Magazinrundschau - Archiv

openDemocracy

61 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 7

Magazinrundschau vom 10.07.2012 - Open Democracy

In kaum einem anderen Land werden so viele Journalisten ermordet wie in Russland, erinnert Mikhail Loginov in einem Artikel zur dortigen Lage der Medien. Während das Fernsehen vollständig vom Kreml kontrolliert wird, können einige Zeitungen noch unabhängig agieren. Allerdings haben sie sich, wie Loginov bedauert, mit schamloser Juwelenkritik, mit der Erpressung von Prominenten und mit Schmutzkampagnen selbst um Einfluss gebracht haben: "Oligarchen wie Boris Berezowski und Wladimir Gusinsky überzogen sich gegenseitig im Fernsehen oder in den Zeitungen, die ihnen gehörten, mit Anschuldigungen. Zunächst geschah dies nur in Moskau, doch dann griff dies auch auf andere große (und nicht so große) Städte über, in denen sich die Eliten bekriegten. Das Hauptopfer war das Ansehen der Medien: Zuvor war für Leser die Frage, ob etwas stimmte oder nicht, jetzt versuchten sie herauszubekommen, wer hinter einem Artikel stand."

Magazinrundschau vom 15.05.2012 - Open Democracy

Violeta Davoliute berichtet von einem bizarren Streit in Litauen, der ein seltsames Licht auf die politische Klasse in diesem Staat wirft. Es geht um ein kleines Mädchen, das vom Vater gekidnappt wurde mit der Begründung, die Mutter hätte es an einen Pädophilenring verkaufen wollen. Dafür gab und gibt es keinerlei Hinweise. Der Vater erschoss zwei Menschen und starb dann selbst. Mehr Leichen tauchten auf. Das Kind wird immer noch von seiner Familie festgehalten. Die Schwester des Vaters, Neringa Venckien?, tritt derweil mit dem Kind im Fernsehen auf und sorgt so dafür, dass der Mob um ihr Haus versammelt bleibt, der seit Monaten verhindert, dass das Kind, wie vom Gericht angeordnet, der Mutter übergeben wird. "Venckien?s Medienkampagne hat große Resonanz in einem Land, in dem Pädophilie und Homosexualität regelmäßig verwechselt werden. Sie verstärkt die populäre Ablehnung liberaler Anliegen wie Schwulenrechte und eine erweiterte Definition von Familie, die nach Ansicht vieler Litauern dem Land von der 'liberast' (liberal + Päderast) EU-Bürokratie aufgedrückt werden. ... Die Familie hat zu Ehren ihres toten Angehörigen eine politische Partei gegründet, genannt 'Drasos Kelias' oder 'Pfad des Muts' und Venckien? ist inzwischen eine der einflussreichsten Medienfiguren in Litauen. Sie hat ein Buch veröffentlicht, tourt durchs Land und heizt die Mobjustiz an. Die Medien spekulieren, dass sie sich fürs Parlament aufstellen lassen will, ihre Chance scheinen überraschend groß zu sein. Sie genießt die Unterstützung verschiedener radikaler und ultranationalistischer Politiker sowie Schutz durch die prominentesten Politiker im Land." Dazu gehört auch Vytautas Landsbergis, das erste Staatsoberhaupt Litauens nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1990!

Magazinrundschau vom 27.03.2012 - Open Democracy

Ahmed Baldawi vom Zentrum Moderner Orient in Berlin sucht für Open Democracy einen Weg durchs höchst komplizierte Labyrinth der ägyptischen Machtverhältnisse und liefert zumindest einige Elemente zum Verständnis der Situation. Eines der großen Missverständnisse, so der Autor, ist zu glauben, dass die eigentlich Macht im alten System beim Militär lag, das er eher als einen Club alter Herren zum gemeinsamen Geldverdienen beschreibt. Die Macht konzentrierte sich unterdes anders: "Von den späten neunziger Jahren an entstand eine Allianz zwischen der Polizei und der Nationaldemokratischen Partei, die von Mubaraks ältestem Sohn Gamal und den Oligarchen aus seinem Umkreis übernommen wurde. Diese strategische Gruppe riss den Staat an sich und machte ihn zur Privatdomäne für ihre persönliche Bereicherung. Sie überwachten die Liberalisierung der ägyptischen Wirtschaft, was hieß, dass man Staatsressourcen weit unter Wert an das 'Netzwerk der Privilegien' um den Präsidenten verkaufte."

