Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

851 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 86

Magazinrundschau vom 19.11.2024 - New Yorker

Spätestens seit Narendra Modi 2014 in sein Amt kam, werden die Bestrebungen, Indien auch linguistisch in einen hindunationalistischen Staat zu transformieren, immer stärker. Einer, der sich dem entgegenstellt, ist der Literaturwissenschaftler Ganesh Devy, den Samanth Subramanian für den New Yorker porträtiert. Seit 2010 verfolgt er mit seiner Großstudie, der People's Linguistic Survey of India (P.L.S.I.), das Ziel, so viele Sprachen wie möglich zu erfassen, die in Indien gesprochen werden, unabhängig von der Anzahl ihrer Sprecher. Es geht ihm dabei nicht um eine rein formale linguistische Erfassung, sondern darum, eine Landkarte der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Indiens zu zeichnen: "Er wollte nicht zwischen Sprache und Dialekt trennen, und ganz besonders wollte er keine Sprachen ausschließen, die nicht über ein Schriftsystem verfügen. Wenn siebzig Prozent des Wortschatzes einzigartig sind, kam die Sprache in die Studie. Devy hat die Aufzeichnenden gebeten, alles zu notieren, was sie über die Geschichte ihrer Sprache wissen, zusätzlich Lieder, Gedichte und Geschichten. Er hat nach linguistischen Besonderheiten gefragt - wie die Zeiten funktionieren, oder ob Nomen ein Geschlecht haben. Er hatte gelesen, dass in Sprachen, die dem Aussterben nahe waren, die Worte für Farben als letztes aussterben, also schlug er den Beitragenden vor, diese ebenfalls zu sammeln. Er fragte nach Begriffen für Verwandschaft, die er mir als 'aufregendstes Material für alle Anthropologen' beschrieb. 'Die Gesellschaft ist eben eine elementare Struktur der Verwandtschaft, wie Claude Lévi-Strauss festgestellt hat.'" Der Politiktheoretiker Jyotirmaya Sharma versteht Devys Arbeit als demokratisches Projekt, wie er Subramanian erklärt: "Linguistische Pluralität ist an sich noch keine Garantie für Frieden und Wohlstand - und sie kann sich zu einem Fetisch für Nummern entwickeln, so Sharma. Aber er versteht Devys Vorhaben als ein demokratisches - als Mittel, denen das Rückgrat zu stärken, die sich bemühen, Widerstand zu leisten. Wenn viele Sprachen koexistieren, berichtete Sharma mir, gibt es die Möglichkeit, dass 'die kleinste Sprache, der harmloseste Dialekt das Potential erhalten, das wichtigste Wort zu sagen: 'Nein.''"

Weitere Artikel: Adam Gopnik liest Bücher, die sich mit der Frage beschäftigen, was der Unterschied ist zwischen einem gewalttätigen Mob und einer legitimen Protestbewegung. Lesen dürfen wir außerdem Saïd Sayrafiezadehs Kurzgeschichte "Minimum Payment Due".

Magazinrundschau vom 05.11.2024 - New Yorker

Captagon ist eine Droge, die ursprünglich mal in Deutschland erfunden wurde, erzählt Ed Caesar im New Yorker, heute sind die Amphetamin-Pillen vor allem im Mittleren Osten virulent - dank Assad. Er hat mit Christopher Urben gesprochen, einem ehemaligen Mitarbeiter der amerikanischen Drug Enforcement Administration, für den sich bis 2021 einiges abgezeichnet hat, was den Schmuggel mit Captagon angeht: "Viele der kontrollierten Schiffsfrachten kamen aus Syrien - besonders vom Hafen in Latakia, eine Hochburg der Assad-Familie. Im interessantesten Fall im Juli 2020 wurden 84 Millionen Captagon-Tabletten in einer Fracht aus Industriegetrieben und Papierrollen im Hafen von Salerno gefunden. Die sichergestellten Drogen waren eine Milliarde Dollar wert. Aber den Schätzungen Europols zufolge gibt es keinen Markt für Captagon in Europa. Einige Schmuggler aus dem Mittleren Osten, deren Lieferungen verdächtig aussehen für die Autoritäten in Saudi Arabien oder in der Golfregion, verschleiern die Bestimmung ihrer Fracht, indem sie sie zuerst durch Europa schicken. Die Extrakosten lohnen sich, wenn die Schiffslieferung erfolgreich ist. 'Das Assad-Regime hat diesen Handel groß organisiert', so Urben. 'Es gab einen gewissen Professionalismus im organisierten Verbrechen.' Quellen aus Syrien bestätigen, dass die Assad-Familie, insbesondere Maher, der Bruder des Präsidenten, die Lieferungen zusammen mit den Produzenten im Libanon kontrolliert. Die Verbindung zur Hisbollah ist wichtig, erklärt Urben, 'weil sie Experten sind, was Transporte und Korruption in diesen Regionen und außerhalb davon angeht - Korruption in den Häfen, Geldwäsche.'" Matthew Zweig von der Foundation for the Defense of Democracies glaubt hingegen nicht, dass der Handel noch völlig unter der Kontrolle der Syrer ist: "Im Laufe der Zeit, stellt er heraus, bilden Drogenreiche rivalisierende Machtzentren und die Kriminellen, die in den Captagon-Handel involviert sind, wollen zweifelsohne ihr Geschäft aufrechterhalten. Zweig hat keine Zweifel, dass die 4. syrische Division weitreichend involviert ist. Aber der Amphetamin- und Metamphetaminhandel im Nahen Osten ist möglicherweise über Assads Kontrolle hinausgewachsen. Zweig meint, dass die Entscheidung der Arabischen Liga 2023, die Beziehungen zu Syrien wieder aufzunehmen, zum Teil auch der Hoffnung entsprang, Assad könne dafür sorgen, dass Captagon die Region nicht überflutet. Aber der Handel ist immer noch stark, möglicherweise sogar wachsend. Zweig fragt: 'Ist es, weil Assad ihn nicht stoppen will - oder weil er es nicht kann?'"

