9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2017 - Geschichte

In Frankreich war der Kolonialismus vor allem eine Sache der Republik, und zwar sowohl der Rechten als auch der Linken seit der Dritten Republik, erklärt der Historiker Pascal Blanchard im Gespräch mit Marina Bellot in slate.fr: "Sich in der Welt auszudehnen, stellt sich als Wert zugleich in die Kontinuität der Französischen Revolution, als auch in die Macht-Argumentation für den Nationalismus. Für die Linke ist die Konstruktion des Kolonialreichs in der Idee der zivilisatorischen Mission begründet: wir ziehen los, um den Völkern im Dunkel das Licht zu bringen. Die Rechte muss erklären, inwiefern die Ausdehnung der Grenzen der Nation der Nation dient. Hier ist es vor allem das Potenzial zur Großmacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2017 - Geschichte

NZZ-Autor Jürgen Ritte besucht im Pariser Musee de l'Armee eine Ausstellung zum Deutsch-Französischen Krieg, mit dessen Ablehnung Heinrich Mann einst ziemlich allein stand, wie Ritte erinnert: "Die deutschen Soldaten waren, zunächst noch angefeuert von Presse und intellektueller Öffentlichkeit, mit der 'Wacht am Rhein' auf den Lippen gegen Frankreich ins Feld gezogen. Denn dort stand der 'Erbfeind', an dem das deutsche Wesen sich seit den 'Befreiungskriegen' 1813/15 abzuarbeiten hatte, ja gegen den es sich erst gebildet hatte. Der Kampf gegen Frankreich war auch, wie Heinrich Manns Bruder Thomas in seinen etwas verquasten 'Betrachtungen eines Unpolitischen' festhielt, der Kampf gegen den Westen, der Kampf des Bürgers gegen den Bourgeois, der Kultur gegen die Zivilisation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2017 - Geschichte

Der FAZ druckt auf zwei Seiten eine Rede Navid Kermanis über die "Zukunft der Erinnerung" an Auschwitz. Nicht ganz unpikant liest sich - gerade in dieser Zeitung, die sich einst zum Sprachrohr Martin Walsers machte, bis sie ihn abservierte - folgende Passage: "Inhaltlich war mit Höckes 'Mahnmal der Schande' nichts anderes gemeint als mit Walsers 'Dauerpräsentation unserer Schande', so empört diejenigen das zurückweisen werden, die seinerzeit in der Paulskirche stehend applaudierten. Im Kern geht es in allen öffentlichen Auseinandersetzungen über den Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe um die Frage: Wann endlich wird aus Deutschland wieder ein normales Land?" Kermanis Rede endet mit eine Hommage auf Marcel Reich-Ranicki.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2017 - Geschichte

Wäre der Kommunismus im Osten erhalten geblieben, dann wäre wenigstens im Westen der soziale Fortschritt weitergegangen, meint Leander Scholz, der in einem sehr persönlichen Artikel für den Freitag den ruhigeren Zeiten vor dem Mauerfall nachtrauert: "Ende 1991 zerfiel die Sowjetunion. Das veränderte auch den Westen, der sich als Sieger des Kalten Krieges empfand, dramatisch. 2001 trat China der WTO bei. Die Auslagerung von Arbeitsplätzen in Länder mit niedrigeren Löhnen wurde in Gang gesetzt. Dem hatten die Gewerkschaften kaum etwas entgegenzusetzen."

Die Niederlande sind jüngst nach einer Klage der Mütter von Srebrenica für das Massaker von Srebrenica mit verantwortlich gemacht worden, allerdings nur in 300 der über 8.000 Fälle, schreibt Deana Mrkaja bei den Salonkolumnisten - für die Klägerinnen ist das Urteil eine herbe Enttäuschung: "Es ist richtig, die Niederlande für die Deportation von mehr als 300 Personen mitverantwortlich zu machen. Doch versagt haben die UN beim Schutz Tausender Zivilisten in ihrer ad absurdum geführten Schutzzone. Denn es ist Fakt, dass die Bereitschaft der Entsendestaaten, weitere Soldaten in die Region Srebrenica zu schicken, de facto nicht existierte. Genauso wenig wollte man die Bosnischen Serben militärisch angreifen - da diese solche Taten als Kriegshandlungen seitens der NATO hätten verstehen können."

In der NZZ erinnert Manuel Gogos an den Militärputsch in Griechenland vor fünfzig Jahren und die griechischen aber auch europaweiten Proteste dagegen: "Bereits unmittelbar mit dem Bekanntwerden der Machtergreifung hatte von Stockholm bis Paris, von Rom bis München eine Welle der Empörung eingesetzt. Nicht nur in den linken Studentenprotesten der Jahre 1967/68 werden antidiktatorische Slogans skandiert, wie 'Pattakos an die Wand, für ein rotes Griechenland'; auch Kirchen, kritische Medien, Parteien und Gewerkschaften bringen sich 'Wider die Diktatur an der Wiege der Demokratie' in Stellung. Der Spiegel seziert die 'Anatomie einer Diktatur', die Deutsche Welle setzt auf die Macht des engagierten Wortes, Gewerkschaftszeitungen wenden sich in Doppelseiten dem Thema zu. Und auch viele Künstler und Kulturschaffende nutzen die offenen Spielräume außerhalb Griechenlands, wirkungsvoll Kritik am Athener Regime zu üben."

