Magazinrundschau - Archiv

En attendant Nadeau

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Magazinrundschau vom 16.06.2020 - En attendant Nadeau

Agata Tuszynska erzählt in "Affaires personnelles", in einem "Stimmenchor" - so der Rezensent Norbert Czarny - das polnische 1968, das sehr sehr anders ist als das Pariser 1968 und noch mal völlig anders als das Prager 1968. Denn es ist das Jahr, in dem das polnische Regime die Juden des Landes zur Auswanderung zwang. Zehntausende Juden verließen damals das Land. Und es waren, so Czarny, sehr häufig gerade besonders gläubige Kommunisten, die gehen mussten. Solche, die 1939 nach Osten geflohen waren und mit der Roten Armee zurückkehrten (sofern sie nicht nach Kolyma hatten weiterreisen müssen). Diese Geschichten erzählt Tuszynska aus der Perspektive der Nachgeborenen, informiert uns Czarny: "Alle, die gehen, müssen auf die polnische Nationalität verzichten. Sie werden ausgeraubt und reisen mit kleinem Gepäck. Aber viele werden sich ein neues Leben aufbauen. Sie haben etwas, woraus sie schöpfen können und ihre kostbaren Werte. Einer wird Architekt in Dänemark, der nächste Astronom in Grenoble, eine dritte lehrt Gombrowicz, Hlasko und Konwicki an der Sorbonne. In Israel ist das Leben paradoxer Weise schwieriger, denn Religion ist nicht ihre Stärke - viele Jahre später werden die sowjetischen Juden das gleiche Problem haben." Hier der Link zum Buch in den Editions de l'Antilope.

Magazinrundschau vom 02.06.2020 - En attendant Nadeau

Nathan Wachtel ist in Frankreich ein sehr renommierter Anthropologe und Lateinamerika-Spezialist. Er hat etwa erforscht, wie die Ureinwohner Perus die Eroberung durch die Spanier wahrnahmen. Er ist auch Experte für die Geschichte der Marranen, also der zwangskonvertierten iberischen Juden, in Lateinamerika und hat etwa in der peruanischen Stadt Celendín geforscht, wo einige Spuren der Marranentums offenbar erhalten geblieben sind. Dort stieß er allerdings auch auf eine ziemlich verrückte Geschichte: die Begeisterung einiger Indios für Israel, über die er in seinem Buch 'Sous le ciel de l'Éden - Juifs portugais, métis et indiens' berichtet. Pierre Tenne bespricht das Buch in En attendant Nadeau. Die israelbegeisterten Indios erfuhren durch evangelikale Bewegungen, dass es tatsächlich noch ein Land Israel gibt, von dessen Existenz ihnen die Katholiken nichts erzählt hatten. Daraus entsteht die Kongregation 'Israël de Dios', die "eine unbändige Leidenschaft für den Staat Israel und die jüdische Religion entwickelt und sogar zur Gründung einer Art amazonischen Kibbutz führt. Bei einem Preisausschreiben gewinnt ein junges Mitglied der Gemeinde 1970 eine Reise nach Israel. Die Sehnsucht nach der Alija, also der Rückkehr nach Israel, entsteht bei vielen Konvertierten. Mehrere Generationen 'jüdischer Indios' lassen sich von administrativen Formalitäten nicht abhalten, die Reise anzutreten, bis der Staat Israel sie nach einem Besuch von Rabbinern in der Synagoge von Celendín, beeindruckt von ihrer theologischen und rituellen Strenge, voll anerkennt."

Magazinrundschau vom 28.04.2020 - En attendant Nadeau

Yishai Sarids Roman "Monster" (bestellen) ist auch in der deutschen Kritik auf große Begeisterung gestoßen, und doch hat man den Eindruck, er sei ein bisschen untergegangen. Nun ist der Roman auch in Frankreich erschienen und Natalie Levisalles hat ein ausführliches Gespräch mit dem Autor geführt, der in seinem Roman die Geschichte eines Fremdenführers in Auschwitz erzählt und nebenbei die Fallstricke und Heucheleien heutigen Gedenkens thematisiert. Es geht ihm um Gerechtigkeit, gegenüber den Toten und den Lebendigen. Er erzählt nicht nur, wie widersprüchlich das Verhältnis der jungen Israelis zu Europa ist (man bewundert die Deutschen, aber ganz und gar nicht die Polen) und er schildert, wie in Israel alles von der Geschichte überlagert wird, etwa das Verhältnis von arabischen und osteuropäischen Juden. Ein junges sephardisches Mädchen erzählte ihm, wie der Lehrer "jedes Jahr am Holocaustgedenktag fragte, wer Schoa-Opfer in der Familie hatte. Wer die Hand hob, war meist aschkenasisch und gehörte zu einer Art Elite. Sie konnte nur schweigen, niemand sprach über ihre Geschichte, sie existierte nicht. Wir kann man die Geschichte der Menschen aus Marokko mit der Tragödie in Europa vergleichen? Sie standen im Schatten der Schoa, und das verletzte sie. Wie in einer Familie, wo ein krankes Kind alle Aufmerksamkeit auf sich zieht..."

