Magazinrundschau - Archiv

Le Monde

95 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 10

Magazinrundschau vom 12.07.2011 - Le Monde

Es sei ein schwerer Fehler zu glauben, Deutschland mache einen Schritt rückwärts mit seiner Entscheidung zum Atomausstieg, genau das Gegenteil sei der Fall, erklärt der Soziologe Ulrich Beck französischen Skeptikern. "Es ist ein Irrtum zu denken, Deutschland bräche durch seine politische Entscheidung zu einer Energiewende mit dem europäischen Konzept der Moderne und wende sich wieder obskuren Wurzeln und Wäldern zu, die man der deutschen Geistesgeschichte unterstellt. Das, was gerade die Macht übernimmt, ist keineswegs diese legendäre deutsche Irrationalität, sondern der Glaube in die Lernfähigkeit und in die Kreativität der Moderne angesichts der Risiken, die sie selbst geschaffen hat."

Weiteres: "Eine echte Neuschöpfung ist frech", meint der Schriftsteller Stephane Hessel in einem Gespräch über die Rolle von Kunst und Kultur vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Konsumrauschs; Hintergrund ist sein Buch "Engagez-vous!" (L?Aube).

Magazinrundschau vom 05.07.2011 - Le Monde

Der Euro bringt Europa zum Einsturz meint der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen. Denn die nicht-demokratische Macht von Bankiers und Rating-Agenturen bürde Griechenland oder Portugal eine Politik der Strenge zur Effizienz auf, die ungewiss und sogar gefährlich sei. "Da von nun an ein Großteil Europas bestrebt ist, die öffentlichen Defizite über den Ausweg klarer Einschnitte bei öffentlichen Ausgaben schnellstmöglich einzudämmen, ist es unerlässlich, realistisch zu untersuchen, was die Auswirkungen dieser Maßnahmen sein werden, sowohl auf den Alltag der Menschen als auch auf die Generierung öffentlicher Einnahmen durch wirtschaftliches Wachstum. Was zur Stunde fehlt - neben einem politisch ambitionierteren Projekt - ist eine ökonomisch entwickeltere Reflektion über die Ergebnisse und die Auswirkungen solcher Strategie einer maximalen Reduzierung der Defizite unter 'Blut, Schweiß und Tränen'."

Magazinrundschau vom 28.06.2011 - Le Monde

In einem kleinen Dossier umkreist Le Monde die Frage des Gehens in unseren hypermodernisierten Gesellschaften. Im Gespräch erläutert etwa der Philosoph Frederic Gros seine These, wonach Gehen eine ursprüngliche "spirituelle Übung" sei. "Das Gehen ermöglicht es uns, jenseits einer rein mathematischen oder geometrischen Vorstellung des Raums und der Zeit zu gelangen. Die Erfahrung des Gehens ermöglicht außerdem die Illustrierung einer ganzen Anzahl philosophischer Paradoxe wie zum Beispiel: die Ewigkeit des Augenblicks, die Einheit von Seele und Körper in der Geduld, die Anstrengung und der Mut etc."

Der Anthropologe Marc Auge schreibt über Paradoxe der Mobilität und die Verstädterung als Kern unserer globalisierten Gesellschaften. Jean-Loup Amselle, ebenfalls Anthropologe, spürt dem Zusammenhang zwischen der Förderung des Individuums und kapitalitischen Anforderungen nach und plädiert dafür, der Ideologie des modernen Nomadentums zu misstrauen. Und der Soziologe David Le Breton erklärt das Sich-Zeit-Nehmen zu einem subversiven Akt.

