Magazinrundschau - Archiv

En attendant Nadeau

21 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 3

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - En attendant Nadeau

Paul Sérusier, Le Taölisman. Reprografie: Musée d'Orsay.


Es gibt doch immer noch Ikonen zu entdecken. Dies kleine Bild, 22 mal 27 Zentimeter, ist so eine. Dem Einfluss dieses Gemäldes von Paul Sérusier ist zur Zeit im Pariser Musée d'Orsay eine kleine Ausstellung gewidmet. Sie handelt von der Schule von Pont-Aven, die eine der Etappen auf dem Weg der Kunst zur Abstraktion bildete. Die Maler nannten sich die "Nabis", die "Propheten" und neigten zu Religiosität und Esoterik. Das Bild galt darin als "Talisman", weil es eine neue Malweise in Farbflächen auslöste. Gilbert Lascault führt in die Ausstellung ein. Träger des Bildes sei eine kleine Holzplatte: "Nach den Erkenntnissen der Kunstwissenschaft gibt es auf der Tafel weder eine Grundierungsschicht noch eine Skizze. Es handelt sich um eine Pochade, schnell und ohne vorherigen Plan hingeworfen, Resultat der direkten Wiedergabe einer 'Wahrnehmung', einer 'sensation reçue', um mit den Worten Maurice Denis' zu sprechen. Diese 'Landschaft des Bois d'Amour (Der Talisman)' wurde von Sérusier unter der Anleitung Gauguins gemalt, der ihm sagte: 'Wie sehen Sie diesen Baum: Ist er sehr grün? Nehmen Sie also Grün, das schönste Grün Ihrer Palette. Und dieser Schatten ist eher blau? Dann fürchten Sie sich nicht davor, ihn in Blau zu malen.' Es ist auch daran zu erinnern, dass die Nabis allesamt den Firnis ablehnten."

Magazinrundschau vom 29.01.2019 - En attendant Nadeau

Marcel Gauchet, sozusagen der Habermas Frankreichs, Vordenker einer gemäßigten Linken, legt nicht von ungefähr ein Buch über Robespierre vor, in dem er wie vor ihm François Furet dem Adepten der Menschenrechte vorwirft, sie verraten zu haben, als er sie mit Terror verwirklichen wollte. Am Konflikt um Robespierre ließe sich die gesamte Geschichte der französischen Linken erzählen, und der Konflikt ist bis heute aktuell wie die Antwort Olivier Tonneaus, eines Verteidigers Robespierres, zeigt. Man muss differenzieren, sagt er: Anders als Gauchet findet er, dass der Terror nichts mit Robespierre zu tun gehabt habe: "Die Kämpfe zwischen den Parlamentariern, die Notwendigkeit , die Gewalt der Bevölkerung zu kanalisieren, Sanktionen zur Durchsetzung von Wirtschaftsregelungen und militärischen Anstrengungen, die Konflikte in der Vendée und im Süden, deren Ausgang über den Ausgang des internationalen Krieges entschieden, lokale Konflikte, Gewalt von Staatsbediensteten und an ihnen waren Faktoren, die sich überlagerten und die kaum in Bezug zur Ideologie der Regierung standen." So kann man Terror auch wegdifferenzieren!

