Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

290 Presseschau-Absätze - Seite 28 von 29

Magazinrundschau vom 17.07.2007 - Magyar Narancs

Der ungarische Staatssekretär Gabor Szetey hat als erstes Regierungsmitglied Ungarns seine Homosexualität öffentlich gemacht - in seiner Eröffnungsrede des Schwulen- und Lesben-Festivals in Budapest. Das Festival endete gewaltsam: Rechtsextreme attackierten Teilnehmer des Festivals. Im Interview mit Szilvia Szilagyi sagt Szetey: "Die Gesichter und Symbole der Homosexuellen-Gegner bei der Parade 2007 waren die gleichen wie bei den Unruhen von 2006. Es handelt sich um eine kleine, aber laute rechtsradikale Gruppe, die alle brüskieren will... Laut einer Umfrage von Szonda-Ipsos fanden 51 Prozent der Befragten meine Rede mutig und meinten, sie trage zur Verbesserung der Situation der Schwulen bei. Es ist doch merkwürdig, wie wichtig es den Konservativen ist, dass unsere Nachbarstaaten mit den ungarischen Minderheiten korrekt umgehen, während ihnen die Gleichberechtigung im eigenen Land egal ist. Trotzdem: in den siebzehn Jahren seit der Wende hat die ungarische Gesellschaft so große Fortschritte gemacht, dass sie keine Angst mehr von den Drohungen einiger Rechtsradikalen haben sollte."

Magazinrundschau vom 03.07.2007 - Magyar Narancs

Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat seit 1996 9.000 Stolpersteine in deutschen Ortschaften verlegt, die an die Menschen erinnern, die während des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Nun verlegt er die Steine auch in Ungarn. Szabolcs Molnar hat ihn auf seiner Reise begleitet: "In Szolnok blieb ein Greis neben uns stehen. Barna Szabo, für den wir gerade einen Stein legen, sei der interessanteste Publizist der Stadt gewesen, eine legendäre Figur der literarischen Kaffeehäuser und der beste Freund seines Vaters gewesen, sagte der Herr. In Szeged wurden wir von einer älteren Dame überrascht, die das Kunstwerk ergänzte, in dem sie plötzlich einen Kieselstein auf unseren gerade verlegten Stolperstein legte. Für sie, die Tochter des ermordeten Laszlo Müller, sei es ein ganz besonderes Geschenk, dass sie jetzt in der Stadt ein Stück Erinnerung hat." Nach den ersten 50 Stolpersteinen des deutschen Künstlers wollen Ungarn das Projekt übernehmen: "Die Stolpersteine müssen von der Baubehörde des jeweiligen Ortes genehmigt werden, was bis jetzt problemlos verlaufen ist. Aber die Bürokratie könnte das Engagement bremsen, befürchtet Laszlo Böröcz von der Galerie 2B, der ungarischen Partnerorganisation des Projektes.?

Magazinrundschau vom 20.02.2007 - Magyar Narancs

Mit dem Argument, Geistliche seien keine Personen des öffentlichen Lebens, waren bislang die Stasi-Unterlagen hoher Würdenträger der Kirchen geheim. Dagegen klagte Daniel Kozak, Mitarbeiter der Wochenzeitung Magyar Narancs, vor Gericht und gewann. Heute feiert er das Urteil: "Mein Ziel war es nicht, die Stasi-Vergangenheit einzelner Personen aufzudecken, sondern den Gesetzgeber aufzufordern, sich mit dem alten Stasi-Unterlagengesetz auseinanderzusetzen. Obwohl das Verfassungsgericht bereits 1994 die Frage stellte, 'warum die Kirchen als politische Meinungsbildner nicht zum Personenkreis gehören, deren Stasi-Vergangenheit geklärt werden soll', ist es den Kirchen bislang immer gelungen, sich der Verantwortung zu entziehen. Moralische und politische Fragen, damit auch die Interessen von Kirchen und Parteien, überschneiden sich oft. Wie könnte man anders erklären, dass die Aufklärung der Stasi-Vergangenheit der Kirchen immer noch nicht begonnen hat? Diese Aufklärung wäre auch für die Kirchen von Vorteil, die mehr Glaubwürdigkeit in moralischen Fragen gewinnen würden."

