Magazinrundschau - Archiv

Le Monde

95 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 10

Magazinrundschau vom 21.02.2011 - Le Monde

Als Emanzipationsmodell will der Philosoph Alain Badiou die Erhebungen der arabischen Völker verstanden wissen, als einen Wind, der die Arroganz des Westens hinweg fegt. Diese Bewegungen sind für Badiou kommunistisch - nicht dem Buchstaben, aber dem Geiste nach, denn es gehe um die "gemeinsame Erschaffung eines kollektiven Schicksals": "Die Völker Tunesiens und Ägyptens sagen uns: Sich zu erheben, den öffentlichen Raum der kommunistischen Bewegung schaffen, ihn mit allen Mitteln zu verteidigen, indem man seine sukzessiven Etappen erfindet, das ist die Wirklichkeit einer Politik der Volksemanzipation ... Was immer die Zukunft auch bringt, die tunesischen und ägyptischen Aufstände haben eine universelle Bedeutung. Sie zeigen neue Möglichkeiten auf, deren Wert international ist."

Magazinrundschau vom 15.02.2011 - Le Monde

Klischees über die arabische Welt und den Nahen Osten haben den Westen daran gehindert, die grundlegenden Veränderungen zu erkennen, die sich in den Gesellschaften Ägyptens und Tunesiens längst vollzogen haben, meint der Wissenschaftler Olivier Roy. Schuld daran sei auch die Furcht vor einer islamische Revolution wie im Iran. "Man erwartet deshalb, am Kopf der Bewegung oder im Hinterhalt die islamistischen Bewegungen zu sehen, in diesem Fall die Muslimbrüder und ihre örtlichen Entsprechungen, bereit dazu, die Macht zu übernehmen. Aber die Unauffälligkeit und der Pragmatismus der Muslimbrüder erstaunt und beunruhigt: Wo sind die Islamisten geblieben? Denn wenn man sich anschaut, von wem diese Bewegung ausging, ist unübersehbar, dass es sich dabei um eine post-islamistische Generation handelt. Die großen revolutionären Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre sind für sie Schnee von gestern, die Geschichte ihrer Eltern. Diese neue Generation interessiert sich nicht für Ideologien: Die Slogans sind alle realpolitisch und konkret ("frei"); sie appellieren nicht an den Islam, wie ihre Vorgänger es Ende der Achtziger in Algerien taten. Stattdessen sind sie vor allem Ausdruck der Ablehnung korrupter Diktaturen und der Forderung nach Demokratie."

Magazinrundschau vom 25.01.2011 - Le Monde

Die Revolution in Tunesien ist das beherrschende Thema dieser Tage in den französischen Medien. In Le Monde beklagt die tunesische Regisseurin Myriam Marzouki zwanzig Jahre des Schweigens und der Lügen über das Regime von Ben Ali. Ausführlich zitiert sie aus tunesischen Medien, die das Land zu einem "modernen, glaubwürdigen" Staat hochgejubelt hätten. "Diese absurde und hohle Sprache aus einem geschlossenen Land wurde unterstützt durch ihr Echo im Ausland, ganz besonders in Frankreich, durch den Diskurs zahlreicher politischer Verantwortlicher, Medien und einflussreicher Leitartikler. ... Die Geschichte der französischen Beziehungen zu Tunesien in den letzten zwanzig Jahren ist die einer vorsätzlichen Blindheit, einer Akzeptanz all der kitschigen Zeichen einer Ramsch-Demokratie. Das Ende der tunesischen Diktatur spiegelt eine Groteske wider, die man als 'Operetten-Diktatur' bezeichnen könnte, wenn nicht so viele Männer und Frauen ein viertel Jahrhundert lang den Preis einer wahrhaftigen Unterdrückung gezahlt hätten."

Der Schriftsteller Tahar Ben Jelloun wirft in seinem Beitrag auch einen Blick auf die Länder Ägypten, Algerien und Lybien, in denen ähnliche Zustände herrschen wie bis vor kurzem in Tunesien. "Man könnte sagen, Gott habe diese Länder verflucht und sie brutalen und grausamen Puppenspielern überlassen, bis zu dem Tag, an dem das Feuer der Gerechtigkeit auf den Straßen ausbricht, wie ein Frühling im Winter."

Noch ein Hinweis: In Telerama untersucht Jean-Baptiste Roch, ob in Tunesien ein Cyber-Krieg ausgebrochen ist, in dem sich Regierungsstellen und aktivistische Hacker mit der Sperrung und Blockierung von Webseiten bekämpfen.