Magazinrundschau vom 11.12.2018 - En attendant Nadeau

Als Dokument der Treue, zu seinen Werten und seinen Freunden, liest Jean-Yves Potel die Memoiren des polnischen Historikers Karol Modzelewski "Nous avons fait galoper l'histoire". 1937 als Sohn kommunistischer Kader in Moskau geboren, gehörte Modzelewski mit Jacek Kuroń zusammen zu Polens führenden Oppositionellen. Sie verfassten den legendären "Offenen Brief an die Partei" (1965), beteiligten sich an den Protesten von 1968, gründeten das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) und die Solidarnosc und wurden dafür immer wieder ins Gefängnis geworfen, insgesamt achteinhalb Jahre: "Karol Modzelewski blieb sein Leben lang ein Rebell, er wollte die Welt verändern, indem er das Wort und die Macht den Menschen des Volkes gab, den Bürgern. Im Angesicht der Diktatur suchte er nach gewaltlosen, demokratischen Wege. Er trug zur Befreiung seines Landes bei. Doch heute, sagt er uns, herrsche Freiheit ohne Brüderlichkeit, und er bedauert dies sehr. Seine Anlysen und seine Kritik an den Nationalkonservativen an der Regierung ist so lebhaft wie klar. Man kann darin die Gewohnheit eines Reiters sehen, der gern der Geschichte die Sporen gibt. Aber mehr noch fasst es seine Überlegung vom Ende dieses großen Buches: 'Im Lichte meiner Erfahrung ist die Revolution entweder unmöglich oder zu kostspielig, auf keinen Fall endet sie so, wie wir es wünschen. Ein Revolutionär darf das nicht wissen. Die Ignoranz verleiht Flügel und erlaubt ihm, das Unmögliche  zu erreichen und die Welt zu verändern. Er wird später enttäuscht sein oder zumindest unbefriedigt über den Wandel, zu dem er beigetragen hat. Aber das ist eine andere Sache."
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Magazinrundschau vom 30.10.2018 - En attendant Nadeau

In Frankreich erscheint in der renommierten Klassikerbibliothek "La Pléiade" endlich eine neue maßgebliche Kafka-Übersetzung, nachdem die erste Übersetzung durch den Autor Alexandre Vialatte über allzuviele Jahre auch aus urheberrechtlichen Gründen unangetastet blieb. Die neue Übersetzung folgt der aktuellen Gesamtausgabe bei Fischer und wurde besorgt von dem Herausgeber Jean-Pierre Lefebvre und einigen KollegInnen. In En attendant Nadeau spricht Tiphaine Samoyault mit Lefebvre und Georges-Arthur Goldschmidt über das Übersetzen von Kafka. Goldschmidt, der an der Ausgabe nicht mitwirkte, aber den "Prozess" ebenfalls übersetzt hat, überlässt dem Herausgeber über lange Strecken das Gespräch. Aber interessant liest sich, was er über seine erste Begegnung mit Kafka sagt: "Ich habe Kafka im Jahr 1950 in Norddeutschland entdeckt. Mein Gefühl der Deplatziertheit (ich bin ein überlebender aus Versehen) hat mich gleich denken lassen: 'Kafka, das bin ich.' Das hat mir einen Schlag versetzt, wie ich ihn niemals wieder verspürt habe. Diese Urschuld, in der ich mein Leben verbrachte, habe ich bei Kafka wiedererkannt, so wie die Erfahrung der Razzia, der willkürlichen Festnahme, die er in drei knappen Zeilen festzuhalten versteht. Die Übersetzung ist für mich wie eine Rückgabe von etwas, das ich erhalten hatte. Während der ganzen Zeit der Übersetzung war ich von ihm durchdrungen, von dieser Kraft des Mangels und der Hoffnungslosigkeit die seinem Schreiben und seiner Sprache Leben geben. Erst die Hoffnungslosigkeit erzeugt diese Energie."

Goldschmidt bespricht in der aktuellen Nummer von En attendant Nadeau außerdem einen Essay Nicolas Weills über die "Schwarzen Hefte" Martin Heideggers. Über Heidegger schreibt er: "Das Ressentiment, das im Werk des Denkers von Messkirch allgegenwärtig ist, verhindert von vornherein eine wirkliche Entfaltung seines Denkens. Der versperrte Zugang zum 'Sein', seine eigene Unfähigkeit, ist der Kern seines Denkens, das er immer nur wie von außen betrachtet. Dieses ursprüngliche und nicht eingestandene Versagen wird als Ressentiment auf das jüdisch-metaphysisch 'Seiende' ausgegossen."