Magazinrundschau vom 07.02.2012 - Open Democracy

Wie kommt ein Teil der Linken dazu, Ahmadinedschad für einen Antiimperialisten zu halten, fragt der seit drei Jahren in Berlin lebende iranische Journalist Soheil Asefi. "Schlimmer noch, andere Linke glaubten, Ahmadinedschads Regierung repräsentiere die Mehrheit der Menschen. Ja, die Islamische Republik liegt seit ihrer Gründung mit den USA im Streit. Aber diese Feindschaft speist sich aus der zutiefst reaktionären und antimodernen Natur des Regimes. Tatsächlich steht sie hinter dem Slogan 'Nieder mit den USA', mit dem Tausende von Antiimperialisten und linken Kräften in kalkuliert bösartiger und systematisch Manier zerquetscht wurden. Die Unterdrückung der linken und liberalen Kräfte wird bis heute fortgesetzt."

"Nationalismus ist wie eine Software, die auf verschiedenen Plattformen laufen kann - von Windows bis Android", meint der polyglotte moldawische Politologe Nicu Popescu über den - in diesem Fall russischen - Nationalismus. Früher gab es den erobernden, kosmopolitischen, imperialistischen Nationalismus, heute ist der isolationistische, ausländerfeindliche, Russland-den-Russen-Nationalismus auf dem Vormarsch. Und jetzt gibt es neuerdings noch einen jungen demokratisch-liberalen Nationalismus, der von Leuten wie Vladimir Milov und Alexej Nawalny verkörpert wird. Letzterer wird in Moskau bereits als zukünftiger Präsident gehandelt: "Nawalny ist ein Demokrat. Er ist bekannt für sein Engagement in demokratischen Gruppen und Bewegungen in den letzten zehn Jahren. Er ist für Gewaltenteilung, Transparenz und andere wichtige Werte. Nach seiner ausgesprochenen Überzeugung 'ist es der Zweck des Staates, seinen Bürgern ein komfortables und würdiges Leben zu sichern und ihre individuellen und kollektiven Rechte zu verteidigen. Ein Nationalstaat bedeutet, dass Russland dem europäischen Weg folgt und sein eigenes nettes, behagliches, aber starkes und solides kleines europäisches Haus baut.' Gleichzeitig beteiligt er sich am 'russischen Marsch', einem notorischen jährlichen Treffen von Nationalisten."

Außerdem: György Schöpflin, EU-Parlamentarier und Fidesz-Mitglied, beklagt sich über die ungerechte Behandlung Ungarns durch die europäische Linke.

Magazinrundschau vom 31.01.2012 - Open Democracy

N. Jayaram ärgert sich über die Heuchelei indischer Politiker: Einerseits machen sie es Salman Rushdie unmöglich, Jaipur Literary Festival zu besuchen. Andererseits beschweren sie sich in Russland, weil die russisch-orthodoxe Kirche im sibirischen Tomsk ein Verbot der Bhagavad Gita beantragt hatte: "Die Gita gilt unter Hindus als heilig. Die Tagesordnung des indischen Parlaments wurde lange unterbrochen, weil Regierung und Oppositionsführer miteinander wetteiferten, die drohende Zensur im fernen Tomsk zu verurteilen. Das Gericht in Tomsk verwarf schließlich den Antrag."

