Magazinrundschau - Archiv

The Walrus Magazine

28 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 3

Magazinrundschau vom 15.11.2011 - Walrus Magazine

Tom Jokinen, Kanadier zu drei Vierteln finnischer Abstammung, aber vor allem ein Kind der ironischen achtziger Jahre, sucht den viertel Italiener in sich und landet als Statist in einer Produktion der Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos". Den Italiener findet er nicht, aber Profis, die ein Metier verkörpern. Zum Beispiel Ambur Braid, eine der vier Nymphen: "Wenn sie singt, sagt sie, stellt sie sich einen Ping-Pong-Ball vor, der auf einem Luftschwall schwebt: wenn sie den imaginären Ball in der Luft hält, weiß sie, dass sie richtig liegt. Die Fähigkeit, den Ball nach oben zu schubsen ist eine Frage der Technik, eine Kombination aus Stütze, Selbstvertrauen und Atem."

Derek McCormack erinnert sich an die Zeit, als er sich zu Halloween als Elfe, Hexe, Skelett, Drakula verkleidete - wenn schon schwules Monster, dann richtig - und selbst Weihnachten einen Anflug von Wahnsinn hatte. Auch er ist ein Profi, denn seine Eltern hatten ein kleines Kaufhaus in Peterborough, Kanada: "Falscher Schnee wurde damals aus zerstoßenem Glas fabriziert. Später hat man es aus Asbest hergestellt. Weihnachtsknaller enthielten genug Sprengstoff, um einen Tisch in Flammen aufgehen zu lassen. ... Mit Kerzen geschmückte Weihnachtsbäume brannten ab. Nikolauskostüme, aus billigem Baumwollstoff gefertigt, fingen Feuer, wenn ein Ärmel den Kerzen zu nahe kam. Selbst Nikolaus-Paraden waren gefährlich. Der Heilige fror an seinem Schlitten fest."

Und: Drew Nelles erinnert sich, wie die Band Arcade Fire zu groß für Montreal wurden (als Städteporträt ist das Berlin recht nah).

Magazinrundschau vom 17.10.2011 - Walrus Magazine

John Lorinc hat ein interessantes Städteporträt über Toronto geschrieben. Toronto und seine Umgebung, die Greater Toronto Area, platzen aus allen Nähten. Der Verkehr ist kaum auszuhalten und die unkontrollierte Zersiedlung des Umlands schafft immer neue Verkehrsprobleme. Das wirkt sich inzwischen auf den Wohlstand der Stadt aus, die immerhin ein Fünftel des kanadischen Bruttoinlandprodukts beisteuert. Die Torontoer sind nicht ganz unschuldig an diesen Problemen, denn Investitionen in den öffentlichen Bereich lehnen sie ab. "Die Stadt findet immer Geld für neue Straßen, aber sie vereitelt jede Investition in den öffentlichen Raum. In den größten Städten der Welt verstehen ihre Bewohner, dass ein dynamischer öffentlicher Bereich nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern auch Reichtum und Investitionen anzieht. Doch in Toronto - nun, Torontoer beschweren sich endlos über Staus, aber sie geben ihren politischen Führern nicht die Vollmacht, etwas dagegen zu tun. Sie prahlen mit der ethnischen Vielfalt der Stadt, aber es interessiert sie nicht, wenn Immigranten in vertikale Gettos gesteckt werden. Sie möchten in einer Stadt der kreativen Klasse leben, mit ernsthaften kulturellen Ambitionen, aber nur, wenn sie dafür Walmart-Preise bezahlen können."

Weitere Artikel: Daniel Baird porträtiert den New-Yorker-Autor Adam Gopnik, der in diesem Jahr die Massey-Vorlesungen halten wird (frühere Redner waren Martin Luther King, Claude Levi-Strauss, George Steiner und Doris Lessing). Und Adele Weder träumt von einem modernen minimalistischen Haus, aber als sie endlich mit ihrer Familie in einem lebt, schlägt sie hart auf den Boden der Tatsachen auf.

