Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

867 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 87

Magazinrundschau vom 20.05.2025 - New Yorker

Nicolas Niarchos erzählt in einer niederschmetternden, aber unbedingt lesenswerten Reportage von der Flucht von Wanis, Intisar und ihren sieben Kindern aus Khartoum zu ihren Verwandten in die Nuba-Berge, immer auf der Flucht vor dem Krieg und den Rebellen des R.S.F.. Verzweifelt ist schon kein Ausdruck mehr, um die Lage im Sudan zu beschreiben: "Im derzeitigen Bürgerkrieg im Sudan - dem dritten seit seiner Unabhängigkeit von Großbritannien und Ägypten im Jahr 1956 - schwanken die Schätzungen der Opferzahlen zwischen sechzigtausend und hundertfünfzigtausend. Das Land verfügt jedoch nur über wenige Ressourcen, um die Toten zu zählen, so dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer möglicherweise nie bekannt wird. Seit 2024 herrscht im Sudan außerdem eine Hungersnot, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass die Kämpfe die Verbreitung humanitärer Hilfe behindert haben. Neben der R.S.F. kämpfen mindestens sechzehn Milizen um die Macht. Die R.S.F. hat das Chaos ausgenutzt, um Gold, das im Sudan in großem Umfang abgebaut wird, aus dem Land zu bringen, und ist damit die bei weitem reichste Miliz. (In dem Maße, wie sich die Lage im Sudan verschlechtert hat, ist der Weltmarktpreis für Gold in die Höhe geschossen und hat vor kurzem ein Allzeithoch erreicht.) Hemedti, der R.S.F.-Warlord, ist ein arabischer Sudanese, der als Mohamed Hamdan Dagalo als Sohn eines Kamelzüchters geboren wurde, der zwischen Darfur und dem Tschad, dem westlichen Nachbarland des Sudan, pendelte. In seinen Fünfzigern wurde Hemedti zum Milliardär, vor allem dank des Schwarzmarkthandels mit Gold durch die RSF. Er unterhält enge Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ein bevorzugtes Ziel für das Edelmetall sind. ... Die arabische Vorherrschaft ist eine der Leitideen der RSF, und nichtarabische Sudanesen werden zunehmend zur Zielscheibe rassistisch motivierter Gewalt. Laut Tom Perriello, dem Sondergesandten für den Sudan während der Biden-Administration, hat die R.S.F. in einigen Teilen des Landes sogar nichtarabische Zivilisten vergiftet, indem sie angeblich Mehlsäcke mit Dünger versetzte. (Die Trump-Administration hat noch keinen neuen Gesandten ernannt.)"

Clare Malone fragt sich, womit Jeff Bezos die Washington Post wohl am meisten beschädigt hat, nachdem er die Zeitung 2013 gekauft hatte. Während er sich anfangs als Freund der Tradition des Blattes gerierte, zeigt sich immer mehr, dass ihn die Integrität der Zeitung kaum interessiert, wichtiger ist das Geld: "Jahrelang schienen Bezos' Ideen für die Post auf seiner Erfahrung mit Amazon zu basieren. 'Er meinte, 'Ich hätte lieber zweihundert Millionen Abonnenten, die zehn Dollar im Jahr zahlen als eine geringere Anzahl, die einen höheren Preis zahlt'', berichtet mir ein früherer Redakteur. 'Einfach die Zahlen in die Höhe treiben. Das war immer seine Auffassung eines wirklich erfolgreichen digitalen Nachrichtenunternehmens. Aber in einer Zeit, wo Mainstream-Medien oft nicht getraut wird, ist die Menge an Leuten, die für Qualitätsjournalismus in Amerika zahlen wollen, empfindlich geringer als die jener, die zweilagiges Toilettenpapier bestellen wollen, das am nächsten Tag ankommt.'" Insbesondere die Meinungsseiten der Zeitung stehen jetzt unter Beschuss: "Als Bezos begann, über Veränderungen der Meinungsseiten nachzudenken, hat er die Sache mit Barry Diller besprochen, dem Medienmogul, der neben Rupert Murdoch an der Gründung der Fox Broadcasting Company beteiligt war. (…) Der neue Fokus, so Diller, reflektiert Meinungen, die Bezos seit Langem hat. Aber es gibt auch Risiken, gibt Diller zu. Bezos' Motivation könnte falsch interpretiert werden als Versuch, 'eine unparteiische Beziehung zu der neuen und möglicherweise gefährlichen Regierung' zu halten. Das, unglücklicherweise oder nicht für Bezos, scheint zu passieren. 'Ich habe ihn kennengelernt und ich glaube, er versucht einen guten Job zu machen,' so Trump im März über Bezos. 'Jeff Bezos versucht einen guten Job mit der Washington Post zu machen, und das ist vorher nicht passiert.'"

