9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1633 Presseschau-Absätze - Seite 113 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2017 - Geschichte

Im Standard erinnert der Historiker Peter Payer an die Paternoster-Aufzüge, von denen es in Wien gerade noch sieben Stück gibt. Dabei waren sie mal so modern wie das Internet: "Die Modernität des Spezialaufzugs beruhte nicht zuletzt auf seinem unbestechlich einfachen Gebrauch ohne jegliche Zugangsbeschränkungen. Kein Aufpasser oder Wärter war vorhanden, keine Tür zu überwinden, keine Taste zu drücken. Die offenen Kabinen verhinderten unangenehme Beklemmungsgefühle, die langsame Bewegung war stets nachvollziehbar. Paternosterfahren stellte sich als emanzipatorischer Vorgang dar, frei von staatlicher Bevormundung. Im Geiste des Liberalismus setzte der Paternoster den selbstverantwortlichen Bürger voraus, der klar entscheiden konnte, welches Risiko er auf sich nahm."
Stichwörter: Paternoster, Liberalismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2017 - Geschichte

In der NZZ erinnert Ueli Greminger daran, dass nicht Zwingli allein Zürich die Reformation gebracht hat. Ebenso wichtig, meint er, war Erasmus von Rotterdam, auch wenn der nie in Zürich war: "Erasmus ist der unsichtbare Protagonist der Zürcher Reformation. Der Renaissancegelehrte und Theologe ist es, welcher zur Hauptsache den Unterschied zwischen der Reformation in Wittenberg und derjenigen in Zürich ausmacht. Martin Luther hat sich von Erasmus und seinem humanistischen Einfluss radikal abgegrenzt. Bekannt ist der Jahrhundertstreit der beiden um den freien Willen des Menschen. Luther war zutiefst enttäuscht, dass sich Erasmus seiner Reformation nicht angeschlossen hatte, und überhäufte ihn in der Folge mit den übelsten Schimpfwörtern. Huldrych Zwingli, Leo Jud, Theodor Bibliander und andere Zürcher dagegen waren glühende Verehrer des Humanistenfürsten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2017 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Politologe Wolfgang Kraushaar an den deutschen Herbst, der heute vor vierzig Jahren mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer durch die RAF begann. Kraushaar gesteht der damaligen Bundesregierung zwar zu, sie habe als Reaktion nur die Wahl zwischen "Pest und Cholera" gehabt, gleichzeitig wirft er ihr Versagen vor: "Auch wenn sich die Bundesrepublik nicht in einen Polizeistaat gewandelt hatte, so mutierte sie doch zu einem quasi-autoritären Regime, in dem Grundprinzipien der parlamentarischen Demokratie vorübergehend außer Kraft gesetzt waren. Die von Krisen der inneren Sicherheit bis dahin weitgehend verschont gebliebene Nachkriegsrepublik hatte ihren Praxistest im Ernstfall einer terroristischen Herausforderung nur eingeschränkt bestanden. Sich von der RAF nicht in die Knie zwingen zu lassen, hatte einen gehörigen Preis.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2017 - Geschichte

Vierzig Jahre nach dem Deutschen Herbst bringt die taz ein großes Dossier zu Wahrheit und Mythos der RAF.  Der Zeithistoriker Wolfgang Kraushaar spricht über den antisemitischen Aspekt der Bewegung: "Das Kapitel 'bewaffneter Kampf' hat in der Bundesrepublik Deutschland bezeichnenderweise mit einem Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus begonnen, und das am 9. November 1969 bei einer Gedenkfeier für die Opfer der sogenannten Reichskristallnacht. Die Täter stammten aus einer Vorläuferorganisation, den Tupamaros Westberlin. Sie waren zuvor ebenso wie die RAF von den Palästinensern an Waffen und Sprengstoff ausgebildet worden. Ohne diese antiisraelische Kooperation - zunächst mit der Fatah, später dann mit der PFLP - wäre keine der hiesigen Untergrundgruppierungen überhaupt aktionsfähig gewesen."

