Magazinrundschau - Archiv

New York Magazine

105 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 11

Magazinrundschau vom 23.03.2021 - New York Magazine

In einem Beitrag für das Magazin stellt David Wallace-Wells noch einmal unmissverständlich klar, dass die Vorstellung von den reichen westlichen Staaten, die kein Virus umhaut, ein für alle Mal ins Märchenbuch gehört, wohingegen Staaten wie Südkorea, Neuseeland und auch China über Corona triumphierten. Aber warum? "Schon im vergangenen Frühjahr sprach der ehemalige portugiesische Diplomat Bruno Maçaes angesichts der Gleichgültigkeit in Europa und den USA von einem pandemischen Orientalismus. Als China über Wuhan den Lockdown verhängte, erklärt Maçaes, wurde das von den NATO-Staaten schändlich ignoriert. Corona wurde als Auswuchs archaischer Märkte und exotischer Küche betrachtet und der Lockdown nicht als Demonstration großer Ernsthaftigkeit, sondern als Reflex eines autoritären Regimes und seiner gehorsamen Bevölkerung. Tatsächlich war der Vorgang auch für China Neuland … Ein früher, globaler Reisestopp, so der Virologe Florian Krammer, hätte die Katastrophe womöglich verhindert und wäre moderat gewesen verglichen mit den teuren späteren Lockdowns … Aber es ging nicht nur um Sinophobie. Auch als das Virus in Europa angekommen war, spielte man Abwarten und Teetrinken und wollte lieber nicht in das Leben der Menschen und die Wirtschaft eingreifen. Der Ausbruch in Italien und Spanien führte nicht zu raschen Maßnahmen auf dem Kontinent, ebenso bewegte sich New York nicht, als es in Washington losging … Als die Maßnahmen kamen, waren sie nicht nur zu spät, sondern auch unpassend … In Ostasien wartete man nicht auf die Vorgaben der WHO, um Maskenpflicht, Social-distancing und Quarantäne anzuordnen … Wir dagegen sind davon ausgegangen, dass uns nichts Schlimmes passieren kann und es einen Ausweg gibt - nächsten Monat schon. Es war immer ein Monat, und solange die Lösung nur einen Monat entfernt ist, gibt es kein echtes Problem. Das scheint mir ein Symptom einiger Länder und Gesellschaften zu sein, die lange mit keiner Notlage umzugehen hatten. Wir fühlen uns unwohl mit den harten Entscheidungen, die es zu treffen gilt."
Stichwörter: Corona, Wuhan

Magazinrundschau vom 23.02.2021 - New York Magazine

Alison Willmore porträtiert die in China geborene, aber in den USA lebende und arbeitende Filmemacherin Chloé Zhao, die sich mit ihren bisherigen drei Low-Budget-Filmen (darunter etwa "The Rider", 2017 von Werner Herzog selbst gepriesen) zu einer der interessantesten amerikanischen Regisseurinnen der Gegenwart gemausert hat: Ihr aktueller Film "Nomadland" hat gute Aussichten, ihr nach dem Goldenen Löwen in Venedig auch den Oscar für den "Besten Film" einzubringen. Und die Marvel-Studios haben bei ihr bereits einen Superhelden-Blockbuster bestellt. "Hollywoods Hunger auf neue Talente außerhalb der gängigen Liste weißer Männer bedeutet auch, dass junge Filmemacher nicht mehr zwangsläufig ein kommerzielles Filmprojekt als Visitenkarte benötigen, um die Aufmerksamkeit von Managern auf sich zu ziehen. Sich selbst als meisterlicher Künstler zu etablieren, der auf Authentizität und regionale Eigenheiten achtet, stellt nicht mehr notgedrungen ein Hindernis dafür dar, sich Richtung Blockbuster weiterzubewegen. Zhaos Karriere ist ein Musterbeispiel dafür, was von einem zeitgenössischen Filmemacher in Hollywood verlangt wird: Sowohl das exquisit Intime, als auch das massiv Kommerzielle bedienen zu können. ... Das filmische Marvel-Universum mag zwar ein gigantisches Multiplattform-Unternehmen darstellen, das die Popkultur derzeit beherrscht, aber Stimmen wie Zhao benötigt es dennoch. Während es in die Streamingwelt expandiert, haben die Filme damit begonnen, Figuren aufzugreifen, mit denen ein Publikum, das die Comics nur lose kennt, weniger vertraut ist. Zhaos 'Eternals' basiert auf Jack Kirbys Schöpfungen aus den 70ern und dringt damit weit tiefer in die Comicwelt vor als, sagen wir, Spider-man. Es hat den Anschein, als würde diese neue Marvel-Ära auf der großen Leinwand nach Regisseuren mit einer Vision für Figuren verlangt, die sich nicht darauf verlassen können, dem Namen nach bekannt zu sein."