Weitere Artikel: Früher misstrauten Linke den Experten, heute sind es Rechte: Daniel Immerwahr überlegt, wie es dazu kam. Adam Gopnik liest die Memoiren von Barry Diller. Hua Hsu hört und sieht ein experimentelles musikalisches Biopic über die amerikanische Indieband Pavement. Alex Ross sieht zwei Strauss-Produktionen in New York. Lesen dürfen wir außerdem Patricia Lockwoods Story "Fairy Pools".

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - New Yorker

Momentan strauchelt die US-amerikanische Demokratie, aber tot ist sie noch nicht, analysiert Andrew Marantz im New Yorker die Situation, im Vergleich zu Ungarn, El Salvador, Brasilien und Indien. Für ihn gibt es noch Grund zur Hoffnung: "Ein Paradox bei Diktatoren wie Bukele und Modi ist, dass ihre antidemokratischen Manöver sie wirklich populär gemacht haben. Brich genügend bürokratische Blockaden, entweder durch Erfindungsreichtum oder gangsterhafte Einschüchterung, und die Leute feiern dich als Mann der Tat. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob Trumps frenetische Herangehensweise seinen Popularitätswerten guttun oder ihnen schaden wird, aber man kann unmöglich verneinen, dass er ein Mann der Tat ist. Der zentrale Grundsatz des kompetitiven Autoritarismus ist jedoch, dass auch ein Autokrat, auch einer, der seine Karten schon auf den Tisch gelegt hat, immer noch verlieren kann. In Polen hat die PiS-Partei ihre Macht nach dem ungarischen Modell zu verfestigen gesucht - ist dabei aber zu weit gegangen, insbesondere mit einer Serie von unpopulären Anti-Abtreibungsmaßnahmen, und hat 2023 die Mehrheit verloren. In Brasilien hat Jair Bolsonaro, der 'Trump der Tropen' 2022 versucht, seine Wiederwahl zu manipulieren, aber alle seine Bemühungen sind fehlgeschlagen. Er muss sich bald vor Gericht verantworten, weil er versucht hat, die Regierung zu stürzen. Rodrigo Duterte von den Philippinen schien einst unbesiegbar, ist aber im März verhaftet und nach Den Haag gebracht worden. In Ungarn gibt es nächstes Jahr Wahlen und Orbán muss sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten einem beachtlichen Herausforderer stellen müssen. Gerade sind die Umfragen unentschieden. Nichts in der Politik ist permanent und nichts ist unausweichlich. Der Historiker Timothy Snyder warnt vor 'vorauseilendem Gehorsam' gegenüber Tyrannei: Fatalismus kann eine eigene Form von Kapitulation sein. Aber auch eine entkernte Demokratie kann immer von den Toten wiederauferstehen."