Magazinrundschau vom 17.01.2012 - Open Democracy

Wenn man nicht wüsste, dass Wladimir Putin den Staatsapparat, das Militär und den Geheimdienst zu seiner Verfügung hat, könnte er einem fast Leid tun, wenn man das Interview des Autors Boris Akunin mit den Blogger Alexej Nawalnyj liest. (Das Gespräch wird in drei Teilen veröffentlicht. Teil 1 und Teil 2 wurden schon übersetzt. Teil 3 wird noch folgen.) Nawalnyj hat eine sehr dezidierte Vorstellung davon, wie Putin gestürzt werden kann, neben ihm erscheint der 20 Jahre ältere Akunin wie ein naiver überängstlicher Romantiker. Aber eins haben sie beide gemeinsam: Sie wünschen sich, dass Russland andere Länder beeinflusst.

Akunin: "Ich vermisse die Sowjetunion nicht als nukleare Supermacht, die ein sechstel der Erdmasse beherrscht; ich habe keine nostalgischen Gefühle für das militärisch-bürokratische Empire. Aber ich muss zugeben, dass ich ein Imperialist in kulturell-wirtschaftlichem Sinne bin. Es würde mir sehr gefallen, wenn die Anziehungskraft unserer Kultur, die Macht unserer Wirtschaft und unser beneidenswerter Lebensstandard die Sehnsucht in unseren Nachbarn erwecken würde, sich uns in einer freiwilligen Staatengemeinschaft anzuschließen. Mir gefällt die Idee, eine russische wirtschaftliche und kulturelle Einflusssphäre wiederherzustellen."

Nawalnyj: "Wir sehen wir unsere ehemaligen sowjetischen Nachbarn - angetrieben von ökonomischen Gründen - sich Richtung China orientieren. Wir sollten keine vorsätzlichen Pläne für eine Expansion schmieden. Unsere Aufgabe ist es, stark zu werden, und dann werden unsere Nachbarn Teil unserer Einflusszone; sie werden keine andere Wahl haben."

Magazinrundschau vom 29.11.2011 - Open Democracy

Der marokkanische Arzt und Aktivist Hisham Almiraat erklärt, warum er und viele andere Marokkaner letzten Freitag die Wahlen boykottiert haben: Zunächst mal, weil die neue Verfassung keine fairen Wahlen garantiert. "Aber der vielleicht wichtigste Grund für den Boykott ist die Welle der Freiheit, die durch die Region fegt. Wir wollen der Welt beweisen, dass wir nicht weniger wert sind als unsere tunesischen Nachbarn. Jede Woche gehen tapferen junge marokkanische Demonstranten auf die Straße, um friedlich zu protestieren: Sie wollen eine richtige Demokratie - jetzt. Sie haben die blumigen Versprechungen satt, die seit Mitte der Neunziger Veränderungen versprechen und dann wieder zurückziehen."

Zwei Tage vor den Marokkanern haben die Tunesier gewählt. Der Blogger und Aktivist Kacem Jlidi vergleicht die Lage in seinem Land mit der in Ägypten und stellt fest, dass die Ägypter es schwerer haben. Aber er erklärt auch, wie man die Leute zu den Wahlurnen bringt: mittels Bürgerengagement und neuer Technik. "Viele Aktivisten und neu geformte NGOs reisten durch das Land und trafen sich mit jungen Leuten und Frauen aus den ärmeren Schichten, um sie zum Wählen zu ermutigen. Zusätzlich nutzten sie die sozialen Medien, um Netzwerke von Familie und Freunden anzuregen, sich auch registrieren zu lassen und wählen zu gehen."

Außerdem: Abgedruckt ist ein Auszug aus Anya Lipskas Krimi "Where the devil can't go", der unter polnischen Immigranten in London spielt.
Stichwörter: Soziale Medien, Tunesien, Ngos, Ngo

Magazinrundschau vom 15.11.2011 - Open Democracy

Nicht nur in Deutschland, auch in Britannien macht man sich Sorgen um die Durchlässigkeit der Gesellschaft. Schaffen es wirklich immer die Besten, egal aus welchem Milieu sie kommen? Ansgar Allen erklärt, welchen Verwerfungen der Gleichheitsgedanke seit gut 200 Jahren unterliegt: "Schulbildung für die Massen wurde früher gefürchtet, weil sie den Leuten 'Ideen' einflößen könnte. Die erzieherische Aufgabe war es damals, die 'übertriebenen' Wünsche der [aufstrebenden] Armen irgendwie zu unterdrücken. Heute ist das Problem genau entgegengesetzt: Schulen müssen den Glauben entkräftigen, dass persönliche Anstrengungen belohnt und die Fleißigen nicht an eine Glasdecke stoßen werden. Sie müssen der unglücklichen Mehrheit beibringen, wie man die Perspektive bewahrt, wenn die Dinge schief laufen." Anders gesagt: Sie müssen ihre Schüler lehren, "wie man mit Versagen umgeht".

