Magazinrundschau - Archiv

The New Criterion

7 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 01.12.2015 - New Criterion

In einem schönen, mit vielen Beispielen angereicherten Artikel beschreibt Dominic Green die Höhepunkte englischen "natur writings" von seinem Anfang im 18. Jahrhundert bis zu seinem endgültigen Niedergang in den 1970er Jahren, als diese Art von Literatur nur noch an das alte sterbende England erinnerte. Doch plötzlich zeigt die Leiche wieder Leben, überall ploppen neue "nature writer" aus dem Boden. Ebenso ihre Kritiker. Das hat schon seine Richtigkeit, findet Green. "Es gibt eine Identitätskrise in Britannien. Schon das Wort 'Britannien' verliert seine politische Bedeutung und kehrt zu einer rein geografischen zurück. Die es konstituierenden Nationen kehren zurück in ihr Revier, sumpfig oder nicht, voller Bitterkeit über die Tyrannei Londons und den anscheinend endlosen Zustrom von Immigranten. Die Engländer verlassen London: Die große Verstädterung ist, jedenfalls für sie, zu Ende. Die Emigranten, die auf das Land zurückkehren, sprechen von London wie von einem Fremdkörper: Kopf und Körper sind getrennt, die Commons verlieren ihre gemeinsame Sprache." Mehr von den neuen "nature writers" findet man im neuen Granta-Heft.

Magazinrundschau vom 31.03.2015 - New Criterion

Sehr amüsant und lehrreich erzählt Alexander Suebsaeng von seiner Zeit als Latein- und Griechischlehrer an der Kamuzu Academy in Malawi, die einst inklusive einer Kopie der Library of Congress vom klassisch gebildeten Diktator Dr. Hastings Kamuzu Banda für die Elite des Landes gegründet worden war. Die Schule ist inzwischen heruntergekommen. Aber die Elite und ein paar ärmliche Staatsstipendiaten lernen dort immer noch, wenn auch immer weniger Griechisch und immer mehr Mandarin: "Der Besuch des chinesischen Boschafters ist erinnerungswürdig. Er gab in einem grauen Nadelstreifenanzug mit erstaunlichem Veilchen-Strauß im Knopfloch eine vorteilhafte Figur ab. Er sprach lang, und zunächst waren die Schüler unruhig. Aber seine Rede war unterhaltsam, charismatisch, ja bedeutsam, und es war erstaunlich, wie es ihm gelang, sein Publikum gefangen zu nehmen: "China ist groß und klein, jung und alt, modern und antik, reich und arm..." Nach einer halben Stunde belohnte er ihre Aufmerksamkeit mit reichen Gaben. Die Türen sprangen auf und einheimische Träger brachten Laptops und Stereoanlagen, Tastaturen und Rekorder." Der Besuch des britischen Botschafters hat dann sehr viel weniger Eindruck gemacht.

Magazinrundschau vom 06.11.2012 - New Criterion

Schon zu Tschechows Zeiten wollte die Intelligentsija die Welt verändern - mit den "richtigen" Ideen. Doch Tschechow lehnte das ab. Keine Theorien, keine Gesinnung - ob linke oder rechte -, kein Hass auf die Bourgoisie. Im Gegenteil: Er war ein großer Freund bürgerlicher Werte wie Anstand, Sauberkeit, Arbeit, erklärt ein sympathisierender Gary Saul Morson. Auch mit den materialistischen Ideen seiner Zeitgenossen hatte Tschechow nicht viel am Hut: "Da er den Wissenschaften durch und durch ergeben war, stieß ihn die pseudowissenschaftliche Reduktion von Moral und Kreativität auf Hirnaktivitäten ab. Heute sprechen die neuen Atheisten von 'Neuroethik' und 'Neuroästhetik'. Ihre Vorgänger zu Tschechows Zeiten zitierten Molleschots Behauptung, das Hirn würde Gedanken absondern wie die Leber Gallenflüssigkeit. 'Es ist immer gut, wissenschaftlich zu denken', antwortete Tschechow skeptisch. 'Das Problem ist, dass der Versuch, wissenschaftlich über Kunst zu denken, unvermeidlich degeneriert zu einer Suche nach 'Zellen' oder 'Zentren', die für die kreativen Fähigkeiten zuständig sind, während ein beschränkter Deutscher sie irgendwo in den Schläfenlappen entdecken wird."
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Magazinrundschau vom 08.12.2009 - New Criterion