Interessant liest sich auch Alban Bensas Besprechung einer Neuauflage von Kristin Ross' Buch über Rimbaud und die Commune. Die New Yorker Romanistin, die der knallharten akademischen Linken um Badiou und Rancière nahezustehen scheint, untersucht in dem schon vierzig Jahre alten und jetzt wiederübersetzten Buch Rimbauds Urerlebnis der Kommune, die für die gesamte europäische Linke das Urerlebnis der Revolte war - und sie beschreibt am Beispiel von Rimbauds Poetik der Hand den uralten Traum unglücklicher Jungbourgeois von der Verschmelzung mit anderen Klassen: "In der Hand sah er ein Symbol der Unterwerfung, wenn sie, wie es das Ziel aller Erziehung und Konvention war, nur noch auf einen Zweck hin ausgerichtet wurde." Die Zurichtung auf einen Beruf und Zuweisung zu sozialen Klassen geschah auch über die Zurichtung der Hände, und so wurden sie "vom Körper getrennt". Rimbaud "wehrt sich gegen die Amputation, die Entfremdung ist... Das 'Ich ist ein anderer' ist nicht immer und überall Ausdruck einer kognitiven Verwirrung, sondern ein politisches Bekenntnis."
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Magazinrundschau vom 18.02.2020 - En attendant Nadeau

Gab es eine bruchlose Kontinuität zwischen dem Nazisystem Adolf Hitlers und dem späteren Kapitalismus des Wirtschaftswunders in der BRD? Diese These, die alle "Antifaschisten " entzücken wird, vertritt offenbar Johann Chapoutot in seinem Buch "Libres d'obéir - Le management du nazisme à aujourd'hui", das von Maurice Mourier begeistert besprochen wird. An der Figur des SS-Generals Reinhard Höhn macht Chapoutot diese These fest - Höhn gründete nach dem Krieg, unbehelligt wie so viele Nazis, ein Management-Institut, "das nach 1954 die Manager des 'Wirtschaftswunders' lieferte und bis 1972 einen Einfluss auf Europa ausübte". Und dann natürlich die eigentliche Substanz der Kontinuitätsthese: Chapoutot falle es "überaus leicht zu zeigen, dass der Management-Unterricht (vom Antisemitismus abgesehen, der seine faulen Zähne erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder bleckte) in unseren 'liberalen Gesellschaften' den selben monströsen Devisen folgt wie in der Epoche des Nationalsozialismus - die Freiheit des Unternehmertums, sorgfältig eingehegt von den Finanzinteressen der Multis, die Freuden des 'open Space'..." Und so weiter. Genau so finster wie heute war's auch zur Nazizeit!

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - En attendant Nadeau

Nathan Altman: Anna Achmatowa (1914)


Im Jahr 2015 brachte der heroische Dörlemann-Verlag den Roman "Untertauchen" der hierzulande fast unbekannten Autorin Lydia Tschukowskaja heraus. Das Werk wurde überall besprochen, aber hatte es den Erfolg, den es verdiente? Der kleine französische Verlag Le Bruit du Temps könnte Dörlemann nun zu einer weiteren Tollkühnheit inspirieren, die Übersetzung aller Gespräche mit Anna Achmatowa, die Tschukowskaja über Jahre und Jahre getreulich aufzeichnete und die überhaupt erst ein Licht auf das Werk Achmatowas und die Bedingungen seiner Entstehung werfen. Im Französischen hat der Band, hier besprochen von Christian Mouze, über 1.200 Seiten: "Wir werden Zeuge eines erstaunlichen Spiels von immerwährendem Aufbau und vorübergehender Zerstörung: Achmatowa schreibt und verbrennt dann sofort ihre Gedichte, die Lydia auswendig gelernt hat. Tisch, Blätter, Streichhölzer und Aschenbecher bilden die Elemente eines geheimen Büros der Erinnerung. Ein ebensolches Erstaunen lösen die Gespräche aus, als die beiden in der etwas friedlicheren Periode, die dem Tod Stalins und dem Geheimbericht des 20. Parteitags (1953 und 56) folgt, mit Geduld die Wörter zusammensetzen, die sie aus dem Gedächtnis verloren haben (es kann Monate dauern, bis zwei Verse wiedervereint sind), aus Gedichten, die sie nun endlich schreiben und mit Vorsicht aufheben können, auch wenn es noch nicht möglich ist, sie zu publizieren. So rekonstruiert und vollendet sich, mit zwei Erinnerungen zu vier Händen, das lyrische Werk Anna Achmatowas, so wie wir es heute lesen können."

