Magazinrundschau - Archiv

New York Magazine

123 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 13

Magazinrundschau vom 12.09.2023 - New York Magazine

Rotten Tomatoes bleibt ein heikler Fall für die Filmindustrie. Was mal als praktische Idee in den späten Neunzigern begann - warum nicht Filmkritiken namhafter Publikationen bündeln und auswerten? -, hat sich längst als zentraler Player entwickelt, wenn es um das Wohl und Wehe von Filmen an den Kinokassen geht. Entsprechend hoch sind die Begehrlichkeiten von Studios und Verleihern, den "Rotten Score" (also das metrische Mittel aller Kritiken) mit allerlei Tricks nach oben zu treiben - ob nun mit finanziellen Zuwendungen für Kritiker einerseits oder durch ein taktisches Spiel mit Pressevorführungen andererseits, schreibt Lane Brown in einer großen Gesamtdarstellung aller Problemlagen, die der Rotten Score so mit sich bringt. Zugleich gehen Filmkritiker als einzelne Stimmen und erstzunehmende Instanzen immer weiter unter, wenn am Ende nur noch der Mittelwert aller Kritiken zählt, um ein Ticket zu lösen oder nicht. Und an noch etwas sollte man sich bei den Bewertungen von Rotten Tomatoes erinnern, meint Brown: "Die Mathematik dahinter stinkt. Die Werte werden berechnet, indem jede Kritik als entweder positiv oder negativ eingestuft wird. Die Anzahl der positiven wird dann durch die Gesamtzahl geteilt. Das ist die ganze Formel. Jede Kritik trägt dasselbe Gewicht, ob sie nun in einer großen Zeitung steht oder in einem Substack mit einem Dutzend Abonnenten. Wenn eine Kritik zwischen positiv und negativ pendelt, dann ist das halt Pech. 'Wenn ich ein paar Besprechungen meiner eigenen Filme lese und der Kritiker schreibt, dass ich nicht so richtig was bringe, aber, Junge, ist das vielleicht interessant, auf welche Weise ich etwas nicht bringe', erzählt Paul Schrader, der früher selbst Kritiker war, 'dann ist das für mich eine gute Besprechung, aber auf Rotten Tomatoes gilt das als negativ.'"

Magazinrundschau vom 01.08.2023 - New York Magazine

In den USA bereiten sich Firmen auf den Spermageddon vor - zumindest wird so die Entwicklung bezeichnet, nach welcher Männer immer weniger Spermien pro Ejakulation abgeben. Dazu gibt es verschiedene Theorien (zum Beispiel bei Zeit online); viel wichtiger ist aber die Frage, ob man daraus Kapital schlagen kann, wie Simon van Zuylen-Wood in einer Reportage erzählt, in der auch ein junger Unternehmer, Khaled Kteily, zu Wort kommt, dessen Firma Legacy das Sperma seiner Kunden testet und einfriert: "Das Herzstück des Geschäfts, der Gewinnbringer, sind nicht die Nahrungsergänzungsmittel und auch nicht die Tests. Es ist das Einfrieren. Ursprünglich hatte das Unternehmen sein Marketing auf alleinstehende Männer ausgerichtet, die befürchteten, später vielleicht zeugungsunfähig zu werden, bevor es seinen Schwerpunkt auf Paare verlagerte. Der Vorteil dieser Umstellung war, so Kteily, dass die Einfrierrate bei ihnen höher war. Der Nachteil: Paare, die sich um eine Schwangerschaft zu einem späteren Zeitpunkt bemühten, neigten dazu, die Firma zu bitten, die Proben aufzutauen und für die Verwendung vorzubereiten, was mehr Zeit und Geld kostete, als er gehofft hatte. ´Jetzt haben wir eine Flut von E-Mails an Kliniken im ganzen Land hin und her geschickt´, sagt Kteily. Er sah sich mit einem Paradoxon konfrontiert: Je häufiger die Kunden den Dienst nutzten, desto weniger Geld verdiente er. Nützlicher waren für ihn die Kunden, die nicht unbedingt schwanger werden wollten, Legacy stattdessen als eine Art Versicherungspolice nutzten wollten, falls doch."

