Magazinrundschau - Archiv

Nepszabadsag

215 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 22

Magazinrundschau vom 28.04.2009 - Nepszabadsag

Angesichts der wachsenden Zahl jener slowakischen Politiker, die die ungarnfeindliche Karte ausspielen und damit Angst schüren wollen – wie zuletzt während der Präsidentschaftswahl in der Slowakei gesehen – protestiert der slowakische Literaturwissenschaftler Rudolf Chmel gegen die sich verbreitende nationalistische Ideologie in seinem Land: "Wenn jemand nur dazu fähig ist, Angst zu schüren und die Bürger irre zu führen, sie in Schrecken zu versetzen, ihnen seine eigenen Hemmungen und Komplexe aufzuzwingen und diese dann als eine landesweite und für die gesamte Nation bezeichnende Idee verkaufen will – dann ist das mehr, als bloß Gerüchte zu verbreiten. Mit dem Nationalismus eines anderen Landes Angst zu verbreiten, das ist einerseits der Beweis eines geringen bürgerlichen, nationalen, staatlichen Selbstbewusstseins, andererseits nicht gerade das beste Empfehlungsschreiben für Politiker, die sich für geeignet halten, die Gesellschaft aus der Krise zu führen – und nicht nur aus der wirtschaftlichen. Ich bin der Meinung, dass sie nicht dafür bezahlt werden, den Geist des Kalten Krieges heraufzubeschwören und einige aus der Gesellschaft auszuschließen, sondern dass sie vielmehr dafür sorgen müssen, dass eine Atmosphäre der guten Nachbarschaft, der Kooperation und der Verständigung entsteht."

Magazinrundschau vom 14.04.2009 - Nepszabadsag

Die Diktatur hat jede authentische Gemeinschaftlichkeit erstickt und darum paradoxerweise das Individuum gefördert, meint der Verhaltensforscher Vilmos Csanyi: "Deshalb waren wir lange Zeit die Musterschüler der Wende, weil plötzlich alles mitgenommen werden konnte; und wer gerade zugegen war, der nahm es auch mit, und der Rest beginnt erst jetzt zu verstehen, dass hier ein riesengroßer Schwindel geschah. Die Gemeinschaften wurden an der großen Verteilungsaktion nicht beteiligt. Dabei sind es gerade die kleinen Gemeinschaften, in denen sich das Bewusstsein der Gesellschaft gestaltet, dort kann jeder erlernen, dass ihm nicht nur etwas zusteht, sondern dass er auch Verpflichtungen hat - dort entwickelt sich die Regierbarkeit einer Gesellschaft."

Magazinrundschau vom 24.03.2009 - Nepszabadsag

"Heute ist der letzte Tag, an dem Ferenc Gyurcsany noch freiwillig aus dem Amt des Ministerpräsidenten scheiden kann", schrieb der Politologe Laszlo Lengyel am vergangenen Samstag, und etwas später gab Gyurcsany als Ministerpräsident tatsächlich auf. Lengyel fordert die Bildung einer "Expertenregierung", nachdem Gyurcsany alle Unterstützung im In- und Ausland verloren hatte: "Hier greifen die orthodoxen Programme der letzten zwanzig Jahre überhaupt nicht mehr. Selbstkritik, Lernen, die Prüfung neuer Lösungen sind jetzt die Aufgaben. Und die Behandlung der Seelen: Ein Auftreten gegen die Gewalt, die Grobheit, die Entzivilisierung. Krisenmanagement ist keine Diktatur, im Gegenteil, sie ist Demokratie und Dialog. Du traust deinem Volk nicht? Dann wird es auch dir nicht trauen."

Magazinrundschau vom 17.03.2009 - Nepszabadsag

Miklos Haraszti ist OSZE-Beauftragter für die Pressefreiheit und hat als "Zensor der Zensoren" weltweit immer mehr zu tun. Denn während sich in Westeuropa das Phänomen der Selbstzensur verbreitet (wie im Fall der Mohammed-Karikaturen 2006), wird in Osteuropa die Pressefreiheit vor allem seitens des Staates zunehmend gestutzt. Und wie ist die Lage in Zentralasien und dem Kaukasus?, fragte ihn Bela Kurcz. "Die BBC und Radio Freies Europa haben die Jahre der Veränderungen vielerorts als einzige 'öffentlich-rechtliche' Radiosender, wenngleich mittlerweile auf FM-Frequenz, überstanden. Und nun werden sie aus manchen Ländern verdrängt, und zwar ausgerechnet aus jenen, in denen es wichtig wäre, dass die Menschen wenigstens mit ihren Autoradios Sender hören können, die nicht zentral gesteuert werden und allen Seiten gegenüber fair sind. In manchen Ländern werden sogar ihre Berichterstatter verfolgt. Die wichtigste Erfahrung meiner underground-oppositionellen Generation ist allerdings: die Öffentlichkeit ist immer von Nutzen. Sie kann das Verpatzte zwar nicht zurechtbiegen, sie kann auch keine Rechtshilfe leisten, kann aber die Verschlechterung der Lage aufhalten. In Ländern, die über keine pluralistische Presse verfügen, hat die OSZE für die Zivilgesellschaft ungefähr dieselbe Bedeutung, die für uns Ungarn der Helsinki-Prozess hatte."