James Panero findet eine wenig menschenfreundliche Antwort auf die Frage, warum die spekulative Blase bei Pop Art auf Teufel komm raus nicht platzen will - ein Gemälde von Andy Warhol mit der Abbildung von zweihundert Ein-Dollar-Noten brachte bei Sotheby's am 11. November 43 Millionen Dollar. Paneros Theorie: Gerade Pop-Art-Künstler wie Warhol schafften es, Kenner und Kritiker als Instanzen des Kunsturteils auszuschalten und neureiche Sammler an ihre Stelle zu setzen: "Gerade eine Kunst mit ungewissem inneren Wert erwies sich als geeignetste für die Manipulation des Marktes. Eine Kunst mit kräftigen Zoten über Billigkeit oder Tod schoss preislich nach oben, während traditionellere Arbeiten, die Jahre visueller Kontemplation brauchten, um die Komplexität ihrer formalen Qualitäten zu erschließen, keineswegs die gleiche Entwicklung nach oben vollzogen." Und die Museen spielen mit: "Kuratoren verteidigen solch teure Gegenwartskunst, weil sie den Kommerzialismus des Zeitalter widerspiegele: Der Markt gibt der Kunst Bedeutung. Durch die Käufe der Museen können sich internationale Sammler als Mitglieder im Club des Marktexzesses fühlen. Das Publikum fühlt sich dann von dieser Kunst angezogen, weil es seine eigene Gemeinheit darin bestätigt sieht - eine Haltung, deren Gültigkeit ihm wiederum durch die Kunst beteuert wird."

Magazinrundschau vom 21.07.2009 - New Criterion

Der kanadische Journalist Mark Steyn wird total melancholisch über der Lektüre von Paul Anthony Rahes Buch "Soft Despotism, Democracy's Drift", der sehr schön beschreibe, wie "beruhigend und verführerisch" der Prozess ist, in dem wir von der Demokratie in den sanften Despotismus gleiten. "Als Präsident Bush noch die Idee von Demokratie in der muslimischen Welt bewarb, sagte er immer wieder den Satz: 'Freiheit ist die Sehnsucht in jedem menschlichen Herzen.' Ach wirklich? Man kann seine Zweifel haben, ob das in Gaza und Waziristan auch so gesehen wird, aber ganz sicher nicht so gesehen wird es in Paris und Stockholm, London und Toronto, Buffalo und New Orleans. Die Geschichte der westlichen Welt seit 1945 erzählt uns, dass eine große Anzahl von Menschen, die zwischen Freiheit und Sicherheit wählen sollen, die Freiheit jederzeit wegkippen - die Freiheit, ihre eigene Entscheidung zu treffen über Krankenversicherung, Erziehung, Eigentumsrechte und sogar ... über die Freiheit, zu sagen und zu denken, was wir wollen." Wer wissen will, was Freiheit bedeutet, so Rahe und Steyn, muss heutzutage drei tote Franzosen lesen: Montesquieu, Rousseau und Tocqueville.

Leider leider leider nur im Print: Joseph Epsteins Besprechung der Briefe George Santayanas.

Magazinrundschau vom 19.06.2007 - New Criterion

Das passende Denkstück zur Documenta? Roger Kimball besuchte die Ausstellung "Wrestle" im Bard College mit neuester Kunst aus der Sammlung von Marieluise Hessel und war so abgestoßen, dass er seinen Artikel mit der Frage überschrieb: "Why the art world is a disaster" Seiner Meinung nach ist Marcel Duchamp schuld, dessen Dada-Gesten bis zum Überdruss wiederholt würden: "Sex, Gewalt, Ennui, Alltagsdinge als Kunstwerke. Der Unterschied ist, dass Duchamp es ernst meinte. 'Ich habe ihnen das Flaschenregal und das Urinal ins Gesicht geworfen um sie herauszufordern', schrieb Duchamp voller Verachtung, 'und nun bewundern sie sie für ihre ästhetische Schönheit.' Kein Wunder, dass er die Kunst aufgab und lieber Schach spielte. Duchamp lancierte eine Kampagne gegen Kunst und ästhetische Erbauung. Und in gewissem Sinne hatte er einen brillanten Erfolg damit. Aber er fiel auf ihn selbst zurück. Die spröde und abstrakte Ironie Duchamps institutionalisierte sich und wurde zum Standard - und aus der Ironie wurde eine neue Art der Sentimentalität."

Magazinrundschau vom 27.09.2005 - New Criterion

Im amerikanischen New Criterion zeichnet Daniel Johnson ein wenig schmeichelhaftes Bild der britischen Intellektuellen, die er mit ihrem immer noch gepflegten Marxismus zumeist medioker und uninteressiert an anderen Kulturen findet. "Fremdsprachen, alte und neue, verschwinden aus unseren Schulen, weil sie in einer anglophonen Welt nicht mehr gebracht werden. Die Briten kehren zurück zu dem Zustand, in dem sich Bacon vor mehr als siebenhundert Jahren fand, und der ihn aufschreien ließ: 'Es gibt keine fünf Männer in der Christenheit, die vertraut sind mit der hebräischen, griechischen und arabischen Grammatik. Gleichzeitig leugnen und verdammen die Gelehrten die Wissenschaften, von denen sie keine Ahnung haben.' Ein neues dunkles Zeitalter droht, in dem alle Arten von Wissen jederzeit zugänglich sind, aber die Mehrheit, selbst der Gebildeten, nicht das geringste Interesse hat an Dingen, die außerhalb ihres eigenen Blickwinkels liegen."

Die ganze Ausgabe ist Großbritannien gewidmet: zumeist britische Autoren beklagen den Niedergang der Moral, der Umgangsformen, der Kirche von England, der Moral. Positiv bewertet werden die EU-Referenden in Frankreich und den Niederlanden sowie die neue Diskussion über Multikulturalismus nach den Bombenanschlägen in London.