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - En attendant Nadeau

Mit seinem Erstlingsroman "Le fer et le feu", in dem er seine Kriegserfahrungen als Panzergrenadier im Irak verarbeitet (unter dem Titel "Beute" bei Rowohlt erschienen), reiht sich der junge amerikanische Autor Brian van Veet ein in die Generation junger amerikanischer Literatur, die während des Irak-Kriegs entstanden ist. Er schreibt darin, Krieg sei etwas für junge Menschen. In einem Gespräch mit Steven Samspson erläutert er das so: "Eines der Paradoxe der menschlichen Natur besteht darin, dass Menschen, die eigentlich nicht mehr so viel zu verlieren haben, die größte Angst vorm Sterben haben. Als ich dreiundzwanzig war, rannte ich auf den Schusswechsel zu: Ich war wahnsinnig oder sauer. In diesem Alter will man seine Grenzen austesten, an den Abgrund herankommen, auch auf die Gefahr hin hineinzustürzen. Heranwachsende glauben von Natur aus an ihre Unsterblichkeit, sie haben nicht begriffen, dass das Leben anfällig, vergänglich ist. Heute habe ich größere Angst vor dem Sterben, vielleicht haben sich die Hormone umgestellt."

Magazinrundschau vom 06.03.2018 - En attendant Nadeau

Im Interview mit Natalie Levisalles spricht Arundhati Roy über ihr Selbstverständnis als Schriftstellerin und ihren jüngsten Roman "Das Ministerium des äußersten Glücks", ihr erstes wieder fiktionales Werk nach ihrem Erstlingserfolg "Der Gott der kleinen Dinge" vor 20 Jahren. "Für mich ist Nicht-Fiktion immer ein Einspruch, eine Argumentation. Fiktion dagegen ist die Konstruktion eines Universums. Sie ist ein Akt der Liebe, nicht des Kriegs … Ich wollte der Frage nachgehen: Was kann man heute mit einem Roman machen? Wie die Dinge betrachten, wie es nur ein Roman kann? … Dieses Mal wollte ich ein Buch über eine Stadt schreiben oder eher über eine Stadt, die ständig umgemodelt wird und die Fundamente der alten Stadt durcheinanderwirbelt für die Hauptstadt der neuen Supermacht, für ihre Bedeutung und Gewalttätigkeit - den gewaltsamen Versuch nämlich, eine sehr komplexe Gesellschaft in einen simplen kulturellen Nationalismus umzuwandeln. Die Gewalttätigkeit einer Kolonie, die von einem Tag auf den anderen zum Kolonisator geworden ist."
Stichwörter: Indien, Roy, Arundhati

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - En attendant Nadeau

In Frankreich erscheint ein nachgelassener Band mit Essays und Interventionen von Abdelwahhab Meddeb. Marc Lebiez bewundert, wie differenziert sich bis heute Meddebs Ablehnung kulturalistischer Diskurse liest: "Im Grunde sagt er sinngemäß, dass die Islamisten vor allem unkultiviert sind. Sie ignorieren jegliche islamische Tradition, denn im ersten Jahrhundert der Hedschra beispielsweise sang und tanzte man in Medina: 'In mondänen, teils von Frauen betriebenen Salons, fanden Gesangs- und Tanzveranstaltungen statt, die Stimmen und Körper singender und tanzender Frauen verstießen vielleicht gegen die Regeln der 'awra, was jedoch bis zum Tod des Propheten toleriert wurde'. Sich auf Toleranz zu berufen ist daher keine Verwestlichung des Islam, sondern die Anknüpfung an einen Teil seiner Tradition, welche die Salafisten und Wahabisten ignorieren. Die zweite Form der Unkultiviertheit besteht darin …, diese noble Mystik vergessen zu machen, die sich nicht damit beschäftigt, anderen einen religiösen Zwang aufzuerlegen, sondern danach strebt, die Glaubensanhänger zu bereichern."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - En attendant Nadeau

