Natürlich beschäftigt die Affäre um
Dominique Strauss-Kahn noch immer die Debattenseiten. Als "demokratische Lektion" will Jacques Follorou sie
verstehen. Die empörten Aufschreie
- mediale Hinrichtung, ungerechte Behandlung, beschämende Inszenierung - seien "
typisch französisch. Sie verweisen auf die
Archaismen unserer Gesellschaft und auf den Platz der Justiz in unserer Demokratie, der es an einer Kultur der Machtbalance so mangelt. Einmal mehr entrüsten sich die französischen Eliten über die Tätigkeit der Justiz, wenn diese sich gegen einen der ihren richtet ... Was Frankreich letztlich schockiert ist genau diese amerikanische Kultur der
Gegen-Gewalt. Bei uns wurde die Justiz historisch dafür geschaffen, Dinge und Menschen zu schützen, und nicht dafür, um sich zu einem wahren Pfeiler der Demokratie
auf Augenhöhe der politischen und wirtschaftlichen Obrigkeit aufzurichten."
Caroline Fourest
fragt sich, warum die französische Presse DSK zu einer so einflussreichen Person hat werden lassen, ohne seine offenkundige Schwäche genauer zu unter die Lupe zu nehmen. Auch sie sieht darin einen "
Rest Patriarchat, aber auch des Ancien Regime" wirken. Damit endet die Selbstkritik aber auch schon, man müsse sich nämlich nicht schämen, "einer Presse anzugehören, die sich weigert, ihre Zeit in Politikerbetten zu verbringen ... Die schreckliche Inszenierung [in den US-Medien] verbirgt in Wirklichkeit eine Gesellschaft mit monströsen sozialen Unterschieden. In der die moralische Bestrafung, in religiöser Manier, eigentlich das Fehlen einer
sozialer Gerechtigkeit kompensiert. Selbst die Freiheit der angelsächsischen Presse, die gern angeführt wird, um der französischen Presse Lektionen zu erteilen, ist in Wahrheit eine Freiheit des Kommerzes: nämlich
Papier zu verkaufen, ohne Rücksicht auf das Privatleben oder die Unschuldsvermutung."
Zu
lesen ist außerdem ein Interview mit dem Philosophen und
Autor Alain Finkielkraut.