9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2017 - Geschichte

Siebzig Jahre nach der Teilung Indiens gebe es in Britannien, aber auch Indien und Pakistan Debatten über das vergiftete Erbe des Kolonialismus, schreibt Gina Thomas in der FAZ: "Der linke Historiker Perry Anderson steht nicht allein mit seiner Bewertung, dass die Teilung Indiens die verächtlichste Tat in den Annalen des britischen Empire sei. Der indische Politikwissenschaftler Sunil Kilnani, Leiter des India Institute am Londoner King's College, zitiert Anderson mit diesem Satz in 'Incarnations', seiner anhand von fünfzig prägenden Figuren erzählten Geschichte Indiens. Kilnani urteilt aber, dass keiner jener Politiker schuldlos gewesen sei, die am 3. Juni 1947 mit Mountbatten am Tisch saßen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2017 - Geschichte

Aus der Geschichte könne man einiges über die Motive des heutigen Nordkorea lernen, schreibt Sheila Miyoshi Jager bei politico.eu. Und da müsse man vor allem sehen, dass Korea schon seit Jahrhunderten ein Spielball der Großmächte gewesen sei und immer seine Unabhängigkeit verteidigen musste - bei den nordkoreanischen Diktatoren nahm dieses Geschichtsbild wahnhafte Züge an: "Das nordkoreanische Regime wird niemals seine nuklearen Waffen zur Disposition stellen. Noch wird es sich von Drohungen einer militärischen Attacke oder ökonomischem Druck aus China einschüchtern lassen. Die Idee war immer, das Joch der 'regierenden Anführer' der Großmächte - und zwar aller Großmächte - abzuwerfen und die koreanische Vereinigung und Unabhängigkeit unter eigenen Bedingungen zu erreichen."

Außerdem: In der FAZ erinnert Mirko Heinemann an die Vertreibung der Griechen aus der Türkei vor hundert Jahren - ein Urbild der "ethnischen Säuberungen" im 20. Jahrhundert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2017 - Geschichte

Der Historiker Mark Jones wendet sich in der FAZ gegen einen Artikel seines Kollegen Gerd Krumeich vom 10. Juli, in dem Krumeich befand, dass "der Dolchstoß nicht nur eine Legende" war. Ohne die Revolutionäre von 1918, so Krumeich, hätten die Deutschen einen besseren Frieden herausholen können. Jones schreibt dazu: "An keiner Stelle findet sich der Hinweis, dass die Ereigniskette, die zu den Waffenstillstandsverhandlungen führte, von der Obersten Heeresleitung (OHL) in Gang gesetzt wurde. Es waren Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, die Ende September 1918 erklärten, Deutschland brauche sofort einen Waffenstillstand, und die massiven Druck auf den neu ernannten Reichskanzler Prinz Max von Baden ausübten, unverzüglich einen solchen herbeizuführen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2017 - Geschichte

Niemand hat so viel getan, die Wahrheit über den amerikanischen Süden und den Bürgerkrieg zu verschleiern wie die Filmindustrie, meint Ta-Nehisi Coates im Atlantic. Nichts Gutes erwartet er daher auch von HBOs geplantem Projekt "Confederate", das kontrafaktisch fragt, was wäre, wenn der Süden gewonnen hätte: "Skepsis ist höchstes Gebot. Wenn Serien-Schöpfer David Benioff fragt, wie sähe die Welt aus, wenn der Süden gewonnen hatte, müssen wir eigentlich sofort fragen, was Benioff eigentlich mit Süden meint. Er meint offensichtlich nicht die Minderheit weißer Unionisten, die tatsächlich gewonnen haben. Und er meint auch nicht die vier Millionen versklaften Schwarzen, die der Bürgerkrieg befreite, auch wenn diese Befreiung keine reine war. Sie machten vierzig Prozent der Bevölkerung in der Könfoderation aus, waren die unverzichtbare Arbeiterklasse, die Hauptquelle des Wohlstands, und der einzige Grund für seine Existenz überhaupt. Aber sie sind nicht der Gegenstand von benioffs Untersuchung, denn er fragt nicht nach dem Sieg des Südens, sondern nach dem Sieg des weißen Südens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2017 - Geschichte

Christophe Nolans "Dunkirk"-Film hat zumindest das Verdienst, historische Debatten auszulösen (außer in Deutschland, so scheint es, da hat man die Vergangenheit schon bewältigt). Zwei franzöische Autoren warfen ihm neulich vor, den französischen Anteil an der Evakuation der Briten aus dem Kriegsgeschehen nicht kenntlich gemacht zu haben (unser Resümee). Richard Cohen warf dem Film in der Washington Post vor, die Kriegsschuld der Deutschen nicht zu benennen. Nun weist Yasmin Khan in der New York Times darauf hin, dass die kolonialen Truppen, die auch in Dünkirchen schon präsent waren, bei Nolan nicht eine Sekunds ins Bild gerückt werden. Dabei findet sie die Geschichten, die sich die Briten vom Krieg erzählen, etwas verkürzend. "Vor allem lässt das Narrativ der tapferen Insel, die die Deutschen zurückschlägt, die imperiale Dimension des Krieges außer Acht. Viele Menschen in den Kolonien wurden in einen üblen Konflikt hineingezogen, der jenseits ihrer Kontrolle lag. Britannien brauchte die Kolonien - Indien, Südostasien, Afrika und der Karibik - immer schon für Menschen, Material und Unterstützung, aber das galt nie mehr als im Zweiten Weltkrieg. Gut fünf Millionen Menschen aus dem Empire wurden in Militärdienste eingezogen. Nicht Britannien, sondern das Empire schlug sich im Zweiten Weltkrieg." Ähnlich Sunny Singh im Guardian.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2017 - Geschichte