Weiteres: Jill Lepore liest einige Bücher, die sich mit der Frage beschäftigen, ob Algorithmen, mit denen Wahlkämpfer die Temperatur des Wahlvolks messen, eher nützlich oder schädlich für die Demokratie sind.Immer mehr Amerikaner bereiten sich auf den Weltuntergang nach der Wahl vor, berichtet Charles Bethea. Sam Knight porträtiert den Schatzsucher Nigel Pickford, der gesunkene Wracks findet, ohne je Land zu verlassen. Jennifer Wilson erklärt, warum die Märchen der Gebrüder Grimm so düster sind. Alex Ross berichtet von einem Festival in Indiana, das den 150. Geburtstag des Komponisten Charles Ives feierte. Lesen dürfen wir außerdem Greg Jacksons Kurzgeschichte "The Honest Island".

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - New Yorker

Edwin Frank ist Verleger in der Klassiker-Abteilung des Buchverlags der New York Review of Books, der obskure ebenso wie bekannte Werke neu auflegt und damit, für Louis Menand im New Yorker zumindest, unerklärlicherweise sein Publikum findet. Frank hat mit "Stranger Than Fiction" nun ein Buch über den Roman des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben - den versteht er als eigenes Genre. Frank interessiert sich vor allem für die Gefühle, die er bei den Lesern auslöst. Anhand von 31 Romanen entwickelt er seine Theorie, die Menand so beschreibt: "Das zwanzigste Jahrhundert war eine Zeit gewaltvoller Veränderung, das reflektiert auch der Roman des zwanzigsten Jahrhunderts - nicht, oder nicht nur, im Inhalt, sondern auch anhand der Form. Wenn die Dinge zusammenhangslos und unverlässlich werden, wenn sich die Welt auf den Kopf stellt, tut das auch der Roman. 'Die Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts werden von der Geschichte überwältigt', so Frank. 'Sie existieren in einer Welt, in der die dynamische Balance zwischen Selbst und Gesellschaft, die der Roman des neunzehnten Jahrhunderts aufrechterhalten wollte, nicht mehr aufrechterhalten werden kann, nicht mal als Fiktion.' Der Romancier des zwanzigsten Jahrhunderts lehnt deshalb die 'scheinheilige, sentimentale und heuchlerische' (Franks Worte) Fiktion des neunzehnten Jahrhunderts ab. Die Autoren haben im Roman eine Form gefunden, die aus dem vorangegangenen Jahrhundert 'als robuste Präsenz mit einer hartnäckigen Neugier auf die Welt und einem gewissen zufriedenen Selbstbewusstsein' hervorgegangen ist, 'eine Form, die gleichzeitig bereit war, die Dinge aufzurütteln, als auch selbst aufgerüttelt zu werden.'" Das zeigt Menand, dass der Roman in der Lage ist, sich zu entwickeln und fast seismographisch auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Aber ob diese Elastizität anhält? Frank übt sich in Skepsis: Er "denkt, dass der Roman vor dreißig Jahren seine Relevanz verloren hat. Romanciers gehen in seiner Wahrnehmung nicht mehr an die Grenzen. Ich denke nicht, dass es so ist. Was mir aber wahr zu sein scheint, ist, dass der Roman nicht mehr im Zentrum des kulturellen Interesses steht."

