Magazinrundschau - Archiv

The Walrus Magazine

28 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 3

Magazinrundschau vom 03.11.2009 - Walrus Magazine

Himmel, man wünschte sich, ein Milliliter des Herzbluts, das in die Schwanengesänge auf das gedruckte Buch fließen, würden in Interesse für die neuen Möglichkeiten des Publizierens umgeleitet. Noah Richler schaudert es gut sieben Seiten lang vor den Gefahren, die dem Buch durch das Internet drohen, bis er endlich einen Mann trifft, der ihm Mut macht: Es ist ausgerechnet ein Vertreter der gebeutelten Musikindustrie, Jeffrey Remedios, der als Gründer seiner eigenen kleinen Plattenfirma "Arts&Crafts Records" die Vorzüge von iTunes schätzen gelernt hat. "Als ich ihn frage, welchen Rat er Buchverlagen geben würde, die mit der neuen digitalen Realität konfrontiert sind, sagt er: 'Fürchtet den Wandel nicht. Umarmt ihn. Erlaubt der Technologie, eure Rolle umzuformen.' Remedios glaubt, dass die Musikindustrie bald Abonnements für eine Bibliothek verkaufen wird, aus der der Konsument sich herunterladen kann, was immer er will, wann er will - ein Konsumentenhimmel."

Magazinrundschau vom 22.09.2009 - Walrus Magazine

Für die arabische Welt ist der englische Kanal von Al Dschasira das, was die 95 Thesen Martin Luthers für Europa waren, meint Deborah Campbell. "Die Geburt Al Dschasiras markiert den ersten Zeitpunkt in der modernen Geschichte, an dem eine Vielzahl von Standpunkten in den öffentlichen arabischen Diskurs einflossen - und fast jeder fand etwas, worüber er sich aufregen konnte." An einem konkreten Nachmittag, den Campbell im Hauptquartier des Senders in Qatar verbringt, sieht das so aus: "Wadah Khanfar, der vierzigjährige Generaldirektor des Netzwerks hat an diesem Nachmittag zweierlei Ärger: Ägypten behauptet, 'der Staat Al Dschasira' plane, seine Regierung zu stürzen; und im Sudan hat ein Berater des Präsidenten, der vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen gesucht wird, behauptet, Al Dschasira sei zu 'dumm' das Konzept 'nationales Interesse' zu verstehen. Für Khanfar, eine imposante Person im marineblauen Nadelstreifenanzug und roter Krawatte, der Standardformeln wie 'der Macht die Wahrheit sagen' verbreitet und es ganz klar genießt, Staub aufzuwirbeln, ist es nur ein weiterer normaler Tag."

Außerdem: Dan Falk besucht einen Astronom des Vatikan, den Jesuiten Guy Consolmagno, auf dem Mount Graham. Marianne Ackermann nähert sich mühevoll dem Werk der französisch-kanadischen Autorin Marie-Claire Blais.

Magazinrundschau vom 11.08.2009 - Walrus Magazine

Leigh Kamping-Carder erzählt, wie der Künstler Stan Douglas die Gastown Riots nachgestellt und fotografiert hat. Die Riots fanden in den frühen Siebzigern statt, als Hippies ein Viertel in Vancouver besetzt hatten und von der Polizei vertrieben wurden. Douglas hat diese Szene mit achtzig Schauspielern nachgestellt. Das Foto wird bald in eben diesem Viertel zu besichtigen sein, in einem Komplex mit Läden, Büros und Wohnungen, der auf dem Grund des gesprengten Woodrow Kaufhauses steht. Douglas ist verstört, dass sein Auftraggeber, der Bauträger, von seinem Werk entzückt ist: "'Ich dachte, ich sei sehr subversiv, aber niemand hat sich beschwert', sagt er. 'Was zum Teufel geht da vor sich?' 'Es ist vielleicht ein bisschen kontrovers', sagt ein Repräsentant des Bauträgers. 'Es ist bestimmt kein Wohlfühl-Foto. Es zeigt eher einen Wendepunkt in der Geschichte, darüber sind wir froh. Wir finden, das Foto ist etwas, über das man reden kann, über das man diskutieren kann, und darum geht's doch in der Kunst, richtig?'"

In einem längeren, nachdenklichen Text bedauert es der BBC-Journalist Nick Fraser, dass Europa "keine Identität enwickelt hat", die auf seinen von allen EU-Mitgliedern geteilten demokratischen Prinzipien beruht, aber er gibt die Hoffnung noch nicht auf.

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - Walrus Magazine

Charles Foran liest Bücher von Philip Roth, Mordecai Richler und Michael Chabon und stellt fest, dass eine Ära jüdisch-amerikanischer Literatur zu Ende geht: Die wilden Juden sterben aus. Foran charakterisiert sie mit Hilfe von Philip Roths Alter Ego Nathan Zuckerman: "'Der Jude in seiner aufgekratztesten Art', denkt Nathan Zuckerman, 'kann mit nichts und niemandem eine ruhige Beziehung haben.' Er erweitert den Pantheon um den Sänger Eddie Cantor, die Komödianten Jerry Lewis und Lenny Bruce und den Sozialkritiker Abbie Hoffman. In letzter Zeit wurden diese wilden Juden, allesamt Bewunderer von Isaac Babels bahnbrechenden Kurzgeschichten aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert über die Unterwelt von Odessa, verdrängt durch solche mit einem 'milden, vernünftigen' Naturell - nicht die Sorte, die während einer Aufführung des emotional manipulativen Stücks über Anne Frank aufspringt und, als die Nazis das dem Untergang geweihte jüdische Kind bei der Durchsuchung der Wohnung nicht finden, ruft: 'Guckt unters Dach! Sie versteckt sich unterm Dach!'"