Magazinrundschau vom 30.08.2011 - Walrus Magazine

Mit wenig Sympathie stellt Lisa Gregoire die Necla Kelek Kanadas vor: Tarek Fatah, einen mit einer Schiitin verheirateten Sunniten, der für einen aufgeklärten Islam kämpft. "Das Magazin Maclean's nannte Fatah einmal eine der fünfzig best bekannten und respektierten Persönlichkeiten Kanadas. Sein erstes Buch, 'Chasing a Mirage' von 2008 (hier ein Interview mit dem Autor auf Youtube) hat international Aufmerksamkeit erregt. Der ehemalige Saturday Night Live Moderator Dennis Miller hat Fatah mehrmals interviewt. 'Es ist gut mit Leuten wie Tarek zu reden, denn jedesmal wenn ich sehe, wie jemand ein Bild verbrennt oder verrückt spielt, denke ich, okay, lasst mit mit den coolen Muslimen reden.' Die Leute, die nicht von amerikanischen Berühmtheiten interviewt werden, benutzen andere Wörter, um Fatah zu beschreiben: 'egomanisch', 'Pariah', 'Panikmacher'. Sie sagen, er füttere die Ignoranten mit einer Diät aus alptraumartigen Übertreibungen und Verschwörungstheorien, die das generelle Misstrauen gegen Muslime verstärkt und seinen Status als Medienstar stärkt."

Außerdem: Michael Harris schildert das Leben eines Schwulen dreißig Jahre nach Entdeckung des Aids-Virus'. Timothy Caulfield setzt sich mit dem Stammzellen-Tourismus auseinander.

Magazinrundschau vom 16.11.2010 - Walrus Magazine

Dave Cameron zeichnet den Tod seines Vaters an einem Gehirntumor nach. Nachdem er seine erste Runde Bestrahlung und Chemotherapie hinter sich hat, kommt sein Vater nach Hause, um sich auszuruhen. "'Ich habe es verstanden', sagt er... Sein Bart liegt flach ausgebreitet auf einer Seite, seine Kopfhaut pellt in eurogroßen Schuppen ab. 'Du glaubst nicht, wie schlecht ich mich fühle', sagt er. 'Es ist ein schwerer Ritt rein und raus aus dem Wurmloch. Du kennst das Wurmloch?' Er hatte schon früher versucht, es mir zu beschreiben - den Tunnel zwischen diesem Universum und einem anderen, weniger vertrauten. Einmal kehrte er zurück von einer dieser Tiefschlaf-Reisen und murmelte etwas von einem angenehmen Besuch, den er bei der kürzlich verstorbenen Frau eines alten Freundes gemacht hatte. Aber meistens weiß er nicht mehr, wo er war oder - noch beunruhigender - wo er in dem Moment ist, in dem er aufwacht. (...) Ich stopfe ihm einige Kissen in den Rücken und helfe ihm, sich aufzusetzen. Ich frage ihn, was er verstanden habe. 'Zeit ist kein Ort. Sie hat keine Form. Ereignisse haben eine Form.' 'Was ist dann also Zeit?' 'Zeit ist der Raum in einem Eimer.'"

Magazinrundschau vom 22.06.2010 - Walrus Magazine

Richard Podlak stellt drei südafrikanische Autoren vor, die auf ganz neue Art das heutige Johannesburg beschreiben: der 2004 gestorbene Phaswane Mpe mit seinem Roman "Welcome to Our Hillbrow", Kevin Bloom mit seinem Johannisburg-Buch "Ways of Staying" und Ivan Vladislavic in seinem Essayband "Portrait with Keys" (Johannesburg, Insel aus Zufall). Alle drei schreiben aus der Perspektive des Flaneurs - wie es schon Herman Charles Bosman und Lionel Abrahams taten: "Sie waren alle Flaneure (und das obwohl Abrahams an den Rollstuhl gefesselt war), beschäftigt mit dem, was der Philosoph Michel de Certeau 'das lange Gedicht des Gehens' nannte, die Kunst, eine Stadtlandschaft zu vermessen, wie Baudelaire es ursprünglich beschrieb. Doch Bosman - verurteilter Mörder, Frauenheld und harter Trinker - war nicht der vornehme Flaneur Baudelaires. Seine Detektiv-Reportagen aus den dreißiger und vierziger Jahren fügen sich zu einer langen Elegie für eine Minenstadt, die wild entschlossen ist, die ersten fünfzig Jahre ihrer Geschichte auszulöschen. Bosman bekämpfte diesen kollektiven Impuls; er begriff, noch vor der Einführung der Apartheidsgesetze 1948, dass das Vergessen ein Akt des Bösen war."

Weitere Artikel: Der Kanadier John Schram, der in den Sechzigern in Ghana studiert hatte und später im auswärtigen Dienst viel in Afrika war, beschreibt Ghanas erfolgreichen Übergang von der Diktatur in eine Demokratie, an dem einige seiner damaligen Kumpels nicht unbeteiligt waren. Andre Alexis beklagt den Niedergang der Literaturkritik in Kanada: "Besprechungen haben sich in eine Unterart der Autobiografie verwandelt, das besprochene Buch ist nur noch der Anlass für persönliche Enthüllungen. Wenn ich einen kanadischen Autor für diesen Zustand verantwortlich mache, dann ist das der Romancier und Kritiker John Metcalf" und der britische Kritiker James Wood, der allerdings Anzeichen zur Besserung zeige.

Magazinrundschau vom 25.05.2010 - Walrus Magazine

Michael Harris porträtiert Vancouvers berühmteste Hure, die transsexuelle Ureinwohnerin und Queen of the Parks Jamie Lee Hamilton, die immer wieder den politischen und moralischen Autoritäten der Stadt eingeheizt hat, wenn es um die Legalisierung von Prostitution oder eine Mordserie an Sexarbeiterinnen ging: "Sie hat die politische Karriere aufgegeben, nach drei eher vergeblichen Anläufen - 1999, 2000 und 2008 -, ein öffentliches Amt zu besetzen. Sie will nicht mehr kandidieren, sagt sie mir, weil ihre Sexarbeit immer gegen sie verwendet werden wird. 'Sie wollen mich eigentlich nur, wenn ich sage, ich bin bekehrt. Ich bin aber überhaupt nicht bekehrt. Ich bin 54 und kann immer noch in der Sexindustrie arbeiten. Ich bin glücklich.' Ihre politischen Vorstellungen sind einfach zu schamlos, zu scharf, als dass sie in einem hasenherzigen Stadtrat dienen könnte. Als eine feministische Gruppe kürzlich entschied, Hamilton über ihre eigenen Sicherheitsinteressen aufzuklären, antwortete sie ihnen das, was sie jedem Zuhälter zu sagen pflegte, der sich in den Straßen des West Ends breitmachen wollte: Wenn Du wirklich Experte sein willst, zieh dir zu Hause ein Kleid an, komm wieder her und lutsch ein paar Schwänze."

Magazinrundschau vom 30.03.2010 - Walrus Magazine

Wer noch daran glaubt, mit den Kategorien links oder rechts feste politische Positionen beschreiben zu können, sollte Stephen Henighans Porträt des kanadischen Schriftstellers und Vorsitzenden des Internationalen PEN, John Ralston Saul, lesen. Nach einem bewegten beruflichen und intellektuellem Leben ist Saul zu dem Schluss gelangt, dass die herrschenden neoliberalen Eliten von "Selbsthass" geplagt sind und das kanadische Erbe verspielen. Dieses Erbe definiert er als eine von den Ureinwohnern inspirierte "Mischzivilisation". Einige Ureinwohner sind damit jedoch nicht einverstanden: "Als ich letztes Jahr an einem Panel in Toronto teilnahm", schreibt Henighan am Ende seines Artikels, "war ich überrascht, mit welcher Vehemenz urbane, rassisch gemischte Intellektuelle, die nicht die Sprachen ihrer Ahnen sprachen, alle Vorstellungen von sich wiesen, wonach sie zu einer gemischten Kultur gehören sollten, und die ihre Identität in Form von der Sorte kultureller und rassischer Reinheit verteidigten, die Saul ablehnt."

Außerdem: Silver Donald Cameron erzählt, wie der Premierminister von Bhutan, Jigmi Y. Thinley, mit Hilfe der GPI Atlantic den "gross national happiness"-Faktor, kurz GNH, in seinem Land heben will. Thinley erklärt das auch selbst sehr schön in einem Video auf Youtube. Tim Mckeough stellt den minimalistischen und dennoch sehr spielerischen japanischen Designer Oki Sato vor. Lesen dürfen wir auch einen Auszug aus Steven Heightons neuem Roman "Every Lost Country".

Magazinrundschau vom 02.02.2010 - Walrus Magazine

Nav Purewal liest in einem interessanten Essay mehrere Romane von Immigranten, die sich mit der Situation in Kanada auseinandersetzen. Die Unterschiede zwischen dem englisch- und dem französischsprachigen Kanada exemplifiziert Purewal unter anderem an dem Roman "Cockroach" (Auszug) des aus dem Libanon stammenden Autors Rawi Hage, der im Quebec spielt: "Quebec leidet in gewisser Hinsicht unter den genau umgekehrten Problemen von Toronto. Während Toronto eine klar definierte Kultur fehlt, an die Immigranten Anschluss finden könnten, hält Quebec krampfhaft an einer immer weniger haltbaren homogenen Identität fest. Es ist sozusagen die größte ethnische Enklave des Landes, und seine unermüdlichen Anstrengungen, seine einzigartige Kultur zu erhalten, können eine Fremdenfeindlichkeit hervor bringen, die in weniger verknöcherten Kulturen so nicht möglich wäre."

Magazinrundschau vom 08.12.2009 - Walrus Magazine

Wussten Sie, dass es in Kanada illegal ist, einen Krimi-Comic zu veröffentlichen oder zu verkaufen? Das steht in der Definition von Obszönität (Sect. 163) im kanadischen Strafgesetzbuch. Gilt immer noch. Wie es 1959 zu diesem Paragrafen kam, erzählt Nick Mount. "Die Widersacher der Gesetzesvorlage C-58 hatten deren Autor, Justizminister Davie Fulton, als kreuzfahrenden Christen abgestempelt. Tatsächlich war Fulton ein Nationalist. Das eigentliche Ziel von C-58 war genau das, was er behauptet hatte: nicht Literatur, sondern amerikanische Taschenbücher und Comics, die den CBC-Radioproduzenten Robert Weaver (selbst kein Konservativer) im selben Jahr über kanadische Zeitungsstände hatte klagen lassen, die unter 'Recherchen über Homosexualität, Lesbentum, Prostitution und Drogenabhängigkeit, Rassenmischung und jugendliche Straftaten ächzten'. C-58 war die Peitsche zum Zuckerbrot des kanadischen Rats: das eine sollte Kanadas Hochkultur promoten, das andere die amerikanische Populärkultur verbieten. Das Problem - und die Lektion von 1959 - war, dass die Definition von Obszönität weit genug war, mehr als das vordergründige Ziel zu umfassen. C-58 verfehlte sein wahres Ziel und traf eine Lady." Das erste Opfer war nämlich D.H. Lawrences "Lady Chatterley's Lover".

Magazinrundschau vom 24.11.2009 - Walrus Magazine

Stolz wie Hacke schreibt John Keillor im kanadischen Magazin The Walrus über den Aufstieg des jungen, aus Montreal stammenden Dirigenten Yannick Nezet-Seguin, der inzwischen dem Toronto Symphony Orchestra vorsteht und bei Spitzenensembles in der ganzen Welt gastiert. Im Gespräch mit Keillor plädiert er für interpretatorisches Risiko, und Keillor erzählt sehr schön, wie Nezet-Seguin in Ravels G-Dur-Klavierkonzert das Orchester motiviert: "Sexy", fordert er und "more amour": "Der schnelle dritte Satz, erklärt er dem Orchester, 'besteht aus einem Motiv, das durch die verschiedenen Teile des Orchesters gereicht wird. Es fliegt durch die Gegend wie Spielsachen. Sie müssen immer zu identifizieren sein, ganz scharf. Nicht nett sein - Kinder sind nicht nett zu Spielsachen. Seid psycho!' Mit 34 Jahren hat er eingesehen, dass Werktreue zuweilen mit ein bisschen Gewalt zu tun hat."

Hier spielt er mit dem London Philharmonic Orchestra Ravels "La valse":