Magazinrundschau vom 15.04.2025 - New Yorker

Die aktuellen Debatten um künstliche Intelligenz lassen John Cassidy an die Ludditen denken, die im England des frühen 19. Jahrhunderts aus Angst um ihre Arbeitsplätze gegen die Textilmaschinen kämpften, auch gewaltvoll: "So kurz diese Zeit auch war, der Luddismus hatte enorme historische Bedeutung, da er die 'soziale Frage' stellte, wie sie später genannt wurde - wie man es schafft, die Legitimität eines ökonomischen Systems zu erhalten, in dem die Arbeiter die Wertschöpfung erbringen, aber den Launen des Marktes und den Privilegien des Kapitalismus untergeordnet waren. Diese grundlegende Herausforderung sollte die Politik des 19. Jahrhunderts in allen industrialisierten Ländern dominieren." Eine ähnliche Herausforderung steht uns auch jetzt bevor, erfährt Cassidy vom Wirtschaftswissenschaftler David Autor am M.I.T.: "'Das Problem der Wirtschaft gerade ist, dass die wertvollste Arbeit Entscheidungen von hochspezialisierten und -gebildeten Experten erfordert, die nicht notwendigerweise produktiver werden', sagt er. 'Das Resultat ist, dass wir alle eine Menge zahlen für Bildung, Gesundheitswesen, Rechtswesen und Design. Das ist gut für jene von uns, die diese Services leisten - wir zahlen hohe Preise, verdienen aber auch einen hohen Lohn. Aber viele von uns konsumieren diese Services nur. Sie sind auf der Verliererseite.' Würde A.I. dazu entworfen, die menschliche Expertise zu erweitern anstatt sie zu ersetzen, könnte sie weitere ökonomische Gewinne ermöglichen und Ungleichheit reduzieren, indem sie Möglichkeit für Arbeiten mit mittlerer Qualifikation schafft', so Autor. Seine große Sorge jedoch ist es, dass A.I. nicht mit diesem Ziel im Hinterkopf entwickelt wird. Anstatt Systeme zu schaffen, die menschliche Arbeiter in der echten Welt unterstützen - wie Notfallzentren - konzentrieren sich Entwickler darauf, die Performance anhand eng definierter Datensets zu optimieren. 'Die Tatsache, dass eine Maschine bei einem Datenset gut performt, sagt wenig darüber aus, wie sie im echten Leben funktionieren wird,' erklärt Autor. 'Ein Datenset geht nicht in die Arztpraxis und sagt, es geht ihm nicht gut.'"

Weiteres: Emma Green fragt, was nach dem Ende der Diversity, Equity & Inclusion-Programme an amerikanischen Colleges kommt. Amanda Petrusich porträtiert die Rockband Phish. Alex Ross bewundert auf New Yorker Bühnen Kurt Weills Musik für die "Drei Groschenoper" und "Love Life". Justin Chang sah im Kino David Cronenbergs Fim "The Shrouds" mit Vincent Cassel in der Hauptrolle. Lesen kann man außerdem die Erzählung "Jenny Annie Fanny Addie" von Adam Levin.

Magazinrundschau vom 08.04.2025 - New Yorker

In Brasilien ist nicht nur die Nutzung sozialer Medien besonders verbreitet, auch rechte Desinformationskampagnen werden dort über ebenjene Medien außerordentlich aggressiv betrieben. Jon Lee Anderson porträtiert den Supreme Court-Richter Alexandre de Moraes, der sich entschieden dagegen einsetzt: "Unter den geltenden Gesetzen sind digitale Plattformen nur haftbar für die Inhalte der Nutzer, wenn sie eine gerichtliche Anordnung ignoriert haben, sie zu entfernen. Der Supreme Court muss nun entscheiden, ob sie auch dann haftbar zu machen sind, bevor so eine Anordnung ausgestellt wird - damit würden sie Internetunternehmen verpflichten, ihre Nutzer umfassend zu überwachen. Für De Moraes sind solche Regularien ein Mittel, die Kontrolle zurückzuerlangen. Soziale Medien sind 'nun die größte Macht von allen', findet er. 'Sie beeinflussen nicht nur die Leute, sondern generieren auch die meisten Werbeeinkünfte weltweit, sodass sie die finanzielle Stärke haben, Wahlen zu beeinflussen.' Er vergleicht Tech-Firmen mit der East India Company, die britische Handelsfirma der Kolonialzeit, die viele Ländern dominiert hat, in denen sie operierte. 'Sie wollen eine neue East India Company erschaffen, um die Welt zu kontrollieren', sagt er. 'Sie wollen in keinem Land die Gesetzgebung respektieren, weil sie in Wahrheit immun gegenüber einzelnen Nationen sein wollen.' De Moraes' schärfste Maßnahmen haben Bolsonaros Anhänger nur weiter angestachelt. Auf der Straße ist es zur Normalität geworden, Beschwerden zu hören, dass die Redefreiheit tot wäre und der Supreme Court diktatorische Macht hätte. Oliver Stuenkel, ein bekannter Politologe aus Sao Paulo, unterstützt die Entscheidungen des Gerichts weitestgehend, sagt aber auch, dass diese Durchsetzungsfähigkeit Risiken birgt. 'Brasilien wurde in den letzten Jahren zum Vorzeigemodell, wie die Demokratie geschützt werden kann', so Stuenkel. 'Die Herausforderung liegt nun darin, sicherzustellen, dass das Gericht zur Normalität zurückkehrt, denn ich glaube nicht, dass es gut für irgendeine Demokratie ist, wenn der Supreme Court permanent ein entscheidender politischer Akteur ist.'"

