Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

851 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 86

Magazinrundschau vom 18.03.2025 - New Yorker

Graydon Carter, langjähriger Chefredakteur der amerikanischen Vanity Fair, hat mit "When the Going Was Good: An Editor's Adventures During the Last Golden Age of Magazines" seine Memoiren vorgelegt, Nathan Heller schwelgt im New Yorker in Erinnerunen an die goldene Zeit des Magazin-Journalismus: "Magazine müssen, im Gegensatz zu Zeitungen, keine umfassende Berichterstattung leisten. Artikel, die überflüssig sind, oder aus dem Pflichtgefühl eines 'Wir sollten wohl' entstehen, stinken wie toter Fisch eine Meile gegen den Wind. Die prägende Erfahrung, ein gutes Magazin zu lesen, besteht in dem Gefühl 'Ich hätte nicht gedacht, dass mich das interessiert, aber': Das Medium definiert sich nicht über die Wahl der Themen, sondern über die Qualität der Ausführung. Magie passiert dort, wo es wenigstens einer Person - einem Autor, einer Fotografin oder einem Herausgeber, erlaubt ist, sich zu verlieben. Vanity Fair hatte kein Budget, das heißt, kein Limit, und kam mit Vorteilen, die selbst Redakteure der Time erblassen ließen. Der Verlag Condé Nast hat seinen Chefredakteuren zinsfreie Kredite für Häuser angeboten, jeden Ressortleiter mit Assistenten versorgt und die Angestellten in Limousinen nach Hause geschickt, wenn die Arbeit länger dauert. (Nur drei Worte: Nicht mehr so.)" Was Heller nicht erwähnt ist, dass Vanity Fair in den letzten Jahren von einem Magazin, das neben Glamour immer auch große Reportagen aus aller Welt hatte, heute fast nur noch Klatsch aus Hollywood bietet, dann und wann unterbrochen von etwas nationaler Politik. Für interessante Reportagen gäbe es zwar jede Menge Stoff, aber ohne Limousine macht das Handwerk halt keinen Spaß. "Wenn es verschwindet, wird der Grund dafür sein, dass auch die besten Neuankömmlinge einen Weg vor sich haben, der zu rau, zu lang ist und auf eine fundamentale Weise zu unspaßig."

Magazinrundschau vom 04.03.2025 - New Yorker

Die amerikanischen Ivy League-Universitäten stecken in einer Krise, konstatiert Nathan Heller für den New Yorker, die Auseinandersetzungen über Antisemitismus und Freedom of Speech seit dem 07. Oktober 2023 sind nur das Symptom eines größeren Problems. Nicht erst Donald Trumps zweite Amtszeit macht deutlich, dass eine Universitätsadministration in den USA vor allem ihren Geldgebern gegenüber verpflichtet ist und weniger dem Ideal einer hehren, debattenoffenen Wissenschaft, die Begegnungen zwischen Pro-Israel- und Pro-Palästina-Lagern ermöglicht, statt jegliche politische Betätigung im Keim zu ersticken. Als Nexus des Problems identifiziert Heller die Präsidenten der Unis: "Angestellte an vier unterschiedlichen Institutionen haben mir mitgeteilt, dass Universitätspräsidenten in diesem administrativen Zeitalter kaum für Furchtlosigkeit und Redlichkeit ausgewählt werden. (…) 'Sie sind vorsichtiger geworden', sagte mir ein Professor, 'Ich denke, das liegt an Social Media und daran, dass die Gefahr, sich den Ruf zu schädigen omnipräsent ist.' (…) Unis, die sich damit konfrontiert sehen, ihre Finanzierung zu verlieren, sind gezwungen, sich umso mehr mit Geldgebern und Regierungsbeamten auseinanderzusetzen." Um einen solchen Verwaltungsposten zu übernehmen, kommt es nicht mehr darauf an, sich als Mitglied der Fakultät hochzuarbeiten, sondern darauf, sich möglichst gut zu vernetzen."
Stichwörter: Ivy League, Social Media

