Magazinrundschau - Archiv

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215 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 22

Magazinrundschau vom 20.10.2009 - Nepszabadsag

In diesem Oktober wird die aktuelle - ursprünglich nur als temporär vorgesehene - ungarische Verfassung zwanzig Jahre alt. Zeit, so der Historiker und Leiter des Budapester Habsburg-Instituts Andras Gerö, über bestimmte Anpassungen an die inzwischen veränderten Umstände nachzudenken. Auch verliert seiner Ansicht nach der Staatspräsident mehr und mehr an Autorität, weil er vom Parlament gewählt wird und daher kaum noch die gesamte Nation verkörpere. Um dieses Autoritätsdefizit zu beheben, schlägt Gerö eine Monarchie für Ungarn vor: "Ich bin der Meinung, dass die Monarchie fähig ist, innerhalb einer politischen Gemeinschaft jene Autorität zu schaffen, die neben der demokratischen Funktion und der politischen Kritik der Exekutive auch das Kriterium garantiert, das die Verfassung heute mit dem Staatspräsidenten verbindet, nämlich die politische, aber eben nicht parteipolitische Verkörperung der nationalen Einheit. Dies ist natürlich nur möglich, wenn der Monarch herrscht, aber nicht regiert, wenn also seine Rolle symbolisch ist. Der Vorteil eines Monarchen gegenüber eines Staatspräsidenten ist, dass er der Erbschaftsfolge unterliegt, weshalb seine Legitimität nicht von parteipolitischen Verhältnissen abhängt. Wahrscheinlich würde er auch den Staatshaushalt nicht höher belasten als ein Staatspräsident."
Stichwörter: Monarchie, Monarchien

Magazinrundschau vom 22.09.2009 - Nepszabadsag

Der Zusammenhang zwischen Demokratie und Kapitalismus sei zerstört worden, schrieb der slowenische Philosoph Slavoj Zizek in einem Artikel der London Review of Books im Sommer. Eine "postdemokratische" Ära komme auf uns zu – dabei schienen Demokratie und Kapitalismus immer untrennbar zu sein. Der Politologe Csaba Gombar hat die mit "post-" beginnende Wortflut satt: "Waren 'postindustriell', 'postmodern', 'postamerikanisch' etc. noch nicht genug? Natürlich können wir, wenn eine Veränderung ansteht, wenn wir das Gefühl haben, dass etwas zu Ende ist, diesen Zustand oft nicht beschreiben. (...) Die heute praktizierte Demokratie wird vielleicht nicht mehr von den Massen unterstützt. Doch die Demokratie selbst ist seit der Antike ein – wenngleich lange Zeit unterdrückter – doch sehr alter Menschheitswunsch, der stets neue Formen annehmen kann."
Stichwörter: Zizek, Slavoj

Magazinrundschau vom 01.09.2009 - Nepszabadsag

In der Galerie Modem in der ostungarischen Stat Debrecen ist seit kurzem die Ausstellung "Messias. Meisterwerke der modernen Kunst über die Erlösung, von Pablo Picasso bis Bill Viola" zu sehen. Mit dabei: Munch, Kokoschka, Chagall, Warhol, Bacon, Nitsch, Serrano. Julianna P. Szücs findet dennoch, dass die ansonsten bombastische Ausstellung aus kunsthistorischer Sicht kaum von Bedeutung ist: "Und zwar nicht deshalb, weil hinter den großen Namen oft das überzeugende Werk fehlt. Auch nicht deshalb, weil zur Messias-Thematik alles passt, auch dessen Gegenteil, oder weil eine chronologische Strenge und auch eine empfindliche qualitative Selektion fehlt. [...] Sondern deshalb, weil der Ausgangspunkt des Kurators – 'wie kann kann der Mensch in der Moderne erlöst werden?' – der Natur der Kunst grundsätzlich fremd ist. Die Kunst kann und will nämlich solch eine gekünstelte Frage nicht beantworten. Genauso vergebens war es in der Vergangenheit, die Kunst mit Fragen zur Sache der Arbeiterbewegung oder des Umweltschutzes zu quälen. Eine Zeitlang lässt sich die Kunst wie ein scheintoter Gegenstand hin- und herwerfen. Sie gehorcht jeder organisatorischen Laune. Wenn Kuratoren, Kulturmanager oder Politiker über die Erlösung meditieren, gibt sie ihnen ein wenig nach. Danach aber geht sie ihren eigenen Weg – und bricht schlimmstenfalls keine Rekorde in den Besucherzahlen."