Stefan Reinecke vergeht in einem zweiten Text des Dossiers der viel inszenierte Pop-Glamour der RAF beim näheren Hinsehen: "Wenn man heute .. in den Texten, Kommandoerklärungen und Kassibern der RAF blättert, zeigt sich ein anderes Bild: Das Flair von Bedeutsamkeit und tragischem Aufstand einer Generation ist ausgewaschen. Die RAFler erscheinen in ihren eigenen Texten nicht als revoltierende Kinder von Hitler - sondern als Geistesverwandte Stalins. Sie verstanden sich von Beginn an als Kadertruppe, die sich aus dem Fundus des dogmatischen Leninismus bedienten. Nach innen herrschte eine stählerne Kommandostruktur."

Für die von Jan Feddersen interviewte Autorin Anna Ameri-Siemens liegt in der Grausamkeit der RAFler einer der bis heute rätselhaften Aspekte der Gruppe: "So grausam auch zu bleiben, wenn man die Menschen direkt vor sich hat, wie bei Hanns Martin Schleyer oder wie bei der Besetzung der bundesdeutschen Botschaft in Stockholm zwei Jahre zuvor, wo der damalige Verteidigungsattaché Andreas von Mirbach von Mitgliedern der RAF niedergeschossen und schwer verletzt eine Treppe hinuntergestoßen und dort liegen gelassen wurde. Noch lebend. Erst nach Verhandlungen durften schwedische Polizeibeamte ihn bergen. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Das ist menschlich noch mal etwas anderes, als irgendwo Sprengstoff zu deponieren."

Zum Dossier gehört auch ein Gespräch mit dem Autor F.C. Delius über seine Romatriologie zum Deutschen Herbst (mehr in Efeu).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2017 - Geschichte

Für Unfug hält Patrick Bahners in der FAZ Versuche, Vergleiche mit Auschwitz, Hitler oder überhaupt dem Nationalsozialismus mit einem Tabu zu belegen, wie er die Absage der Documenta-Performance "Auschwitz on the Beach" wertet (unser Resümee): "Ist der Holocaust, als singulär schreckliches Ereignis, wirklich faktisch unvergleichlich? Das würde aus Hitler wieder das Monster und den Betriebsunfall machen. Es wäre seltsam, wenn aus der für uns normativ fundamentalen historischen Erfahrung gar nichts im Sinne jener empirischen, also vergleichenden Klugheit zu lernen sein sollte, die von den Alten auf die Formel von der Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens gebracht wurde. Die Spuren schrecken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2017 - Geschichte

Reformationsforscher können aufatmen: Zwingli hat zwei Jahre in Einsiedeln gelebt und in der Bibliothek des Klosters gearbeitet, dafür gibt es jetzt einen Beweis, berichtet Thomas Ribi in der NZZ. "Es sind nur ein paar Wörter, aber sie sind wertvoll. Wertvoller als so manches dicke Buch. Letzte Woche hat Urs Leu sie entdeckt - und damit eine Leerstelle geschlossen, welche die Schweizer Reformationsforscher lange beunruhigte. In der Bibliothek des Klosters Einsiedeln fand der Zürcher Historiker in einem Kodex aus dem 9. Jahrhundert drei kurze, mit schwarzer Tinte geschriebene Randbemerkungen. Für Leu war sofort klar: Das ist Huldrych Zwinglis Handschrift!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2017 - Geschichte

Im Freitag streiten der Historiker Jürgen Zimmerer und der Welt-Autor Alan Posener über die Frage, ob sich eine Kontinuität vom Kolonialismus zum Holocaust konstruieren lässt. Zimmerer meint, ja: "Ich sehe den Holocaust auch in einer Tradition des Genozids. Es gibt in der deutschen Geschichte eine Genealogie des genozidalen Gedankens. Vierzig Jahre vor dem Holocaust haben die Deutschen sich bereits eines anderen Völkermordes schuldig gemacht - an den Herero und den Nama. In Deutsch-Südwest-Afrika entstand ein Rassenstaat, es gab die Ideologie, es gab die Gesetze, es gab militärische und bürokratische Strukturen, die diesem Ziel angepasst und untergeordnet wurden. Ich halte es geradezu für unplausibel, hier keine Verbindung zu den später erfolgten Verbrechen des 'Dritten Reiches' zu sehen."

