
Der in Ungarn lebende japanische Unternehmer
Morita Tsuneo beklagt die
postsozialistische Mentalität der ungarischen Konservativen, in die auch die ungarischen Wähler gern zurückfallen. "Der Wirtschaftsboom stockt, weil viele Menschen an dieser alten Mentalität festhalten, die in der freien Marktwirtschaft nicht lebensfähig ist. Tagtäglich müssen wir immer bessere Qualität herstellen, aber diesen Antrieb haben die Ungarn im Sozialismus verloren, viele von ihnen sehnen sich nach ihrem
angenehm faulen Leben in lauwarmem Wasser zurück... Die konservative Oppositionspartei
Fidesz führt einen verbitterten, ideologischen, antikommunistischen Kampf, hält aber gleichzeitig an Strukturen fest, die aus dem Sozialismus geerbt wurden. Von allen ungarischen Parteien ist gerade die
lautstark antikommunistische Fidesz der Partei Lenins und der Bolschewiken am ähnlichsten."
Ungarn leidet an einer "Freiheitsvergiftung", behauptete kürzlich
Gyula Marfi, Erzbischof zu Veszprem: Individuelle
Freiheitsrechte von Frauen würden übertrieben ausgelebt, Singles avancierten zu Kultfiguren der Gesellschaft. Zur Verteidigung der Singles
schreibt Gusztav Megyesi: "Ein scharfer Geist, wie der Erzbischof, sollte seine Kenntnisse über Singles nicht nur aus '
Bridget Jones' beziehen. Ich würde ihm eher die Ergebnisse soziologischer Forschung empfehlen: Die ungarischen Singles sind nämlich überhaupt nicht egoistisch; 85 Prozent finden eine dauerhafte Beziehung ideal, Zweidrittel von ihnen wollen in einer Ehe leben und Kinder haben. Sie sind sozusagen Zwangssingles, weil es mit ihren bisherigen Beziehungen nicht klappte. Es wäre grundsätzlich falsch, eine
Ideologie hinter diesem gesellschaftlichen Phänomen zu vermuten."