Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

290 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 29

Magazinrundschau vom 19.11.2013 - Magyar Narancs

Vor kurzem wurde in Budapest mit Hilfe und Teilnahme der rechtsextremen Partei Jobbik eine Büste des Reichsverwesers Miklós Horthy eingeweiht. Gleichzeitig versucht die rechtsextreme Partei mit einer ganz neuen Werbestrategie - hübsche junge Menschen und neutrale Aussagen - ihre Zukunft zu sichern. Den Zweck dieser Wohlfühlkampagne erklärt im Interview Péter Krekó, Direktor des Institutes Political Capital: "Der Grund für die Wende ist die sinkende Unterstützung der Partei seit Ende 2011. Die Führung hat erkannt, dass sich ihr Bewegungsraum verengt hat. Kein Wunder: Mit ihren Themen unterscheidet sie sich nicht mehr von der regierenden Fidesz." Die neue Imagekampagne soll vor allem mehr jüngere Wähler anziehen: "Nach unseren Untersuchungen kommen die Stammwähler der Jobbik aus den jungen, städtischen, gut situierten, intellektuellen Milieus. Denn Jobbik ist entgegen aller Stereotype auch eine Partei des Mittelstandes und nicht nur eine der Verlierer."

Magazinrundschau vom 12.11.2013 - Magyar Narancs

Der im serbischen Novi Sad lebende ungarische Schriftsteller László Végel, der sich seit Ende der neunziger Jahre für doppelte Staatsbürgerschaften eingesetzt hat, erklärt im Interview, warum die Verwirklichung dieser Regelung in der Praxis unerwünschte Nebenfolgen hat: "Ungarische Sprachschulen werden eröffnet, damit die Menschen die ungarische Staatsbürgerschaft erhalten und mit der Hilfe der EU dann in den Westen gehen können. Ungarn wird für die jungen Menschen in der Vojvodina als Transitland genutzt." So verändere sich auch Novi Sad zu seinem Nachteil: "Ich habe weder eine Monarchie- noch eine Jugoslawien-Nostalgie. Doch beide gehören zu meiner geistigen Tradition und es ist für mich wichtig, diese mittel-osteuropäische Tradition weiter zu leben, vor allem in meiner Stadt, in Novi Sad. ... Sie war immer eine Vielvölkerstadt, die Deutschen machten ein Viertel der Bevölkerung aus und es wäre gut, wenn wenigstens die Erinnerung an diese Zeit erhalten bleiben könnte. Doch gegenwärtig werden auf dem Territorium Nationalstaaten gebaut. Auch die Serben streben danach und verändern Novi Sad so, dass sie sich dieser ambivalenten Tradition, ihrer Vergangenheit entledigen kann."

Magazinrundschau vom 29.10.2013 - Magyar Narancs

Viel diskutiert wird in Ungarn das Projekt eines Holocaust-Mahnmals. Der Kunsthistoriker und Hochschullehrer Péter György kritisiert die Bezeichnung und das Konzept der geplanten Gedenkstätte am ehemaligen Güterbahnhof von Józsefváros, die "Haus der Schicksale" (Sorsok Háza) heißen und vor allem der ermordeten Kinder gedenken soll. Die Gedenkstätte soll im nächsten Jahr eröffnet werden, um an den siebzigsten Jahrestag der Deportation der ungarischen Juden zu erinnern. György stört schon der Name "Haus der Schicksale". "Über den Tod eines Menschen können wir nur dann als Schicksalsereignis sprechen, wenn derjenige die Freiheit hatte, seinen eigenen Tod zu sterben. (…) Aus diesem Grunde ist eine Ausstellung nicht vorstellbar, die das Leben der Juden... so zeigt, als führte es Schritt für Schritt zwangsläufig ins Ghetto... Das würde so aussehen, als würde man den Nationalsozialismus in die europäische Tradition einbetten wollen. Es ist noch nicht zu spät den Namen und das damit verbundene Konzept zu verändern."

Magazinrundschau vom 15.10.2013 - Magyar Narancs

Der Geiger und Zitherspieler Félix Lajkó, dessen CD "Mező" im August und September an der Spitze der World Music Charts Europe stand, erklärt im Interview den Unterschied zwischen beiden Instrumenten: "Grenzen hat das Instrument Zither, wenn ich damit eine Musikwelt betrete, für die es nicht geschaffen wurde. Mozart wäre auf der Zither nicht einfach zu spielen, dafür ist die Geige besser geeignet. Auch aus dem Grunde denke ich, dass sich die zwei Instrumente hervorragend ergänzen. Wenn ich die Zither gut zupfe, dann kann sie wie ein Orchester klingen. Mit der Geige gibt es mehr Schwierigkeiten. In den ersten zehn Jahren klingt sie furchtbar. Auch aus technischer Sicht ergänzen sich die Instrumente gut. Die Technik der linken Hand auf der Zither ist gut auf die Geige übertragbar."