Außerdem: Kyle Chayka unterhält sich mit C.E.O. Jay Graber über Bluesky, das eine Alternative zu X und Facebook sein will. D.T. Max stellt das Gentechnik-Start-up Colossal vor, das ausgestorbene Tierarten wie den Schattenwolf wiederbeleben will (mehr hier auf Deutsch). James Wood bespricht Eva Menasses Roman "Dunkelblum". Nikil Saval liest James C. Scott, der Formen des leisen Ungehorsams gegen Diktaturen empfahl. Kelefa Sanneh hört Folk-Punk von Patrick Schneeweis. Adam Gopnik besucht die Frick Collection vor ihrer Wiedereröffnung am 17. April. Justin Chang sah im Kino "Warfare" von Alex Garland und Ray Mendoza. Lesen dürfen wir noch David Bezmozgis' Erzählung "From, To".

Magazinrundschau vom 01.04.2025 - New Yorker

Liest man die epische Reportage von David D. Kirkpatrick, dann scheint die amerikanische Demokratie an einem Mann zu hängen: John Thune, Mehrheitsführer der Republikaner im Senat. Ein Mann, den Politiker aller Couleur als aufrichtig beschreiben, der irgendwie mit Donald Trump klar kommt, sich aber tatsächlich um die von Trump in Frage gestellte Gewaltenteilung sorgt. Und die ist wirklich in Gefahr: "Der durch Blockaden gelähmte Kongress hat es zunehmend versäumt, selbst sein wichtigstes Vorrecht auszuüben: die Befugnis zur Kontrolle von Steuern und Ausgaben, die das wichtigste Druckmittel der Legislative gegenüber der Exekutive darstellt. Der erste Artikel der Verfassung, in dem die Befugnisse des Kongresses aufgezählt werden, legt fest, dass 'kein Geld aus der Staatskasse entnommen werden darf, es sei denn auf Grund von Bewilligungen, die durch Gesetz erfolgen'. Da der Kongress jedoch nicht in der Lage ist, jährliche Bewilligungsgesetze zu verabschieden, verlässt er sich jetzt oft auf sogenannte fortlaufende Beschlüsse, die im wesentlichen das aktuelle Ausgabenniveau verlängern, um zu verhindern, dass der Regierung das Geld ausgeht. Eine aktuelle Studie kam zu dem Schluss, dass der Kongress seit 2012 fast die Hälfte der Zeit auf solche Beschlüsse zurückgegriffen hat. Philip Wallach, Mitglied des konservativen American Enterprise Institute und Autor des Buchs 'Why Congress', sagte mir: 'Dieses Gefühl des fiskalischen Autopiloten ist wirklich tiefgreifend.' In seinem Buch prognostizierte er, dass der Kongress, wenn er so weitermache wie in den letzten zehn Jahren, entweder zu einem nutzlosen Zirkus oder zu einem bloßen Gummistempel würde und in beiden Fällen seine Autorität an ein zunehmend dominantes Weißes Haus abgeben würde. … Wenn Fraktionsloyalität über allem steht, muss sich ein Präsident, dessen Partei den Kongress kontrolliert, kaum Sorgen um die Gerichte machen, die kaum eigene Durchsetzungskraft haben. Ein Präsident, der zum Alleingang entschlossen ist, könnte willkürlich Bundeszuschüsse, Verträge und Arbeitsplätze vergeben oder verweigern, selektive Zölle nach Lust und Laune einführen oder aufheben, sein öffentliches Amt für persönlichen Profit ausnutzen, die Interessen von Freunden fördern, Strafverfolgungen anordnen oder unterdrücken und Vorschriften so umgestalten, dass sie bevorzugten Geschäftsleuten zugute kommen. In der Tat hat Trump all diese Dinge bereits versucht."