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - Le Monde

Cesare Battisti ist schuldig, schreibt der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi und verteidigt die italienische Justiz gegen ihre Kritiker. Französischen Intellektuellen wie Bernard-Henri Levy, Fred Vargas oder Philippe Sollers, die den italienischen Linksterroristen immer wieder verteidigt und gegen seine Auslieferung nach Italien Front gemacht haben, wirft Tabucchi Arroganz und Ahnungslosigkeit vor: "Sie wissen nicht, welch wertvolle Dienste Richter für die Demokratie und die italienische Verfassung geleistet haben. Sie wissen nicht, dass die Gerichte zahlreiche Mafiosi, Terroristen und korrupte Politiker hinter Gitter gebracht haben. Und sie wissen nicht, dass viele Richter dafür mit ihrem Leben bezahlt haben. Und ganz offensichtlich wissen sie nicht, dass Berlusconi schon bei seinem Amtsantritt den Richterstand als 'ein zu entfernendes Krebsgeschwür' bezeichnet hat. Von seiner Warte aus gesehen, ist das tatsächlich eine Gefahr, denn der Richterstand in Italien ist unabhängig, und unterliegt nicht der Aufsicht des Justiziministers, wie das in Frankreich der Fall ist."

Zu lesen ist außerdem ein Beitrag, in dem der Schriftsteller Yannik Haenel die literarische Vermischung von Realität und Fiktion verteidigt.

Magazinrundschau vom 14.09.2010 - Le Monde

Auch Frankreich hat seine Multikulti-Debatten. Die große Hamburger-Kette Quick - eine französische Konkurrenz zu MacDonald's - legt in immer mehr Filialen nur noch das Fleisch von Halal-geschlachteten Rindern auf den Grill. Jean Birnbaum warnt in Le Monde davor, dies einfach zum Beispiel mit einer Entscheidung für Biofleisch oder dem Verzicht auf Schweinefleisch gleichzusetzen: "Halal zu essen ist nicht einfach Ausdruck einer diätetischen oder ökologischen Entscheidung für bestimmte Nahrungsmittel. Ob man nun gläubig ist oder sich einfach eine Identität zusammenbasteln will - mit dieser Enscheidung schreibt man sich in ein System von Dogmen und Gehorsamspflichten ein. Dieses System fordert zum Beispiel, dass das Tier auf eine ganz bestimmte Weise, mit dem Kopf in Richtung Mekka und unter dem Segen 'Im Namen Allahs, Allah ist groß', geopfert wird. Was hier praktiziert wird, ist ein spezifischer Begriff von Gut und Böse, Weltlich und Heilig... Wer meint, es sei egal, ob eine solche Entscheidung nur einige wenige betrifft oder allen auferlegt wird, verkennt das Wesen religiösen Glaubens, seine Autonomie und seine ganz eigenen Folgen."
Stichwörter: Multikulti, Schweinefleisch

Magazinrundschau vom 07.09.2010 - Le Monde

Die Roma sind Europäer, und Europäer haben Reisefreiheit, schreibt Andre Glucksmann zu den populistischen Ausweisungen von Zigeunern aus Frankreich: "Es gibt ein heiteres Bild der Entwurzelung - das sind die 300.000 französischen Expats, die sich in der City bereichern, wenn die Börse steigt. Und es gibt ein tragisches Bild - das sind jene fahrenden Leute, die man von einem wilden Zeltplatz zum anderen jagt und denen man auf diese Weise das Recht zu reisen und zu betteln nimmt, das bisher nur der Kommunismus mit Gewalt brechen wollte. Roma machen Angst. Wer Roma versteckt, versteckt unsere Brüder in der Entwurzelung, die ein unausweichlicher und beängstigender Teil unseres Schicksals sind. Die Angst vor den Roma ist eine uneingestandene Angst vor uns selbst."
Stichwörter: Glucksmann, Andre, Roma, Zigeuner

