Nach einem Krieg wie in Bosnien dauert es manchmal, bis alle unappetitlichen Fakten auf den Tisch kommen,
lernt Erich Rathfelder, obwohl er die Jugoslawienkriege von Anfang an als Kriegskorrespondent der
taz mitbegleitet hat. Auch der heutige Präsident
Aleksandar Vučić habe bei der
Jagd auf Menschen in Sarajevo (
unser Resümee) mitgemacht, "so der Vorwurf des kroatischen Investigativjournalisten
Domagoj Margetić, der zahlreiche Zeugenaussagen gesammelt und bei der Staatsanwaltschaft in Mailand eingereicht hat. Er habe vom jüdischen Friedhof aus auf die Stadt geschossen. Die serbischen Wochenendkrieger blieben nicht lange allein. Ab 1993 wurde das Schießen von den Hügeln auf die Menschen in Sarajevo
für viel Geld verkauft. Betuchte westliche Hobbyjäger reisten mit ihren modernen Jagdgewehren aus Italien nach Ungarn. Sie fuhren in Bussen weiter nach Belgrad, von dort aus ging es per Helikopter an die serbischen Stellungen bei Sarajevo, begleitet von Spezialkräften der serbischen Armee. Hier zielten sie nicht mehr auf Tiere, sondern auf Menschen. Mindestens
fünf italienische Staatsbürger aus Mailand, Turin und Triest, so der italienische Investigativjournalist Ezio Gavazzeni, hätten für Wochenendausflüge nach Sarajevo umgerechnet 80.000 bis 100.000 Euro bezahlt, um von den serbisch besetzten Hügeln aus Jagd auf Kinder, Frauen und Männer in den Straßen Sarajevos zu machen." In der FAZ hat allerdings Matthias Rüb vor einem Monat Zweifel an dieser Geschichte angemeldet: "Bisher konnten in
keinem der vorgeblichen Herkunftsländer der Menschenjäger von Sarajevo - auch aus Deutschland sollen welche angereist sein - Verdächtige identifiziert oder gar angeklagt werden."
Bernd Rheinberg
rechnet bei den
Salonkolumnisten mit den "
Realisten" ab, die der Ukraine immer schon zur Kapitulation rieten und jetzt das Gefühl genießen, Recht gehabt zu haben. Dass die Tendenz zur Beschwichtigung in Demokratien seit je existiert, wusste schon
Hannah Arendt, führt Rheinberg aus - und dieses Prinzip gilt bis heute: "Wenn jemand nun meinte, das würde in der deutschen Gegenwart nur die AfD, die Linke und den BSW betreffen - und die betrifft es ohne Zweifel -, dann sollte er auch einmal die Diskussionen und Vorgänge - Stichwort 'Moskau Connection' - in den
anderen Parteien genau beobachten. (Bei den Grünen, nebenbei, werden solche Fellow Travellers zutreffend als 'Radio Moskau' firmiert.) Der Blick auf die Parteien genügt allerdings längst nicht mehr, denn die russische Fernsteuerung unserer Gesellschaft ist seit dem Beginn des russischen Überfalls noch einmal gestiegen. Die hier beschriebenen 'Realisten' sind ein Teil dieser Infiltration, egal ob bewusst oder unbewusst - sie müssten
die Konsequenzen ihres Tuns eigentlich erkennen können."
Dass der russische Widerständler
Alexej Gorinow noch lebt, ist eigentlich ein Wunder, schreiben Filip Dzyadko und Alexander Estis in der
SZ mit Rückgriff auf Protokolle, die im russischen Exilmedium
Mediazona veröffentlicht wurden. Gorinow war der erste, der in Russland zu einer
drakonischen Haftstrafe verurteilt wurde, weil er sich gegen den Krieg in der Ukraine aussprach. Nun sitzt er in
Isolationshaft - aufgeben will er aber nicht: "Befragungen, Demütigungen, Dauerbeschallung mit Propaganda, Provokationen und Spitzelei durch Mithäftlinge sind an der Tagesordnung. Gorinow wird durch Schlafentzug gefoltert. Trotz Krankheit zwingen ihn die Aufseher, in der Kälte Schnee zu fegen. Medikamente werden ihm weggenommen. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Gorinow litt unter Tuberkulose; nach einer Operation behielt er kaum mehr als die Hälfte seiner Lunge. 'Er erstickt', sagten Angehörige, als ihm in der Haft jede medizinische Hilfe verweigert wurde (...) Aus dem Gefängnis sendet Gorinow Zuspruch an die freien Regimegegner: 'P.S.: Ich schlage vor, nicht aufzugeben.'"