Die Linksliberalen sind in Ungarn gescheitert,
meint die Kulturwissenschaftlerin
Eszter Babarczy. Der Grund: Der Ungar sei anders gestrickt, sei subjektiver (auch in seiner Intoleranz), weshalb neoliberale Lösungsmodelle bei ihm nicht greifen. Vielmehr sollten die beiden grundlegenden Fragen - 1.
Was schmerzt? 2.
Was hilft? - orts- und zeitgebunden beantwortet werden: "Hinter jeder großen - politischen oder philosophischen - Idee steckt die Tatsache, dass fähige und bewanderte Leute in
ihrer eigenen kleinen Gemeinschaft diese Fragen beantworten konnten und die kleinen, divergierenden Ideen auf eine gemeinsame - zur Lösung führenden - Schiene bringen. Jede Antwort ist nur zu einem Zeitpunkt an einem Ort gültig, danach nie wieder. Die
ungarischen Liberalen, glaube ich, sollten weniger amerikanische Freiheitsrechte verkünden, als vielmehr die Frage beantworten, was hilft, wenn es schmerzt, dass wir immer unzivilisierter, hemmungsloser und grober miteinander umgehen, dass wir immer weniger fähig sind, gemeinsame Regeln aufzustellen und dann einzuhalten. Die
ungarische Linke sollte die Frage beantworten, was hilft, wenn es schmerzt, dass man sich kaum noch als Mensch fühlen kann, weil man mit wenig Geld und bescheidenen Ambitionen zurechtkommen will, weil einem Familie und Arbeit wichtiger sind als die Karriere, und es deshalb weder für einen Jeep noch einen Urlaub in Spanien reicht. Die sozialdemokratische (und überhaupt die demokratische) Bewegung in
Frankreich war vor allem deshalb erfolgreich, weil es ihr gelang, die Würde und die Selbstachtung des kleinen Mannes, der in die unteren Regionen des rasenden Kapitalismus gedrängt worden war, wiederherzustellen. Deshalb lautet mein Vorschlag [an unsere Demokraten]: sie sollten zum Beispiel
Victor Hugo lesen und die Publicity einfach mal vergessen."