Hier eine Kostprobe mit der Zither:


Magazinrundschau vom 10.09.2013 - Magyar Narancs

"Die Toten schreiben zur Zeit viel und gut" - schrieb einst Sándor Márai über die Neuveröffentlichungen aus den Nachlässen von Kosztolányi und Krúdy. Diese Aussage trifft nun auch auf sein eigenes Werk zu, meint Imre Kőrizs in der Wochenzeitung Magyar Narancs über eine Erstveröffentlichung des dritten, bisher vermissten Teils von Márais "Bekenntnissen eines Bürgers" (deutsche Ausgabe), der vor kurzem unter dem Titel "Hallgatni akartam" (Ich wollte schweigen, Helikon Kiadó, Budapest, 2013) erschien. "Der Nachlass von Márai kam 1997 nach Ungarn, doch das Paket wurde vom Zoll aufgehalten. (…) Geld hatte niemand, auch das Literaturmuseum in Budapest nicht. Die Neubewertung des Nachlasses brachte Bewegung in die Situation, und der Nachlass konnte dann ins Land eingeführt werden - als Altpapier. (...) Aus den Kisten wurden seit dem wahre Schätze veröffentlicht, so auch der dritte Teil der 'Bekenntnisse eines Bürgers'. 1949 schrieb Márai darüber: 'Ich lasse die Veröffentlichung im Ausland nicht zu, ich will nicht dass diese traurige Beichte, diese Anklage des Ungarntums von Fremden gelesen wird.' In 'Ich wollte schweigen' zieht Márai die Bilanz des Neo-Barock-Faschismus unter Miklós Horthy, und es scheint fast so, als würde er in die Debatte um die heutige Reinwaschung der Ära posthum eingreifen."

Außerdem empfiehlt Bálint Urbán einen Essayband des jungen Schriftstellers András Borbély.
Stichwörter: Faschismus, Geld, Altpapier, Bali, Barock

Magazinrundschau vom 24.09.2013 - Magyar Narancs

Anlässlich seines 80. Geburtstags interviewt Judit Rácz das einstige Wunderkind, den Pianisten und Komponisten Tamás Vásáry, dessen über 3000seitiger autobiografischer Roman in Kürze erscheint: "Ein englisches Sprichwort besagt: 'wenn du etwas willst, erreichst du es auch' - in meinem Leben war das umgekehrt: was ich unbedingt wollte, habe ich nie erreicht, aber ich hatte oft Glück. Zum Beispiel war ich nie bei einem Opernhaus angestellt, was ich immer wollte. Wenn ich allerdings in einem Opernhaus gewesen wäre, hätte ich keinen Fuß auf die Straße gesetzt. All das, was ich in meinem Buch schreibe, wäre mir nicht passiert und ich könnten dem Leser die viele Kämpfe, Erfolge und Enttäuschungen nicht weitergeben."
Stichwörter: Autobiografischer Roman

Magazinrundschau vom 01.10.2013 - Magyar Narancs

Zoltán Balázs von der Budapester Corvinus Universität denkt in einem Aufsatz über Imperien, Nationalstaaten und den ungarischen Nationalismus nach: "Imperien wurden stets von Nationen aufgefressen. Nur Imperien lohnt es sich zu bezwingen, denn nur diese haben einen Wert. Für uns ist Klein-Ungarn eng und bedeutungslos. Seine Grenzen sind irrational, seine Außenpolitik ist ohne Gewicht. Sein Bewusstsein ist brüchig, streng individuell. (...) Der ungarische Nationalismus ist mit all seinen Sünden eher tragisch, weil hoffnungslos: er will mit jenen wetteifern, die aufgrund seines Scheiterns erfolgreich wurden. (...) Die meisten Ungarn ahnen dies wahrscheinlich und sie müssen sich entscheiden: entweder werden sie Ungarn sein, als Exoten in Europa, oder sie sind 'nichts', wie zum Beispiel ein europäischer Bürger. Die Entscheidung ist nicht leicht."