Samurai Jeans, SHOGUN - Double Natural Indigo 17oz Selvedge Denim von dc4 in Berlin
Im Hintergrund, von der Öffentlichkeit noch weitgehend unbemerkt findet eine kleine Moderevolution statt, vor allem in der Männermode. Neu ist das Phänomen nicht, aber es wächst und wächst: Es geht weniger um Nachhaltigkeit als um Vintage. The Cut, Modemagazin des New York Magazine bringt zwei Artikel dazu. Im einen schildert Justine Harman den Kult um Vintage-Jeans. Die meisten Vintage-Jeans befinden sich heute im Besitz von Japanern, die seit Jahren einen wahren Kult um Jeans treiben (und heute, nebenbei bemerkt, die besten Jeans herstellen). Levi's-Jeans aus den fünfziger oder sechziger Jahren können 1.000 Dollar oder mehr kosten. "Letzten Herbst tauchten sogar noch ältere Jeans auf, als ein bekannter Wiederverkäufer namens Brit Eaton ein Paar 'in Minen gefundene' Levi's aus dem 19. Jahrhundert mit einer Tasche und Schnallenverschluss versteigerte, die, wie er betonte, 'wahrscheinlich die ältesten Levi's sind, die je bei einer Auktion verkauft wurden'. Ganz recht, 'in einer Mine gefunden'. In den letzten Jahren hat eine kleine Gruppe selbsternannter Denim-'Archäologen', die mit wenig mehr als Stirnlampen und Überheblichkeit bewaffnet sind, damit begonnen, sich in verlassene Silberminen abzuseilen, in der Hoffnung, die nach einer Schicht zurückgelassenen Denims zu finden. 'Einige dieser Jungs haben das Geschäft verändert, indem sie Stücke ausgegraben haben, die normalerweise nicht gehandelt wurden', sagt der Vintage-Jeans-Händler und Sammler Larry McKaughan. 'Sie setzten buchstäblich ihr Leben aufs Spiel.'" Die Jeans wurden für 87.000 Dollar versteigert.

Sunflower Lace Long Sleeve Shirt von Bode
Einen anderen Aspekt von Vintage repräsentiert die hierzulande noch nicht so bekannte amerikanische Marke Bode, die vor allem hinreißende Hemden macht und sich dabei von Vintage-Tischdecken, Geschirrtüchern und ähnlichen Vorbildern inspirieren lässt. Viele dieser Hemden sind bestickt, berichtet Brock Colyar. "Eine Reihe von Bode-Boys erzählen, dass die Marke sie dazu gebracht hat, zum ersten Mal Blumenmuster und durchsichtige Oberteile zu tragen... Es ist sicher kein Zufall, dass Harry Styles einer von ihnen ist. Luis Carlos Zaragoza, ein Influencer in L.A., erzählt mir, dass er eines der Tischtuch-Shirts von Bode nur gekauft hat, weil er Styles darin gesehen hat. (Als er das Hemd einmal in einem Einkaufszentrum trug, fragte ihn eine alte Dame, wo er es gekauft habe. Sie besaß die Tischdecke im Original-Design.) Harry Lambert, Styles' Stylist, sagt, der Popstar habe die Marke auf Instagram gefunden. 'Die Marke Bode sagt etwas aus, ohne es herauszuschreien. Sie sagt: Ich stehe auf Mode. Ich stehe auf die Art, wie ich gekleidet bin. Ich putz mich gern heraus. Aber es fühlt sich nicht so an, als wäre es eine große Anstrengung, sie zu tragen. Darum stehen Heteros so sehr darauf, glaube ich. Lauren Sherman, die Modekorrespondentin von Puck, drückt es mir gegenüber unverblümt aus: 'Bode sagt: 'Du kannst ein Spitzenhemd tragen und trotzdem Mädchen vögeln.'"