Magazinrundschau vom 09.02.2021 - New York Magazine

Im aktuellen Heft erinnert David Wallace-Wells daran, dass die Erneuerbaren immer noch erst zehn Prozent der Weltenergieproduktion ausmachen. Doch es gibt Hoffnung: "Dank Wetterextremen, der Wissenschaft und Aktivisten wie Extinction Rebellion ist die Ära der Klimaleugner erst einmal vorüber. Exxon wurde aus dem Dow Jones Industrial Average Index geworfen, und Tesla machte Elon Musk zum reichsten Mann der Erde. Der Ruf der Ölindustrie sinkt auf den der Tabakindustrie. Abgesehen von Brasiliens Bolsonaro fühlt sich quasi jeder politisch oder wirtschaftlich Verantwortliche aufgrund der ökonomischen Realitäten, der Proteste, des sozialen Drucks und der kulturellen Erwartungen dazu verpflichtet, für das Klima aktiv zu werden. Es wäre schön, dass nicht als Fortschritt verbuchen zu müssen, aber genau das ist es. Die Fragen lauten: Was bringt es? Und was kommt danach? Desinformation und Missachtung sind nicht allein verantwortlich für die Verzögerung, und es ist anzunehmen, dass die Ära des Leugnens nicht von einer der Erlösung abgelöst wird, sondern von einer der Klima-Heuchelei, des Grünwaschens und des Klima-Missbrauchs. Doch das gab es immer … Der zweite Quell guter Nachrichten ist die Ankunft des Eigennutzes in diesem Zusammenhang. Damit meine ich nicht die Logik von BlackRock und ihrer halbherzigen Klimaverpflichtung, sondern den wachsenden weltweiten, gesellschaftsübergreifenden Konsens, dass die Welt durch Dekarbonisierung eine bessere wird. Noch vor zehn Jahren schien es zu teuer, heute ist es ein guter Deal, sogar für McKinsey. Am deutlichsten wird das bei der Luftverschmutzung, die jährlich etwa neun Millionen Menschen umbringt … Was besonders erstaunlich ist an den neuen Klimaversprechen: Sie sind nicht nur ohne US-Führung entstanden, sondern auch außerhalb des Rahmens des Pariser Klimaabkommens. Sie sind nicht das Ergebnis geopolitischer Gewaltakte, sondern stiller Entwicklungen. Erstaunlich vor allem für jene Skeptiker, die seit Jahrzehnten das Problem kollektiver Klimaaktion wälzen."
Anzeige

