
"Selbst jetzt, im fünften Jahr von Russlands offenem
Krieg gegen die Ukraine, im fünften Jahr dieses Vernichtungskrieges, habe ich nicht den Eindruck, dass sich die russische Opposition im Exil der Tragweite und Dringlichkeit der Frage nach der
Wiederherstellung von Gerechtigkeit wirklich bewusst ist",
hielt der Geologe und
Schriftsteller Sergej Lebedew in seiner Rede zur Eröffnung der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde 2026 fest. Er erzählt, wie er nach und nach die Vergangenheit seiner Familie in der Sowjetunion aufdeckte. Während einer seiner Großväter als Kriegsheld gefeiert wurde, wurde der andere, Aleksandr, kaum erwähnt. Lange glaubte Lebedew, er sei ein "Zivilist" gewesen, für ihn als patriotischen kleinen Jungen erstmal uninteressant. Erst viel später fand er heraus, dass Aleksandr "Oberst der Geheimpolizei" gewesen war und der Regierung in den zwanziger Jahren half, gegen aufständische Bauern vorzugehen. Die "
Straflosigkeit der Staatsverbrecher", fragt der Autor, "woraus ist sie gemacht? Aus Angst? Aus Scham? Aus einem Gefühl der Verbundenheit? Dem Gefühl, dass alle irgendwie Schuld tragen? Die Verbrechen der Sowjetunion blieben
faktisch ungestraft. Dies lag unter anderem daran, dass die Zivilgesellschaft sich stets auf das Gedenken an die Opfer konzentrierte und nicht auf die Wiederherstellung des Rechts und die Bestrafung der Täter. Doch Erinnerung schafft keine Gerechtigkeit. Opferlisten sind keine Strafe für die Mörder. Die häufigste, kürzeste Erklärung, die ich gehört habe: Wir haben kein Recht zu urteilen. Oder, wie Griboedov es formulierte: А судьи кто?
Wer soll hier richten? Das scheint eine ethisch reflektierte Haltung zu sein. Bei näherer Betrachtung entpuppt sie sich jedoch als
moralische Lähmung, als Verzicht auf jegliche wirksame Moral. Straflosigkeit führt zu weiterer Straflosigkeit. So wird diese zur Normalität. In den mehr als dreißig Jahren seit dem Ende der Sowjetunion hat Russland neue Staatsverbrechen begangen und neue Kolonialkriege begonnen. Erstaunlicherweise haben die Gegner des Kreml-Regimes jedoch nie die Forderung nach Gerechtigkeit zu einem festen Bestandteil ihrer Agenda gemacht. Die Opposition sprach in erster Linie von Korruption, von bürgerlichen Freiheiten, von gestohlenen Wählerstimmen. Aber nicht von Blut, ethnischen Säuberungen, massenhafter Folter und den
zerstörten Leben der Tschetschenen. Nach meiner Auffassung handelt es sich hier um dieselbe moralische Lähmung, um eine bewusste oder unbewusste Weigerung, sich direkt mit dem
Staat in seiner Rolle als Mörder auseinanderzusetzen - ein vergeblicher Versuch, den menschenfressenden Wolf zu zähmen."