
Der Historiker, Schriftsteller und Kritiker
János Kenedi war seit 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter des 2019 geschlossenen 1956er Instituts und bis zu seiner Auflösung im Jahre 2010 war er Vorsitzender der Kommission zur Vorbereitung und Kontrolle eines Gesetzes zur Aufarbeitung der Unterlagen der ungarischen Staatssicherheitsapparate vor 1989 (welches nach dem Regierungswechsel 2010 nicht verabschiedet wurde). Kenedi
spricht mit Paula Marsó u.a. über die
verpasste Chance nach der Wende, eine Aufarbeitung der
Stasi-
Unterlagen nach dem Vorbild der Gauck-Behörde in Deutschland anzustoßen, aber auch über Versäumnisse der die öffentliche Meinung formenden Akteure: "Es wurden freilich schlechte Gesetze verabschiedet, aber die Journalisten haben es versäumt, das System der politischen Polizeiapparate zu analysieren. Es wurden lieber Einzelfälle skandalisiert, obwohl es auch die Möglichkeit gegeben hätte, die gesellschaftliche Selbstkenntnis zu erweitern. (…)
Gauck selbst war nicht nur Initiator der Aufdeckung der Vergangenheit. Er passte in eine institutionelle Tradition. In die Tradition der
Gruppe 47. Diese literarische Gesellschaft machte es sich nach dem Fall des Nazi-Reichs zur Aufgabe, die Bevölkerung demokratisch zu erziehen. Sie fungierte zwischen 1947 und 1967 und setzte ebenfalls eine Tradition fort, nämlich die der 1898 gegründeten spanischen
Generación del 98, die gegen die Geschichtsfälschung mobilisierte. Obwohl die Schriftsteller der Gruppe 47, Heinrich Böll, Günter Grass, Paul Celan, Walter Jens und andere in Ungarn bekannt waren, gab es unter den Meinungsmachern niemanden, der die Umbettung dieser Tradition in Ungarn nach der Wende in Angriff genommen hätte. Das ist ein größeres Versäumnis als das Fehlverhalten der Gesetzgebung."