Magazinrundschau vom 19.01.2021 - New York Magazine

Das ist mal ein Longread! Der Schriftsteller Nicholson Baker ist ziemlich überzeugt, dass der Coronavirus in einem Labor entstanden ist - vielleicht unbeabsichtigt, auf der Suche nach einem Impfstoff - aber doch in einem Labor. Einen Beweis hat Baker dafür nicht, aber einen Beweis für die Entstehung des Virus, wie auch immer, gibt es bislang eben nicht. Auch auch im Westen wird in Laboren an tödlichen Viren geforscht: "Im Jahr 2012 warnte Lynn Klotz im Bulletin of the Atomic Scientists, dass angesichts der Tatsache, wie viele Labore damals mit virulenten Viro-Varietäten hantierten, eine 80-prozentige Chance bestehe, dass irgendwann in den nächsten 12 Jahren ein potenzieller Pandemie-Erreger auslaufen würde. Ein Laborunfall - ein fallengelassenes Fläschchen, ein Nadelstich, ein Mäusebiss, eine unleserlich beschriftete Flasche - ist unpolitisch. Die Behauptung, dass bei einem wissenschaftlichen Experiment in Wuhan - wo COVID-19 zum ersten Mal diagnostiziert wurde und wo es drei Hochsicherheits-Virologie-Labore gibt, von denen eines in seinen Gefrierschränken den umfangreichsten Bestand an beprobten Fledermausviren der Welt aufbewahrt - etwas Unglückliches passiert ist, ist keine Verschwörungstheorie. Es ist nur eine Theorie. Ich glaube, dass sie neben anderen begründeten Versuchen, die Ursache unserer aktuellen Katastrophe zu erklären, Beachtung verdient. ... Es hätte Interviews mit Wissenschaftlern geben sollen, Interviews mit Biosicherheitsteams, genaue Durchsicht von Labornotizbüchern, Überprüfung von Gefrierschränken und Sanitäranlagen und Dekontaminationssystemen - alles. Es ist nicht passiert. Das Wuhan Institute of Virology schloss seine Datenbanken mit viralen Genomen, und das chinesische Bildungsministerium verschickte eine Direktive: 'Jede Arbeit, die den Ursprung des Virus zurückverfolgt, muss streng und eng geführt werden.'" Baker geht es aber nicht um Schuldzuschreibung, sondern generell um die Grenzen der Untersuchung und Manipulation tödlicher Viren. Er macht klar, dass dieser Unfall überall passiert sein könnte: "Es könnte in Wuhan passiert sein, aber - weil jetzt jeder einen voll infektiösen Klon einer beliebigen sequenzierten Krankheit 'ausdrucken' kann - könnte es auch in Fort Detrick passiert sein, oder in Texas, oder in Italien, oder in Rotterdam, oder in Wisconsin, oder in irgendeiner anderen Zitadelle der koronaviralen Forschung. Keine Verschwörung - nur wissenschaftlicher Ehrgeiz und der Drang, aufregende Risiken einzugehen und neue Dinge zu machen, und die Angst vor Terrorismus und die Angst, krank zu werden. Und eine ganze Menge Geld von der Regierung."

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - New York Magazine

Als sei das nicht genug, feiert auch QAnon weiter Erfolge, die wild zusammengewürfelte Truppe von Verschwörungstheoretikern, die bei den nächsten Kongresswahlen 24 Kandidaten stellen. Ihre Kernthese: Hollywood und die US-Regierung wimmelten von Pädophilen und Dämonenanbetern, die Donald Trump zur Verantwortung ziehen will. Im Gespräch mit den Kandidaten machte Simon van Zuylen-Wood eine geradezu außerirdische Erfahrung: "Sie stimmen mit nichts überein, was ich für gesicherte Fakten über die Welt halte. Das fühlt sich neu an. Es ist eine Sache, wenn Politiker zynisch aufrührerische Komplotte ihrer Gegner vortäuschen, wie sie es schon immer getan haben. Es ist eine andere Sache, wirklich zu glauben, dass das politische Establishment der Nation von satanischen Vergewaltigern angeführt wird, und dann nach Washington aufzubrechen, um mit ihnen zusammenzuarbeiten." Aber der Reporter lernt auch dies: "Der rote Faden, der die Q-Kandidaten, mit denen ich gesprochen habe, verbindet, kommt aus dem wirklichen Leben: der Fall Jeffrey Epstein. 'Der Grund, warum ich misstrauisch bin, wenn die Leute sagen, Q sei eine Verschwörungstheorie, ist, dass ich seit Jahren von Epstein und dem Lolita-Express gehört habe, und dass er diese Insel besitzt', sagte Raborn, der Kandidat aus Chicago. 'Ich dachte immer, es sei eine Verschwörungstheorie. Und dann wurde er verhaftet. Und wir erfuhren von dem Flugzeug. Ich meine, okay, whoa. Wie viele Dinge halte ich für Verschwörungen, die es in Wirklichkeit gar nicht sind?' Tracy Lovvorn, eine Physiotherapeutin, die für einen Sitz im Zentrum von Massachusetts kandidiert, machte praktisch die gleiche Bekehrungserfahrung. Sie staunt über 'alles, was das FBI in den Jahren 2005, 2006 wusste', und dann, sagt sie, 'musste er so sterben'? Dito Cargile, dessen Interesse an Q aus Epsteins Selbstmord (seinem mutmaßlichen Selbstmord) resultierte: 'Wer hat das geschehen lassen? Wer will nicht, dass er redet? Wer ist am meisten gefährdet, wenn Jeffrey Epstein im Zeugenstand steht und Namen nennt?' Als Fallbeispiel für das Versagen der Elite könnte man es schlimmer treffen, als sich zu fragen, warum Epstein, als er 2007 zum ersten Mal wegen Sex mit Minderjährigen angeklagt wurde, von Floridas damaligem US-Staatsanwalt Alexander Acosta - dem späteren Arbeitsminister von Trump - einen Sweetheart-Deal bekam, der ihm zusicherte, nicht strafrechtlich verfolgt zu werden. (Oder warum Harvey Weinstein oder Gymnastiktrainer Larry Nassar oder die Hierarchie der katholischen Kirche sich so lange der Strafverfolgung entziehen konnten)."