Julianna P. Szűcs würdigt die Kunst des französischen Malers Gustave Moreau, dessen Werke derzeit im Budapester Museum der Schönen Künste gezeigt werden, als Wundermittel gegen die Krise: "Der Schlüssel seiner Kunst ist in jener künstliche Welt aus Kultur, Phantasie und Mythos verborgen, die er der wirklichen Welt gegenüberstellt, in der hartnäckigen Verteidigung der von allem unabhängigen, willkürlichen Schönheit. Während seiner Laufbahn war er – zu seinem Glück oder zu seinem Unglück – nie mit dem naturalistischen Gebot des Alltags konfrontiert. Moralisch ist dies gewiss falsch. Doch heutzutage, in der Zeit der totalen Wertkrise, der allgemeinen Existenzkrise und des alles überschwemmenden Medienmülls, ist es ein Geschenk fürs Auge, sich auf diesen altertümlich glänzenden Edelsteinen ausruhen zu können."

Magazinrundschau vom 17.02.2009 - Nepszabadsag

Nepszabadsag veröffentlichte ein Gespräch zwischen dem polnischen Publizisten und Diplomaten Bogdan Goralczyk und dem ungarischen Politologen Laszlo Lengyel. Beide warfen einen Blick zurück auf zwei Jahrzehnten Nachwendezeit, die, so sehen es beide Intellektuelle, bei weitem nicht als Erfolg gewertet werden kann. Bogdan Goralczyk findet vor allem die ideologische, politische, mentale und materielle Polarisierung in den postkommunistischen Gesellschaften auffällig: "Das Schlimmste ist, dass wir immer noch lieber zurück schauen, als nach vorn zu blicken. Anstatt unser Zukunftsbild klar aufzuzeichnen und unser Programm in einem gemeinsamen Europa zu formulieren, ziehen wir uns in die eigene Provinzialität zurück und schneidern alles auf den eigenen Horizont zu. Das ist der Grund, weshalb die mitteleuropäische Kooperation nicht funktioniert. [...] Welchen Ausweg ich aus dieser Situation sehe? Dem Anschein zum Trotz einen ausgesprochen einfachen: Mehr Europa, mehr Empathie für die Nachbarn, mehr ruhige Dialoge unter einander. Ich befürchte, daß wir nicht einmal dieses Minimalprogramm werden absolvieren können. Wäre ich nur ein schlechter Prophet...!"

Laszlo Lengyel ist noch pessimistischer. "Bedenke nur lieber Bogdan, wie viele 'politische Generationen', wie viele unterschiedliche politischen Kulturen und Stile in den USA seit 1989 erschienen sind, im Vergleich zu Ungarn oder Polen! Die politische Elite hat ihren eigenen potentiellen Nachschub abgeblockt, neuen Gesichtern, Ideen und Institutionen den Zugang verwehrt. Die parlamentarische Demokratie ist ein Schein. Die unmittelbare Abhängigkeit von den Oberen, von der Parteizentrale, von dem Ministerpräsidenten, das feudale Günstlingssystem, die Verteilung und der Entzug der politischen Güter wurde erneut ausgebaut. Worin ihr am meisten an die Welt von Gomulka und Gierek, und wir an die Welt von Kadar erinnern, ist der vollkommene Antidemokratismus der politischen Selektion. Während der Systemwechsel und die Europäisierung von den Akteuren in der Wirtschaft, der Kultur und sogar von den Arbeitnehmern ernsthafte Anstrengung und Anpassungsfähigkeit abverlangte, forderte sie von der polnischen und ungarischen politischen Elite genau das Gegenteil - die Provinzialisierung. Unsere Führer sind alles andere als internationale Politiker. Sie sprechen ihre eigene, nationale Wählersprache, selbst wenn sie sie wortgetreu aus dem Englischen übersetzen"

Magazinrundschau vom 09.12.2008 - Nepszabadsag

Die Tragödie Ungarns ist es, dass sich die verschiedenen Krisen summieren, findet der Politologe Laszlo Lengyel: Auf die strukturelle Krise des Landes und die Legitimationskrise der politischen Elite folgt nun auch die Finanzkrise, die sich durch die Entscheidung des EU-Gipfels vom 12. Oktober noch verstärkt: "Wir Ungarn werden von der Welt und von unserer eigenen Dummheit gestraft. Die Welt straft uns teilweise für fehlende Reformen, schlechte wirtschaftspolitische Leistungen und die sich daraus ergebende Unglaubwürdigkeit. Es stimmt zwar, dass das Urteil der Welt über uns in hohem Maße auf einer virtuellen ungarischen Welt und nicht auf der komplizierten ungarischen Realität basiert. Nie war das Ungarn-Bild in der internationalen Presse so schlecht wie jetzt. In den Augen der Welt erscheint das einst friedliche, strebsame, in Sachen Reformen eine Vorreiterrolle spielende Ungarn, das in der Revolution heldenhafte und im Alltag gastfreundschaftliche und fleißige ungarische Volk sowie seine begabte Elite nun als eine rückständige, der Reformen müde gewordene, unzuverlässige, unverträgliche, nationalistische Welt des ungarischen Populismus. Natürlich liegt es im Interesse der anderen, ihren Rückzieher mit unserem schlechten Erscheinungsbild zu begründen. Andererseits: warum sollten sie ausgerechnet den schlechten Schüler retten?"
Stichwörter: Populismus

