Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 14.07.2009 - Plus - Minus

"Trotz aller Kassandrarufe, die die Ära Gutenbergs für beendet erklären, kann man als Schriftsteller immer noch Karriere machen, und dazu noch eine schillernde", schreibt im Magazin der polnischen Rzeczpospolita Krzysztof Maslon. Gleichzeitig würden jedoch erfolgreiche Autoren wie Joanne K. Rowling, Stephen King oder Ken Follett zu Sklaven des Marktes: die Verlage verlangen immer neue Bestseller, die Medien wollen berichten und das Publikum am Leben ihrer Stars teilhaben. Leider sei dieser Status heutzutage nur englischsprachigen Literaten ohne allzu große intellektuelle Ambitionen vorbehalten. In Polen war wohl der letzte Schriftsteller, der Karriere machte und literarische Anerkennung fand (Nobelpreis)... Henryk Sienkiewicz! "Er war ein wahrhaft moderner Autor: er kam gut mit Medien und Agenten zurecht, mit Übersetzungen und der damaligen politischen Korrektheit", führt Maslon aus.

Weiteres: Sichtlich beeindruckt bespricht der konservative Publizist Rafal A. Ziemkiewicz eine als "Autobiografie" übertitelte Sammlung von Texten des vor fünf Jahren gestorbenen Dissidenten und politischen Aktivisten Jacek Kuron. Und Leszek Madzik sah eine Ausstellung in Kielce, wo zeitgenössische Künstler sich von Bruno Schulz inspririeren ließen.

Magazinrundschau vom 24.02.2009 - Plus - Minus

Wer hätte gedacht, dass "Theaterrebell" Jan Klata ein Fan der Historienromane von Henryk Sienkiewicz ("Quo Vadis") ist. Doch der vielgereiste Regisseur hat jetzt dessen "Trilogie" für das Alte Theater in Krakau neu inszeniert. Im Interview erzählt er, warum. "Am meisten hat mich daran dieses lebendige Fundament des Polentums fasziniert - die 'Trilogie' wurde zum Mythos, dessen Helden seit 100 Jahren in unserem kollektiven Bewusstsein leben. Deshalb kann der Geschichtszyklus nicht nur im Kontext dessen gelesen werden, was Sienkiewicz geschrieben hat. Viele Menschen im Alten Theater haben die Bücher nicht mal gelesen, aber die Filme kennt jeder; sie prägen unser Geschichtsdenken, unsere politischen Ansichten, unser soziales und ästhetisches Empfinden".
Stichwörter: Krakau, Klata, Jan

Magazinrundschau vom 14.10.2008 - Plus - Minus

In den höchsten Tönen lobt Pawel Lisicki Jaroslaw Maria Rymkiewiczs Essayband "Kinderszenen". Faszinierend und zugleich kontrovers liest sich dessen Interpretation des Warschauer Aufstandes: "Das Polentum entsteht im Zusammenprall mit sinnlosem Sterben, mit dem Nichts, mit der Furie des deutschen Tötens. Es ist die extreme Bedrohung durch den Untergang - wir hätten auch nicht überleben können, und dass macht unsere Identität aus."

Einen Parforceritt durch die jüngste polnische Literatur - von Olga Tokarczuks "Läufer", über Janusz Anderman, Jerzy Pilch und der Polit-Fiction der Publizisten Maciej Rybinski, Bronislaw Wildstein und Rafal Ziemkiewicz - unternimmt Krzysztof Maslon, um am Ende Inga Iwasiows Roman "Bambino" zu loben (das tut die Gazeta Wyborcza übrigens auch!): "Vielleicht ist das 'kleiner Realismus', aber ich war immer Befürworter solcher Literatur, die nicht von Regierenden und Mediengurus handelt, sondern von den Menschen in Plattenbauten, Betrieben und Bars, die etwas von der schwierigen, versteckten, schmerzlichen Wahrheit über uns offenbart. Wenn polnische Prosa heute etwas braucht, dann ist es so viel von diesem kleinen Realismus wie möglich, weil das Heute und das Gestern immer noch nicht beschrieben sind."
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Magazinrundschau vom 12.08.2008 - Plus - Minus