Magazinrundschau vom 01.09.2020 - New York Magazine

Der Statistiker David Shor, der in Obamas Wahlkampfteam für Nathan Silver arbeitete, wurde über Nacht berühmt, als ihn sein Arbeitgeber Civis Analytics kürzlich wegen eines Tweets entließ, in dem Shor auf eine Studie aufmerksam machte, wonach 1968 gewaltlose Demonstrationen erfolgreicher darin waren, die öffentliche Meinung nach links zu schieben, als gewalttätige. Wenn sie die kommende Präsidentschaftswahl gewinnen wollen, müssen sich die Demokraten einer sehr unangenehmen Tatsache stellen, meint Shor in einem epischen, aber sehr lesenswerten (wenn man sich für Wahlkampftaktiken interessiert) Interview. Die weiße Arbeiterklasse ist in ihrer Mehrheit wirtschaftlich links, aber gesellschaftlich rechts. Aber auch in der schwarzen Arbeiterklasse gibt Strömungen hin zu den Republikanern. "Bildung korrelliert in hohem Maße mit der Offenheit für neue Erfahrungen", sagt Shor. "Als die europäischen Staaten das schulpflichtige Alter von 16 auf 18 Jahre anhoben, hatte die erste Generation von Schülern, die länger in der Schule blieb, wesentlich liberalere Ansichten zur Einwanderung als ihre unmittelbaren Vorgänger. Und dann sind Menschen mit College-Abschluss auch eher bereit, fremdes Essen zu probieren oder ins Ausland zu reisen. Es scheint also wirklich so zu sein, dass Bildung die Menschen offener für neue Erfahrungen macht. Politisch manifestiert sich dies bei der Einwanderung. Und das ist in Stein gemeißelt. Man kann sich die Meinungsumfragen aus den 1940er Jahren anschauen, ob Amerika jüdische Flüchtlinge aufnehmen sollte: Menschen mit College-Ausbildung waren dafür, Menschen ohne College-Ausbildung dagegen. Es ist länderübergreifend so: Südafrikaner aus der Arbeiterklasse sind gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus Simbabwe, während die Südafrikaner mit College-Abschluss die Aufnahme befürworten."