Jadé Fadojutimi, Cavernous Resonance, 2020


Rebecca Mead besucht in London die 31-jährige Malerin Jadé Fadojutimi in einem - wo sonst? - riesigen alten Lagerhaus: Fadojutimis Gemälde, die sie manchmal in nur wenigen Stunden malt, "sind, wie der Raum, in dem sie entstehen, von großem Ausmaß. Einige ihrer Leinwände sind drei Meter hoch und drei Meter breit, und sie ist sogar noch größer geworden. Innerhalb dieser ehrgeizigen Dimensionen schafft sie komplizierte Werke, die an der Grenze zwischen abstrakt und figurativ schimmern. Inmitten von leuchtenden Einschnitten, schillernden Bögen und eindringlichen Linien kann der Betrachter die Konturen von Blättern, Blumen, Schmetterlingsflügeln, Wellen oder Sonnen erkennen. Doch Fadojutimis wirbelnde Bilder scheinen einen Geisteszustand ebenso einzufangen wie einen Zustand der Natur - sie sind immer energiegeladen und manchmal ekstatisch, blühen in Farbe, Bewegung und Licht auf. Wie der improvisierte Kokon aus Einrichtungsgegenständen und Grünzeug, den sie im Herzen ihres Ateliers installiert hat, laden ihre Bilder zum Eintreten ein. Sie sind ein alternativer Ort zum Verweilen." Um Identität geht es der Tochter zweier Briten nigerianischer Herkunft dabei nicht die Bohne. Ihr Bezugspunkt ist nicht Nigeria, sondern die Welt der japanischen Animé. "Japan ist nach wie vor ein wichtiger Teil ihres Lebens; sie verbringt jeden Winter einige Monate dort und hat festgestellt, dass sie dort nicht nur malen, sondern auch eine Pause vom Malen einlegen kann. Anders als in London kann sie nachts um 3 Uhr ein Restaurant finden, das geöffnet hat, wenn sie oft gerade ein Bild fertiggestellt hat, und sie kann allein essen gehen, ohne sich unsicher zu fühlen."

Weitere Artikel: Eine Reihe von New-Yorker-Mitarbeitern und Autoren, darunter Rachel Maddow, Timothy Snyder und Jennifer Egan, liefern kurze Gedanken zur Wahl Donald Trumps (alle hier). Benjamin Wallace-Wells fragt entgeistert, warum die Demokraten einen derart inhaltslosen Wahlkampf führten. Jackson Arn besucht eine Tattoo-Messe. James Wood liest Devika Reges Debütroman "Quarterlife". Richard Brody sah im Kino Tyler Thomas Taorminas Comedy-Drama "Christmas Eve in Miller's Point". Lesen dürfen wir außerdem Han Kangs Kurzgeschichte "Heavy Snow".

Magazinrundschau vom 22.10.2024 - New Yorker

David D. Kirkpatrick hat versucht herauszufinden, wie groß die Gefahr ist, dass die Präsidentschaftswahl in Amerika von ausländischen Geheimdiensten beeinflusst wird - durch "Hacks und Lecks, Bots und Trolle, versteckte Zahlungen und gezielte Angriffsanzeigen". Besonders aktiv sind auf diesem Gebiet vor allem Russland (pro Trump) und der Iran (pro Harris). Abwehren soll diese Versuche das Foreign Malign Influence Center, dessen Arbeit nicht gerade leichter wird, wenn ihm ausgerechnet Mitglieder der Parteien, die es beschützen soll, misstrauen. Noch brisanter wird die Sache durch die Tatsache, dass diese Wahl "von Zehntausenden von Stimmen in einer Handvoll Staaten abhängen könnte. Nahezu jeder unerlaubte Vorteil könnte über den Ausgang der Wahl entscheiden (und das Ergebnis in Frage stellen), was das Rennen zu einer erstklassigen Gelegenheit für ausländische Einmischung macht. Tatsächlich sagen Geheimdienstmitarbeiter und Analysten von Technologieunternehmen, dass mehr ausländische Spione als je zuvor in dieses Spiel einsteigen. Clint Watts, der Leiter des Threat Analysis Center von Microsoft, sagte mir, dass der Erfolg des Kremls im Jahr 2016 'fast jede autoritäre Nation davon überzeugt hat, dass sie in dieses Spiel einsteigen muss'. Und die größten Akteure, Russland und der Iran, arbeiten noch intensiver an der Wahlbeeinflussung als 2016 oder 2020. Doch die Warnungen der Regierung vor ausländischen Machenschaften werden häufig durch die Versuche sowohl der Demokraten als auch der Republikaner untergraben, diese Informationen als Waffe einzusetzen. Im Jahr 2024 haben die Demokraten darüber gewettert, dass Wladimir Putin Trump 'anfeuert', während die Republikaner darauf bestanden haben, dass die von Biden ernannten Geheimdienstmitarbeiter die Pläne des Irans, Trump zu besiegen - einschließlich der Planung seiner Ermordung - herunterspielen..."

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Gideon Lewis-Kraus liest mit einigem Interesse "The Hidden Globe: How Wealth Hacks the World", ein Buch der Journalistin Atossa Araxia Abrahamian, die darin jene unsichtbare Territorien beschreibt, in denen die Reichen und Mächtigen zu Hause sind. Geschaffen werden sie von Nationalstaaten, die Teile ihrer Souveränität verkaufen: "Abrahamian erklärt zum Beispiel, wie ein zwielichtiger Kunsthändler einen bestehenden Schweizer Freihafen in ein Lagerhaus umwidmete - einen gesicherten, klimatisierten Bunker, in dem Werke gelagert werden, die auf den Britischen Jungferninseln an in Zypern registrierte Firmen verkauft wurden. Sobald diese Gemälde und Skulpturen von ihrem Objektstatus befreit sind, fungieren sie als Token für den unauffindbaren Austausch zwischen oligarchischen Spekulanten. An anderer Stelle beschreibt Abrahamian detailliert, wie Dubai ein vollständig paralleles Rechtssystem einführte, das als 'Court-in-a-Box'-Produkt vermarktet wird: 'Seine Gesetze kamen von anderswo. Genauso wie seine Richter. Und seine Kläger. Und seine Angeklagten. Das Ergebnis war ein Staat im Staat im Staat'... Die Figuren, die Abrahamian porträtiert, spiegeln häufig ihre eigene Vorliebe für Dislokation wider. Ihre Eltern, die im Iran aufgewachsen sind, sind russischer und armenischer Abstammung; sie selbst ist in Kanada geboren und in Genf aufgewachsen, spricht vier Sprachen und besitzt drei Pässe. Das Genf ihrer Kindheit - wo jeder von woanders kam und die Regeln frei zu sein schienen - bereitete ihr Unbehagen: 'Als Teenager beobachtete ich, wie die Kinder von Diplomaten die funktionale Immunität genossen, die mit dem Posten ihrer Eltern einherging, indem sie einfach davonliefen, wenn die Polizei sie bei Geschwindigkeitsübertretungen oder beim Haschischrauchen im Dunkeln erwischte. Ein weiterer Vorteil war das zollfreie Einkaufen; wenn man als Ausländer in eine bestimmte Beschäftigungskategorie fällt, ist die Welt dein Flughafen'."

Magazinrundschau vom 15.10.2024 - New Yorker

Vinson Cunningham hat sich für den New Yorker die Netflix-Serie "Mr. McMahon" über den Wrestling-Mogul Vince McMahon angeschaut und erschreckende Parallelen zwischen WWE und der politischen Szene festgestellt. Aber ob diese Art Insinuation einen Wahlsieg Trumps verhindern hilft? "Wie die Serie uns erinnert, ist Trump auch in WWE-Sendungen aufgetreten und hat eine noch stärker karikierende Version von sich selbst gespielt, ein reiches Arschloch als Gegenspieler für das ultimative reiche Arschloch, Mr. McMahon - Vince McMahons langjährige Figur, vielleicht der am besten entwickelte 'Heel' (Wrestling-Sprech für Bösewicht) der Geschichte. Ich dachte wieder und wieder an den 13. Juli zurück, als Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pennsylvania angeschossen wurde. Inzwischen ist diese Episode eine einzige Bildmontage: Trump sackt zu Boden und wird von Mitarbeitern des Secret Service weggeschleift, die zu spät gekommen sind, um die Schießerei zu verhindern, aber früh genug, um den Körper des früheren Präsidenten zu bedecken. Blut fließt über Trumps Kopf. Soweit man weiß, läuft ein Schütze frei rum, aber Trump zeigt sein Gesicht der Menge, reckt die Faust, beschwört seine Anhänger zu kämpfen. Gegen wen? In dem Moment war es egal. Der 'Good Guy' war attackiert worden. Wenn dieses surreale Geschehen sich im Wrestling-Ring ereignet hätte, hätten wie es als 'Work' abgetan - der Insider-Begriff für einen gefakten Kampf."

Weitere Artikel: Der New Yorker bringt einen Auszug aus dem Tagebuch Alexej Nawalnys. Rivka Galchen erzählt, wie Wissenschaftler anfangen, Vogelgezwitscher zu decodieren. Justin Chang sah Sean Bakers Thriller "Anora". Parul Sehgal liest Ta-Nehisi Coates' "The Message". Joshua Cohen steuert die Kurzgeschichte "My Camp" bei.

Magazinrundschau vom 08.10.2024 - New Yorker

Das Silicon Valley gewinnt mehr und mehr Einfluss, der sich längst auch auf die politische Sphäre ausweitet. Einer, der das mit ausgefeilten Werbekampagnen vorangetrieben hat, ist der Berater Chris Lehane, der sich in aggressiver Weise gegen Politiker wendet, die versuchen, Unternehmen und Technologien wie Airbnb, Uber, Cryptowährungen und KI Beschränkungen aufzulegen, Charles Duhigg berichtet für den New Yorker von diesem "neuen Lobbymonster" und von den Gründen, die vorgeschoben werden. Die Crypto-Firma Fairshake hat beispielsweise mehrere Millionen Dollar investiert, um die Kanditatur der Demokratin Katie Porter für den Senat zu untergraben - sie hatte sich für strengere Regulierungen dieser Währungen eingesetzt. Das Übel hat durchaus bekannte Wurzeln: "Man kann die politischen Bestrebungen des Valleys als Symptom einer systemischen Wurzel sehen - als Beweis dafür, dass die amerikanische Regierung und Gesetzgebung von Geld so pervertiert ist, dass es für Menschen, die keine Milliardäre sind, beinahe unmöglich ist, ihre Interessen zu vertreten. Diese Dynamik kann als besonders gefährlich angesehen werden, wenn man bedenkt, dass die U.S.-Wirtschaft verschwenderische Reichtümer auf eine kleine Gruppe unzufriedener, unzurechnungsfähiger Tech-Experten abgeladen hat. Viele Kritiker des Silicon Valleys sehen es so, dass die Start-Up-Gründer und Risikokapitalgeber von heute, wie die Neureichen vorangegangener Zeiten, ihren Reichtum für eigene Zwecke nutzen. Dabei haben sie sich als genau so erbarmungslos erwiesen wie die Räuberbarone und Industrietyrannen vor einem Jahrhundert - nicht zufällig die letzte Zeit, in der die Einkommensungleichheit so extrem war wie heute. Lehane für seinen Teil erkennt an, dass das politische System fehlerbehaftet ist, aber er glaubt, dass er es besser macht. (…) So wie er es sieht, hat Airbnb große Hotelketten bekämpft, damit Lehrer und Krankenschwestern ein zusätzliches Einkommen mit der Vermietung ihrer leeren Zimmer gewinnen konnten. Coinbase hat den Leuten eine Möglichkeit gegeben, die großen Banken und ihre schwindelerregenden Gebühren zu umgehen. Viele der alten Unternehmen haben die Politik benutzt, um auf Kosten der Öffentlichkeit zu profitieren. Es sei nur fair, argumentiert Lehane, die Internet-Unternehmen ebenfalls für ihre Agenda kämpfen zu lassen; sein Einsatz, bekräftigt er, begründe sich in dem Glauben, dass die Technologien, wenn sie gut reguliert werden, den Machtlosen helfen, ihren Anteil zu bekommen. Natürlich hat diese Mission Lehane sehr wohlhabend gemacht. (Er hat sich geweigert anzugeben wie wohlhabend.)"

Eine Geschenkzeichnung von Polly Jane Reed,  (1818-1881), A Type of Mother Hannah's Pocket Handkerchief. New Lebanon, New York, 1851. Andrews Collection, Hancock Shaker Village, Massachusetts.


Jackson Arn besucht die Ausstellung "Anything but Simple: Gift Drawings and the Shaker Aesthetic" im American Folk Art Museum und stellt uns dabei eine Sekte vor, die hierzulande ziemlich unbekannt sein dürfte, die Shaker, die vor 250 Jahren aus Britannien kamen und den Quäkern nicht unähnliche Gemeinschaften bildeten. Dass der Begriff "Shaker" nie abwertend benutzt wurde wie "Puritaner" oder "Amish" hat mit ihren schönen Handarbeiten und Möbeln zu tun, glaubt Arn. "Shaker-Stühle gehören zu den wenigen Kunstwerken, die ich als auf zarte Art streng bezeichnen würde. Wenn ich einen anschaue, tut mir der Rücken weh, jeden anderen Teil von mir beruhigt er. Aber in dieser Ausstellung geht es nicht um Stühle, abgesehen von einem einzelnen einleitenden Werk. Es geht um Aquarell, Tinte und Papier und darum, wie eine Gruppe sich mit bodenlosem Appetit dem Visuellen widmen und dennoch für ihre Einfachheit weltberühmt werden kann. Ein Werk als Schwester Polly Jane Reeds Zeichnung des Hauses der Heiligen Mutter Weisheit, einer spirituellen Einheit der Shaker, zu bezeichnen, wäre nicht falsch. Sie sollten jedoch wissen, dass ein großes blaues Auge aus dem Dach starrt, ein Baum dort wächst und ein kompakter Kosmos aus Regenbogenformen das Haus umgibt, einschließlich eines matschig aussehenden Dings, das einer Seeanemone ähnelt, aber in Wirklichkeit, so Reeds unermüdliche Beschriftung, die Trompete der Weisheit ist. Diese Beschriftungen! Sie hecheln den Bildern hinterher, erklären manchmal, was was ist, sind aber immer mit kleinen Konfettiregen aus Buchstaben verziert. Wenn Sie auf dem Weg nach draußen an diesem Stuhl vorbeikommen, haben Sie vielleicht das Gefühl, dass die Shaker in vielerlei Hinsicht enthaltsam waren, weil sie bereits von der Göttlichkeit beseelt waren. Die Möbel müssen nicht bequem sein, wenn alle zu ekstatisch sind, um zu sitzen."

Weitere Artikel: Sage Mehta erzählt von ihrem Vater, dem Schriftsteller Ved Mehta. Alex Barasch stellt "Chairman Bang" vor, einen unfassbar erfolgreichen Vermarkter von K-Popidolen. Elizabeth Kolbert erklärt, inwiefern das Schicksal des vom Klimawandel gezeichneten Grönlands von Bedeutung für den Rest der Welt ist. Kelefah Sanneh liest eine Biografie des afroamerikanischen Bürgerrechtlers John Lewis. Alexandra Schwartz liest Rachel Kushners neuen Spionageroman "Creation Lake". Alex Ross hört Missy Mazzolis Oper "The Listeners" (hier eine Hörprobe bei Youtube). Lesen dürfen wir außerdem Matthew Klams Kurzgeschichte "Hi Daddy".

Magazinrundschau vom 01.10.2024 - New Yorker

Ratten können sich nicht erbrechen, deswegen sind sie sehr vorsichtig, was sie essen und es ist nicht leicht, sie zu vergiften, lernt Elizabeth Kolbert, die für den New Yorker zwei neue Bücher John B. Calhoun gelesen hat, einen Pionier der Rattenforschung. "Rat City: Overcrowding and Urban Derangement in the Rodent Universes of John B. Calhoun" von Edmund Ramsden und Jon Adams sowie "Dr. Calhoun's Mousery: The Strange Tale of a Celebrated Scientist, a Rodent Dystopia, and the Future of Humanity" von Lee Alan Dugatkin. Calhoun hatte in einem dystopisch anmutenden Experiment einen Wohnblock nachgestellt, anhand von dessen Rattenpopulation er herausfinden konnte, weshalb die Nagetiere eine bestimmte Populationsgrenze nicht überschreiten. Die Gründe sind brutal: "Nachdem er die Ratten so lange beobachtet hat, hatte Calhoun nun einen guten Überblick darüber, was das Bevölkerungswachstum hemmte. Die Ratten hatten sich in elf Clans aufgeteilt. Vier hatten Nester, die sich praktischerweise im Zentrum der Anlage befanden, in der Nähe der Nahrungsmittelbehälter. In diesen privilegierten Clans haben sich einige dominante männliche Ratten mit einer großen Zahl von Weibchen gepaart und sie beschützt. Obwohl diese Rattenmütter viele Jungen geboren haben, hat es nicht gereicht, um die Verluste der alternden und zunehmend streitenden Population auszugleichen. Die Ratten der banlieues haben ihrerseits unter konstantem Stress gelebt. Wenn sie versucht haben, zu den Nahrungsmitteln zu kommen, haben die fetten Ratten in der Mitte - oft erfolgreich - versucht, sie abzuwehren. An den Ecken der Anlage sind die statusniedrigen Männchen von Bau zu Bau gezogen und haben die Weibchen belästigt. Die Weibchen außerhalb des Machtzentrums waren so erschöpft, dass sie kaum je schwanger geworden sind, aber wenn sie doch geworfen haben, haben sie ihre Jungen oft verlassen. Calhoun veröffentlichte seine Ergebnisse in einer zweihundertachtundachtzig Seiten langen Monographie mit dem Titel 'The Ecology and Sociology of Norway Rats'. Wie Ramsden und Adams betonen, war die Verwendung des Wortes 'Soziologie' im Titel gewagt, da dieser Begriff normalerweise für das Studium des Menschen reserviert ist. Gegen Ende des Bandes machte Calhoun seine Absicht deutlich. 'Tierische Themen', so schrieb er, 'können bei der Erhellung einiger der sozialen Probleme, mit denen der Mensch heute konfrontiert ist, von Wert sein.'"