Magazinrundschau vom 11.03.2025 - New Yorker

Wie das eigentlich wirklich war mit der Großen Hungersnot in Irland, erfährt Fintan O'Toole im New Yorker aus dem Buch "Rot: An Imperial History of the Irish Famine" des Historikers Padraic Scanlan. Während einige Autoren früherer Bücher argumentieren, die Wirtschaftspolitik des britischen Königreiches wäre einem Genozid an den Iren gleichgekommen, kann O'Toole bei Scanlan eine differenziertere Sichtweise nachvollziehen: "Die Briten haben nicht dafür gesorgt, dass die Kartoffeln in der Erde vergammelten. Sie haben, für die Standards des 19. Jahrhunderts, ziemlich große Anstrengungen unternommen, um die Leute am Leben zu halten, Getreide aus Amerika importiert, Suppenküchen errichtet und Arbeitsprogramme gestartet, um die Hungernden einstellen zu können. Aber sie waren verblendet von ihren Vorurteilen, ihrer Ignoranz und ihrer fanatischen Hingabe an zwei Orthodoxien, die auch heute noch quicklebendig sind: Ihr Glaube, Armut liege im moralischen Versagen der Armen begründet, und ihr Glaube an den sogenannten freien Markt. Die Hungersnot war deswegen so verheerend, weil nicht nur die Kartoffeln von Schimmel befallen waren, sondern auch die gängige britische Meinung von kognitiver Fäule." Als wären die Iren einfach nur zu blöd, um auf die Idee zu kommen, man könnte auch anderes als Kartoffeln essen, empfehlen die Briten, auf Fleisch umzusteigen: Sie glaubten, "der Wille, tierisches Fleisch zu essen, würde Anstrengung und Tatendrang stimulieren. So würde der Ausfall der Kartoffelernte, so tragisch die Kurzzeiteffekte auch sein mochten, den Iren beibringen, nach Fleisch zu verlangen und endlich richtige kapitalistische Arbeitstätige werden, sodass sie es sich leisten können würden. 'Wenn die Kelten mal aufhören, Kartoffelphagen zu sein,' schrieben die Herausgeber der London Times, 'werden sie Carnivore.' Sollen sie doch Steak essen, wie Marie Antoinette sicher nie gesagt hat."

Weitere Artikel: Beverly Gage liest Clay Risens Buch "Red Scare: Blacklists, McCarthyism, and the Making of Modern America", ohne bei der Lektüre allzuviel über die Gegenwart herauszuholen. Jackson Arn besucht im Ukrainischen Museum in New York die Ausstellung "Tatlin: Kyiv", die Wolodimir gewidmet ist, nicht Wladimir. Jennifer Homans sah Akram Khans vom Mahabharata inspirierte Choreografie "Gigenis". Alex Ross hört zwei Pianisten am Limit: Yunchan Lim mit Bachs Goldberg Variationen und Seong-Jin Cho mit Ravel. Richard Brody sah im Kino Carson Lunds "Eephus". Lesen dürfen wir außerdem eine Erzählung von Yiyun Li, "Techniques and Idiosyncrasies".

Magazinrundschau vom 18.03.2025 - New Yorker

Graydon Carter, langjähriger Chefredakteur der amerikanischen Vanity Fair, hat mit "When the Going Was Good: An Editor's Adventures During the Last Golden Age of Magazines" seine Memoiren vorgelegt, Nathan Heller schwelgt im New Yorker in Erinnerunen an die goldene Zeit des Magazin-Journalismus: "Magazine müssen, im Gegensatz zu Zeitungen, keine umfassende Berichterstattung leisten. Artikel, die überflüssig sind, oder aus dem Pflichtgefühl eines 'Wir sollten wohl' entstehen, stinken wie toter Fisch eine Meile gegen den Wind. Die prägende Erfahrung, ein gutes Magazin zu lesen, besteht in dem Gefühl 'Ich hätte nicht gedacht, dass mich das interessiert, aber': Das Medium definiert sich nicht über die Wahl der Themen, sondern über die Qualität der Ausführung. Magie passiert dort, wo es wenigstens einer Person - einem Autor, einer Fotografin oder einem Herausgeber, erlaubt ist, sich zu verlieben. Vanity Fair hatte kein Budget, das heißt, kein Limit, und kam mit Vorteilen, die selbst Redakteure der Time erblassen ließen. Der Verlag Condé Nast hat seinen Chefredakteuren zinsfreie Kredite für Häuser angeboten, jeden Ressortleiter mit Assistenten versorgt und die Angestellten in Limousinen nach Hause geschickt, wenn die Arbeit länger dauert. (Nur drei Worte: Nicht mehr so.)" Was Heller nicht erwähnt ist, dass Vanity Fair in den letzten Jahren von einem Magazin, das neben Glamour immer auch große Reportagen aus aller Welt hatte, heute fast nur noch Klatsch aus Hollywood bietet, dann und wann unterbrochen von etwas nationaler Politik. Für interessante Reportagen gäbe es zwar jede Menge Stoff, aber ohne Limousine macht das Handwerk halt keinen Spaß. "Wenn es verschwindet, wird der Grund dafür sein, dass auch die besten Neuankömmlinge einen Weg vor sich haben, der zu rau, zu lang ist und auf eine fundamentale Weise zu unspaßig."