Magazinrundschau vom 14.10.2008 - Walrus Magazine

Randy Boyagoda hat den seit 1969 in Kanada lebenden tschechischen Schriftsteller Josef Skvorecky besucht, der gerade seinen neuen Roman "Ordinary Lives" veröffentlicht hat. Er spielt in dem kleinen tschechischen Städtchen Kostelec, in dem schon andere Romane Skvoreckys spielten. "Wie Faulkners Yoknapatawpha, Marquez' Macondo und Hardys Wessex ist Skvoreckys Kostelec eine grandiose Neuschaffung seiner Heimatstadt, der äußeren Erscheinung nach ein unbedeutender Ort, für Autor ergiebig genug. Ich frage ihn, war er in den Jahrzehnten seines Schreibens in die Vergangenheit von Kostelec zurückgekehrt ist. 'Weil einem als Teenager alles neu erscheint', sagt er. 'Die Eindrücke sind viel stärker. Sich verlieben zum Beispiel. Ich habe mich in mein erstes Mädchen verliebt, als ich in der Prima war (der ersten Klasse eines Gymnasiums). Ein neues Mädchen, das ich später im Roman Irene nannte, kam in unsere Stadt. Es war, als hätte Gott ein strahlendes Licht angeknipst in dem Himmel über unserer düsteren Kriegswelt.'"
Stichwörter: Kanada, Skvorecky, Josef

Magazinrundschau vom 08.08.2006 - Walrus Magazine

Unter der Überschrift "Die Enden der Welt" beschreibt die aus Neufundland stammende kanadische Schriftstellerin Lisa Moore, wie die Literatur zweier abgelegener Inseln - Neufundland und Tasmanien - die "Phantasie der ganzen Welt gefangen genommen" habe. Die besondere Aufmerksamkeit verdanke sich vor allem "der wahren Explosion einer erstaunlichen literarischen Produktion" in den letzten 20 Jahren. "Die tasmanische und neufundländische Literatur fesselt die internationale Phantasie insofern als beide - teilweise weil sie Neuland vermessen - über die besonderen Details des Orts, der Stimme, des Tonfalls und des Witzes verfügen, die sich dem Leben auf Inseln an der Peripherie, an den Enden der Welt verdankt. London, Paris, Rom - das sind Orte, die in unserer Phantasie Jahrhunderte lang als feste, verlässliche Landschaften existierten. Die phantastischen Landschaften Tasmaniens und Neufundlands dagegen sind noch ziemlich wild."

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - Walrus Magazine

Ein Jahr nach der Aufregung um die Ausmusterung der Kartoffelsorte "Linda" besuchte Naomi Buck die Protagonisten der Auseinandersetzung. Jörg Renatus, dessen Firma Europlant "Linda" aus dem Sortiment genommen hatte, glaubt nicht, dass die Sorte eine Chance hat - trotz der Initiative einiger Landwirte. "'Sehen Sie', sagt er und massiert seinen Palm Pilot, 'Linda ist jetzt vierzig Jahre alt. Sie wurde erstmals 1964 gezüchtet. Sie ist anfällig gegen Pilzinfektionen und hat keinerlei Widerstandskraft gegen Nematoden (mehr). Im Herbst ist sie mehlig; im Frühling fest. Sie ist eine Sorte wie hundert andere auch.' Außerdem, meint Renatus: 'Warum sollte Volkswagen den Käfer produzieren, wenn es den Golf gibt?' Der Golf ist in diesem Fall 'Belana' (mehr), und Renatus strahlt, als ihr Name fällt. 'Sie ist gelb und fest, überaus widerstandsfähig und hat einen intensiven Geschmack. Und sie verkauft sich schon besser als Linda das je getan hat. Wir exportieren sie sogar nach Kanada."
Stichwörter: Kanada, Volkswagen

Magazinrundschau vom 25.04.2006 - Walrus Magazine

Montreal war schon immer etwas ruppiger und aufregender als das übrige Kanada, meint Daniel Sanger, und führt das auf Auseinandersetzungen wie die Biker-Kriege oder den Bombenkrieg der Lastwagenfahrer in den frühen Neunzigern zurück. Im vergangenen November meldete sich das alte Montreal zurück, mit einem Molotowcocktail im Gemüseladen. Sanger untersucht den Fall. "Es war ein trauriger Anblick an einem frischen Dienstagmorgen: verkohlte Sojamilchtüten, geschwärzte Früchte und Gemüse, Schaufensterscherben, umgestürzte Gewürzregale und verstreute Dosen. Und Bala, der süße, schüchterne, immer lächelnde sri-lankische Inhaber - der den Laden erst einige Monate zuvor gekauft hatte und der meine Kinder vom ersten Besuch an nicht ohne Keks oder einige Smarties aus dem Geschäft ließ - sah so blass aus wie ein Tamile nur sein kann." Sanger untersucht, ob es möglicherweise der Nachbar-Gemüsehändler war.
Stichwörter: Kanada, Biker, Bombenkrieg