Magazinrundschau vom 07.11.2006 - Magyar Narancs

Die Schriftstellerin Viktoria Radics beobachtet enttäuscht die hasserfüllte Erinnerungskultur der Budapester zum Aufstand 1956. In der Ausstellung des Museums Haus des Terrors sieht sie "künstliches geronnenes Blut auf dem Boden, antikommunistischen Kitsch an den Wänden und einen Galgen, an dem noch 1986 Menschen hingerichtet worden waren, als Ausstellungsobjekt. Ich erstarre vor Schock. Ich weiß nicht, wie ich dazu stehen soll, aber eines ist sicher: die Ausstellung ist ästhetisch eine Katastrophe und ein Armutszeugnis von Seele und Verstand." Auf dem Kossuth-Platz, vor dem Parlament erblickt sie "den Sarg des Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany, den die Demonstranten aufgestellt haben", und wieder empfindet sie nichts als Abscheu.
Stichwörter: Erinnerungskultur, 1956

Magazinrundschau vom 09.05.2006 - Magyar Narancs

Nach dem Ersten Weltkrieg fielen zwei Drittel des damaligen ungarischen Staatsgebietes an die Nachbarländer. Heute leben große ungarische Minderheiten in Rumänien, der Slowakei, Serbien und der Ukraine sowie kleinere ungarische Minderheiten in Kroatien, Slowenien und Österreich. Der ungarische Staatspräsident Laszlo Solyom initiierte kürzlich eine Konferenzreihe, in der über die Politik gegenüber den Auslandsungarn diskutiert wurde. Er und alle anderen Politiker haben grandios versagt, schreibt Boroka Paraszka, selbst Auslandsungarin: "Fatal ist der ungarische Nationalismus, der in Ungarn anscheinend immer noch nicht als Problem erkannt ist. Dieser Nationalismus akzeptiert nur die Auslandsungarn als Nachbarn, obwohl die ungarischen Minderheiten von den Mehrheitsgesellschaften, in denen sie leben, nicht getrennt behandelt werden können. ? Es ist unverkennbar, dass Ungarns außenpolitische Beziehungen zu seinen Nachbarländern unzureichend sind. Das hat Nachteile auch für die Auslandsungarn, die sich - dank der ungarischen Innenpolitik - vorkommen, als ob sie in einer Art provisorischer Zwangsemigration leben würden."

Magazinrundschau vom 24.01.2006 - Magyar Narancs

Die Historikerin Eva Standeisky analysiert im Interview das Verhältnis der Schriftsteller zur Macht während der Diktatur: "In diesem Spiel glaubten beide Seiten, dass sie die andere Seite manipulierten und da lagen sie auch nicht ganz daneben. ? Die Parteifunktionäre hatten etwa bis in die siebziger Jahre ein idealistisches und utopistisches Gesellschaftsbild: Sie meinten, dass Intellektuelle eine Art erzieherische Rolle in der Gesellschaft spielen. Wenn die Partei ein gutes Verhältnis zu den Schriftstellern pflege, dann könne die Partei die Autoren dafür gewinnen, den Lesern zu helfen, sich mit der Gedankenwelt des Sozialismus identifizieren zu können." Gleichzeitig versuchte die Kommunistische Partei die Ungarn in ein echtes Lesevolk zu verwandeln und startete günstige Buchreihen der Klassiker in riesigen Auflagen: "Bestimmte Passagen wurden umgeschrieben oder weggelassen, aber jene Menschen, die bis dahin gar keine Bücher gelesen hatten, bemerkten diese Strategie nicht."
Stichwörter: Kommunistische Partei, Pflege

Magazinrundschau vom 06.12.2005 - Magyar Narancs

In Europa sollen mehr europäische Filme gezeigt werden, fordert Claude Miller, Vorsitzender von Europa Cinemas im Interview: "Die europäischen Filmemacher diskutieren ab und zu, warum etwa achtzig Prozent aller in Europa gezeigten Kinofilme aus den USA stammen." Es sei Aufgabe der Politik, das Problem gesetzlich zu regulieren. "In Korea hat das auch funktioniert: Vor zehn Jahren stammten fünfundneunzig Prozent der dort gezeigten Filme aus den USA. Heute gibt es eine gesetzlich vorgeschriebene Quote von 50 Prozent. Koreanische Filme wurden plötzlich zu den beliebtesten Filmen nicht nur im eigenen Land, sondern auch in Japan und China, einige koreanische Filmemacher wurden sogar weltberühmt."
Stichwörter: Korea, Koreanischer Film

Magazinrundschau vom 11.10.2005 - Magyar Narancs

Die 1979 gegründete illegale Galerie "Artpool", die zum wichtigsten Forum für verbotene oder geduldete Kunst und Kultur im kommunistischen Ungarn wurde, ist heute die mit Abstand größte Dokumentensammlung der oppositionellen Untergrundkultur der 1970er und 80er Jahre. Dennoch droht sie den Sparmaßnahmen des Kultusministeriums zum Opfer zu fallen. Die Begründer Julia Klaniczay und György Galantai sind der Meinung, dass "sich die Politiker nicht für progressive, avantgardistische, alternative, nonkomforme Kunst und Kultur interessieren und vergessen, dass diese Kunst einen wichtigen Beitrag zur Wende darstellte. ... Artpool ist für uns eine Herzenssache, aber die Bewahrung wertvoller Kulturgüter kann nicht in die Verantwortung einiger Menschen exiliert werden."
Stichwörter: Kulturgüter, 1970er, 1980er

Magazinrundschau vom 27.09.2005 - Magyar Narancs

Über den Ausgang der polnischen Parlamentswahlen macht sich der Politikwissenschaftler Ivan Scipiades Gedanken: "Polen hat kein stabiles Parteiensystem: die Parteien gestalten sich permanent um, lösen sich auf, vereinen sich, neue Parteien entstehen und Minderheitsregierungen werden allmählich zur Norm. ... In diesem Wahlkampf kommt es zum ersten Mal vor, dass die dominanten Figuren keine Neulinge sind, und keine neue Partei in den Sejm gewählt wird. Dafür wird die Linke, der bislang einzige stabile Punkt dieses instabilen Parteiensystems, zu Staub." Der Kommentator sagt den Sieg der Bürgerlichen Plattform (PO) voraus: "Polen wird nationalistischer und kämpferischer mit Deutschland, Russland und der EU umgehen."

In unserer Zeit haben sämtliche Ideologien ausgedient, behauptet der serbische Experimentalfilmer Dusan Makavejev im Gespräch. "In der Computerära gliedert sich alles in Einsen und Nullen, es gibt kein Zentrum, kein Origo, im Verhältnis zu dem man seinen Platz bestimmen könnte. Ich bin neugierig, wohin diese Vereinfachung führt, weil ich meine, dass sich das Zeitalter der Computer seinem Ende nähert. Ein russisches Volkslied passt gut zu unserer Situation: Tanja und Wanja wollen bis ans Ende der Welt gelangen, und als sie es wirklich schaffen, dann lassen sie nur noch ihre Beine baumeln. Wir erleben so etwas wie in den 1960er Jahren: neue Ideen müssen her, die alten sind alle tot."

Magazinrundschau vom 09.08.2005 - Magyar Narancs

Die ungarische Wochenzeitung setzt ihre Artikelreihe über "politischen Okkultismus in Ungarn" fort. Diesmal geht es um die verzweifelte Suche nach dem Grab des Hunnenkönigs Attila: Es gibt immer noch Menschen in Ungarn, die das Grab suchen, weil sie glauben, dass die Ungarn von den Hunnen abstammen (hier einige bezaubernde Fotos von hunnenstämmigen Ungarn, während sie im Parlament einen Antrag auf Anerkennung ihres Minderheitenstatus stellten). Der kultigste Ort der besessenen Hobby-Archäologen ist das kleine Dorf Tapioszentmarton, wo Anfang des 20. Jahrhunderts der letzte Fund aus der Epoche Attilas gefunden wurde. "Irgendwann wurde ein kleiner Hügel im Dorf zum 'Wunderhügel' erklärt. ... Auf dem Wunderhügel sonnen sich jetzt Rentnerehepaare, die jedoch nicht wegen Attila gekommen sind, sondern wegen der angeblich aus dem Hügel strömenden Heilkraft der 'Urenergie'. Ein Unternehmer hat diese Energie angeblich während seiner Arbeit mit Pferden entdeckt, denn es ist ihm aufgefallen, dass sich seine kranken Pferde immer allzu gerne auf den Wunderhügel gelegt haben. .... Der Bürgermeister des Dorfes Janos Toth, trommelt überall für den Attila-Kult, aber außer der Attila-Pizza der hiesigen Pizzeria gibt es wenig Zeichen für die Einbürgerung einer neuen Tradition."

Nur im Print: Die Titelgeschichte über Nick Cave. Er und seine Band treten am 15. August in Budapest während des Sziget-Festivals auf. Es ist das größte Open-Air-Festival Europas.