gruppen zusammenschließt, sondern auch unser kollektives Verhalten synchronisiert". Die durch entsprechende Algorithmen verengten Echokammern der sozialen Medien, in denen der Nutzer nur seine eigene Stimme hört, verstärkten diese Wirkung. Was ursprünglich eine wichtige Überlebensfunktion war, wendet sich in einer global vernetzten Welt gegen uns. Es zeige sich, dass weder Bildung noch Intelligenz dagegen schützten. Gibt es dann überhaupt eine Lösung? Laut Horáček ja: "Als effektive Strategie erweist sich das sogenannte Prebunking, also eine vorausgehende Warnung und Impfung gegen Desinformation. Es geht von der Annahme aus, dass wir, wenn wir die Wirkung von Falschnachrichten vermindern wollen, eine Präventivstrategie entwickeln sollten, die auf denselben Prinzipien beruht, die die Desinformatoren verwenden. Es funktioniert ähnlich wie bei der Impfung gegen eine Infektion, bei der der Patient einen Wirkstoff derselben Infektion, nur in abgeschwächter Form erhält."