Magazinrundschau vom 30.06.2020 - New York Magazine

Dass die amerikanischen K-Pop-Fans für politischen Trubel sorgen - erst haben sie einen von Rassisten verwendeten Twitter-Hashtag gekapert, dann eine Trump-Kundgebung so sabotiert, dass der Präsident vor einer halbleeren Halle sprach -, hätte man durchaus kommen sehen können, meint T.K. Park. Stattdessen reagierten weite Teile der Öffentlichkeit mit völliger Überforderung und blanker Unkenntnis der Materie. Aber woher kommt dieser hohe Grad an Online-Kompetenz gerade in diesem an sich wenig politischen Segment der Popkultur? Zum einen erfahren wir, dass in den USA tatsächlich viele Schwarze Jugendliche diese Musik hören und das Media-Hacking quasi zum Alltag dazugehört: "Fan einer angesagten K-Pop-Gruppe zu sein verlangt einem mehr ab als, sagen wir, Fan von Taylor Swift zu sein ... Jede K-Pop-Band kommt mit einer Reihe vorgefertigen Kennzeichen für die Fans: Spitznamen für die Unterstützer (BTS hat seine 'Army', Blackpink nennt sie Blinks), Farben (die Farbe von NCT ist 'perliges Neo-Champagner'), Hymnen und Slogans. Jede Fangemeinde fordert ihre jeweiligen Anhänger zu koordinierten Aktionen auf, um ihre Stars zu unterstützen, etwa massenhaft bei Radiosendern anzurufen, sich ein bestimmtes Lied zu wünschen, oder abgesprochenes Streaming bestimmter Stücke zu einer bestimmten Zeit - alles, um die Chartposition der Stars zu verbessern. Um das Image ihrer Stars aufzupolieren, organisieren die Fanclubs Spendenaufrufe und andere ehrenamtliche Dienste in deren Namen. Wichtig ist dabei: All diese Aktivitäten kommen ohne herausragende Prsonen oder Hierarchien aus. Vielmehr entfalten sie sich horizontal durch Echtzeit-Kommunikation auf Sozialen Netzwerken. Unter dem Strich steht damit eine partizipatorische Erfahrung von Popkultur. Eine K-Pop-Fangruppe liebt ihre Stars nicht nur für ihre Musik, ihr Aussehen oder ihre Choreografie, obwohl das alles häufig notwendige Voraussetzungen sind. Die engagiertesten K-Pop-Fans kultivieren mit ihrem Zeit- und Energieaufwand zugunsten ihrer Stars ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu ihren Stars und, noch wichtiger, untereinander. Als Kollektiv prägt die Fangruppe den Weg des Idols zum Star - der Erfolg des Idols ist auch der Erfolg der Fans."

Magazinrundschau vom 07.07.2020 - New York Magazine

Jonathan Chait beschreibt das gefährlich hysterisierte Klima der Debatte in den Vereinigten Staaten, nicht nur in den Kreisen um Trump, sondern auch auf der Linken. Er erzählt die Geschichte eines jungen linken Sozialdemokraten, der aus seinem Thinktank gefeuert wurde, weil er seriöse Untersuchungsergebnisse retweetet hatte, die besagten, das gewaltsame Proteste bei Wahlen eher den Republikanern zugutekommen. Und die Geschichte Lee Fangs, eines Redakteurs von The Intercept, der sich wortreich entschuldigen musste, weil er das Interview eines jungen Schwarzen retweete, der auch die Gewalt unter Schwarzen thematisieren wollte. Und er kommt auf die New York Times zurück, wo der Meinungsredakteur gehen musste, weil er den Meinungsartikel eines republikanischen Senators publiziert hatte - was eine alte Gepflogenheit der eigentlich linken Times ist. Aus der Times wird nun im Namen der Diversität ein Parteiblatt gemacht fürchtet Chait: "Warum kann man repräsentativere Newsrooms nicht nutzen, um die Idee der Neutralität zu verfeinern, statt sie aufzugeben? Wäre es für Teams, die die Bevölkerung besser widerspiegeln, nicht leichter, die Perspektiven aller Seiten aufzunehmen und dem heiklen Ziel der Objektivität näher zu kommen? Ein konkretes Beispiel: Es brauchte ein gewisse Menge schwarzer Reporter, um die Medien zu zwingen, akkurat über Polizeigewalt zu berichten. Die Folge ist also, dass Diversity die Objektivität verbessert, nicht dass die Idee der Objektivität versagt."