Magazinrundschau vom 11.07.2023 - New York Magazine

Im Lauf der letzten 20 Jahre ist er fast ein bisschen in Vergessenheit geraten, aber das ändert nichts daran, dass der Hongkong-Regisseur John Woo ab Mitte der Achtziger das Actionkino mit nur einer Handvoll Filme und seinem tänzerisch-melodramatischen Stil revolutionierte wie kaum ein zweiter. Er schuf damit auch die Basis dafür, dass die internationale Cinephile im Zuge viele Jahre lang ganz besonders nach Hongkong blickte, um aufregende Filme zu entdecken. Neu und atemberaubend wirkten "A Better Tomorrow", "The Killer" oder "Hard-Boiled" - dabei waren es vor allem Komplimente in Richtung des westlichen Kinos, wie Woo im Gespräch anlässlich eines kleines Woo-Revivals in den USA erzählt: "Es gab in Hongkong keine Filmschule welcher Art auch immer, also mussten wir uns anhand von Filmen und Filmkritikern aus dem Ausland alles selber beibringen. Wir studierten sie in der Bibliothek. Wir waren eine Gemeinschaft, eine Gruppe junger Leute, die sich traf, um experimentelle Filme zu drehen. Wir sahen großartige Filme in den Botschaften Italiens, Frankreichs und Großbritanniens. ... Ich wollte immer einen Film wie Melvilles 'Der eiskalte Engel' drehen, aber das Studio sagte immer bloß: 'Du hast doch gerade erst angefangen. Das ist zu früh für so einen Film. Solche Filme sind Kassengift.' ... Damals waren Filme populär, die wir Faust- und Kopfkissen-Filme nannten: Die Faust stand für Kung-Fu, das Kopfkissen für Sexfilme. Entsprechend frustriert war ich. Alles, was ich drehen konnte, waren irgendwelche Kungfu-Filme und Komödien. ... Später traf ich meinen guten Freund Tsui Hark, einen brillanten, talentierten Filmemacher. Ich empfahl ihn einem neuen Studio. Dann, 1985, revanchierte er sich für den Gefallen, dass ich ihm bei seiner Karriere geholfen habe, und unterstützte mich bei 'A Better Tomorror'. In den Film packte ich all die französischen Elemente. Endlich konnte ich das tun, was ich wirklich wollte."

Hier ein essayistischer Zusammenschnitt von Woos Stilmerkmalen - aber Achtung: Es wird laut und zuweilen etwas blutrünstig.

Magazinrundschau vom 27.06.2023 - New York Magazine

Künstliche Intelligenz kann bekanntlich alles: Bilder erkennen, aus Texten Bilder entstehen lassen, visuelle Informationen synthetisieren und daraus etwas Neues schaffen - und so weiter. Was dabei gern vergessen wird: Hinter jeder KI steckt gigantische menschliche Arbeit, geleistet von Millionen von Klick-Arbeitern, die, über die ganze Welt verteilt, oft tagelang stumpfsinnig Bildmaterial mit Stichworten versehen, um eine KI mit den aufbereiteten Datenmengen zu versorgen, auf deren Grundlage sie dann ihre Zauberstücke aufführen kann. Die Honorare sind spärlich, die Auftragslage schwankend, aber die von den Auftraggebern erzielten Umsätze gigantisch, schreibt Richard Parry in seiner lesenswerten Reportage über diese sogenannten Labeler, die immer wieder aufs Neue bizarre Aufträge ("Markiere alle Bilder, auf denen ein Kleidungsstück zu sehen ist, das ein Mensch tragen könnte") abarbeiten müssen und oft gar nicht wissen, für welchen Auftraggeber sie da eigentlich arbeiten oder welchem Zweck ihre Arbeit überhaupt dient. "Als ChatGPT im vergangenen Jahr die Bühne betrat, schrieb man seinen beeindruckend natürlich wirkenden Gesprächsstil darauf  zurück, dass der Bot mit einem Schatz aus Onlinedaten trainiert wurde. Aber die Sprache, die ChatGPT und seiner Konkurrenz zugrunde liegt, wird durch viele Runden menschlicher Anmerkungen gefiltert. Eine Gruppe von Click-Arbeitern verfasst Beispiele dafür, wie sich die Macher das Verhalten des Bots wünschen: Sie entwickeln dabei Fragen, gefolgt von den richtigen Antworten, und Beschreibungen von Computerprogrammen, gefolgt von funktionalem Code, aber auch Nachfragen für Tipps, wie man ein Verbrechen begehen könnte, gefolgt von höflichen Ablehnungen. Nachdem das Modell anhand dieser Beispielen trainiert wurde, kommen weitere Mitarbeiter mit ins Boot, um Fragen einzutippen und die Antworten zu bewerten. ... Die Kriterien, die die Bewerter anlegen sollen, variieren dabei: Ehrlichkeit oder wie hilfreich eine Antwort ist, oder auch einfach persönliche Vorliebe. Der Punkt ist der, dass sie damit Daten zu menschlichen Vorlieben schaffen und wenn es davon erst einmal genug gibt, können die Macher ein zweites Modell schaffen, um deren Vorlieben flächendeckend nachzubilden. Dadurch wird der Bewertungsprozess automatisiert und ihre KI dahingehend trainiert, sich so zu verhalten, wie Menschen es begrüßen würden. Das Ergebnis ist ein bemerkenswert menschlich wirkender Bot, der die meisten schädlichen Anfragen ablehnt und sein KI-Wesen mit dem Anschein von Selbstwahrnehmung erklärt. Um es anders auszudrücken: ChatGPT scheint deshalb so menschlich, weil es von einer KI trainiert wurde, die Menschen nachstellt, die eine KI bewerten, die Menschen nachstellt, die vorgaben, eine bessere Version einer KI zu sein, die auf Grundlage von Menschen verfasster Texte trainiert wurde."