Posener, dessen Vater ein britischer Kolonalbeamter war, will dagegen auch Gutes am Kolonialismus, besonders britischer Prägung, sehen: "Ich will Ihnen was sagen: Imperien sind in der Weltgeschichte die Regel. Die Ausnahme, das ist die Vorstellung eines Staatsvolks und eines selbstständigen Nationalstaats. In Europa war praktisch jeder Staat in seiner Geschichte auch imperial. Außer der Schweiz. Also, von Alexander, über die Perser, die Römer zum Reich Karls des Großen, zu den Arabern bis zu den europäischen Kolonialreichen und zum Osmanischen Reich - alles Imperien. Ich bin übrigens unbedingt für eine Ehrenrettung des Osmanischen Reiches. Sehen Sie nach Syrien, in den Irak - was der Oktroi des nationalstaatlichen Gedankens in diesen Ländern angerichtet hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2017 - Geschichte

Gute Idee, die Statuen des Südstaatengenerals Robert E. Lee niederzureißen, findet Afua Hirsch im Guardian. Ihr würden auch in Britannien einige Denkmäler einfallen, die nicht mehr ganz zeitgemäß sind: Vorneweg die Säule des allseits verehrten Admiral Horatio Nelson auf dem Trafalgar Square: "Wie überall auf der Welt verurteilten auch in Britannien die meisten Stimmen die Neonazis in den USA und den Präsidenten, der sich nicht von ihnen distanzierte. Aber wenn es um unsere eigenen Statuen geht, werden die Dinge peinlich. Die Titanen des Kolonialismus und der Sklaverei werden in der britischen Geschichte noch immer hochgehalten. Trotz studentischer Proteste wurde die Statue des Imperialisten Cecil Rhodes in Oxford nicht abgerissen. Und Bristol feiert noch immer seinen berüchtigten Sklavenhändler Edward Colston. Als ich am Wochenende twitterte, dass Britannien auch mal auf seine eigenen Landschaft sehen sollte, schlug mir offene Feindschaft entgegen."

Im Blog der NYRB betont Annette Gordon-Reed allerdings, dass Robert E. Lee nicht nur ein Verfechter der Sklaverei war, sondern einen Krieg gegen die Einheit der USA geführt hat. Niemals dürfte man eine Statue von Thomas Jefferson abreißen, der auch Sklavenhalter war, aber eben auch die Unabhängigkeitserklärung verfasst hat: "Seine Worte von der selbstverständlichen Wahrheit über die Gleichheit der Menschen und das Streben nach Glück war Inspiration für die ganze Welt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2017 - Geschichte

In der taz stellt Uta Schleiermacher Berliner Aktivisten wie Mnyaka Sururu Mboro vor, die sich für eine postkoloniale Umbenennung von Straßennamen einsetzen: "Insgesamt zehn Straßen im Stadtgebiet sollten nach Forderungen von Berlin Postkolonial umbenannt werden, weil sie Kolonialverbrecher ehren - drei davon im 'Afrikanischen Viertel' in Wedding, weitere in Steglitz-Zehlendorf, Neukölln und Mitte (siehe unten). Dass diese Straßen allesamt im Westteil der Stadt liegen, ist indes kein Zufall. Denn die DDR-Regierung ordnete bereits 1950 an, Straßen mit militaristischen oder faschistischen Namen umzubenennen."

Weiteres: Eine durchaus kritische Würdigung schreibt der Historiker Norbert Frei in der FAZ zum Tod seines Kollegen Eberhard Jäckel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2017 - Geschichte

Noch ist des Jahrs 1967 nicht zu Ende gedacht, da prescht die FAZ vor und veröffentlicht exklusive eine Reflexion auf das Jahr 1968 des Juristen Christoph Möllers (ein Vorabdruck aus dem Wagenbach-Band "Wetterbericht - 68 und die Krise der Demokratie"). Möllers bekennt seine Unsicherheit, "ob der heutigen deutschen Gesellschaft die 68er überhaupt noch als ein anderes gegenübergestellt werden können oder ob nicht - frei nach Nietzsche - in jedem Deutschen nicht nur ein Lutheraner, sondern auch ein 68er steckt. Das Gelächter, das dem CDU-Politiker Friedrich Merz entgegenschlug, als er seine sauerländische Dorfjugend derjenigen von Joschka Fischer entgegenstellen wollte, ging jedenfalls über Parteigrenzen hinaus."

Außerdem: Im Tagesspiegel schreibt Christiane Peitz zum Tod des Historikers und Hitler-Forschers Eberhard Jäckel.