Milenka Jaksic stellt ein Buch des Soziologen Yannick Barthe vor, in dem es um Mitarbeiter französischer Atomtests geht, die an Krebs erkrankt sind und den Staat verklagen. Das Buch „"Les retombées du passé - Le paradoxe de la victime" setzt sich darum zugleich auch näher mit dem Begriff des Opfers auseinander: Denn „Opfer zu werden“ habe nichts Selbstverständliches: Die Opfer "müssen zunächst beweisen, dass sie keinerlei Verantwortung an dem Unglück haben, das über sie gekommen ist: Ihr Krebs kommt aus einem Kontakt mit Radioaktivität bei einem Aufenthalt in der Sahara oder der Südsee. Diese Arbeit der 'Ent-Verantwortung' setzt zugleich die Benennung eines Schuldigen voraus. Diese Entkleidung von einer Eigenverantwortung ist insofern problematisch, als sie das Opfer in einer Passivität einschließt... Das Opfer muss zeigen, dass es für den Schaden nichts kann. Passivität aber ist zugleich stigmatisierend und herabsetzend."

Magazinrundschau vom 12.09.2017 - En attendant Nadeau

Natalie Levisalles unterhält sich mit dem algerischen Schriftsteller Kamel Daoud über sein neues (noch nicht ins Deutsche übersetzte Buch) "Zabor ou les psaumes" sowie über das Schreiben jenseits einer religiösen Sprache. Religiöse Mythen faszinieren ihn, er habe Lust, über sie nachzudenken, sie zu hinterfragen, aber auch sie zu "pervertieren". "Diese Idee, den heiligen Text umzudrehen, um ihn zu zerstören und ihn zu überwinden, ist notwendig für mich … Der heilige Text ist im Moment eine Frage von Leben und Tod. Ich spreche hier über Häresie. Wenn man einen Roman über Häresie schreibt, kann er in Ihrer Kultur nicht unmittelbar verstanden werden, weil Ihnen die Vorstellung fehlt, dass man getötet werden kann, wenn man nicht gläubig ist. Doch in der Weltgegend, in der ich lebe, ist das eine Frage auf Leben und Tod. Den heiligen Text zu zermalmen, ihn auf den Kopf zu stellen, ihn zu unterlaufen und über ihn hinauszugehen, ist dabei keine ästhetische, sondern eine lebenswichtige Frage."

Magazinrundschau vom 16.05.2017 - En attendant Nadeau

In einem Gespräch mit dem ägyptischen Psychoanalytiker Moustapha Safouan geht es vor allem um Sprache. Eines der wichtigsten Bücher des in Frankreich lebenden Lacan-Schülers - "Pourquoi le monde arabe n'est pas libre. Politique de l'écriture et terrorisme religieux" - hat er auf Arabisch geschrieben und es anschließend selbst in Englische übersetzt, bevor es für den französischen Markt ins Französische übertragen wurde. Das entspricht seiner Auffassung von Text, der nie etwas Endgültiges sei, sondern die "Mobilität des Denkens" transportieren müsse. So erklärt er, warum die Unfreiheit in der arabischen Welt auch eine der Sprache ist: "Mit dem Islam hat sich die Spaltung der Sprache verschärft. In der Zeit der Pharaonen schrieb man sie, wie man sie sprach. Das endete mit dem Islam, die Sprache wurde geheiligt. Heutzutage würde kein arabisches Regime (von Saudi Arabien bis Marokko) jemals zustimmen, das gesprochene Arabisch zu lehren: Nur die Sprache Gottes hat eine Grammatik. Zugleich sichert das auch die politische Macht, was dem Westen so gelegen kommt. Wir Ägypter sind ein Volk, in dem wenige eine Zeitung lesen können, hier herrscht die Eitelkeit des religiösen Geistes. Ein Libyer hat einmal zu mir gesagt: 'Welch ein Wunder, Gott hat all das erschaffen (Flugzeuge, Waschmaschinen, Häuser), damit wir es genießen können.'"