Magazinrundschau vom 13.06.2023 - New York Magazine

Die TV-Branche, Streaming und Hollywood stehen komplett in Flammen. Das ist zumindest der Eindruck, den man aus Josef Adalians und Lane Browns epischer, aber in jedem Absatz lesenswerter Reportage über die Krise der Unterhaltungsbranche mitnimmt: Nach der Goldgräberstimmung des Netflix-Booms herrscht in allen Gewerken der Branche und bei den Aktionären Katerstimmung: Die Büchse der Pandora wurde geöffnet, aber ein mittel- bis langfristig funktionales Finanzierungsmodell ist daraus bislang noch nicht gekrochen. Stattdessen läuft der massiv auf Wachstum und Verdrängung setzende Betrieb vor allem auf Basis gigantisch angehäufter Schulden - das Nachsehen haben die Kunden, die den Wald vor lauter Streamingdiensten nicht mehr sehen. Und die Autoren, deren Tantiemen dahinschmelzen wie Butter in der Sommersonne. Beispiel Shawn Ryan, dessen Serie "The Night Agent" Netflix gerade traumhafte Zahlen bescherte, von denen man im klassischen Fernsehen nur träumen konnte. Doch "er wird damit wahrscheinlich weniger Geld machen als mit 'The Shield', seiner Polizeiserie von 2002, auch wenn diese Serie auf dem damals aufblühenden Kabelkanal FX lief und zu keiner Zeit auch nur annäherungsweise Quoten in Super-Bowl-Dimensionen erreichte. 'Das Versprechen lautete einst: Wenn Du der Firma Milliarden bescherst, bekommst Du viele Millionen', sagt er. 'Dieses Versprechen ist dahin.' " Damals bedeuteten "mehr Zuschauer höhere Werbepreise und die größten Hits konnten via Syndikation lizenziert und auf internationalen Märkten verkauft werden." Doch "im Gegensatz dazu laufen bei Streamingserien weniger (oder gar keine) Werbeclips und sie sind typischerweise für immer auf ihre Original-Plattformen beschränkt. Für die Fernsehleute ist die Verbindung zwischen Reichweite und Ertrag gekappt. ... Kombiniert man alle Einnahmequellen fürs lineare Fernsehen, kann ein Studio bei einem Hit für jeden ausgegebenen Dollar drei Dollar Umsatz einholen. Das Problem für Autoren war jedoch, dass die meisten Serien floppten. Es gab also wenig Umsatz im Nachhinein, von dem man sich etwas abschneiden konnte. Streamingdienste boten hier etwas anderes an: Ihr Modell namens 'Cost Plus' bezahlte vielleicht 1,30 Dollar oder 1,50 Doller vorab. Jede Serie ist damit ein Gewinner - nur eben kein sonderlich großer. Um diesen Verlust bei Nachzahlungen auszugleichen, gaben die Streamingdienste leistungsbasierte Anreize: Der Autor Mike Schur beschreibt ein Szenario, bei dem eine Plattform einem Showrunner Boni in Höhe von 100.000 Dollar für die erste Staffel, 250.000 Dollar für die zweite, 500.000 Dollar für die dritte und 1.7 Millionen Dollar für die vierte in Aussicht stellte. 'Heilige Scheiße, denkt man sich da, das ist ja großartig', sagt er. Da war nur ein Haken. Viele für erfolgreich gehaltene Serien verschwanden nach nur ein paar Staffeln. 'Niemand sah kommen, dass sie die Serien einfach abwürgten, bevor sie von diesem Geld etwas auszahlen mussten', sagt er. 'In gewisser Hinsicht haben sie alle reingelegt. Wenn man heutzutage noch 20 Episoden bekommt, ist das ein Wunder.'"