Magazinrundschau vom 04.08.2009 - Nepszabadsag

Gyula Varsanyi sprach mit dem Soziologen (und zeitweiligen Medienfachmann des ungarischen Parlaments) Andras Szekfü über die Spannung, die aus dem Widerspruch zwischen den Illusionen der 70er und 80er Jahre und der Realität von heute wächst, und fragte ihn, wo die medienpolitischen Fehler der Wende (und der Zeit danach) gelegen haben mögen: "Aus heutiger Sicht ist klar: Die Spaltung innerhalb der Gesellschaft ist so tief, die Hassrede so weitverbreitet, die Politiker schlagen einen solch derben Ton an und die Zeitungen schreiben in solch einem Stil über die jeweils andere Seite, dass eine zivilisierte Annäherung nicht mehr möglich ist – sie gilt scheinbar keiner Seite mehr als natürlicher moralischer Anspruch. Es stellte sich auch heraus, dass die Medienpolitik keine selbständige, unabhängige Fachpolitik ist, deren Akteure sich miteinander hinsetzen und irgendeine optimale Lösung finden. Vielmehr ist es ein Feld, in dem politisch-ideologische Feinde aufeinandertreffen und wo die Interessen der Parteiklientele schonungslos in Erscheinung treten. Vor der Wende hatten wir die Bruchlinien der Gesellschaft, die später in den Vordergrund rückten und entlang derer die Politik heute stattfindet, nicht erkannt. In der Diktatur sind diese schwer zu erkennen, weil der gemeinsame 'Feind' uns miteinander verbindet: Die Guten sind auf der einen Seite, die Bösen auf der anderen. Wir hatten nicht geglaubt, dass 'unsere Leute', diese netten Menschen sich gegenseitig derart angiften werden. In dieser Hinsicht waren wir wirklich naiv.“
Stichwörter: Hassrede, Medienpolitik, 1970er, 1980er

Magazinrundschau vom 28.07.2009 - Nepszabadsag

Anfang Juli wurde von einem Budapester Gericht die faschistische Ungarische Garde verboten, doch ist nicht ganz klar, ob und wie die Polizei gegen in Uniform marschierende Gardisten vorgehen soll. Vor diesem Hintergrund überlegt der Dichter und Kritiker Akos Szilagyi, warum die Zahl der bürgerlichen Sympathisanten für die Garde wächst. "Die militärisch organisierte und politisch motivierte private Gewalt richtet sich nicht nur gegen bestimmte kriminalisierte oder mythologisierte 'Ruhestörer', sondern gegen die gesamte Gesellschafts- und Freiheitsordnung. Demokratie und den Rechtsstaat erscheinen, direkt oder indirekt, als Urquelle jeder Unordnung. Dabei gibt es in Demokratien keine größere und schwerwiegendere Ruhestörung als der Angriff auf den Rechtsstaat. Die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass in Fällen, in denen die Ordnung des Rechtsstaats durch eine uniformierte 'ideologische Ordnung' oder durch eine nationalistische oder rassische Ordnung erfolgreich außer Kraft gesetzt wurde, der Weg für die schwerwiegendste Ruhestörung, für Bürgerkriege und massenmörderische Diktaturen geebnet wurde."
Stichwörter: Rechtsstaat