Magazinrundschau vom 13.07.2010 - Le Monde

Unter der Überschrift "Die zwei Enden der Sprache" hält der Philosoph Michel Onfray die Dialektik französischer Sprachbetrachtung aufrecht. Nach innen ist man gegen die Regionalsprachen, nach außen - im Namen der Vielfalt - gegen das Englische: "Der Mythos der einen adamitischen Sprache scheint die Form eines Flughafenenglisch anzunehmen, das Millionen von Menschen sprechen. Und man begreift , dass die verstümmelte, amputierte, entstellte, massakrierte, abgetötete Sprache Shakespeares sich durchsetzen könnte, da man fordert, dass sie die Handelssprache sei. Sie ist die beherrschende Sprache, weil sie die Sprache der beherrschenden Kultur ist. Wer Englisch spricht, und sei es radebrechend, spricht die Sprache des Empire. Das Biotop des Englischen trägt den Namen Dollar." Um nicht englisch sprechen zu müssen, holt er gar das Esperanto aus dem Hut!
Stichwörter: Empire, Onfray, Michel

Magazinrundschau vom 08.06.2010 - Le Monde

Der Publizist Guy Sorman singt eine kleine Hymne auf drei chinesische Dissidenten: Wei Jingsheng, der seit Jahren im Exil lebt, Hu Jia und Liu Xiaobo, die wegen ihres Engagements für Aids-Kranke beziehungsweise für die Charta 08 ins Gefängnis gesteckt wurden: "Sie drei verkörpern die Sehnsucht der chinesischen Gesellschaft nach politischer und moralischer Würde, die so alt ist wie die chinesische Zivilisation. Das Schicksal Wei Jingshengs erinnert daran, dass schon im Jahr 1911 ein gewisser Sun Yat-sen aus dem britischen Exil nach China zurückkehrte, um dort die Republik auszurufen und sich zum Präsidenten wählen zu lassen, lange bevor viele europäische Monarchien diesen Weg gingen. Und Liu Xiaobo ist ebenso sehr von der chinesischen Tradition durchdrungen wie von der europäischen Aufklärung, die den Chinesen seit 200 Jahren ein Begriff ist. Und Hu Jia, ein gläubiger Buddhist, erinnert uns daran, dass Mitleid und Tugend zu den ewigen Bestandteilen der chinesischen Zivilisation gehören."

Magazinrundschau vom 20.04.2010 - Le Monde

Die Internet-Kommentare von Lesern seien das zeitgenössische Pendant zur "Pissoirliteratur" früherer Zeiten, schäumt der Philosoph Michel Onfray in einem Debattenbeitrag. Anlass sind hämische und beleidigende Leserkommentare zu einem Buch der Journalistin Florence Aubenas, das er selbst als "rein wie ein Diamant" gelobt und mit Stendhal, Zola und Celine verglichen hat. Und dann stehen im Netz plötzlich die "Rülpser irgendwelcher Zwerge", die das Buch - weil ein Bestseller - nicht einmal gelesen hätten: "Der Sykophant lässt seinen traurigen Affekten freien Lauf: Neid, Eifersucht, Bosheit, Hass, Ressentiment, Verbitterung, Groll etc. Da vernichtet der gescheiterte Koch die Küche eines erfolgreichen Kollegen...; der verhinderte Schriftsteller hält Vorlesungen über ein Buch, das er nur aus dem Fernsehauftritt seines Autors kennt... Der anonyme Kommentar im Internet ist eine virtuelle Guillotine. Er lässt den Impotenten einen abgehen, die nur jubeln, wenn Blut fließt. Morgen ist auch ein noch ein Tag, es reicht, ein bisschen dieses Fernsehen zu schauen, das man angeblich so verabscheut, aber vor dem man sich räkelt, um ein neues Sühneopfer für seine eigene Mittelmäßigkeit, seine Leere, seine geistige Armseligkeit zu finden."

Magazinrundschau vom 13.04.2010 - Le Monde

In einem sehr pessimistischen Artikel über die Stimmung in den französischen Vorstädten beschreibt Tahar Ben Jelloun unter anderem das traurige Lebensgefühl der ersten, jetzt alternden Immigrantengeneration: "Sie leben oder überleben und sehen sich selber zu, wie ihr Leben in Stücke zerfällt. Sie haben Kinder gemacht, um weniger allein zu sein, um zu sein wie die anderen, und müssen feststellen, dass sie nichts im Griff haben. Weder die Zeit noch ihre Nachkommen. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Einige arrangieren sich damit und sind glücklich, andere hoffen nur, dass das Schicksal sie verschont. Dann teilt man ihnen mit, dass ihr Sohn bei einer Schlägerei oder einer Straftat ums Leben gekommen ist, und sie sind stumm. Der Himmel fällt ihnen auf den Kopf."
Stichwörter: Ben Jelloun, Tahar