Das Magazin der Tageszeitung Rzeczpospolita befragt den britischen Historiker Norman Davies sowie den russischen Dissidenten und Publizisten Wladimir Bukowski zu Alexander Solschenizyn. Letzterer erklärt, warum der Schriftsteller 2007 einen Orden von Putin angenommen hat: "Ich möchte ihn dafür nicht verurteilen. In seinen letzten Jahren war er schwer krank, konnte nicht gehen, vielleicht war er seiner Entscheidung nicht bewusst. Sicher ist jedoch, dass der Kreml ihn zynisch für seine Zwecke ausgenutzt hat. Für Putin, einen ehemaligen KGB-Agenten ging es darum, den Makel der Vergangenheit abzulegen. Seine Umgebung hatte erkannt, dass ein Besuch bei Solschenizyn sich gut dazu eignet." Davies versucht wiederum, die antiwestliche Haltung des Nobelpreisträgers mit einem Schock zu rechtfertigen: "Von den Lagern und dem Schriftstellertum im eingesperrten Russland zum Dissidenten-Leben im Westen war es ein großer Sprung, auf den Solschenizyn nicht vorbereitet war. Vieles hat ihm nicht gefallen; er war ein strenger und fordernder Mensch, der Materialismus und Konsumismus des Westens passte ihm nicht. Mir gefällt dieser Aspekt unseres Lebens auch nicht."

Außerdem erzählt der Journalist Bohdan Osadczuk, wie er dank der NZZ im Sommer 1955 Tschou En-lai kennenlernte und von diesem nach China eingeladen wurde. Einen interessanten Einblick in die Zeit und das chinesische Selbstverständnis erlaubt die Aussage des damaligen Botschafters in Warschau über das Zerwürfnis zwischen Moskau und Peking: "Junger Mann, ich sage Ihnen die ganze Wahrheit. Eine so junge Nation wie die russische, hat sich angemaßt, die alte chinesische Nation zu beleidigen. Solange sich Russland nicht entschuldigt, gibt es keine Versöhnung." Zu erwähnen sei noch, dass Osadczuk - polnischer Exilautor in Westberlin - und Botschafter Wang Ping-nan, der mit Tschou En-lai an der TU Berlin studiert hatte, Deutsch miteinander sprachen!

Magazinrundschau vom 15.04.2008 - Plus - Minus

Im Interview mit dem Theaterregisseur Jan Klata wird viel über Revolutionen gesprochen. Klata inszeniert nämlich gerade Stanislawa Przybyszewskas Stück über Danton, und ihn fasziniert, was 1989 in Polen passierte: "...wenn das Theater sich mit irgend etwas befassen sollte, dann mit dem Versuch, diesen außergewöhnlichen Moment zu analysieren, in dem wir uns weiterhin befinden. (...) Wir zeigen eine Turboveränderung und fragen: Wo hört das auf? Das Stück endet mit zwei Köpfen ohne Leib, die fragen, ob das Volk vielleicht keine Revolution will. Darum geht es - dem Volk ist es egal. Das Volk will vor allem einkaufen gehen".
Stichwörter: Klata, Jan

Magazinrundschau vom 08.01.2008 - Plus - Minus

Nicht ganz ohne politische Hintertöne berichtet Anna Nowacka-Isaksson aus Stockholm über die Ausstellung "Kriegsbeute" im Königlichen Zeughaus. "Hätten wir die königliche Schatzkammer in Warschau nicht geplündert, würde heute niemand den Helm Iwans des Schrecklichen bewundern können", argumentieren die Schweden. (Nebenbei gesagt, wurde er vorher von den Polen aus Moskau entwendet). "Schweden hat wie kein anderes Land sehr systematisch über lange Zeit Kulturgüter gesammelt. Deshalb sind so viele noch übrig." Vieles davon wurde im Dreißigjährigen Krieg aus Tschechien oder im Ersten Nordischen Krieg aus Polen mitgenommen. "Nach 350 Jahren glauben die Schweden, dass diese Schätze angestammter Besitz sind. Das ist eher eine Frage von Moralität und gutem Willen als von Recht".

Magazinrundschau vom 18.12.2007 - Plus - Minus

Nachdem einer der engsten Mitarbeiter Nicolas Sarkozys, Christian Estrosi, die Ruhestätte des letzten französischen Kaisers, Napoleon III., in einer Abtei in England besucht hat, wird gleich über eine Rückführung der Gebeine gemunkelt. Der Abt wehrt ab: "Napoleon III. ist nicht der einzige französische Monarch, der im Ausland beigesetzt ist. Charles X. liegt in einem Franziskanerkloster in Slowenien begraben - wird er auch rückgeführt? Wenn das so weiter geht, werden bald über ganz Europa Flugzeuge mit toten französischen Königen kreisen." Diese neue Diskussion zeige aber, dass man in Frankreich unter Sarkozy nicht mehr so starr am Republikanismus festhält, meint Piotr Zychowicz.

Magazinrundschau vom 06.11.2007 - Plus - Minus

Einen aktuellen Auswuchs der neuen Staatsideologie des Kreml beschreibt Krzysztof Klopotowski: den "1612", über die Befreiung Moskaus von den polnischen Besatzern (der Staatsfeiertag "Tag der Nationalen Einheit" wurde in Erinnerung an dieses Ereignis gewählt - und ersetzte den Jahrestag der Oktober-Revolution mit dem gleichen Datum 4. November). Klopotowski möchte sofort kontern und schlägt vor: "Die neue polnische Regierung sollte einen Film über die Schlacht bei Warschau 1920, als Polen Europa vor Sowjetrussland gerettet hat, finanzieren - so wie der Kreml '1612' finanziert hat. Richten wir uns an die europäische Öffentlichkeit durch das Kino!"

Ein kritisches Porträt des Soziologen Zygmunt Bauman zeichnet Tomasz P. Terlikowski. Bauman habe sich aktiv an der Etablierung des kommunistischen Systems im Nachkriegspolen beteiligt und seine marxistischen Überzeugungen nie aufgegeben. "Seine Moralvorstellungen betreffen größtenteil soziale Fragen. Die Lösung von Problemen hängt für ihn dabei nie von der Aktivität einzelner Personen ab, sondern von Sozialreformen, großen (oder kleineren) Projekten, die Bauman selbst 'Utopien' nennt." In seinen Büchern, die "an Dr. Jekyll und Mr. Hyde erinnern", verbinden sich eine brillante Analyse der (post)modernen Welt mit "Reformvorschlägen, deren Umsetzung Institutionen hervor bringen würde, die repressiver und destruktiver wären, als die existierenden, die Bauman kritisiert", so der Publizist.

Magazinrundschau vom 30.10.2007 - Plus - Minus

"Literatur sollte nicht die Politik spiegeln. Sie sollte von Tod, Gott und privaten Problemen handeln", urteilt im Gespräch mit dem Magazin der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew. Der promovierte Literaturhistoriker geht mit der russischen Literatur im allgemeinen und mit bekannten Autoren hart ins Gericht, erklärt aber: "Ich glaube an die Literatur und bin mir ihrer bewusst. Ich weiß, dass sie groß und wahr sein kann - nur an zeitgenössische Schriftsteller glaube ich nicht."

Dariusz Rosiak geht dem Phänomen von The Onion nach, einer der zehn populärsten Zeitschriften der USA, die vor allem aus erdachten Nachrichten besteht. "In Zeiten, in denen die Medien den Lesern jeden Blödsinn, mit etwas Pseudoweisheit unterlegt, zu verkaufen versuchen, scheint die Formel des Magazins ein sicheres Untergangsrezept zu sein. Trotzdem ist The Onion wohl die einzige Zeitschrift, die in den letzten drei Jahren sechzig Prozent neue Leser gewonnen hat, und in diesem Jahr 170 neue Mitarbeiter eingestellt hat". Für Rosiak besteht das Erfolgsgeheimnis darin, dass das Satiremagazin der Selbstzufriedenheit der amerikanischen Gesellschaft und der politischen Korrektheit entgegen wirkt. Die Lektüre "lässt uns über mediale Faszinationen, das Wesen der Öffentlichkeit und Autoritäten nachdenken. Das sind wichtige Fragen, mit denen sich viele Medien gar nicht befassen wollen."

Magazinrundschau vom 12.06.2007 - Plus - Minus

Ein interessantes, wenn auch wenig wohlwollendes Porträt von Daniel Cohn-Bendit zeichnen Aleksandra Rybinska und Piotr Zychowicz im Magazin der konservativen Rzeczpospolita. Europaabgeordnete, frühere Weggefährten, Journalisten und Politiker lassen in ihren Aussagen das Bild eines Exzentrikers entstehen, der sich im Establishment eingenistet hat, trotz unklarer Kapitel in seiner Biografie. "Ich höre ihm gern zu. Durch seine exzentrischen Auftritte haucht er dem verschlafenen Europaparlament etwas Leben ein. Ich glaube, Cohn-Bendits Welt besteht aus Farben wie bei Andy Warhol - er sieht nur die grellen; Rot, Grün und Gelb, aber keine Schattierungen. Pop-Art ist interessant, aber auf die Dauer ermüdet es und lenkt von der Wirklichkeit ab", äußert sich ein konservativer polnischer MEP.

Monika Malkowska hat die Ausstellung "Schmerz" im Hamburger Bahnhof in Berlin gesehen und findet: "Das ist mehr als ein künstlerisches Ereignis. Das ist der Höhepunkt des jahrelangen Prozesses, Kunst und Leben zusammen zu bringen. Das ist der Beweis dafür, dass die Kunst im vorigen Jahrhundert einen Salto Mortale vollbracht hat: einst im Dienste der Schönheit, heute der Hässlichkeit".