Magazinrundschau vom 21.07.2009 - Nepszabadsag

Der Kritiker Sandor Zsigmond Papp freut sich auf die zahlreichen Sommerfestivals, die inzwischen womöglich zum Besten zählen, was man in Ungarn sehen und hören kann. Zum Beispiel das Sziget-Festival. "Anfangs schuf es in Ungarn – einer in sich geschlossenen Gesellschaft, die sich allmählich vom Kommunismus erholte – die Illusion einer eigenständigen Welt, und ließ sie dann von Jahr zu Jahr realer werden: In hochprozentigen Portionen aus Theater, Tanz, Musik und Kultur. Wir haben die Weltmusik kennen gelernt und Aromen gekostet, für die andere jahrelang unterwegs sind. Wir haben in einer Woche, auf dem selben Fleck eine Weltreise gemacht. [...] Und unser Geschmack, unsere Weltanschauung bekam aufgrund des immer breiteren Angebots genau das, was für einen Intellektuellen unerlässlich ist: Offenheit. [...] Was uns nämlich diese Festivals – entgegen der unablässig dröhnenden Propaganda – beigebracht haben, ist ja gerade, dass es keine allein selig machende Wahrheit gibt."
Stichwörter: Sziget, Weltmusik

Magazinrundschau vom 07.07.2009 - Nepszabadsag

Die Linksliberalen sind in Ungarn gescheitert, meint die Kulturwissenschaftlerin Eszter Babarczy. Der Grund: Der Ungar sei anders gestrickt, sei subjektiver (auch in seiner Intoleranz), weshalb neoliberale Lösungsmodelle bei ihm nicht greifen. Vielmehr sollten die beiden grundlegenden Fragen - 1. Was schmerzt? 2. Was hilft? - orts- und zeitgebunden beantwortet werden: "Hinter jeder großen - politischen oder philosophischen - Idee steckt die Tatsache, dass fähige und bewanderte Leute in ihrer eigenen kleinen Gemeinschaft diese Fragen beantworten konnten und die kleinen, divergierenden Ideen auf eine gemeinsame - zur Lösung führenden - Schiene bringen. Jede Antwort ist nur zu einem Zeitpunkt an einem Ort gültig, danach nie wieder. Die ungarischen Liberalen, glaube ich, sollten weniger amerikanische Freiheitsrechte verkünden, als vielmehr die Frage beantworten, was hilft, wenn es schmerzt, dass wir immer unzivilisierter, hemmungsloser und grober miteinander umgehen, dass wir immer weniger fähig sind, gemeinsame Regeln aufzustellen und dann einzuhalten. Die ungarische Linke sollte die Frage beantworten, was hilft, wenn es schmerzt, dass man sich kaum noch als Mensch fühlen kann, weil man mit wenig Geld und bescheidenen Ambitionen zurechtkommen will, weil einem Familie und Arbeit wichtiger sind als die Karriere, und es deshalb weder für einen Jeep noch einen Urlaub in Spanien reicht. Die sozialdemokratische (und überhaupt die demokratische) Bewegung in Frankreich war vor allem deshalb erfolgreich, weil es ihr gelang, die Würde und die Selbstachtung des kleinen Mannes, der in die unteren Regionen des rasenden Kapitalismus gedrängt worden war, wiederherzustellen. Deshalb lautet mein Vorschlag [an unsere Demokraten]: sie sollten zum Beispiel Victor Hugo lesen und die Publicity einfach mal vergessen."