Magazinrundschau vom 13.09.2011 - Open Democracy

Die Russen sind in ihrem Inneren mehrheitlich immer noch Sklaven, meint der Filmregisseur Andrei Kontschalowski, auch wenn die Leibeigenschaft 1861 abgeschafft wurde. "Tschechows Bemerkung, man müsse 'tropfenweise den Sklaven aus sich herauspressen', offenbart eine Menge. Nicht über den Leibeigenen-Hintergrund des Autors, sondern über die Tatsache, dass Russen eine Tendenz haben, sich vor Menschen mit Macht zu beugen. Nehmen Sie mich zum Beispiel - ich habe darüber geschrieben. Wenn man im Kreml durch die Hallen der Macht geht, wird man immer kleiner, je höher die Beamten gestellt sind, denen man begegnet. Ich kam damals ins Büro von Premierminister Kosygin und - konnte die Türgriffe nicht erreichen. Wie der französische Autor Pierre Beauchamp schrieb: 'Palasttüren sind nicht so hoch, wie die meisten Menschen denken. Der einzige Weg, durch sie hindurch zu gehen, ist, sich tief zu bücken.' Orthodoxe Kirchen haben keine Bänke, die Gläubigen stehen oder knien während der Messe, die Stunden dauern kann. Ist das einer der Gründe, warum die Russen Macht verehren?"

Hier noch ein Interview mit Kontschalowski, dass der Filmhistoriker Ian Christie im Juni mit dem Regisseur führte: Teil 1, Teil 2. Absolut lesenswert! Im zweiten Teil erinnert er sich an die sechziger Jahre unter Kosygin. Es war nicht mehr wie im Stalinismus, "aber man muss das verstehen: Wir lebten in einer auf den Kopf gestellten Gesellschaft. Was die Kommunistische Partei angeht, konnte man nichts ändern. Jeder wusste das und niemand wäre in der Öffentlichkeit aufgestanden und hätte gesagt: 'Kameraden, ich würde gerne fragen, ob die Politik und Kultur der Kommunistischen Partei wirklich richtig sind.' Wegen einer so unschuldigen Frage wäre man für verrückt und undankbar erklärt worden. Leute wie Brodsky wurden wirklich für verrückt gehalten, weil sie keinen Sinn für Selbstschutz hatten. Darum wurden sie groß, weil sie Courage hattten. Wir hatten keine Courage, weder Tarkowski noch ich. Und ich wollte auch keine haben, warum zur Hölle? Ich wollte keinen Ärger, ich wollte nur Filme machen."

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - Open Democracy

Warum wird eigentlich so wenig darüber diskutiert, dass Anders Breivik nicht gezielt Muslime, sondern junge norwegische Sozialdemokraten ermordet hat, fragt Markha Valenta. "Breivik hätte leicht eine Moschee attackieren können, aber er tat es nicht. Er wollte das politische und ideologische Herz seines eigenen Landes treffen. Auf diese Art bestätigt Breivik - ohne Absicht, aber deutlich - wie marginal die Muslime tatsächlich immer noch in den europäischen Gesellschaften sind und wie sehr die Debatte über den Islam eine Debatte zwischen Europäern ist, statt eine Debatte zwischen Europäern und Muslimen." Ein zweiter Strang des Textes handelt davon, dass ausgerechnet Breivik, der den Multikulturalismus hasst, sich in seinem Manifest - das aus Quellen von Europa über Indien, Japan, die USA bis zum saudischen Obama bin Laden gespeist ist - als wahres Kind des Multikulturalismus erweist, eben weil er die verschiedensten Einflüsse vermischt.