Weiteres: Florence Evin und Nathaniel Herzberg berichten über eine Diskussion, die in Frankreich über die Aufnahme der Architektur von Le Corbusier in die UNESCO-Kulturerbeliste geführt wird. Zu lesen ist dazu auch ein Kommentar von Yves Auge, Präsident der Association des biens francais, patrimoine mondial, und Marc Petit, Vorsitzender derAssociation des sites Le Corbusier.
Stichwörter: Le Corbusier, Mobilität

Magazinrundschau vom 14.06.2011 - Le Monde

Tahar Ben Jelloun verliert selten die Fassung. Sein Kommentar zum Foltertod des 13-jährigen syrischen Jungen Hamzah lässt allerdings an Drastik nichts zu wünschen übrig: "Diese Täter sind Ratten, nicht einmal Wölfe, einfach nur blutige bedröhnte Ratten. Ihre Nächte werden von Kindergespenstern bevölkert sein. Leicht wie Schmetterlinge werden sie an erleuchtete Fensterscheiben stoßen. Denn ich bin sicher, dass die Mörder gut schlafen werden. Ihre kriminelle Brutalität wird nur neue Foltersitzungen und Tote bringen. Sie wurden im stinkenden Sumpf der Baath-Partei gezüchtet, der totalitären Ideologie dieses Regimes."
Stichwörter: Ben Jelloun, Tahar

Magazinrundschau vom 24.05.2011 - Le Monde

Natürlich beschäftigt die Affäre um Dominique Strauss-Kahn noch immer die Debattenseiten. Als "demokratische Lektion" will Jacques Follorou sie verstehen. Die empörten Aufschreie - mediale Hinrichtung, ungerechte Behandlung, beschämende Inszenierung - seien "typisch französisch. Sie verweisen auf die Archaismen unserer Gesellschaft und auf den Platz der Justiz in unserer Demokratie, der es an einer Kultur der Machtbalance so mangelt. Einmal mehr entrüsten sich die französischen Eliten über die Tätigkeit der Justiz, wenn diese sich gegen einen der ihren richtet ... Was Frankreich letztlich schockiert ist genau diese amerikanische Kultur der Gegen-Gewalt. Bei uns wurde die Justiz historisch dafür geschaffen, Dinge und Menschen zu schützen, und nicht dafür, um sich zu einem wahren Pfeiler der Demokratie auf Augenhöhe der politischen und wirtschaftlichen Obrigkeit aufzurichten."

Caroline Fourest fragt sich, warum die französische Presse DSK zu einer so einflussreichen Person hat werden lassen, ohne seine offenkundige Schwäche genauer zu unter die Lupe zu nehmen. Auch sie sieht darin einen "Rest Patriarchat, aber auch des Ancien Regime" wirken. Damit endet die Selbstkritik aber auch schon, man müsse sich nämlich nicht schämen, "einer Presse anzugehören, die sich weigert, ihre Zeit in Politikerbetten zu verbringen ... Die schreckliche Inszenierung [in den US-Medien] verbirgt in Wirklichkeit eine Gesellschaft mit monströsen sozialen Unterschieden. In der die moralische Bestrafung, in religiöser Manier, eigentlich das Fehlen einer sozialer Gerechtigkeit kompensiert. Selbst die Freiheit der angelsächsischen Presse, die gern angeführt wird, um der französischen Presse Lektionen zu erteilen, ist in Wahrheit eine Freiheit des Kommerzes: nämlich Papier zu verkaufen, ohne Rücksicht auf das Privatleben oder die Unschuldsvermutung."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem Philosophen und Autor Alain Finkielkraut.

Magazinrundschau vom 03.05.2011 - Le Monde

Die Intellektuellen Europas werden von einem Endzeit-Pathos beherrscht, diagnostiziert der Romancier und Essayist Pascal Bruckner in einem Text über das Verführerische der Katastrophe. "Ihre alarmistischen Diskurse über die Atomkraft, das Klima und die Zukunft des Planeten leiden unter einem Widerspruch. Wenn die Lage wirklich so ernst ist, wie sie behaupten, wogegen soll man dann noch rebellieren? Warum nicht einfach entspannt auf den Untergang warten? Die vorgeschlagenen Lösungen jedenfalls scheinen der Schwere des Übels unterlegen ... Um der Ungewissheit der Geschichte zu entkommen, wird deshalb die Gewissheit der Katastrophe dekretiert: Sie erlaubt, sich entspannt in den Süßen des Abgrunds einzurichten. Wann der Zusammenbruch kommt, ist egal, er erwischt uns sowieso. Der Diskurs der Angst sagt nicht vielleicht, sondern: Der Horror ist gewiss."