Magazinrundschau vom 23.06.2009 - Nepszabadsag

Der ungarische Schriftsteller Lajos Parti Nagy emfindet angesichts der Schändung des Budapester Holocaust-Mahnmals und des Erfolgs der rechtsradikalen Partei "Jobbik" bei den Europawahlen eine bedrückende Scham: "Ich fühle mich immer weniger wohl in dem Land, das meine Heimat ist. Anderthalb Jahre nach der Gründung der Ungarischen Garde hielten 427.213 erwachsene, zeugungsfähige Bürger dieses Landes es für richtig, die Vertreter einer offen und hysterisch roma-, juden- und fremdenfeindlichen, neonazistischen politischen Formation ins Europäische Parlament zu entsenden. [...] Während ich dies schreibe, beobachte ich mich, ob ich bestürzt, ob ich empört bin. Bin ich aber nicht. Man kann sich nicht pausenlos empören, wie man auch nicht ununterbrochen Angst haben kann. Manchmal habe ich Angst, manchmal nicht, manchmal ignoriere ich es, manchmal packt mich der eiskalte Schrecken. Wenn 'Ungarn den Ungarn gehört', will ich kein Ungar sein. Freilich ist es vollkommen egal, ob ich will oder nicht. Genauso egal ist aber auch, was dieser stupider Slogan dröhnt. Ungarn gehört uns allen. Genauso, wie die Schmach."

Magazinrundschau vom 02.06.2009 - Nepszabadsag

An der Universität Pecs wird seit 1998 jedes Jahr eine Philosophiekonferenz veranstaltet, die dem Lebenswerk eines zeitgenössischen Philosophen gewidmet ist. In diesem Mai war - nach Jacques Derrida, Hilary Putnam und Richard Rorty in den vergangenen Jahren - der deutsche Philosoph Jürgen Habermas eingeladen. Janos Boros, Philosophieprofessor in Pecs, und der Journalist Tamas Ungar sprachen mit Habermas am Rande der Veranstaltung über die Zukunft Europas und über seine Forderung nach einer europäischen Öffentlichkeit. Auf die Frage, wie man sich diese Öffentlichkeit vorzustellen habe, antwortete Habermas: "Wir dürfen uns die europäische Öffentlichkeit nicht wie einen Baumkuchen, hierarchisch, als eine neue Schicht über den nationalen Öffentlichkeiten vorstellen. Es geht um eine Vernetzung dieser Öffentlichkeiten selbst. Die nationalen Zeitungen und Medien müssen sich füreinander öffnen, damit zum Beispiel die Deutschen wissen, welche Diskussionen zur gleichen Zeit über dieselben Themen in Budapest, in Paris, Warschau oder London geführt werden - und umgekehrt. Dieselben Zeitungen und Kanäle, die heute die lokalen Vorurteile und Perspektiven ausdrücken, müssen ihre Membrane weiter öffnen, breitere Informationsströme herein- und hinausfließen lassen. Sie müssen ihre Leser, Hörer und Zuschauer ermutigen, sich in die Vorurteile und Perspektiven der anderen Länder, mit denen das eigene längst eine politische Gemeinschaft bildet, hineinzuversetzen."

Magazinrundschau vom 05.05.2009 - Nepszabadsag

Nach einer Demonstration von Neonazis in Budapest am 18. April wurde in Ungarn der Ruf nach einer Bestrafung der Holocaustleugnung lauter. Der Dichter und Literaturwissenschaftler Akos Szilagyi hätte damit kein Problem, denn seiner Ansicht nach ist die Leugnung von Auschwitz keine Meinungsäußerung, da heute der Fortschritt der Kultur an der Entfernung gemessen wird, die zwischen dieser Kultur und dem "in ihr verborgenem, schrecklichen Potenzial" (Safranski) liegt – und die Leugnung von Auschwitz eine Annäherung an dieses schreckliche Potenzial darstelle. "So gesehen ist die Leugnung der historischen Tatsache von Auschwitz dasselbe wie die Leugnung des Menschen, der Welt, Europas, des Christentums und der Freiheit in Auschwitz. So gesehen haben die Menschheit, die europäische Kultur und die demokratischen Freiheitsrechte keinen unversöhnlicheren Feind als den Auschwitz-Leugner. [...] Entsprechend verbietet die Legislative in diesem einzigen konkreten Fall (!) nicht die Äußerung einer noch so widerwärtigen, empörenden und unglaublichen 'Sondermeinung', sondern sie verteidigt die Existenzgrundlage dieser Welt nach Auschwitz."