Vierzig Jahre nach dem Deutschen Herbst bringt die
taz ein großes Dossier zu Wahrheit und Mythos der
RAF.
Der Zeithistoriker
Wolfgang Kraushaar spricht über den
antisemitischen Aspekt der Bewegung: "Das Kapitel 'bewaffneter Kampf' hat in der Bundesrepublik Deutschland bezeichnenderweise mit einem Bombenanschlag auf das
Jüdische Gemeindehaus begonnen, und das am 9. November 1969 bei einer Gedenkfeier für die Opfer der sogenannten Reichskristallnacht. Die Täter stammten aus einer Vorläuferorganisation, den Tupamaros Westberlin. Sie waren zuvor ebenso wie die RAF
von den Palästinensern an Waffen und Sprengstoff ausgebildet worden. Ohne diese antiisraelische Kooperation - zunächst mit der Fatah, später dann mit der PFLP - wäre keine der hiesigen Untergrundgruppierungen überhaupt aktionsfähig gewesen."
Stefan Reinecke
vergeht in einem zweiten Text des Dossiers der viel inszenierte
Pop-Glamour der RAF beim näheren Hinsehen: "Wenn man heute .. in den Texten, Kommandoerklärungen und Kassibern der RAF blättert, zeigt sich ein anderes Bild: Das Flair von Bedeutsamkeit und tragischem Aufstand einer Generation ist ausgewaschen. Die RAFler erscheinen in ihren eigenen Texten nicht als revoltierende Kinder von Hitler - sondern als
Geistesverwandte Stalins. Sie verstanden sich von Beginn an als Kadertruppe, die sich aus dem Fundus des dogmatischen Leninismus bedienten. Nach innen herrschte eine stählerne Kommandostruktur."
Für die von Jan Feddersen
interviewte Autorin
Anna Ameri-Siemens liegt in der
Grausamkeit der RAFler einer der bis heute rätselhaften Aspekte der Gruppe: "So grausam auch zu bleiben, wenn man die Menschen
direkt vor sich hat, wie bei Hanns Martin Schleyer oder wie bei der Besetzung der bundesdeutschen Botschaft in Stockholm zwei Jahre zuvor, wo der damalige Verteidigungsattaché
Andreas von Mirbach von Mitgliedern der RAF niedergeschossen und schwer verletzt eine Treppe hinuntergestoßen und dort liegen gelassen wurde. Noch lebend. Erst nach Verhandlungen durften schwedische Polizeibeamte ihn bergen. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Das ist menschlich
noch mal etwas anderes, als irgendwo Sprengstoff zu deponieren."
Zum Dossier gehört auch ein
Gespräch mit dem Autor
F.C. Delius über seine Romatriologie zum Deutschen Herbst (
mehr in Efeu).