Bei France Culture ist ein einstündiges Gespräch mit der französischen Übersetzerin Sophie Benech über diesen von ihr herausgebrachten Band zu hören:

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - En attendant Nadeau

Philippe Artières stellt drei Bücher vor, in denen Historiker Fotografien als Ausgangsmaterial ihrer Erzählung und Reflexion benutzen. Eines davon ist "Urbex RDA - L'Allemagne de l'Est racontée par ses lieux abandonnés" des französischen Historikers Nicolas Offenstadt, das auch in Deutschland schon Beachtung gefunden hat (etwa hier, in der Zeit). Offenstadt sucht in dem Band mithilfe von Fotos, aber ohne fotografisch-künstlerische Ambition nach Spuren der DDR. "Zooms auf Inschriften und Panoramaansichten, Details und Großaufnahmen wechseln einander ab. Der Leser befindet sich sozusagen auf dem Desktop des Computers des Historikers und tritt in jeden der sorgfältig benannten und lokalisierten Ordner ein. Der Historiker lädt den Leser also auch zu einem sinnlichen Erlebnis ein, nicht ästhetische Erfahrung, sondern eine der Erinnerung. Wichtig ist, das Sammeln der Spuren zu teilen, das Prinzip der Akkumulation überwiegt jenes der Schönheit, das normalerweise unserem Geschmack für Relikte entspricht. Der Historiker wird zu einem Archivar eines neuen Stils, indem er die Archivmaterialien all dessen, was nicht archiviert wurde, selbst erstellt, jener Überreste, die verwischen, zergehen, erodieren."
Stichwörter: Offenstadt, Nicolas, Zoom

Magazinrundschau vom 06.08.2019 - En attendant Nadeau

Der Koran beansprucht, buchstäblich das Wort Gottes zu sein. Darum stellte sich ziemlich bald nach dem Tod Mohammeds das Problem einer ein für alle mal feststehenden schriftlichen Version, die vom Kalifen Uthman etwa zwanzig Jahre nach dem Tod des Propheten in Auftrag gegeben wurde. Diese Version wird seitdem kaum angetastet, und bis vor kurzem glaubte man, es sei überhaupt keine Abschrift vor dem 9. Jahrhundert überliefert. Aber das ist falsch. In Paris etwa finden sich Abschriften aus dem 7. Jahrhundert, die übrigens ziemlich nah mit dem uthmanischen Kodex übereinstimmen und dennoch ein paar interessante Varianten bieten. François Déroche, Islamwissenschaftler am Collège de France, hat diese Varianten für sein neues Buch "Le Coran, une histoire plurielle" erforscht, und Philippe Cardinal berichtet in En attendant Nadeau ausführlich über seine Ergebnisse: "Die Entscheidung, der Gemeinde eine einheitliche schriftliche Version vorzusetzen, ist dabei durchaus auf Widerstände gestoßen, und 'mindestens bis zum Beginn des 10. Jahrhunderts tauchten immer wieder Fragen zur Echtheit der uthmanischen Version auf', merkt Deroche an. Trotzdem galt der uthmanische Text, 'sorgsam eingefasst von koranischer Gelehrsamkeit, der alle seine Aspekte minuziös in Register fasste' bald als absolut authentisch. So wurde 'der vielfältige Koran der Anfänge' auf eine einzige Version reduziert."