Magazinrundschau vom 27.08.2013 - Magyar Narancs

Der neue Roman von Vilmos Csaplár, "Edd meg a barátodat!" (Friss deinen Freund auf!, Kalligramm), ist vor kurzem erschienen. Darin geht es um den Umgang mit der Vergangenheit: Wir leiden darunter, aber wir lassen sie nicht los. Bence Svéblis stellt das Buch vor. "Es geht damit los, dass der kleine Lilik nicht auf die Toilette gehen will. Er hält es zurück, es soll nichts rauskommen. (...) Grundsätzlich wird immer gesagt, es gebe zu wenig zeitgenössische Literatur über die Aufarbeitung der Vergangenheit, mittlerweile aber können damit Bibliotheken gefüllt werden. Die große Frage ist, wie Csaplárs Roman aus dieser Menge hervortreten kann. Etwas Besonderes hat das Buch. Hier erzählt jeder, in jedem sind unzählige Geschichten aufgesammelt, wie die Scheiße in Lilik. 'In jenen Jahren gab es eine kommunistische Diktatur in Ungarn, und die Diktatoren mögen, wenn die Unterdrückten fröhlich sind', können wir am Anfang lesen. Und doch bleibt die Geschichte nur im Hintergrund präsent. So ist die Revolution von 1956 hier kein Ereignis, sondern ein Zustand, in dem man überleben und existieren muss. (...) Die Frage bleibt: Was ist Surrealismus in einer Diktatur, wenn die Diktatur selbst surreal ist."

Magazinrundschau vom 13.08.2013 - Magyar Narancs

Auswanderung ist in Ungarn zum allgemeinen Phänomen geworden, das Thema gehört zum täglichen Gespräch. Dorka Czenkli stellt eine kleine Dokumentarfilmreihe von Csaba Hernáth, Balázs Lóránt Imre und László Józsa vor, die sich mit dem Thema beschäftigt haben: "Der Film 'Menjek/Maradjak' (Soll ich gehen / soll ich bleiben) ist ein typischer Low-Budget Film, er geht in verschiedene Richtungen, probiert vieles aus. Er hat eine Rahmenstruktur, an manchen Stellen einen geteilten Bildschirm und durch die Interviews wirkt er sehr persönlich. Die Drehorte ermöglichen es auch, einen Blick auf einzelne ungarische Migrantenmilieus zu werfen. Die Filmemacher wählten exzellente Protagonisten. Bei den Ausführungen von Attila (39, der illegal Gewürze verpackt) und Mirjam (32, die Publizistik an der Columbia studierte und jetzt für Reuters arbeitet) kann man nicht nur über das Leben in den USA nachdenken, sondern auch über Fragen die unangenehm oder zu lyrisch erscheinen mögen. So werden 'Heimat, Heimweh, Entscheidungszwang' zu unserem gemeinsamen Problem, alles nach dem Motto des ungarischen Autors Lajos Parti Nagy: 'Schade, dass Dissidenz nicht mehr möglich ist.'"

Hier der erste Teil, mit englischen Untertiteln:


Magazinrundschau vom 06.08.2013 - Magyar Narancs

Der Kunsthistoriker und Medienwissenschaftler Péter György fordert eine breitere öffentliche Diskussion, um einen Konsens über die ungarische Geschichte herzustellen: "Wenn wir diese Diskussion nicht führen, werden nicht zu einer Gemeinschaft reifen. Es ist in der Tat Zeit für den Kulturkampf. Die Frage ist, ob zeitgenössische Kunst und ihr institutioneller Hintergrund frei genug sind, um diese traumatische Therapie durchzuführen: als Schöpfer von Selbstkenntnis und nicht als impotente Diener von historischen Lügen. Konsensorientierte Kunst öffnet die Möglichkeit der Katharsis für neue Generationen. Das kann und muss unterstützt werden. Oder es bleibt alles beim Alten und mentale Traumata werden Tag für Tag neu erschaffen. Nationale Kultur, integrative Gesellschaft ist ohne den Drang nach Wahrheit und einen minimalen gesellschaftlichen Konsens über Geschichte nicht einmal vorstellbar. Nationale Kultur kann nicht auf mythischen Lügen, Verschweigen, Verletzungen, oder narzistische Hysterie aufgebaut werden. Katharsis ist somit eine ästhetisch-politische Frage. Und dann werden wir vielleicht besser sein, als wir heute sind."
Stichwörter: Kulturkampf, Traumata, Hysterie