Magazinrundschau
Heiligkeit ist nicht billig
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
10.12.2024. Der New Statesman sieht das Ende der Woke-Ära heraufdämmern. Der New Yorker lernt, warum die beste Beinprothese dumm ist. Der Philosoph Miklós Mesterházi kämpft um den Erhalt des Lukács-Archivs. Der Guardian rechnet die Kosten einer Heiligsprechung durch. Hakai sucht Doggerland. Die New York Times berichtet vom Bürgerkrieg in Äthiopien.
New Statesman (UK), 10.12.2024
Anders als die erste Wahl Donald Trumps zum Präsidenten ist die zweite weniger ein politisches als ein soziales Erdbeben, argumentiert Christopher Caldwell - und sieht das Ende der Wokeness-Ära heraufziehen. Letztlich geht es, ist Caldwell überzeugt, um einen Generationenwechsel. Als Beispiel führt er unter anderem Trumps erfolgreiches Werben um Wähler unter Podcast-Hörern und Fans der Mixed-Martial-Arts-Liga UFC mithilfe von Statements an, die Transaktivisten kritisieren: "In diesem jüngeren Amerika kann ein vage 'gangsta'-artiger Politiker in einer Diskussion über Menschenrechte glaubwürdiger wirken als die linke Anwältin Harris. Es liegt nicht daran, dass UFC-Zuschauer Transaktivismus politisch ablehnen - auch wenn die meisten von ihnen das wahrscheinlich tun. Es liegt vielmehr daran, dass die woke Vision der Vereinigten Staaten - in der eine Monokultur heterosexueller weißer Männer ihre 'Privilegien' über alle anderen ausspielt - nicht mit ihrer Lebensrealität übereinstimmt. In den letzten drei Jahren waren 51 Prozent der in den USA geborenen Babys nicht-hispanische Weiße. Selbst wenn es so etwas wie 'weiße Privilegien' gibt, sind sie ein Problem, das der demografische Wandel wahrscheinlich lösen wird. Trump gewann 21 Prozent der Stimmen schwarzer Männer - das Doppelte seines vorherigen Anteils und das beste Ergebnis eines Republikaners seit 1972. Trotz all der akademischen Diskussionen war die Wahl 2024 die am wenigsten ethnisch polarisierte der Post-Bürgerrechtsära. Es gibt gute historische Analogien dafür, wo sich die Vereinigten Staaten jetzt befinden. Die Wahl Franklin Roosevelts im Jahr 1932 war der Moment, als die damaligen europäischen 'ethnischen' Einwanderer endlich ihre Präsenz an den Urnen bemerkbar machten und in 'gewöhnliche' Amerikaner umgewandelt wurden. Für eine erstaunlich lange Zeit hatten sich die Amerikaner - mit wenigen Ausnahmen - für eine Ansammlung von Übersee-Engländern gehalten. Diese Ausnahmen wurden 1932 zur Mehrheit. Vielleicht war 2024 die Wahl, in der die nächste Welle von Einwanderern - Lateinamerikaner, Asiaten und andere - diesen Prozess beginnt."New Yorker (USA), 16.12.2024
Amputations-Operationen haben sich lange Zeit kaum weiterentwickelt, stellt Rivka Galchen, auch bekannt als Romanautorin, für den New Yorker fest, aber der Biophysiker Hugh Herr, der selbst durch einen Kletterunfall seine Unterschenkel verloren hat, arbeitet unermüdlich daran, bionische Prothesen zu bauen, die über neuronale Verbindungen gedanklich und nicht mechanisch gesteuert werden können. Dafür sind Amputationen nötig, bei denen so viele Muskeln und ihre jeweiligen Gegenspieler bewahrt werden wie möglich. Das Problem dabei ist, dass vieles über das menschliche Gehverhalten nicht bekannt ist und so auch nicht technisch nachgeahmt werden kann - Herr und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Tyler Clites arbeiten unermüdlich für Herrs Freund Jim Ewing, der ebenfalls bei einem Kletterunfall einen Unterschenkel verlor, "um die Prothese für Ewings Wahrnehmung von Bewegung zu 'tunen.' Die Sensoren für die Elektromygraphie (EMG), das wie ein EKG für Muskeln außerhalb des Herzens funktioniert, wurden am Stumpf seines Beines angebracht und haben die elektrische Aktivität in seinen Beinmuskeln überprüft. (…) Wenn Ewing gebeten wurde, seinen Fuß leicht zu beugen, aber der prosthetische Fuß sich stark gebeugt hat, kann das System sich anpassen. 'Vielleicht ist das philosophische Konzept dabei, dass bei einer guten Amputation die bestmögliche Prothese ruhig dumm sein kann', hat Clites mir erzählt. 'Es ist eine Prothese, die gar nicht viel denken muss … weil das Hirn und das Rückenmark das Denken übernehmen.' Herr erklärt noch einmal klarstellend: 'Es gibt keinen richtigen Algorithmus in der Prothese. Es stammt alles aus der biologischen Berechnung. Das ist cool, weil der Mensch die Kontrolle hat.'"Weitere Artikel: Alex Ross stellt nach einem Konzert der Berliner Philharmoniker fest: Die brauchen keinen Stardirigenten. Lauren Collins fragt, wie Emmanuel Macron "Frankreich ins Chaos stürzen" konnte. Calvin Tomkins porträtiert den Künstler Rashid Johnson vor seiner großen Schau im Guggenheim. Alex Barasch stellt die niederländische Regisseurin Halina Reijn vor, deren Film "Babygirl" mit Nicole Kidman gerade im Kino läuft. Benjamin Kunkel liest Paul Valérys Roman "Monsieur Teste". Richard Brody sah im Kino RaMell Ross' Verfilmung von Colin Whiteheads Roman "Nickel Boy". Lesen dürfen wir außerdem Lauren Groffs Erzählung "Between the Shadow and the Soul".
Elet es Irodalom (Ungarn), 06.12.2024
Der Philosoph Miklós Mesterházi beklagt, dass die Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) die ehemalige Budapester Wohnung des Philosophen Georg Lukács aufgeben will, wodurch der Nachlass des Philosophen, das Lukács-Archiv, ohne Verwaltung bliebe: "Es war fast einmalig, dass Lukács' Bücher, Manuskripte, Gegenstände und ein guter Teil der ihm gewidmeten Literatur beisammen waren, und dass (seine Wohnung) kein Schrein war, in dem tödlich gelangweilte Schulkinder herumschlurften, sondern ein Ort der wissenschaftlichen Forschung. Ein Land, das sich selbst achtet, eine Stadt und eine Institution, die sich selbst achtet, würde so etwas nicht abschaffen wollen. Es ist absurd, dass die Akademie das will. Damals haben wir nicht wirklich verstanden, was mit uns geschah - heute, im Nachhinein, macht es mehr Sinn: Überall um uns herum liegen die Ruinen einst wichtiger Institutionen, entweder weil sie einfach demontiert wurden oder weil sie unter einer ungeschickten Dachorganisation zerdrückt wurden. Die Menschen (und nicht nur Wissenschaftler, Forscher, Lehrer, kurzum: überflüssige Menschen) finden sich entweder auf der Straße wieder oder in einem dicken Dunstkreis von gut bezahlten Treuhändern, Vorständen, Faulenzern, Ex-Freundinnen, ehemaligen Schulkameraden, die jedes Anzeichen von Widerstand ersticken. Und damit niemand auf die Idee kommt, im Schuppen nach einem Speer, einem Schild oder einem Friseurmesser zu suchen, werden die historischen Zeichen, die 'die Tendenz des menschlichen Geschlechts im Ganzen' (Kant) beweisen könnten, ausgelöscht."Guardian (UK), 10.12.2024
Hakai (Kanada), 05.12.2024
Tristan McConnell erkundigt sich nach dem Stand der Dinge in der archäologischen Forschung zu Doggerland, also jener Landmasse, die einst Großbritannien und das europäische Festland verband und seit dem Abtauen der Eiszeitgletscher unter der Nordsee liegt. Früher lediglich als Landbrücke eingeschätzt, ist man sich heute ziemlich sicher, dass die beträchtliche Landfläche für unsere prähistorischen Vorfahren als Lebensraum zuweilen durchaus von Reiz gewesen sein dürfte. Mit Bodengaten aus der Ölindustrie und neuen Technologien lässt sich die Landschaft heute in 3D rekonstruieren, sodass man gezielt Ausschau nach Regionen halten kann, in denen Menschen lebten oder gar früheste Formen von Sesshaftigkeit entwickelten. Doch "Doggerland erinnert uns auch daran, dass die Welt nicht statisch ist, dass die Landschaft, die wir heute kennen, anders ist als in der Vergangenheit und auch in der Zukunft nicht diesselbe sein wird. ... Weil sich die Landschaft in einem anhaltenden Wandel befindet, sorgt sich der Landschaftsarchäologe Vincent Gaffney, dass wir die Vergangenheit aus dem Blick verlieren. Ein ironischer Aspekt seiner Arbeit besteht darin, dass Doggerland mittels jener seismischen Daten entdeckt wurde, die bei der Extraktion fossiler Treibstoffe erhoben wurden, die den Klimawandel vorantreiben, der uns alle bedroht. Aber auch die erneuerbare Energie, die so wichtig ist, um das Ziel der Klimaneutralität zu erlangen, droht Doggerland für immer unzugänglich zu machen. Das Gewimmel von Seekabeln, Ankern, Pfahlwerken und Sicherheitszonen könnte es unmöglich machen, nach Proben zu baggern. Schon jetzt sind tausende Windräder im Einsatz, und tausende weitere werden dazukommen. Doch Gaffney sieht in der Windenergie-Infrastruktur gleichermaßen Möglichkeiten wie Ǵefahren. Wie die Ölfelder fördert die Entwicklung im Bereich der Windfarmen erhebliche Mengen neuer Daten über die Geologie und den nicht allzu tiefen Meeresboden zutage. Diese Informationen könnten das Verständnis von Doggerland vertiefen. Gaffney hat vor, die Windfarm-Entwickler und die nationalen Regierungen von Doggerlands Relevanz als Natur- und Kulturerbe zu überzeugen und ebenso von der Dringlichkeit, dass Daten geteilt werden müssen und archäologische Forschung stattfinden muss, bevor neue Windfarmen errichtet werden und der Zugang zum Meeresboden versiegelt ist. 'Das ist eine zeitlich begrenzte Möglichkeit, eine der letzten großen vormals bewohnten Landschaften der Erde zu erforschen und wir haben gerade erst einmal angefangen, den Code zu knacken', sagt Gaffney."HVG (Ungarn), 05.12.2024
Der Kunsthistoriker Péter Bátonyi arbeitete bis vor kurzem im Bau und Verkehrsministerium als Chefberater für Denkmalschutz. Er war nach der Ankündigung, jedoch vor der Veröffentlichung eines Interviews entlassen worden, in dem er die Ausschreibepraktiken des Ministeriums kritisierte und ihm Dilettantismus und Profitgier vorwarf. Nun spricht er im Interview mit Péter Hamvay über die Situation: "Die Bauindustrie will schnell und billig mit der ihr bekannten Technik produzieren. Es ist viel einfacher, ein altes Gebäude abzureißen und ein neues mit Betonelementen hinter der Fassade zu bauen, als Kompromisse einzugehen, ein einhundert oder zweihundert Jahre altes Gebäude an die heutigen Anforderungen anzupassen, Wandgutachten zu erstellen, Fenster und Türen zu erneuern und historische Strukturen zu verstärken. Das andere ist der allgemeine Analphabetismus von Eigentümern, Investoren und sogar Planern. Sie mögen reichlich Geld haben, sie mögen reisen, sie mögen die Welt sehen, aber sie haben nicht den Bildungsfilter, um zu entscheiden, was gute und was schlechte Praxis ist. Wer als Kind gelernt hat, mit Messer und Gabel zu essen und auf einem Stuhl zu sitzen, wird diese Regeln nicht als Halsgeige empfinden, sondern als Normalität. Dass sich der Investor gegen die Regeln des Denkmalschutzes sträubt, hat nicht nur mit finanziellem Desinteresse zu tun, sondern auch mit Unkenntnis und Dilettantismus. Es kommt dem Investor nicht einmal in den Sinn, weniger Gewinn aus einem herausragenden Denkmal zu ziehen und dafür dessen Wert zu bewahren."New York Times (USA), 09.12.2024
Kommentieren