Im Guardian annonciert Kavita Puri ihre dreiteilige BBC-Serie "Partition Voices", die an die gewaltsame Teilung Indiens erinnert: "It is hard to explain how convulsive partition was for British south Asian families - and how it still shapes them. Over 10 million people from the Indian subcontinent left their homes when they found themselves on the wrong side of the partition border: Muslims moving to Pakistan, Sikhs and Hindus to India. Lands that had been lived on for centuries were left forever. The human cost of dividing British India was staggering: up to a million were killed in the sectarian violence and tens of thousands of women were raped and abducted with the aim of dishonouring the 'other' country. It happened far away but is a very British story."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2017 - Geschichte

Die Freimaurerei entstand vor genau 300 Jahren um mit allem möglichen Brimborium letztlich eine Diskussion jenseits der Konfessionen zu ermöglichen, erinnert Urs Hafner in der NZZ: "'Offiziell' beginnt die Geschichte der Freimaurerei vor dreihundert Jahren: 1717 wurde in London die Großloge von England gegründet, in einer Phase der Entspannung nach den Glaubenskriegen zwischen Protestanten und Katholiken und nach den Machtkämpfen von Krone und Parlament. Liberale Adlige und Bürger, Priester und Kaufleute, Offiziere und Diplomaten kamen miteinander ins Gespräch und vielleicht auch ins Geschäft, sie pflegten Geselligkeit und unterhielten sich über mögliche Reformen."
Stichwörter: Freimaurerei, Katholiken

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2017 - Geschichte

Christopher Nolans Film "Dünkirchen" scheint das Kunststück hinzukriegen, den Rückzug der Briten vor den anrückenden Hitler-Truppen als Heldentat dastehen zu lassen. Antoine Bourguilleau und Juliette Mitoyen erinnern Nolan in slate.fr an den französischen Anteil an der Sache, der im Film etwas unterbelichtet ist: "Man mag historisch gesehen bedauern, dass nichts von der Bombardierung der Stadt durch die Deutschen gezeigt wird. Und noch weniger von den Kämpfen, die entbrennen, um den Hafen und die Strände zu schützen, so dass die Operation der Evakuierung überhaupt möglich wurde. Das wäre die - leider verpasste - Gelegenheit gewesen, die amerikanischen Zuschauer daran zu erinnern, dass die Franzosen im Jahr 1940 nicht nur die  cheese-eating surrender monkeys waren, als die sie sie ins Herz geschlossen haben. Denn 1940 sterben 60.000 Soldaten in sechs Wochen, 123.000 Soldaten werden verletzt, und zwei Millionen landen in Gefangenschaft. Um die 21.000 getöteten Zivilisten nicht zu erwähnen. Eine Bilanz, die noch schlimmer ist als die von Verdun, wo innerhalb von weniger als zehn Monaten 163.000 Franzosen starben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2017 - Geschichte

Zar Peter nimmt König Ludwig XV. auf den Arm. Ein kleiner faux pas: Den König fasst man nicht an.
In der NZZ stellt Peter Kropmanns eine Ausstellung im Grand Trianon über den Frankreichaufenthalt Peters des Großen während seiner Europareise 1717 vor: "Hier wird deutlich, dass ihm weniger an Produkten des Luxus und der Mode, etwa an Porzellan, gelegen war als an russische Forschung und Wissenschaft beflügelnden Instrumenten, die sich etwa in der Schifffahrt einsetzen ließen." Gezeigt werden außerdem Porträts des Zaren, bei denen Kropmanns einen interessanten Wandel der Kleidung beobachtet, "die anfangs nach russischer, ungarischer oder niederländischer Art gestaltet war, später dem Modell des französischen Absolutismus nahekam. ... Ein Historienbild von 1838 zeigt, wie Peter der Große bei einer Audienz Ludwig XV. auf den Arm nahm - der Knabe war sieben Jahre alt - und damit für protokollarische Verlegenheit sorgte, denn den französischen König fasste man nicht einmal an.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2017 - Geschichte

Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht der mosambikanische Schriftsteller Mia Couto über Rassismus, Kolonialismus, afrikanische Gewalt und über seinen Roman "Imani", der im Jahr 1895 spielt und den Schulbüchern widerspricht, die das vorkoloniale Mosambik als eine Art Paradies beschreiben: "Diese Geschichtsreduktionen sind  beleidigend, weil sie ein geschichtsloses Volk zurücklassen. Dabei treiben ja gerade Konflikte und Spannungen die Geschichte an, sind deren Motor. Stattdessen wird ein Idyll erfunden, in dem es nur gute Leute gab - bis das Böse, das Koloniale, von außen hereingetragen wurde. ... In meinem Buch erzähle ich von  Völkern, die von einem afrikanischen Herrscher, König Ngungunyane, überfallen wurden. Seine Krieger haben das Volk der Vachopi  regelrecht massakriert.  Die Leute dieser Ethnie, die ich während der Recherchen für das Buch befragte, wollten nicht darüber sprechen. Sie verweigerten sich. Sobald ich sagte, es gehe um Ngungunyane, antworteten sie: Nein, nein, darüber reden wir gar nicht. Diese Vergangenheit ist noch sehr lebendig, ihre Geister spuken noch immer umher."