
Die Russen sind in ihrem Inneren mehrheitlich immer noch
Sklaven,
meint der Filmregisseur
Andrei Kontschalowski, auch wenn die Leibeigenschaft 1861 abgeschafft wurde. "Tschechows Bemerkung, man müsse 'tropfenweise den Sklaven aus sich herauspressen', offenbart eine Menge. Nicht über den
Leibeigenen-Hintergrund des Autors, sondern über die Tatsache, dass Russen eine Tendenz haben, sich vor
Menschen mit Macht zu beugen. Nehmen Sie mich zum Beispiel - ich habe darüber geschrieben. Wenn man im Kreml durch die Hallen der Macht geht, wird man immer kleiner, je höher die Beamten gestellt sind, denen man begegnet. Ich kam damals ins Büro von Premierminister Kosygin und - konnte die
Türgriffe nicht erreichen. Wie der französische Autor Pierre Beauchamp schrieb: 'Palasttüren sind nicht so hoch, wie die meisten Menschen denken. Der einzige Weg, durch sie hindurch zu gehen, ist,
sich tief zu bücken.' Orthodoxe Kirchen haben keine Bänke, die Gläubigen stehen oder knien während der Messe, die Stunden dauern kann. Ist das einer der Gründe, warum die Russen Macht verehren?"
Hier noch ein
Interview mit Kontschalowski, dass der Filmhistoriker
Ian Christie im Juni mit dem Regisseur führte:
Teil 1,
Teil 2. Absolut lesenswert! Im zweiten Teil erinnert er sich an die
sechziger Jahre unter Kosygin. Es war nicht mehr wie im Stalinismus, "aber man muss das verstehen: Wir lebten in einer auf den Kopf gestellten Gesellschaft. Was die Kommunistische Partei angeht, konnte man
nichts ändern. Jeder wusste das und niemand wäre in der Öffentlichkeit aufgestanden und hätte gesagt: 'Kameraden, ich würde gerne fragen, ob die Politik und Kultur der
Kommunistischen Partei wirklich richtig sind.' Wegen einer so unschuldigen Frage wäre man für verrückt und undankbar erklärt worden. Leute wie Brodsky wurden wirklich für verrückt gehalten, weil sie keinen Sinn für Selbstschutz hatten. Darum wurden sie groß, weil sie
Courage hattten. Wir hatten keine Courage, weder Tarkowski noch ich. Und ich wollte auch keine haben, warum zur Hölle? Ich wollte keinen Ärger, ich wollte nur Filme machen."