Magazinrundschau vom 09.06.2020 - New York Magazine

In einem um verstörende Fotos bereicherten Artikel des Magazins begibt sich Zak Cheney-Rice in die Straßen von Minneapolis, wo sich nach der Ermordung von George Floyd die Fronten verhärten und ein gesellschaftlicher Widerspruch sichtbar wird: "Als Trump am 1. Juni die Gouverneure dazu aufforderte, die Dissidenten 'in den Griff' zu bekommen und notfalls das Militär zu schicken, wusste er den Großteil der Nation hinter sich: In einer Umfrage sagten 60 Prozent der Amerikaner, sie unterstützten die Entsendung des Militärs zur Hilfe lokaler Polizeikräfte im Kampf gegen den Aufruhr. Das muss wie ein Widerspruch wirken. Einerseits die Proteste zu unterstützen, andererseits ihre Niederschlagung, könnte als Hinweis gelten auf die Weigerung, die Widersprüche der eigenen politischen Impulse zu bedenken. Die Kluft wird verständlich vor dem Hintergrund eines typisch amerikanischen Verständnisses von Ordnung: Störende Spannungen werden durch Gewalt abgestellt, ohne dass sie wirklich gelöst würden, selbst, wenn die Ursachen als richtig erachtet werden. Was genau heißt 'störend'? Das unterscheidet sich je nach Person und Zeit, aber der Begriff 'Aufruhr' ist eine Konstante durch die Generationen. Das passt zu seiner sozialen Funktion. Aufruhr ist keine Taktik, mit der man breite Sympathien gewinnt, sondern Ausdruck für die Vergeblichkeit anderer Anstrengungen. Das Gleiche gilt allerdings für weniger gewalttätige Proteste … Erst Ordnung, dann Reform - als ob die Struktur der Ordnung nicht genau das wäre, was die Protestierenden ändern wollten."

In weiteren Magazinbeiträgen zum Thema spricht die demokratische Politikerin und Aktivistin Ilhan Omar über strukturellen Rassismus und Ungerechtigkeit (hier), und der Bürgerrechtler John Lewis teilt seinen unerschütterlichen Glauben (im Interview).

Magazinrundschau vom 05.05.2020 - New York Magazine

Corona ist keineswegs der große Gleichmacher, der für alle Amerikaner tödlich ist, schreibt Zak Cheney-Rice in einem bitteren Artikel. Strafgefangene oder Obdachlose sterben in den USA in horrenden Zahlen. "Aber das Leiden ist noch größer als das Sterben. Jüngste Umfragen zeigen, dass bis zu zwei Drittel der erwachsenen Latinos aufgrund des wirtschaftlichen Abschwungs ihren Arbeitsplatz verloren oder ihr Einkommen verringert haben. Ein Großteil davon ist auf ihren hohen Anteil im Dienstleistungs- und Gastgewerbe zurückzuführen, die in der Krise oft schließen mussten. ... Vorläufige Daten deuten darauf hin, dass schwarze Amerikaner am stärksten von dem Virus betroffen sind, wie jeder hätte vorhersagen können, noch bevor diese Daten ins Spiel kamen. Obdachlose, inhaftierte und verarmte Menschen in den USA waren und sind unverhältnismäßig schwarz, mit den damit einhergehenden Gesundheitsrisiken: höhere Raten von Diabetes, Bluthochdruck und Herzkrankheiten, alles zuverlässige Indikatoren dafür, ob ein ansonsten beherrschbarer Fall von COVID tödlich enden könnte. Schwarze Opfer machen zum Beispiel 40 Prozent der infizierten Toten in Michigan aus, aber 14 Prozent der Bevölkerung des Bundesstaates. Es sind 70 Prozent der Toten in Louisiana, einem der größten Epizentren des Landes außerhalb New Yorks, aber nur 33 Prozent der Bevölkerung. In Chicago und Milwaukee - wo im letzteren Fall die durchschnittliche Lebenserwartung für Schwarze 14 Jahre kürzer war als für Weiße vor der Pandemie - machen die Todesfälle durch schwarze COVID 55 Prozent bzw. 81 Prozent der Gesamtzahl aus, obwohl Schwarze in beiden Städten weniger als 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen."