
Der ungarische Literaturwissenschaftler und renommierte
Baltikum-Experte Endre Bojtar kann gut verstehen, warum die Ministerpräsidenten der baltischen Staaten nicht bereit sind, am 9. Mai den sechzigsten Jahrestag ihrer
"Befreiung" in Moskau zu feiern. Das Baltikum wurde von der Roten Armee nämlich nie befreit, im Gegenteil: Im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 wurde die Aufteilung Osteuropas in
deutsche und sowjetische Einflusszonen vereinbart, worauf die Sowjetunion bereits
im Juni 1940 - während die Wehrmacht in Paris einmarschierte - das Baltikum besetzte. "
Wahl-Tragikomödien wurden mit sowjetischen Bajonetten im Hintergrund inszeniert, die Freiheitsrechte vernichtet, alles verstaatlicht und dem Terror freien Lauf gelassen", schreibt Bojtar. Die offizielle russische Geschichtsschreibung bestehe jedoch weiterhin auf den alten
Geschichtslügen, und tue so, als ob nur die eigene Bevölkerung unter dem stalinistischen Terror gelitten hätte. In der neuen siebenbändigen Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften steht beispielsweise: "1940 bildeten sich in Lettland, Litauen und Estland prosowjetische Regierungen mit Antifaschisten an ihrer Spitze." Bojtar macht dazu nur eine lapidare Bemerkung: "Die Kommunistische Partei Estlands hatte damals
133 Mitglieder."
Grüße aus der
Festung Europa! Viktoria Dobsi
bespricht "Bienvenue en France!", ein
Buch der französischen Journalistin
Anne de Loisy, die als
freiwillige Helferin getarnt die Situation der Asylbewerber auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle sechs Monate lang beobachtete. Sie sah die
Welt der "ZAPI" (Zone d' attente pour personnes en instance), in der Ausländer untergebracht werden, deren Einreise noch nicht genehmigt ist. Über ihr Schicksal wird nach Regeln entschieden, die ein Beamter der französischen Ausländerbehörde so zusammenfasst: "Anträge von Bürgern aus Pakistan und Bangladesh sind problematisch, ihre Geschichten sind
alle glaubwürdig. Anträge von Menschen aus Ruanda werden meistens genehmigt, eine Ablehnung wäre in ihrem Fall
wirklich übertrieben. Anträge von Irakern lehnen wir meistens ab: im Irak ist nämlich niemand mehr in Sicherheit." Ein Asylbewerber erinnert sich an sein Verhör so: "Ich sagte, dass ich nicht zurückgehen will, worauf die Polizisten total durchdrehten. Sie schlugen auf mich ein,
und schlugen und schlugen mit einer solchen Kraft, dass ich mich auf meinen Tod vorbereitete. Mein einziger Gedanke war: Wenn ich schon sterben muss, dann will ich im
Geburtsland der Menschenrechte sterben."