Magazinrundschau vom 02.07.2019 - En attendant Nadeau

Es ist ein sperriger Text, den Catherine Coquio verfasst hat, so literarisch und ins Detail ihrer Lektüren vertieft, dass die Autorin vergisst, die Linien der Verantwortung französischer Akteure für den Genozid in Ruanda klar zu ziehen. Die Lektüre lohnt sich dennoch, besonders in jenen Passagen, in denen sie über das Buch "Rwanda Ils parlent - Témoignages pour l'histoire" von Laurent Larcher spricht. Auch Larcher quält sich bis ins Detail mit der Frage der französischen Verantwortung. Er hat mit vielen der damaligen Akteure gesprochen, und es ergibt sich für Coquio und den Leser das Bild einer Schuld aus Geschehenlassen und halber bis ganzer Unterstützung der Mörder bei gleichzeitigem Intervenieren für die Opfer: "Mitterrand, der große Abwesende des Buchs, schwebt über allem. Jeder Verweis auf die höhere Ebene bezeichnet ihn implizit oder explizit als den letztlich Verantwortlichen, den Entscheider. Aber jenseits des Skandals der politischen Entscheidung und der Identifikation der Hierarchien erlauben diese Gespräche auch einen Blick auf die gemeinsame Vorstellungswelt all jener selbst zu Entscheidungen befugten Akteure. Das ist, was Bernard Kouchner (damals 'Ärzte ohne Grenzen', d.Red.) in einem Moment luzider Genervtheit das 'gaullo-imperiale Denken' nennt, das im Außenministerium noch virulent sei und das aus einer Mischung aus 'unglaublichem Konformismus', aus Ignoranz und Arroganz und primitivem Antiamerikanismus bestehe - wozu sich bei Mitterrand 'eine Spur des Rechtsextremismus' aus der Vichy-Vergangenheit geselle."

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - En attendant Nadeau

Paul Sérusier, Le Taölisman. Reprografie: Musée d'Orsay.


Es gibt doch immer noch Ikonen zu entdecken. Dies kleine Bild, 22 mal 27 Zentimeter, ist so eine. Dem Einfluss dieses Gemäldes von Paul Sérusier ist zur Zeit im Pariser Musée d'Orsay eine kleine Ausstellung gewidmet. Sie handelt von der Schule von Pont-Aven, die eine der Etappen auf dem Weg der Kunst zur Abstraktion bildete. Die Maler nannten sich die "Nabis", die "Propheten" und neigten zu Religiosität und Esoterik. Das Bild galt darin als "Talisman", weil es eine neue Malweise in Farbflächen auslöste. Gilbert Lascault führt in die Ausstellung ein. Träger des Bildes sei eine kleine Holzplatte: "Nach den Erkenntnissen der Kunstwissenschaft gibt es auf der Tafel weder eine Grundierungsschicht noch eine Skizze. Es handelt sich um eine Pochade, schnell und ohne vorherigen Plan hingeworfen, Resultat der direkten Wiedergabe einer 'Wahrnehmung', einer 'sensation reçue', um mit den Worten Maurice Denis' zu sprechen. Diese 'Landschaft des Bois d'Amour (Der Talisman)' wurde von Sérusier unter der Anleitung Gauguins gemalt, der ihm sagte: 'Wie sehen Sie diesen Baum: Ist er sehr grün? Nehmen Sie also Grün, das schönste Grün Ihrer Palette. Und dieser Schatten ist eher blau? Dann fürchten Sie sich nicht davor, ihn in Blau zu malen.' Es ist auch daran zu erinnern, dass die Nabis allesamt den Firnis ablehnten."

Magazinrundschau vom 29.01.2019 - En attendant Nadeau

Marcel Gauchet, sozusagen der Habermas Frankreichs, Vordenker einer gemäßigten Linken, legt nicht von ungefähr ein Buch über Robespierre vor, in dem er wie vor ihm François Furet dem Adepten der Menschenrechte vorwirft, sie verraten zu haben, als er sie mit Terror verwirklichen wollte. Am Konflikt um Robespierre ließe sich die gesamte Geschichte der französischen Linken erzählen, und der Konflikt ist bis heute aktuell wie die Antwort Olivier Tonneaus, eines Verteidigers Robespierres, zeigt. Man muss differenzieren, sagt er: Anders als Gauchet findet er, dass der Terror nichts mit Robespierre zu tun gehabt habe: "Die Kämpfe zwischen den Parlamentariern, die Notwendigkeit , die Gewalt der Bevölkerung zu kanalisieren, Sanktionen zur Durchsetzung von Wirtschaftsregelungen und militärischen Anstrengungen, die Konflikte in der Vendée und im Süden, deren Ausgang über den Ausgang des internationalen Krieges entschieden, lokale Konflikte, Gewalt von Staatsbediensteten und an ihnen waren Faktoren, die sich überlagerten und die kaum in Bezug zur Ideologie der Regierung standen." So kann man Terror auch wegdifferenzieren!