Suzanne Jackson, "Blooming" (1984). © Suzanne Jackson / Courtesy the artist / Ortuzar Projects


Hilton Als stellt die 80-jährige afroamerikanische Malerin Suzanne Jackson vor, "deren erhebende Ausstellung 'Light and Paper' (bei Ortuzar Projects) wenig mit unterdrückerischen Machtstrukturen und alles mit der Freude am Machen und der transformativen Kraft des Lichts zu tun hat", wofür die Black Panther laut Als in den 70ern kein Verständnis hatten. Bei Ortuzar sind jetzt "elf Arbeiten zu sehen, die alle zwischen 1984 und 2024 entstanden, und es gibt keine einzige, die sich nicht um Licht dreht und darum, wie man es darstellen oder seine flüchtige Natur einfangen kann. Eine Lektion, die man bei der Betrachtung von Jacksons Arbeiten lernt oder in Erinnerung behält, ist, dass natürliches Licht nicht stillsitzt und sich jedes Mal, wenn das Auge versucht, sich darauf auszuruhen - in einer Zimmerecke, in einem Garten, auf den Seiten eines Buches -, verschiebt und verändert, wodurch sich auch die Perspektive ändert. Licht durchflutet zum Beispiel 'Blooming' (1984). Es dringt nicht durch ein Portal in das Bild ein - es gibt keins -, sondern durch die Vorstellungskraft der Künstlerin. Man kann an der sanften Art, wie es die Blume in der Mitte des Bildes umhüllt, erkennen, dass es nicht ewig da sein wird - genau wie die Blüte."

Weitere Artikel: Ist ein Chat mit einem Bot wirklich eine Unterhaltung, fragt sich (hoffentlich nicht ernsthaft) Jill Lepore. Rebecca Mead liest eine Biografie über Queen Elizabeth II.. Amanda Petrusich unterhält sich mit Coldplay-Frontman Chris Martin. Und Alex Ross berichtet vom Musikfestival Mendelssohn on Mull.

Magazinrundschau vom 17.09.2024 - New Yorker

Grant Petersen ist der Gründer der Fahrradfirma Rivendell, die Fahrräder baut, mit denen man cruisen kann, nicht rasen. Riverdell stellt 'schöne Fahrräder her, es nutzt Materialien und Komponenten, die von der Fahrradindustrie größtenteils aufgegeben wurden und hat eine Idee vom Radfahren als unaufgeregt, Anti-Auto und Anti-Unternehmer", erklärt Anna Wiener im New Yorker. Die Rückbesinnung auf das Rad als Fortbewegungsmittel und weniger als Selbstoptimierungs-Statussymbol treibt ihn an: "Petersen glaubt, dass der Fokus der Fahrradindustrie auf das Rennen - zusammen mit 'Wettbewerb und einer allgegenwärtigen Sucht nach Technologie' - einen giftigen Einfluss auf die Radkultur hatte. Er lehnt die breit angelegte Werbung von Spandex-Trikots, Energiegels und Workout-Apps wie Strava für Freizeitradler ab. Er findet, dass niedrige, gebogene Lenker Radler in unnatürliche Positionen zwängen, dass Fahrräder aus Carbon und Aluminium Sicherheitsrisiken aufweisen, und dass dehnbare Synthetikstoffe nichts sind gegenüber Seersucker und Wolle. 'Der ganze Sinn des professionellen Fahrens ist heutzutage, eine Nachfrage auf dem Markt für wirklich teure Räder herzustellen', erklärt er. Er sieht die Glorifizierung von Schnelligkeit - persönliche Bestleistungen, konstantes Quantifizieren, Metriken, Bestenlisten - als Demotivation für Einsteiger an, die ansonsten Spaß am Radfahren haben würden. 'Ich würde gerne eine Tour de France sehen, bei der die Fahrer über die ganze Tour nur ein Rad fahren dürfen', meint er. 'Sie müssen ihre Wartungsarbeiten selbst durchführen, ihren Platten selber wechseln, genau wie normale Leute auch. Anders als jetzt hätte Radrennen dann einen positiven Trickle-Down-Effekt. Fahrräder wären besser, sie wären sicherer und sie würden länger halten. Und die Rennen wären kein Stück weniger interessant.'"
Stichwörter: Rennrad, Radrennen, Radsport