Magazinrundschau vom 26.04.2011 - Le Monde

Le Monde bringt ein spannendes Steitgespräch zwischen dem milden Islamisten Tariq Ramadan (dessen Großvater Hassan al-Banna die Muslimbrüder gründete) und dem säkularistisch gesonnenen Erforscher der islamischen Zivilisation Abdelwahab Meddeb. Ramadan will in den Revolten auch einen religiösen Aspekt erkennen: "Unsere Analysen sind von Islamismusfurcht zur Leugnung des Islams umgeschlagen. Aber diese Revolutionen haben sehr wohl einen islamischen Aspekt: Sie werden nicht im Namen des Islams gemacht, aber die Werte, um die es ihnen geht, stehen nicht im Widerspruch zum Islam. Es handelt sich um universelle Werte, nicht um westliche Werte, die dem Islam fremd sein könnten." Meddeb sieht es anders: "Die Frage des religiösen Aspekts hat sich gar nicht gestellt. Diese Ereignisse haben nichts mit religiöser oder kultureller Identität zu tun. Es sind Revolten gegen eine Situation, in der die mindesten Rechte des Individuums nicht gewährleistet waren. .. Und es gibt nicht tausend Arten, eine Demokratie zu werden. Warum soll man sich von den westlichen Erfindungen distanzieren? Sie gehören der Menschheit."

Magazinrundschau vom 19.04.2011 - Le Monde

Der Regisseur Claude Lanzmann kritisiert das verschleiernde Politikverständnis, das die internationalen Luftschläge gegen Libyen ausdrücklich nicht als "Krieg" verstanden wissen will und entprechend als "Schläge" bezeichnet. "Die Option null Tote duldet keinen Kampf von Mann zu Mann. Man muss verstehen: Ein Schlag, das ist ein Schlag auf den Hintern, ein Hieb, wie man ihn Kindern verpasst. Ein Schlag eben, kein Krieg. Man kann getrost von einer Infantilisierung der Politik sprechen. Auf dem Feld der Schläge oder Hiebe bleiben die Opfer ungezählt und namenlos, sie zählen nicht."
Stichwörter: Lanzmann, Claude, Libyen

Magazinrundschau vom 29.03.2011 - Le Monde

Es haben sich ein paar Kleinigkeiten im UN-Menschenrechtsrat getan, konstatiert Caroline Fourest (mehr hier). Der Begriff der "Diffamierung von Religionen", der von einigen islamischen Staaten in Resolutionen der Institutionen eingeschmuggelt worden war, ist neuerdings ersetzt von "Aufruf zum Hass und zur Gewalt gegen Angehörige von Religionen". Die Initiative ging hier offenbar von Pakistan aus, das unter dem Schock politisch-religiöser Morde steht. "Der überraschendste Fortschritt liegt aber darin, dass neue 'Entsendemissionen'' geschaffen wurden", die die Menschenrechtslage in gewissen Ländern überprüfen sollen. "Autoritäre Regimes, vor allem Kuba, glaubten, diese Missionen abgeschafft zu haben. Aber die Allianz zwischen den Tyrannen ist so rissig geworden, der Bruch zwischen Schiiten und Sunniten so tief, dass eine Mission in Bezug auf den Iran nicht mehr verhindert werden konnte."

Magazinrundschau vom 15.03.2011 - Le Monde

Warum attackiert die ungarische Regierung ausgerechnet die Philosophen?, fragt Agnes Heller: "Wir erleben einen 'Kulturkampf', eine Offensive der Macht gegen die Intellektuellen." Und dieser Kulturkampf ist nur die Begleitmusik zu einigen sehr konkreten politischen Maßnahmen: "Die Regierung führt eine Menge Reformen ein, die die Nerven rechtsbewusster Intellektueller reizen. Zum Beispiel indem sie von der Verfassung vorgesehene Gegenmächte schwächt, die Macht konzentriert, Einzahlungen an private Rentenversicherungen verstaatlicht, die Unabhängigkeit der Zentralbank einschränkt, nachträglich in Kraft tretende Gesetze einführt - und so weiter."