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - Nepszabadsag

In der ungarischen Gesellschaft wird der Umgangston immer rauer. Mittlerweile werden Lehrer oder Ärzte verprügelt und das Allgemeinbefinden der Gesellschaft verschlechtert sich von Tag zu Tag. Der Verhaltensforscher Vilmos Csanyi fordert deshalb eine gesündere Debattenkultur - in erster Linie, aber nicht nur, von den Parlamentariern: "Stellen Sie sich ein Parlament vor, in dem jeder seinen Gegner respektiert und dies auch zum Ausdruck bringt, indem er seine abweichende Meinung innerhalb der Grenzen des Respekts äußert. Es wäre ein Vorbild von elementarer Kraft. Wenigstens die Politiker müssten erkennen, dass wenn sie die Leiter von Institutionen in ihrer Person zu demütigen versuchen, auch die Institutionen einen bedeutenden, oft sogar anhaltenden Schaden erleiden."
Stichwörter: Debattenkultur

Magazinrundschau vom 25.11.2008 - Nepszabadsag

"Das Elend des slowakischen und ungarischen Nationalismus hat in vielerlei Hinsicht den selben Ursprung", meint der in der Slowakei geborene ungarische Historiker Laszlo Szarka und sucht im Interview mit Gabor Miklos nach den Gründen des aktuellen Konflikts: "Hinter den primitiven, die Sensibilität des anderen außer Acht lassenden Vorurteilen stehen in beiden Ländern die im Kommunismus tabuisierten historischen Gegensätze und verbotenen Geschichten. Ich glaube nicht, dass wir heute in Ungarn oder in der Slowakei dem anderen vorwerfen müssten, er sei faschistisch. Es genügt, wenn wir die Ursachen dafür ergründen, wieso der neue Radikalismus, der alte und neue Nationalismus beziehungsweise der autoritäre Populismus derart zusammenfinden und sie solche Massen in ihren Bann ziehen konnten. Wer braucht - und wofür - eine Ungarische Garde anstelle eines wahrhaftigen, zum Handeln bewegenden Nationalgefühls und Patriotismus? Warum brauchen wir erneut Sündenböcke? (...) Ich glaube, dass im heutigen slowakisch-ungarischen Konflikt die Geschichte lediglich Schlagwörter für oberflächliche publizistische Erklärungen liefert, während die tieferen historischen Ursachen kaum erwähnt werden. Diese öffentlich zu diskutieren, ist unsere vordringliche Hausaufgabe, in die wir aber auch die Nachbarn mit einbeziehen müssen."

Magazinrundschau vom 11.11.2008 - Nepszabadsag

Der Politologe Laszlo Lengyel gratuliert den amerikanischen Wählern - "sie schenkten nicht nur sich selbst, sondern auch der ganzen Welt Hoffnung" - und hofft nach der Wahl Barack Obamas auf die Entstehung einer ganz neuen Kultur, "die statt auf Gewalt und autoritäre Politik auf Verhandlungen und friedliche Lösungen setzt und eine große Veränderung der Lebenswelten bewirkt. Wie die sechziger Jahre unsere Auffassung vom Alltag radikal veränderten, und wie die vergangenen zwanzig Jahre wieder eine andere Kultur erblühen ließen, glaube ich daran, dass die größte Veränderung eine kulturelle sein wird, die erneut von Amerika ausgehen wird, doch diesmal Hand in Hand mit Europa und Asien. Wir werden nie mehr über die Beziehung zwischen Frauen und Männer, zwischen Eltern und Kinder, zwischen Jung und Alt, zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen auf heutige Art und Weise nachdenken können."
Stichwörter: Obama, Barack

Magazinrundschau vom 04.11.2008 - Nepszabadsag

Für die Finanzkrise geben die Osteuropäer fast ausschließlich sich gegenseitig (die Polen den Ungarn, die Rumänen den Bulgaren), den entwickelten Ländern ("die haben uns wieder im Stich gelassen") oder ihrer eigenen, inkompetenten politischen Elite die Schuld. Eszter Babarczy findet diese Reaktionen besonders gefährlich, weil sie sie an jene Rhetorik erinnert, aus der später Nazideutschland hervorging: "Natürlich droht die Tendenz in Osteuropa, immer den anderen die Schuld zu geben, nicht auf einen Weltkrieg hinauszulaufen, sie ist aber insofern eine Bedrohung, als wir uns den 'äußeren' Umständen ständig ausgeliefert fühlen und für uns jede Krise überraschend kommt. Wer denkt, dass immer die anderen schuld sind, der lernt nichts und ist nicht imstande, Probleme zu lösen."
Stichwörter: Nazideutschland, Ausgeliefert