Magazinrundschau vom 04.03.2025 - New Yorker

Die amerikanischen Ivy League-Universitäten stecken in einer Krise, konstatiert Nathan Heller für den New Yorker, die Auseinandersetzungen über Antisemitismus und Freedom of Speech seit dem 07. Oktober 2023 sind nur das Symptom eines größeren Problems. Nicht erst Donald Trumps zweite Amtszeit macht deutlich, dass eine Universitätsadministration in den USA vor allem ihren Geldgebern gegenüber verpflichtet ist und weniger dem Ideal einer hehren, debattenoffenen Wissenschaft, die Begegnungen zwischen Pro-Israel- und Pro-Palästina-Lagern ermöglicht, statt jegliche politische Betätigung im Keim zu ersticken. Als Nexus des Problems identifiziert Heller die Präsidenten der Unis: "Angestellte an vier unterschiedlichen Institutionen haben mir mitgeteilt, dass Universitätspräsidenten in diesem administrativen Zeitalter kaum für Furchtlosigkeit und Redlichkeit ausgewählt werden. (…) 'Sie sind vorsichtiger geworden', sagte mir ein Professor, 'Ich denke, das liegt an Social Media und daran, dass die Gefahr, sich den Ruf zu schädigen omnipräsent ist.' (…) Unis, die sich damit konfrontiert sehen, ihre Finanzierung zu verlieren, sind gezwungen, sich umso mehr mit Geldgebern und Regierungsbeamten auseinanderzusetzen." Um einen solchen Verwaltungsposten zu übernehmen, kommt es nicht mehr darauf an, sich als Mitglied der Fakultät hochzuarbeiten, sondern darauf, sich möglichst gut zu vernetzen."
Stichwörter: Ivy League, Social Media