Magazinrundschau vom 24.09.2024 - New Yorker

Der italienische Priester Luigi Ciotti hat sein Leben dem Kampf gegen die Mafia gewidmet, D.T. Max hat ihn und seine Organisation Libera besucht, die sich die Aufgabe gegeben hat, Frauen aus Mafiafamilien den Ausstieg zu ermöglichen. Eine von ihnen ist L.. Sie lernt ihren Mann mit vierzehn kennen und wird mit fünfzehn Mutter. Schnell hält Gewalt Einzug in die Beziehung, erfahren wir. Als er wegen seiner Tätigkeiten in der Mafia verhaftet wird, flieht sie: "Nach Ciottis Meinung unternimmt die italienische Regierung nicht genug, um Frauen wie L. zu schützen. Männer in der Mafia stellen für gewöhnlich sicher, dass sie ihre illegalen Geschäft außerhalb der Hörweite ihrer Familie besprechen, sodass Frauen wie L. meistens niemals direkt Zeuginnen der Verbrechen werden - so können sie nicht ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden. Weil sie dem Staat nicht helfen können, hilft der Staat ihnen nicht. Trotzdem war L. in unmittelbarer Gefahr. Die Frauen von Mafiosi, die ihre Familien verlassen, werden als Verräterinnen gesehen und manche werden ermordet. Die dreizehnjährige Maria Concetta Cacciola wurde mit einem Mafiamitglied verheiratet, ihre Eltern waren ebenfalls in der 'Ndrangheta involviert. 2011 floh sie schließlich aus Calabrien in Richtung Norditalien und ließ ihre drei Kinder zurück. Cacciolas Mutter hat sie mit den Kindern als Druckmittel nach Hause gelockt. Weniger als zwei Wochen darauf haben ihre Eltern sie in den Keller gerufen, wo ein Gefäß mit Säure stand. Höchstwahrscheinlich wurde sie gezwungen, die Säure zu trinken - eine der Strafen der Mafia für Verräter. Cacciola wurde im Krankenhaus für tot erklärt; ihr Vater erzählte der Polizei, sie sei durch Suizid zu Tode gekommen."

Rebecca Mead isst im Kopenhagener Restaurant Alchimist rohe Quallen und gefriergetrocknetes Lammhirn in einer Schädelattrappe, während an der Decke Videos über den Klimawandel laufen, yummy! Daniel Alarcon stellt den kolumbianischen Komponisten und Musiker Eblis Alvarez vor. Louis Menand liest einige neue Bücher, die die Verfassung der USA in Frage stellen. Jia Tolentino hört Musik der verstorbenen Sängerin Sophie. Lesen dürfen wir außerdem eine Kurzgeschichte von Allegra Goodman und Aufzeichnungen des Neurologen Oliver Sacks über Patienten, die an der europäischen Schlafkrankheit litten.

Magazinrundschau vom 10.09.2024 - New Yorker

Anhand der kleinen jüdischen Zeitschrift Jewish Currents blickt Gideon Lewis-Kraus auf die Brüche, die seit dem 07. Oktober durch die jüdisch-amerikanische Community gehen. Die Konflikte zeigen sich hier nicht nur zwischen Zionisten und Propalästinensern, sondern auch zwischen den Generationen sowohl in der personellen Besetzung als auch in der Rezeption des Blatts wie unter der Lupe: "David Myers, der am UCLA jüdische Geschichte unterrichtet, hat seinen Sitz im Currents-Vorstand 2022 aufgegeben, aber seine Millenial-Tochter hat ihren behalten. Myers erzählte mir, dass er 'nicht mehr sicher ist, was die ultimative Nachhaltigkeit oder sogar moralische Frage eines selbsternannten jüdischen Staates betrifft.' Er pausierte. 'Aber ich habe Angst, diese Zweifel jetzt auszusprechen, weil ich glaube, dass das die physische Sicherheit israelischer Juden gefährden würde. Ich gehöre zur letzten Generation - wirklich der letzten -, die im Schatten des Holocausts aufgewachsen ist, für die die existenzielle Frage, wie wir überleben werden, die Frage meines Lebens ist. Die existenzielle Frage für meine Töchter ist: Wie können wir dieses Ausmaß an Unterdrückung, Dehumanisierung und Brutalität in unserem Namen rechtfertigen? Wir können es nicht.' Aber er sagte mir, seine 'gequälte Seele' sei bei Israel: 'Wie ist diese einst so nötige und großartige Idee so schief gelaufen? Es stellt sich heraus, es war gar keine so großartige Idee, sondern ein Projekt der Eroberung und der Rettung, eines, das Juden vor großem Unglück und dem sicheren Tod bewahrt hat. Ich bin vielleicht nur einen Millimeter von meinen Töchtern entfernt, aber in dieser aufgeheizten Stimmung ist dieser Millimeter riesengroß."