Magazinrundschau vom 25.02.2025 - New Yorker

2023 könnte das Jahr sein, in dem erstmals die Geburtenzahlen auf der Welt unter die Reproduktionsschwelle gesunken sind. Die Gründe dafür sind so vielfältig, dass es, um sie zu erklären, einen Nobelpreisträger bräuchte - in Literatur. Die üblichen Gründe, die dafür genannt werden, erklären diesen Rückgang nicht mehr, erklärt Gideon Lewis-Kraus: Frauen, die arbeiten, steigender Wohlstand, zu wenig Geld, mangelnde Kinderbetreuung: "Diese Trends lassen sich nicht auf haushaltspolitische Erwägungen zurückführen. Die Kinderbetreuung ist in Wien praktisch kostenlos und in Zürich extrem teuer, aber die Österreicher und die Schweizer haben die gleiche Geburtenrate." Die weltweit niedrigste Geburtenrate hat übrigens Korea mit 0,7 Prozent, so Lewis-Kraus, der dort feststellt, dass viele Koreaner damit kein Problem haben: "Viele sagten mir, dass sie sich auf eine Gesellschaft mit weniger Wettbewerb freuen - eine kleinere, sanftere Welt mit einem größeren Anteil an Ressourcen für alle." Aber es könnte natürlich auch ganz anders kommen. "Der überzeugendste Aspekt des technologischen Pro-Natalismus ist nicht, was wir theoretisch durch eine größere Bevölkerung gewinnen könnten. Es ist die Vorahnung dessen, was wir mit einer verringerten Bevölkerung verlieren könnten. Der Evolutionsanthropologe Joseph Henrich hat das Beispiel der tasmanischen Ureinwohner angeführt, die vor etwa zehntausend Jahren vom australischen Festland abgeschnitten wurden. Ihre Bevölkerung war zu klein und zu zerstreut, um ihr Wissen zu bewahren, und sie haben offenbar vergessen, wie man komplexe Werkzeuge herstellt, wie man warme Kleidung anfertigt und sogar wie man fischt. Und die schiere Zahl ist nur ein Teil der Geschichte. Damit sich eine Kultur entwickeln kann, braucht sie viele verschiedene Arten von Menschen - eigensinnige, verrückte Menschen mit ausgefallenen Ideen. Die schrägsten Menschen sind fast immer Kinder. Demografen befürchten oft, dass die Beschäftigung mit Science-Fiction-Spekulationen die Regierungen ungewollt zu drakonischen Maßnahmen veranlassen könnte. Dennoch gibt die Demografin Leslie Root zu, dass sie sich manchmal fragt: 'Ist es möglich, dass wir uns tatsächlich so entwickelt haben, dass wir zu klug für unser eigenes Wohl sind, und dass wir einfach zu sehr an anderen Dingen interessiert sind, um den Blödsinn mitzumachen, dass wir genug Kinder haben müssen, um die Spezies zu erhalten? Ich weiß es nicht! Vielleicht?' Sie sammelte sich und fügte dann hinzu: 'Was mich am meisten interessiert, wenn ich darüber nachdenke, wie es sein könnte, eine stabile menschliche Bevölkerung aufrechtzuerhalten, ist, dass es eine sehr reale Möglichkeit gibt, dass wir die Gesellschaft neu erfinden müssen.'"

Magazinrundschau vom 04.02.2025 - New Yorker

Der demografische Wandel macht auch vor den Blutspendern nicht Halt: Der Bedarf an Blut wird immer größer, die Zahl derjenigen, die spenden können und es auch tun, immer kleiner. Nicola Twilley lässt sich für den New Yorker in die Welt jener Wissenschaftler einführen, die mit Hochdruck daran arbeiten, die Funktionen des Blutes künstlich nachzubilden. Zwei Ärzte, Allan Doctor und Dipanjan Pan, arbeiten mit ErythroMer an einem Projekt, das mit Nanopartikeln die Struktur des sauerstofftransportierenden Hämoglobins nachahmt, auch wenn sie noch nicht ganz am Ziel sind, Blut ersetzen zu können: "Zurzeit, sagte mir Philip Spinella, Transfusionsmediziner, ist organisches Blut immer noch die sicherste Bank für eine Reihe verschiedener Situationen: Gynäkologische Blutungen, Schädel-Hirn-Traumata, Herz-OPs - aber er sieht eine Zukunft von individuellen Blutanmischungen. 'Vielleicht braucht die Pathophysiologie von postpartalen Blutungen mehr Thrombozyten oder mehr Plasma als ein Onkologie-Patient oder ein Patient mit einer Lebertransplantation', vermutet er. 'Sobald wir das grundlegende Rezept ausgetüftelt haben, können wir darauf aufbauen.' Doctor und Pan haben kürzlich begonnen, an einem Forschungsantrag zu arbeiten, um Nanopartikel zu entwickeln, die sich an rote Blutkörperchen verletzter Soldaten anheften können, um ihre Wirkung auf verschiedene Weisen zu verstärken. 'Die roten Blutkörperchen können mit Wirkstoffen ausgestattet werden, die Sauerstoff viel schneller binden und wieder abgeben können als bei durchschnittlichen Menschen', so Pan. Egal, ob diese Bemühungen wirklich klinische Realität werden, die Aufgabe Blut zu synthetisieren oder auch nur zu verbessern, hat uns eine Menge über Blut gelehrt. 'Was ich nicht kreieren kann, habe ich nicht verstanden', hat der theoretische Physiker Richard Feynman einst berühmterweise auf seine Tafel an der Caltech geschrieben. Der Prozess, auszuprobieren und darin zu scheitern, die Magie zu kopieren, die sich im menschlichen Körper abspielt, hat Wissenschaftlern Fragen beantwortet, die sie sonst gar nicht zu stellen gewusst hätten."

Magazinrundschau vom 27.01.2025 - New Yorker

Mit dem Sturz des Assad-Regimes nach 13 Jahren Bürgerkrieg sind auch dessen Foltergefängnisse wieder in den Fokus der (westlichen) Öffentlichkeit geraten - und diejenigen, die darin zu Tode gefoltert wurden, wie der Oppositionelle Mazen al-Hamada, dessen Familie Jon Lee Anderson in Syrien für den New Yorker besucht hat. Nach mehreren Jahren in Haft konnte seine Familie Mazen freipressen, er floh in die Niederlande, wo er mit den psychischen Folgen der Haft kämpfte - und sich letztlich vom Regime manipulieren ließ, zurückzukehren: "Er verschwand und machte sich auf den Weg nach Syrien. Er muss einen neuen Pass erhalten haben - was für seine Familie und Freunde ein Beweis dafür ist, dass das Assad-Regime ihn nach Damaskus gelockt hat. 'Es war klar, dass sie Mazen zurückwollten', so Mouaz Moustafa (ein Aktivist). Mazens Unterstützer sprechen davon, dass er mehrfach mit einer Frau gesehen wurde, von der man weiß, dass sie in der syrischen Botschaft in Berlin arbeitete. Moustafa glaubt, dass er in Berlin eine Gruppe von Expats getroffen hat, die mit Assads Geheimdienst verbunden waren, und dass sie ihm versprochen haben, er könnte eine Schlüsselrolle bei der Beendigung des Krieges spielen. 'Mazen litt zunehmend unter Größenwahn', sagte er. 'Sie haben seine Wahnvorstellungen genutzt, um ihn davon zu überzeugen, nach Damaskus zurückzukehren, und sie haben ihm versichert, 'Sie werden den roten Teppich für dich ausrollen.'' (…) Am Flughafen von Damaskus hat Mazen ein paar letzte hektische Anrufe getätigt. Er hat Natalie Larrison von der Unterstützungsorganisation Syrian Emergency Task Force erreicht, aber alles, was sie verstehen konnte, war das Wort 'Damaskus' auf Arabisch, und dann ging die Verbindung verloren. Noch vor dem Morgengrauen hat Mazen seinem Bruder Fawzi zufolge eine ihrer Schwestern angerufen mit der Bitte, ihm Geld an den Flughafen zu bringen - vielleicht, um Bestechungsgeld zu zahlen, vielleicht, um ein Ticket für einen weiteren Flug zu zahlen. Die Schwester hatte das Gefühl, es wäre unsicher, zu dieser Uhrzeit zu reisen, also kam sie zum Tagesanbruch und fragte nach Mazen. Da war er bereits verhaftet und ins Gefängnis des Geheimdienstes gebracht worden. Niemand hat ihn wieder gesehen, bis sein Körper in der Leichenhalle des Militärs auftauchte, fünf Jahre später."

Weiteres: Karl Ove Knausgaard stellt die Malerin Celia Paul vor (mehr hier). Alex Ross hört Neue Musik in LA. Lesen dürfen wir außerdem Samantha Schweblins Erzählung "A Visit from the Chief".

Magazinrundschau vom 20.01.2025 - New Yorker

Kassandrarufe, dass es um unsere Aufmerksamkeitsspannen schlecht bestellt steht, sind nicht neu, meint Daniel Immerwahr, der für den New Yorker unter anderem Chris Hayes' Buch "The Siren's Call" liest. Das Hauptproblem sei heute vor allem "Aufmerksamkeitskapitalismus", lernt er dort. Dieser habe "den gleichen dehumanisierenden Effekt auf die Psyche der Konsumenten wie der industrielle Kapitalismus auf die Körper der Arbeiter. Erfolgreiche Aufmerksamkeitskapitalisten halten unsere Aufmerksamkeit nicht mit spannendem Material, sondern reißen sie wie Spielautomaten immer wieder an sich. Sie behandeln uns wie Augäpfel und nicht wie Individuen, 'sich in unsere Hirne hacken', und uns nach mehr lechzend zurücklassen. 'Unsere Macht über unsere Hirne ist angeknackst worden', schreibt Hayes. 'Die Geschwindigkeit, in der wir diese Veränderung erleben, ist noch höher und intimer als selbst die schärfsten Kritiker erwartet haben.'" Diese Fragmentation von Aufmerksamkeit weist aber in mehr als eine Richtung, fügt Immerjahr hinzu: "Wir geben dem Internet die Schuld an polarisierender Politik und geschredderten Aufmerksamkeitsspannen, aber diese Tendenzen ziehen sich in gegenteilige Richtungen. Was auf die Kultur zutrifft, ist auch für Politik wahr: Wenn Menschen sich vom Mainstream entfernen, sind sie geneigt, obsessiv in Rabbit Holes zu fallen. QAnon anzuhängen erfordert dieselbe Hingebung, die man von einem K-Pop-Fan erwartet. Demokratische Sozialisten, Impfskeptiker, Antizionisten, Mannosphären-Alphas - alles keine Gruppen, die sich nur ein bisschen engagieren. Manche sind missinformiert, aber nie uninformiert: 'Betreib deine eigene Recherche', ist das Mantra der politischen Peripherie. Fragmentierung, so zeigt sich, führt in subkulturelle Tiefen."

Magazinrundschau vom 14.01.2025 - New Yorker

In einigen US-amerikanischen Bundesstaaten, unter anderem in Ohio, gibt es kostenintensive Bildungsgutscheine, die zunächst einmal dafür sorgen sollen, dass auch Kinder aus einkommensschwachen Familien die Chance haben, auf eine Privatschule zu gehen. Alec MacGillis erklärt, dass dadurch Schlupflöcher entstehen, die vor allem von konservativ-religiösen Privatschulen genutzt werden und öffentlichen Schulen schaden: Das Geld, das die Eltern von der Regierung erhalten, wandert direkt in die Kassen religiöser Organisationen: "Eine Initiative, die über Jahre hinweg als Bürgerrechtsbewegung beworben wurde - armen Kindern in schwierigen Schulverhältnissen zu helfen - droht, eine nationale Profitmasche zu werden. Viele Privatschulen erhöhen das Schulgeld, um von der Förderung zu profitieren, und neue Schulen werden gegründet, um sich daran zu bereichern. (…) Staaten, die die Familien mit Mitteln zu Homeschooling und Bildung versorgen, sehen sich mit Berichten konfrontiert, dass das Geld so ungewöhnliche Käufe wie Kayaks, Videospielkonsolen und Reitstunden finanziert." Ganz besonders profitiert das Center for Christian Virtue, die laut MacGillis auch kräftig bei den jüngsten Gesetzgebungen zugunsten eines größeren Budgets für die Bildungsgutscheine mitgemischt haben: Es ist, nachdem das Budget verabschiedet wurde, "stärker denn je. Die Organisation hat ein Netzwerk von dutzenden Schulen aufgebaut, die dem Center fünf Dollar pro eingeschriebenem Schüler zahlen, bis zu 3000 Dollar pro Schule, um Lobbyarbeit in ihrem Sinne zu betreiben. Essentiell können die religiösen Schulen nun einiges vom Steuergeld, das sie beziehen, nutzen, um für weitere Förderung zu werben. Zwischen 2020 und 2022 haben sich die Einnahmen des Centers mehr als verdreifacht, auf 4,2 Millionen Dollar."

Warum war die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston so besessen von Juden, fragt sich Louis Menand. Sie versuchte sogar, eine Geschichte der Juden zu schreiben - "was im Grunde bedeutet hätte, die Bibel neu zu schreiben", so Menand: Das ganz eigene an ihrer Geschichtsversion, die sich in ihrem Entwurf für das Buch formuliert: Für sie sind die Juden quasi die ersten Amerikaner, denn sie sieht sie als die ersten, die universale Werte formuliert hätten. "Zwei Dinge fallen bei 'Just Like Us' auf. Erstens bezieht sie sich kaum auf Ethnie oder Geschlecht. Hurston sagt nicht, dass sie sich als schwarzer Mensch, der unter Stereotypen und Diskriminierung gelitten hat, mit den Juden identifiziert, und sie sagt nicht, dass sie sie als Frau, die in einer patriarchalischen Gesellschaft untergeordnet wurde, versteht. Sie sagt, dass sie sich mit den Juden als Amerikanerin identifiziert. Das 'wir' in ihrem Titel sind die Amerikaner. Das zweite, was auffällt, ist der persönliche Charakter des Dokuments. Die forsche, selbstbestimmende, selbständige Figur, die Hurston als Prototyp des Juden beschwört, ist Hurston selbst, eine Frau, die sich nicht von anderen vorschreiben lässt, wie sie zu leben hat. Was dieses Persönlichkeitsmerkmal für zeitgenössische Leser von Hurston kompliziert gemacht hat, ist, dass sie nicht meinte, dass die Weißen ihr nicht vorschreiben könnten, wie sie zu leben habe. Weiße Menschen waren nicht ihr Problem... Die Menschen, deren Führung sie sich widersetzte, waren die Freunde der Schwarzen, die Liberalen. Ihre Rabbiner waren die Ethnienführer der N.A.A.C.P. Hurston war der Meinung, dass die Liberalen des Nordens den Schwarzen eine Rolle zuwiesen, und sie weigerte sich, diese zu spielen. 'Ich gehöre nicht zu den schluchzenden Negern, die glauben, dass die Natur ihnen irgendwie ein schmutziges Schicksal beschert hat, und deren Gefühle deswegen verletzt sind', schrieb sie 1928, ein Satz, den sie ihr Leben lang wiederholte. Briefe an weiße Freunde unterzeichnete sie manchmal mit 'Your pickaninny'. Sie sah keinen Grund, sich über die Sklaverei zu beschweren. 'Sklaverei', sagte sie, 'ist der Preis, den ich für die Zivilisation bezahlt habe'."

Magazinrundschau vom 10.12.2024 - New Yorker

Amputations-Operationen haben sich lange Zeit kaum weiterentwickelt, stellt Rivka Galchen, auch bekannt als Romanautorin, für den New Yorker fest, aber der Biophysiker Hugh Herr, der selbst durch einen Kletterunfall seine Unterschenkel verloren hat, arbeitet unermüdlich daran, bionische Prothesen zu bauen, die über neuronale Verbindungen gedanklich und nicht mechanisch gesteuert werden können. Dafür sind Amputationen nötig, bei denen so viele Muskeln und ihre jeweiligen Gegenspieler bewahrt werden wie möglich. Das Problem dabei ist, dass vieles über das menschliche Gehverhalten nicht bekannt ist und so auch nicht technisch nachgeahmt werden kann - Herr und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Tyler Clites arbeiten unermüdlich für Herrs Freund Jim Ewing, der ebenfalls bei einem Kletterunfall einen Unterschenkel verlor, "um die Prothese für Ewings Wahrnehmung von Bewegung zu 'tunen.' Die Sensoren für die Elektromygraphie (EMG), das wie ein EKG für Muskeln außerhalb des Herzens funktioniert, wurden am Stumpf seines Beines angebracht und haben die elektrische Aktivität in seinen Beinmuskeln überprüft. (…) Wenn Ewing gebeten wurde, seinen Fuß leicht zu beugen, aber der prosthetische Fuß sich stark gebeugt hat, kann das System sich anpassen. 'Vielleicht ist das philosophische Konzept dabei, dass bei einer guten Amputation die bestmögliche Prothese ruhig dumm sein kann', hat Clites mir erzählt. 'Es ist eine Prothese, die gar nicht viel denken muss … weil das Hirn und das Rückenmark das Denken übernehmen.' Herr erklärt noch einmal klarstellend: 'Es gibt keinen richtigen Algorithmus in der Prothese. Es stammt alles aus der biologischen Berechnung. Das ist cool, weil der Mensch die Kontrolle hat.'"

Weitere Artikel: Alex Ross stellt nach einem Konzert der Berliner Philharmoniker fest: Die brauchen keinen Stardirigenten. Lauren Collins fragt, wie Emmanuel Macron "Frankreich ins Chaos stürzen" konnte. Calvin Tomkins porträtiert den Künstler Rashid Johnson vor seiner großen Schau im Guggenheim. Alex Barasch stellt die niederländische Regisseurin Halina Reijn vor, deren Film "Babygirl" mit Nicole Kidman gerade im Kino läuft. Benjamin Kunkel liest Paul Valérys Roman "Monsieur Teste". Richard Brody sah im Kino RaMell Ross' Verfilmung von Colin Whiteheads Roman "Nickel Boy". Lesen dürfen wir außerdem Lauren Groffs Erzählung "Between the Shadow and the Soul".

Magazinrundschau vom 03.12.2024 - New Yorker

Seit Javier Milei vor einem Jahr an die Macht gekommen ist, hat er Argentinien vor allem in ökonomischer Hinsicht einer Schocktherapie ausgesetzt. Aber ob das Land diese auf Dauer aushält, wird von mehreren Experten bezweifelt, mit denen Jon Lee Anderson für den New Yorker gesprochen hat. Der argentinische Ökonom Sebastián Menescaldi beispielsweise "glaubt, dass Milei zu wenig getan hat, um die lokale Wirtschaft anzukurbeln. Stattdessen kontrolliert er die Devisenkurse, um Investments aus dem Ausland anzulocken. Für Menescaldi eine Illusion, denn das meiste Geld kommt von Kurzzeit-Investoren, die von Mileis Angebot von zwei Prozent Zinsen angelockt wurden. Aber sie werden ihre Investitionen nicht dort belassen, wenn sie das Land für finanzpolitisch instabil halten. Einige große Firmen wie Exxon haben bereits Vermögenswerte in Argentinien veräußert. 'Alles, was wir derzeit an Entwicklung sehen, basiert auf Spekulation', so Menescaldi. 'Die Herausforderung für Milei ist es, eine Brücke zu schlagen, um das Spekulationskapital in Langzeitkapital zu verwandeln. Leider endet es meistens schlecht, wenn ein solcher Prozess sich in Argentinien abgespielt hat.'" Auch der Harvard-Professor Kenneth Rogoff macht auf die Instabilität des Systems aufmerksam: "'Es ist nun einmal Fakt, dass in Argentinien nichts für eine lange Zeit funktioniert. Es gibt strukturelle Probleme im Staatsapparat, die weit über den Peronismus hinausgehen. Die Bundesstaaten sind beispielsweise sehr autonom und können Defizite anhäufen, die dann der Staat ausgleichen muss. Ihre Wirtschaft braucht eine Neustrukturierung - sie ist schon so lange korrupt.' Milei will eine Revolution in Argentinien und Revolutionen sind von Natur aus unsicher und instabil. 'Es ist schwer, ein Beispiel einer Schocktherapie zu finden, die ebenso drastisch gewesen wäre wie diese', so Rogoff weiter. 'Höchstens in Polen vielleicht. Aber in Polen, das den Kommunismus hinter sich gelassen hat, war eine Bereitschaft da, sich mit vielem auseinandezusetzen. Und jetzt haben sie die vielleicht am besten funktionierende Wirtschaft Europas. Russland hatte auch eine Schocktherapie, aber in diesem Fall hat das zu Putin geführt.'"

Außerdem: Alex Ross hört Kali Malones achtzigminütige Suite "All Life Long". Casey Cep liest ein Buch über die Handwerkskunst des Zimmermanns, "Ingrained" von Callum Robinson. Richard Brody sah im Kino Paul Schraders "Oh, Canada". Lesen dürfen wir außerdem David Szalays Erzählung "Plaster".
Stichwörter: Argentinien, Milei, Javier

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - New Yorker

Nachdem KI in letzter Zeit große Entwicklungssprünge gemacht hat, sind jetzt Roboter an der Reihe, erzählt im New Yorker James Somers, der einige Roboter-Labore besucht hat. Es ist schwierig, Robotern menschliches Verhalten wie Hemdenfalten beizubringen, aber es geht: Mit bestärkendem Lernen, das Belohnungen ermöglicht, wenn eine Aufgabe erfolgreich absolviert wird. Aber ist es wirklich erstrebenswert, dass Roboter uns unliebsame Alltagsaufgaben abnehmen? Was steht in moralischer Hinsicht auf dem Spiel? "Es ist leicht, den Reiz darin zu sehen - und sich die Risiken vorzustellen, so viel Kontrolle über die Welt aufzugeben. Schon jetzt finden wir es schwierig, KI zu kontrollieren. Aus Sicherheitsgründen ist es Chatbots untersagt, bestimmten Content zu produzieren - aber es ist sebst für Amateure leicht, das mit simplen Prompts zu durchbrechen. Wenn eine künstliche Intelligenz gefährlich ist, die über Waffen spricht, stellen Sie sich eine K.I. vor, die eine Waffe ist: Ein humanoider Soldat, eine Sniper-Drone, eine Bombe, die denken kann (…) Im Ukrainekrieg wurden Fotografie-Drohnen in ferngesteuerte Explosiva verwandelt. Wenn solche Drohnen autonom werden, könnten die Militärs behaupten, diesen oder jenen Angriff nicht in Auftrag gegeben zu haben - sondern ihre Roboter. 'Es ist nicht möglich, ein unbelebtes Objekt zu bestrafen', hat Noel Sharkey geschrieben, ein emeritierter Informatikprofessor an der University of Sheffield. 'In der Lage zu sein, Verantwortung zuzuordnen, ist essentieller Bestandteil der Kriegsgesetzgebung. Es wird geschätzt, dass mehr als neunzig Länder Militärroboterprogramme haben, die meisten beinhalten Drohnen. Einige der größten Militärmächte der Welt haben gegen eine UN-Resolution gestimmt, die die Nutzung dieser Roboter einschränken." Bezüglich der Alltagstauglichkeit solcher humanoiden Helfer, etwa im Haushalt, fasst der Philosophieprofessor Mark Coeckelbergh zusammen: "Nicht alle Aufgaben sollten von Robotern übernommen werden. Wir haben es in der Hand. Es ist wie eine Denkaufgabe: Welche Jobs wollen wir Menschen erledigen lassen?"