Magazinrundschau vom 25.02.2025 - New Yorker

2023 könnte das Jahr sein, in dem erstmals die Geburtenzahlen auf der Welt unter die Reproduktionsschwelle gesunken sind. Die Gründe dafür sind so vielfältig, dass es, um sie zu erklären, einen Nobelpreisträger bräuchte - in Literatur. Die üblichen Gründe, die dafür genannt werden, erklären diesen Rückgang nicht mehr, erklärt Gideon Lewis-Kraus: Frauen, die arbeiten, steigender Wohlstand, zu wenig Geld, mangelnde Kinderbetreuung: "Diese Trends lassen sich nicht auf haushaltspolitische Erwägungen zurückführen. Die Kinderbetreuung ist in Wien praktisch kostenlos und in Zürich extrem teuer, aber die Österreicher und die Schweizer haben die gleiche Geburtenrate." Die weltweit niedrigste Geburtenrate hat übrigens Korea mit 0,7 Prozent, so Lewis-Kraus, der dort feststellt, dass viele Koreaner damit kein Problem haben: "Viele sagten mir, dass sie sich auf eine Gesellschaft mit weniger Wettbewerb freuen - eine kleinere, sanftere Welt mit einem größeren Anteil an Ressourcen für alle." Aber es könnte natürlich auch ganz anders kommen. "Der überzeugendste Aspekt des technologischen Pro-Natalismus ist nicht, was wir theoretisch durch eine größere Bevölkerung gewinnen könnten. Es ist die Vorahnung dessen, was wir mit einer verringerten Bevölkerung verlieren könnten. Der Evolutionsanthropologe Joseph Henrich hat das Beispiel der tasmanischen Ureinwohner angeführt, die vor etwa zehntausend Jahren vom australischen Festland abgeschnitten wurden. Ihre Bevölkerung war zu klein und zu zerstreut, um ihr Wissen zu bewahren, und sie haben offenbar vergessen, wie man komplexe Werkzeuge herstellt, wie man warme Kleidung anfertigt und sogar wie man fischt. Und die schiere Zahl ist nur ein Teil der Geschichte. Damit sich eine Kultur entwickeln kann, braucht sie viele verschiedene Arten von Menschen - eigensinnige, verrückte Menschen mit ausgefallenen Ideen. Die schrägsten Menschen sind fast immer Kinder. Demografen befürchten oft, dass die Beschäftigung mit Science-Fiction-Spekulationen die Regierungen ungewollt zu drakonischen Maßnahmen veranlassen könnte. Dennoch gibt die Demografin Leslie Root zu, dass sie sich manchmal fragt: 'Ist es möglich, dass wir uns tatsächlich so entwickelt haben, dass wir zu klug für unser eigenes Wohl sind, und dass wir einfach zu sehr an anderen Dingen interessiert sind, um den Blödsinn mitzumachen, dass wir genug Kinder haben müssen, um die Spezies zu erhalten? Ich weiß es nicht! Vielleicht?' Sie sammelte sich und fügte dann hinzu: 'Was mich am meisten interessiert, wenn ich darüber nachdenke, wie es sein könnte, eine stabile menschliche Bevölkerung aufrechtzuerhalten, ist, dass es eine sehr reale Möglichkeit gibt, dass wir die Gesellschaft neu erfinden müssen.'"

Magazinrundschau vom 04.02.2025 - New Yorker

Der demografische Wandel macht auch vor den Blutspendern nicht Halt: Der Bedarf an Blut wird immer größer, die Zahl derjenigen, die spenden können und es auch tun, immer kleiner. Nicola Twilley lässt sich für den New Yorker in die Welt jener Wissenschaftler einführen, die mit Hochdruck daran arbeiten, die Funktionen des Blutes künstlich nachzubilden. Zwei Ärzte, Allan Doctor und Dipanjan Pan, arbeiten mit ErythroMer an einem Projekt, das mit Nanopartikeln die Struktur des sauerstofftransportierenden Hämoglobins nachahmt, auch wenn sie noch nicht ganz am Ziel sind, Blut ersetzen zu können: "Zurzeit, sagte mir Philip Spinella, Transfusionsmediziner, ist organisches Blut immer noch die sicherste Bank für eine Reihe verschiedener Situationen: Gynäkologische Blutungen, Schädel-Hirn-Traumata, Herz-OPs - aber er sieht eine Zukunft von individuellen Blutanmischungen. 'Vielleicht braucht die Pathophysiologie von postpartalen Blutungen mehr Thrombozyten oder mehr Plasma als ein Onkologie-Patient oder ein Patient mit einer Lebertransplantation', vermutet er. 'Sobald wir das grundlegende Rezept ausgetüftelt haben, können wir darauf aufbauen.' Doctor und Pan haben kürzlich begonnen, an einem Forschungsantrag zu arbeiten, um Nanopartikel zu entwickeln, die sich an rote Blutkörperchen verletzter Soldaten anheften können, um ihre Wirkung auf verschiedene Weisen zu verstärken. 'Die roten Blutkörperchen können mit Wirkstoffen ausgestattet werden, die Sauerstoff viel schneller binden und wieder abgeben können als bei durchschnittlichen Menschen', so Pan. Egal, ob diese Bemühungen wirklich klinische Realität werden, die Aufgabe Blut zu synthetisieren oder auch nur zu verbessern, hat uns eine Menge über Blut gelehrt. 'Was ich nicht kreieren kann, habe ich nicht verstanden', hat der theoretische Physiker Richard Feynman einst berühmterweise auf seine Tafel an der Caltech geschrieben. Der Prozess, auszuprobieren und darin zu scheitern, die Magie zu kopieren, die sich im menschlichen Körper abspielt, hat Wissenschaftlern Fragen beantwortet, die sie sonst gar nicht zu stellen gewusst hätten."