Magazinrundschau vom 16.05.2023 - New York Magazine

Der linksliberale Traum von der Schule als Katalysatoren progressiver Sozialrevolutionen hat sich in den USA vorerst ausgeträumt, hält Jonathan Chait fest: Stattdessen geht es in die andere Richtung. Schulen und Universitäten werden von den Republikanern, allen voran dem Gouverneur Floridas, Ron deSantis, zugleich als Ziel und Waffe ideologischer Kulturkämpfe instrumentalisiert. Es geht gegen alles, was als links, weltoffen und vermeintlich woke gilt. "In Florida hat HB 1467 - ein Gesetz, das von allen Büchern in Schulen fordert, 'den Bedürfnissen der Schüler zu entsprechen', Schulbüchereien dazu veranlasst, manisch Bücher aus ihren Regalen zu entfernen, aus Angst, sie könnten gegen das neue Reglement verstoßen." Auch harmlose Kinderbücher sind vor diesen Zensurbestrebungen nicht sicher: "Mit Hinblick auf DeSantis Gesetz HB1557, das Kritiker auch das 'Don't Say Gay'-Gesetz nennen, hat der Lake County-Distrikt das Buch 'And Tango Makes Three' entfernen lassen, das die Geschichte zweier männlicher Pinguine erzählt, die im Central Park Zoo ein gemeinsames Nest gebaut und ein Pinguin-Baby aufgezogen haben, das ihnen ein Tierpfleger anvertraut hat. Das Buch enthält keinerlei sexuelle Inhalte, nicht einmal zwischen sich einvernehmlich liebenden Pinguinen." Die Gefahr, die von solchen Bücherverboten und Doktrinen ausgeht, ist kaum zu unterschätzen - doch die Demokraten könnten genau diesen Fehler begehen, warnt der Kolumnist: "Die Versuche, sich das Bildungswesen zu eigen zu machen, haben in diesem frühen Stadium ja nur gezeigt, was die Regierung eines einzelnen Bundesstaates bewirken kann. Sollten die Republikaner aber das Weiße Haus und die Mehrheit im Kongress übernehmen, hätten sie weitaus mehr Autorität. Forschungsgelder aus staatlicher Kasse und Subventionen von Studiengebühren geben der Regierung wichtigen Einfluss auf die Institutionen höherer Bildung, sowohl öffentlicher als auch privater Ausrichtung. Es sieht nicht so aus, als hätten die Demokraten schon begriffen, welchen gewaltigen Ambitionen sie gegenüberstehen. Als DeSantis damit begann, eine weitere Verschärfung seiner Restriktionen um das Thema Geschlecht im Unterricht durchzusetzen - ein Gesetzesentwurf, der unter anderem vorsieht, 'bestimmte Materialen' aus dem Lehrplan zu entfernen, bevor sie überhaupt geprüft werden, sollte sich nur der geringste Widerspruch von Elternseite ergeben - haben seine Gegner das als reine Nachgiebigkeit aufgefasst. Demokraten 'sehen es als Versuch von DeSantis, die konservative Basis auf seine Seite zu ziehen und damit letzten Endes die Vorwahlen als Präsidentschaftskandidat zu gewinnen', berichtete Politico. Diese Annahme verkennt, dass es kein simpler Kampagnenslogan ist, politische Kontrolle über Schulen erlangen zu wollen. Es ist ein Plan, Macht in noch mehr Macht zu verwandeln."

Magazinrundschau vom 04.04.2023 - New York Magazine

Apropos Glühbirne. Wie sich Tom Scocca nach ihr zurücksehnt: nach ihrem warmen gloriosen Licht. Klar, sie ist eine Umweltsau, was absolut kritikwürdig ist. Aber LED-Licht lässt Scocca langsam an seinem Verstand zweifeln: "Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis ich erste Irritationen bemerkte oder glaubte, sie bemerkt zu haben: ein verblasster Lichtschein auf der Seite eines Bilderbuchs, ein Flackern im Augenwinkel, diese plötzlichen unerklärlichen Ausfälle oder halben Ausfälle. Eine schieferblaue Socke, die von einer anthrazitfarbenen Socke nicht zu unterscheiden war, bis ich mit ihr ans Fenster trat. Eine gewisse Unwirklichkeit schlich sich ein." Scocca hat sich über dieses Phänomen u.a. mit Amy Nelson unterhalten, der Leiterin der Abteilung Lichtdesign des Metropolitan Museums und verantwortlich für die Erneuerung der Beleuchtung des Museums mit LED-Lampen. "Eines der Ziele, so Nelson, ist es, das Museum mit weißem Standardlicht zu füllen - 3.000 Grad Kelvin, etwas schärfer und kühler als die 2.700 Grad einer weichweißen Glühbirne. Das war die Theorie. Jetzt blickten wir auf die Realität einer der ersten LED-Installationen des Met aus der Mitte der 2010er Jahre. 'Die Galerien sahen wunderschön aus, als sie eröffnet wurden', sagte Nelson. Aber die Lampen waren kaputt gegangen. Sie sollten eine Lebensdauer von mindestens sieben Jahren haben, aber schon vorher hatte ihre Farbe begonnen, sichtbar zu zerfallen." Das liegt daran, lernt Scocca, dass eine LED-Glühbirne "weniger eine Glühbirne ist als vielmehr ein Glühbirnenemulator. Es handelt sich um einen Computer. Während man sich bei einem altmodischen Glühfaden im Allgemeinen darauf verlassen kann, dass er entweder intakt oder kaputt ist, unterliegen die Treiber und Dioden in den neuen Glühbirnen den gleichen Störungen und Kompatibilitätsfehlern wie andere elektronische Geräte, vor allem, wenn Dimmer ins Spiel kommen. Sie können abstürzen oder hängen bleiben, durch elektromagnetische Interferenzen hörbar brummen oder durch ein falsches Stromsignal durchdrehen. Mit anderen Worten: LEDs können kaputt gehen, auch wenn sie zu funktionieren scheinen. 'Sie fallen nicht einfach aus oder brennen durch wie eine Halogenquelle', sagt Nelson. Oft kommt es zu einem Lichtverlust oder einer Farbverschiebung. Wenn auf der Verpackung einer LED-Lampe steht, dass sie eine bestimmte Anzahl von Jahren halten soll, sagt das nichts darüber aus, wann das Licht ausgehen wird. Es ist eine Schätzung über den Verlauf der Degradation. Das Enddatum ist der Zeitpunkt, an dem die Glühbirne schätzungsweise nur noch 70 Prozent so hell leuchtet wie zu Beginn. Es liegt an Ihnen, zu entscheiden, wann die Dinge anfangen, unheimlich zu werden."
Stichwörter: Led, Licht, Glühbirne

Magazinrundschau vom 14.03.2023 - New York Magazine

Die Kinos schaffen sich selbst ab, schreibt Lane Brown erbost. Der Grund: schlechte Projektionen in mieser Bildqualität - weil die Leinwand nicht ausreichend beleuchtet wird, das Bild gestaucht ist oder das Bild über die Markierung der Leinwand hinaus strahlt. Wer will dafür noch Geld ausgeben, wenn man den Film im Kino nur noch erahnen kann? Wie so oft ist das Problem hausgemacht und geht auf die im Galopp vollzogene Digitalisierung um 2010 zurück: "Die Studios waren von diesem Wechsel begeistert, weil sie damit Geld sparen konnten - statt schwere Filmrollen in die Post geben zu müssen, konnten sie ihre Filme nun über das Internet vertreiben. Die Kinobesitzer waren begeistert, weil digitale Projektoren so programmiert werden konnten, dass sie alleine liefen, ohne dass es einen Vorführer braucht, der die Maschine startet und die Rollen wechselt. Doch diese Vorführer waren handwerklich enorm geschickte Techniker und Problemlöser. Heute aber, da Multiplexe automatisiert vorführen, fallen technische Probleme den Hausmanagern in den Schoß, die, im Zeitalter der Austerität, wohl dieselben überarbeiteten Mitarbeiter sind, die auch die Tickets abreißen und Popcorn verkaufen. Wenn ein ernstes Problem vorliegt oder mehr getan werden muss, als einmal die Optik zu wischen oder das System neuzustarten, kann es schon ein paar Wochen dauern, bis ein Techniker vorbeikommt - oder sogar noch länger, wenn sich einfach niemand beschwert. Das Problem, mit dem sich die heutigen Kinobesucher wohl am ehesten herumschlagen müssen, ist ein trübes Bild. Ein Grund dafür liegt darin, dass viele jener Projektoren, die zu Zeiten des ersten 'Avatar'-Films angeschafft wurden, heute noch immer im Betrieb sind und ihr Alter zeigen. 2020 kündigte Sony an, sich aus dem Projektorengeschäft zurückzuziehen, und beendete vor kurzem die Unterstützung für jene Modelle, die bei den wichtigsten Ketten im Betrieb sind. Dies ist insofern besonders problematisch, da diese Maschinen eine bekannte Schwäche haben, wie ein Analyst dem Digital Cinema Report verriet: 'Das ultraviolette Licht aus der Lampe des Projektots zerstört allmählich das bildwerfende Gerät. Das projizierte Bild verliert an Farben. Um dies zu beheben, müsste man das bildwerfende Gerät ein- oder zweimal im Jahr ersetzen.' Doch diese Lösung ist teuer, weshalb sich nur wenige Kinos dazu entschließen."
Stichwörter: Kino, Digitalisierung

Magazinrundschau vom 07.03.2023 - New York Magazine

Eben war noch Body-Positivity das große Ding, jetzt tanzt Lizzo auf einmal allein in Übergröße: Hollwood und Instagram sind im Schlankheitswahn, seit die neue Wunderdroge Ozempic als Diätpille die Runde macht. Eigentlich soll das Medikament bei Diabetes den Appetit zügeln, aber inzwischen sind alle Dämme gebrochen. Mit besten Kontakten in die Mode- und Filmwelt und Lust an deftigem Klatsch erzählt Matthias Schreier zum Beispiel von einer New Yorker Schauspielerin, die er Allison nennt: "Es stellt sich heraus, dass sie etwa zehn Pfund abgenommen hat und darüber glücklich ist. 'Jemand hat mir einmal gesagt, ich hätte eine Größe-Null-Persönlichkeit, er dachte, ich sei dünner als ich tatsächlich war', erzählt sie mir. 'Wir reden nicht darüber, aber jeder weiß es. Dünn ist Macht.' ... Für viele Ozempic-Schlucker gibt es Nebenwirkungen. Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung sind die häufigsten. 'Ich habe gehört, dass alle Schwulen bei der CAA es nehmen und sich das Hirn ausscheißen', sagt Allison. 'Aber nein, das war nicht meine Erfahrung. Es ist ein bisschen so, wie eine kleine Dosis Amphetamin, ohne das Crack-Gefühl.' Sie hat sich daran gewöhnt. 'Am Anfang gab es definitiv Momente, in denen ich Nebenwirkungen wie Müdigkeit spürte', sagt sie. 'Aber das war nur vorübergehend, und je höher meine Dosis wurde, desto mehr habe ich die Vorteile gespürt.' Sie sei einfach nicht mehr so hungrig und dadurch weniger ängstlich. In stressigen Zeiten, in denen sie ihre Ernährung nicht so gut kontrollieren könne oder täglich ins Fitnessstudio gehen, nehme Ozempic ihr die Aufgabe fast ganz ab. Vor Ozempic hat sie sich bei Dreharbeiten in ihrem Hotel verkrochen und Saft geschluckt, um in ihre Kostüme zu passen. Jetzt, sagt sie, kann sie eineinhalb Mahlzeiten am Tag essen und ist abends etwas hungrig, aber das ist nicht schlimm: 'Man kann einen Tee mit Magnesium trinken und vielleicht eine Xanax nehmen und einschlafen." Ein Nachteil könnte sein, dass man sofort zunimmt, wenn man die Einnahme stoppt, aber bei Kosten von 1000 Dollar im Monat, geschäftlich für den dänischen Konzern Novo Nordisk ein Volltreffer: "Da inswischen 70 Prozent der AmerikanerInnen übergewichtig oder klinisch fettleibig, die möglichen gewinnen sind riesig. Die Firma jubelte letztes Jahr gegenüber Investoren, sie hoffe 'Marktführer bei Fettleibigleit zu bleiben und die Vekäufe zu verdoppen', was einen Umsatz von 3,5 Milliarden brächte."

Magazinrundschau vom 07.02.2023 - New York Magazine

Hollywood und die Streaming-Dienste haben bemerkt, wie viel Geld sich mit Dokumentationen machen lässt und dem Genre einen ungeahnten Boom beschert. Doch für Reeves Wiedeman ist das kein Grund zur Freude. Denn die damit verbundene Gewinnerwartungen bedeuten für die Branche vor allem: True Crime, Celebrities-Biografien und strikte Vorgaben für Schnitt und Struktur. Aus dem Genre, das bisher sein Selbstverständnis aus Engagement und Aufklärung bezog, ist ein kommerzielles Produkt für ein Multimillionen-Publikum geworden, das ziemlich nah ans Reality-TV gerückt sei: "Dies hat der Welt des Dokumentarfilms eine Identitätskrise beschert. Was ist überhaupt noch ein Dokumentarfilm? Es gibt mehr Geld als je zuvor, aber es ist mit Erwartungen verknpüft, die es nicht gab, als die Branche in Bezug auf Ethik und Geschmack dem öffentlichen Rundfunk näher stand als Hollywood. Die Menschen, die sich bereit erklären, ihre Geschichten zu erzählen, verlangen jetzt Kontrolle oder Geld, so dass die Dokumentarfilmer jetzt zwischen der Verbindlichkeit gegenüber ihren Protagonisten, den Anforderungen des Algorithmus und ihrem Wunsch, gute Arbeit zu leisten, navigieren müssen. Für das Publikum ist es fast unmöglich geworden, künstlerische oder journalistische Werke von glorifiziertem Reality-TV oder Public-Relations-Übungen zu unterscheiden: Ein HBO-Max-Abonnent kann durch die Registerkarte Dokumentarfilme scrollen und zwei Filme über Lizzo finden, die sie selbst produziert hat, 41 Filme und Serien, die als True Crime firmieren, einen Oscar-nominierten Film über den russischen Dissidenten Alexej Nawalny und 'Wahl Street', 'einen Einblick in das Leben des Weltstars Mark Wahlberg, der mit den Anforderungen seiner privaten und beruflichen Welt jongliert und sich abmüht, sein expandierendes Geschäftsimperium auszubauen'." Gegen diesen Trend haben sich, wie Wiedeman berichtet, einige Filmemacher zur Documentary Accountability Working Group zusammengeschlossen, die Richtlinien fürs ethische Filmemachen erarbeitet.