Magazinrundschau - Archiv

Le point

157 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 16

Magazinrundschau vom 29.08.2006 - Point

In seinen Bloc-notes kommentiert Bernard-Henri Levy die Affäre um Günter Grass spätes Geständnis, in der SS gewesen zu sein. John Irving tut ihm Leid, der diesen "Helden", diesen "moralischen Kopf" und dieses "Vorbild" noch immer bewundere. "Wenn Grass ein Vorbild bleibt, dann aufgrund jenes ehernen Gesetzes, das nie oder kaum in Zweifel gezogen wurde: Amnesie ist Schicksal; es gibt Erinnerungslücken, die schwarze Löcher sind, Abgründe, in denen das Schlimmste herumwirbelt und über einen hereinstürzt; eine Lüge dieses Kalibers, eine einzige, und sei sie auf die Kleinigkeit eines 'Jugendirrtums' reduziert, ist wie ein finsteres Strahlen, ein Tumor, der auf ein Leben ausstrahlt und darin seine Metastasen verbreitet. (...) Günter Grass, dieser fette Fisch der Literatur, dieser durch sechzig Jahre der Pose und Lüge tiefgefrorene Butt, der plötzlich in der Hitze einer verspäteten Wahrheit in seine Bestandteile zerfällt. Diese Form des Auftauens hat einen Namen: sie ist buchstäblich ein Eisbruch, ein debacle."

Magazinrundschau vom 22.08.2006 - Point

In seinen Bloc-notes macht Bernard-Henri Levy in dieser Ausgabe fünf Anmerkungen zu den fehlgeschlagenen Anschlägen von London. Nach Analysen der Profile der gut integrierten Täter und ihrer gesellschaftlich offenbar gesicherten Hintergründe schließt er: "Die Urheber der fehlgeschlagenen Attentate von London sind keine Gedemütigten, sondern Faschisten. Oder genauer gesagt sind sie in genau dem gleichen Maße Gedemütigte, nicht mehr und nicht weniger, wie die Faschisten des 20. Jahrhunderts (auch des Nazismus, von dem es schließlich hieß, dass er seinen Ursprung in der deutschen Demütigung durch den Vertrag von Versailles hatte!) Was den Krieg betrifft, den sie vor allem den Anhängern der Frauenbefreiung, dem Zusammenleben der Kulturen und den Werten des Laizismus erklären, muss man darauf mit einer hartnäckigen und bestimmten Bekräftigung dieser Werte reagieren. Das muss im Westen geschehen. Aber es muss auch dort unten in der arabisch-muslimischen Welt geschehen, jenseits dieser anderen Frontlinie, wo die Verteidiger eines demokratischen, gemäßigten und liberalen Islam mehr denn je auf Unterstützung und moralische Munition warten."

Magazinrundschau vom 15.08.2006 - Point

In seinen Bloc-notes vergleicht Bernard-Henri Levy den Krieg in Nahost mit alten Fotos, auf denen das Bild zunächst verblasst und unscharf erscheine und sich erst mit der Zeit "Schatten, Konturen, Schwarzflächen, Töne und Halbtöne, Kontraste" abzeichneten. Diese Figur dekliniert er an der Hisbollah, dem Libanon, den Palästinensern, dem Iran und dem Islam durch. So habe man natürlich zwar gewusst, dass die Hisbollah im Süden des Landes einen "Staat im Staate" etabliert habe. "Aber so viele Waffen? (...) Dieses unglaubliche Tunnelnetz in den Hügeln? Diese uneinnehmbaren Bunker? Diese Waffenlager in Privathäusern und Moscheen? Das ist die erste Enthüllung dieses Kriegs." Der Libanon, der sich nun offenbart, sei "nicht mehr die Ausnahme, das Wunder, die Oase der Kultur und des Friedens, die uns in unserer Jugend begeistert hat - die moralischen Bomben des Fundamentalismus haben das Land leider entstellt."

Magazinrundschau vom 08.08.2006 - Point

Bernard-Henri Levy setzt in seinen Bloc-notes seine Kommentierung des israelisch-libanesischen Kriegs fort. Eingangs fragt er sich, ob es "angesichts des Gemetzels in Kana", des Kummers und der Trauer noch möglich sei, "an die Tatsachen zu erinnern". Ein paar Fragen an die Demonstranten gegen Israel hat er auch: "So berechtigt die weltweite Erschütterung angesichts der sechzig Toten in Kana auch sein mag, fällt es dennoch schwer, sich einer letzten Frage zu enthalten. Wo waren die Demonstranten von Kairo oder auch Paris, als die zweihunderttausend tschetschenischen Muslime ermordet wurden? Warum hörte man sie so selten, als Muslime in Dafur getötet wurden? Und mit welcher Logik akzeptieren dieselben Leute ohne größere Gemütsbewegung die sechzig Toten täglich, die der Bürgerkrieg im Irak fordert? Wenn Muslime von anderen Muslimen vor den Toren der Moscheen niedergemetzelt werden, dann ist das für diese Leute nur eine Nachricht. Aber wenn der jüdische Staat Trauer über ein libanesisches Dorf bringt, dann soll das ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sein." Levys Text ist auf Deutsch auch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom Wochenende zu lesen.

Magazinrundschau vom 25.07.2006 - Point

Sophie Coignard beschreibt in einem Artikel die zunehmende Formierung eines Netzwerks schwarzer Franzosen. Anlass ist Harry Roselmack, der vorvergangenen Montag als erster schwarzer TV-Moderator auf TF1 die 20-Uhr-Nachrichten präsentiert hat - das wäre "vor zehn Jahren noch unvorstellbar gewesen". In der Zwischenzeit seien jedoch eine ganze Reihe von Klubs und Zirkeln entstanden, die ausschließlich Schwarzen vorbehalten seien. "Der diskreteste dieser Klubs ist der, den Calixthe Beyala gegründet hat. Er wurde 'Elite' getauft und hat einen Numerus Clausus festgelegt. Die maximal 60 Mitglieder müssen vier Kriterien erfüllen: persönlicher Erfolg; die Bereitschaft, andere zu unterstützen; ein ausreichendes Einkommen, um nicht korrumpierbar zu sein, und Anerkennung der republikanischen Werte. Der Mindestmitgliedsbeitrag beträgt 600 Euro, wenn man allerdings nicht als kleinlich gelten möchte, empfiehlt es sich, mehr zu zahlen. Ein Fußballer hat schon einen Scheck über 100.000 Euro ausgestellt."

In seinen Bloc-notes denkt Bernard-Henri Levy über das "seltsame Wort 'unverhältnismäßig'" nach, mit dem die europäischen Kommentatoren die israelische Antwort auf die Kriegserklärung der Hizbullah belegten. Er habe Lust zu fragen, wie sie reagieren würden, wenn französische Städte "einem Regen aus Katjuscha-Raketen ausgesetzt wären."

Zu lesen ist schließlich ein Gespräch mit Noam Chomsky, den Le Point als den "umstrittensten Polemiker der Welt" vorstellt. Der erbitterte Bush-Gegner äußert sich darin unter anderem über den Irak-Krieg und die permanente Angst der USA vor einer "Zerstörung von Innen".

Magazinrundschau vom 18.07.2006 - Point

In seinen Bloc-Notes philosophiert Bernard-Henri Levy über Zinedine Zidane und seinen Kopfstoß und analysiert das Drama mit homerischen Motiven. "Keine Provokation, keine Beschimpfung wird uns jemals erklären, warum diese Ikone planetarischen Ausmaßes, die Zidane geworden ist, warum dieser Mann, der mehr vergöttert wird als der Papst, der Dalai Lama und Nelson Mandela zusammen, dieser Halbgott, dieser Auserwählte" es vorgezogen habe "auf dem Platz zu explodieren, statt zehn Minuten zu warten und seinen Zorn in der Kabine zu entladen". Die einzig mögliche Erklärung für eine derart "bizarre Selbstvernichtung" sei "eine Form der Entladung, der ultimativen Revolte gegen das lebendige Zerrbild, die blöde Statue, das seliggesprochene Denkmal, in das man ihn in den vergangenen Monaten verwandelt hat. Eine Auflehnung des Menschen gegen den Heiligen." Wie Achilles habe auch Zidane seine Sehne gehabt: "diesen großartigen und rebellischen Kopf, der ihn unvermittelt wieder auf gleiche Ebene mit seinen menschlichen Brüdern zurückgebracht hat."

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - Point

Le Point porträtiert die Krimiautorin, Archäologin und politisch engagierte Publizistin Fred Vargas als eine Frau, die ihre "Auseinandersetzungen" mit großer Beharrlichkeit führt - von der Vogelgrippe bis zu ihrem Engagement für den ehemaligen italienischen Linksterroristen Cesare Battisti. Dieser war 1993 in Abwesenheit von einem italienischen Gericht wegen vier Morden zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Francois Mitterand hatte den nach Frankreich Geflohenen in Auslieferungshaft nehmen lassen, aus der Battisti floh, weil das italienische Rechtssystem einen neuen Prozess nicht zulässt. Vargas hatte den Vorgang als eine "neue Dreyfus-Affäre" bezeichnet. Battisti habe ihr gesagt: "Scheiße, Vargas, ich habe keinen umgebracht und ich werde nicht ins Gefängnis gehen." Dieser Satz gehe ihr seit Jahren im Kopf herum: "Ich bin eher eine streunende Linke und gegen den bewaffneten Kampf und all diesen Blödsinn. Battisti ist von Muti belastet worden, einem Aussteiger, der seine Zeit damit verbracht hat, sich zu widersprechen und der von der Bildfläche verschwunden ist? Schuldig oder nicht schuldig: Battisti hat das Recht auf einen neuen fairen Prozess".

Berichtet wird außerdem über die Aufnahme der algerischen Schriftstellerin und Regisseurin Assia Djebar in die Academie Francaise. Sie ist nach Marguerite Yourcenar, die als erste Frau in die Akademie gewählt wurde, das erste aus dem Maghreb stammende Mitglied und eine von vier Frauen der insgesamt vierzig Mitglieder zählenden Institution.

Magazinrundschau vom 20.06.2006 - Point

In seinen Bloc-Notes erinnert sich Bernard-Henri Levy an seinen Besuch in Guantanamo vor knapp einem Jahr und fordert - nach den aktuellen Selbstmorden - die "sofortige Schließung" des Gefangenenlagers. Guantanamo sei zwar "mit Sicherheit nicht Auschwitz, und weder die Anzahl der Insassen noch ihre Haftbedingungen und vor allem das, was man über den Rang der Allermeisten im großen Heer des internationalen Dschihad weiß, erlauben es, daraus einen amerikanischen Gulag zu machen, wie das die Bush-Gegner in einem Pawlowschen Reflex gerne hätten". Doch habe bereits "die Existenz dieser Zone des Nicht-Rechts" etwas "zutiefst Schockierendes, für die Gefangenen Hoffnungsloses und für das Image der USA Ruinöses" und sei "einer großen und mächtigen Demokratie schlicht unwürdig". Außerdem gelte es, "unverzüglich diesen finsteren Cretin von Basiskommandanten zu bestrafen, dem zu den drei Selbstmorden nichts Besseres einfiel, als diese missliebigen Toten zu beschimpfen, sie hätten - sic! - 'keinerlei Respekt' gegenüber dem menschlichen Leben, und ihr Tod sei keine 'Verzweiflungstat', sondern vielmehr ein 'Akt des asymmetrischen Krieges', der gegen die USA geführt werde". Man verteidigt den Rechtsstaat nicht mit Mitteln des Ausnahmezustands, schließt Levy.

Magazinrundschau vom 13.06.2006 - Point

In dieser Woche ärgert sich Bernard-Henri Levy maßlos darüber, dass weder die Medien noch die Öffentlichkeit in Frankreich auch nur ein Wort zu Simone de Beauvoir verlieren, die vor 20 Jahren starb. In seinen Bloc-notes singt er daher ein Hohelied auf sieben Frauen, die ihm allesamt als "Belege für die Aktualität von Beauvoirs großartigem Werk" gelten: Hillary Clinton, Condoleezza Rice, die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet, die französische Politikerin Segolene Royal, die Frauenrechtlerin Fadela Amara, die burmesische Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi - und Angela Merkel. Über sie schreibt er: "Angela Merkel; 'diese Frau', wie der Putinist und Weltrekordhalter in Sachen Korruption in der Demokratie Gerhard Schröder sagt; dieses 'Weib', über das er sich im Moment seiner Niederlage schwarz ärgerte...; sie, diese Spezialistin für Quantenphysik (die echten Elementarteilchen sind nicht Houellebecqs Terrain sondern ihres) genießt eine Popularität, die nicht nur ihren Vorgänger vor Neid erblassen lässt, sondern alle europäischen Regierungschefs. Noch dazu saniert sie die Konten einer Wirtschaft, die dank ihrer die Rolle der treibenden Kraft innerhalb der europäischen Physik wiederfindet, die sie immer gehabt hat und unbedingt haben soll."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem Direktor des Archäologischen Instituts der Universität Tel Aviv, Israel Finkelstein, über dessen neues Buch "Les rois sacres de la Bible" (Bayard) und die Frage, ob die Bibel nur eine Fabel sei.

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - Point

Bernard-Henri Levy beschäftigt sich in seinen Bloc-notes mit dem Fall Handke und findet, man solle ihn weder auf den Spielplan setzen, noch ihn davon streichen. Nach Lektüre seiner diversen Einlassungen zu Serbien und der "widerlichen" Chronik "Rund um das Große Tribunal" gegen Milosevic 2003, "bestehe ich auf der Tatsache, dass ich nicht auf seine Teilnahme an der Beerdigung des Diktators warten musste, um zu verstehen, was mich von ihm trennt - und dass ich deshalb an Bozonnets Stelle nicht diesen 'entscheidenden Akt'... hätte abwarten müssen, um zu wissen, dass er in meinem Theater nichts zu suchen hat... Die Wahrheit ist, dass man Handke erst gar nicht aufs Programm setzen sollte. Man hätte sich eher klar machen müssen, dass man keine Lust hat, mit einem Mann zu arbeiten, der meint, dass 'das Leiden der Serben größer ist als das der Juden während der Nazizeit'."