Außerdem: In der FAZ stellt die Osteuropahistorikerin Corinna Kuhr-Korolev die ungemütliche Frage: "Wie viel geraubtes Kulturgut aus Osteuropa befindet sich in deutschen Haushalten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2017 - Geschichte

Markus Roth, der gerade eine Biografie über den einst berühmten Journalisten und kritischen Hitler-Biografen Konrad Heiden schreibt, liest für die taz Stefan Austs Buch, das gerade zum Thema erschienen ist. Das Problem mit Heiden, sagt Roth, ist dass kaum persönliche Dokumente vorliegen. Er kann darum verstehen, dass Aust Heiden sehr viel im O-Ton zitiert. Allerdings ist das nicht alles: "Was Aust seinen Lesern .. verschweigt, ist, dass er sich Heidens Text sehr viel umfassender zu eigen macht, als es durch Anführungszeichen ausgewiesen ist. Austs Buch ist voll von Heiden-Zitaten, die als Text von Stefan Aust erscheinen, von wörtlichen Übernahmen, die nicht kenntlich gemacht wurden - von Verschleierungen der wahren Autorschaft. Der einzige Unterschied ist mitunter das Tempus. Wo Heiden im Präsens schrieb, hat Aust den Text ins Präteritum gesetzt. Schreibt Heiden in alter Rechtschreibung, ändert Aust dies in die neue; hinzu kommen manchmal kleine stilistische Eingriffe - das Semikolon aber, Heidens Marotte, blieb."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2017 - Geschichte

Paul Ingendaay (FAZ) besucht den Historiker Robert Gerwarth, der gerade ein Buch über die Verlierer des Ersten Weltkriegs geschrieben hat, und lernt dabei die untergegangenen Reiche zu lieben: "Manches spricht dafür, die Jahre nach 1918 im Sinne osteuropäischer Historiker als Zeit eines 'erweiterten europäischen Bürgerkriegs' zu deuten. Der Untergang der großen Reiche und die Auflösung ihrer Suprastrukturen führten zur Entfesselung ethnischer Konflikte, die nur gewaltsam unter Kontrolle zu bringen waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2017 - Geschichte

Im Flensburger Schifffahrtsmuseum eröffnet morgen die Ausstellung "Rum, Schweiß und Tränen", die sich mit der Kolonialgeschichte Flensburgs auseinandersetzt. Die jamaikanische Kulturwissenschaftlerin Imani Tafari-Ama, die die Ausstellung kuratiert hat, berichtet im Gespräch mit David Joram (taz) von der Schwerigkeit, dem Thema Kolonialismus in Deutschland Aufmerksamkeit zu verschaffen: "Wenn ich Deutsche nach ihrer kolonialen Schuld befrage, heißt es oft, das kollektive Gedächtnis sei eben mit dem Holocaust viel zu sehr beschäftigt gewesen. Der habe alles andere verdrängt. Das mag stimmen. Trotzdem bleibt der Genozid an den Herero & Nama in Namibia bestehen; trotzdem bleiben die Unterdrückungsmaßnahmen in Togo, in Ruanda, in Tansania, in Kamerun - oder eben auf den Jungferninseln - Verbrechen, für die jemand haften muss. Die Europäer müssen anerkennen, dass die Verschleppung der Afrikaner das größte Verbrechen in der Menschheitsgeschichte ist, größer noch als der Holocaust."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2017 - Geschichte

An den Ursachen für die Niederlage im Sechstagekrieg 1967 hat sich in Ägypten nicht viel geändert, und das nutzen heute unter anderen die Islamisten, meint der ägyptische Historiker Khaled Fahmy im Interview mit der SZ: "Meiner Ansicht nach ist es eine Folge des politischen Systems, das Nasser in den 15 Jahren davor installiert hatte. Es gab keine Wahlen, ein willfähriges Parlament, gleichgeschaltete Medien. Gewerkschaften und Berufsverbände wurden von den Sicherheitsdiensten kontrolliert. Niemand traute sich, Kritik zu üben. Nasser hat die Menschen infantilisiert. Er trat als Beschützer der Massen auf - und nahm ihnen ihre politischen Rechte. Im Sechstagekrieg wurde er zum Opfer eines Systems, das er selbst geschaffen hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2017 - Geschichte

In der taz erinnert Susanne Kaul mit einer Reportage über zwei Familien an den Sechstagekrieg vor fünfzig Jahren.
Stichwörter: Sechstagekrieg

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2017 - Geschichte

Das Potemkinsche Dorf ist im Russland Putins zur Dauereinrichtung geworden, schreibt Sonja Margolina, die dem Phänomen in der NZZ einen historischen Rückblick widmet. "Der russische Absolutismus trat zwar im Konzert europäischer Mächte als selbstbewusster Akteur auf, zugleich war ihm jedoch bewusst, dass er den Anforderungen eines modernen Staates nicht gewachsen war. ... Die Ansteckungsgefahr durch Revolutionen und Befreiungsbewegungen verleitete die Despotie zur Selbstisolierung. Russische Untertanen durften bis 1862 nicht ins Ausland reisen. Auch Ausländer waren, anders als unter Katharina II., nicht mehr willkommen. Nach dem entlarvenden Reisebericht von Marquis de Custine 'Russland im Jahre 1839', in dem er das Zarenreich als 'Land der Fassaden' bezeichnet hatte, fühlte sich sein Gastgeber Nikolaus I. in seiner Abneigung gegenüber dem Westen aufs Neue bestätigt."

Die taz hat heute ihren Schwerpunkt zu 67. Lesenswert ein Interview mit Howard Rheingold über die Anfänge der Cyberkultur und die Bedeutung des Whole Earth Catalog für die 68er.