9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2021 - Geschichte

Die deutsche Regierung will sich bei den Herero und Nama entschuldigen und über dreißig Jahre eine Milliarde Euro an Unterstützung zahlen. Aus diesem Anlass wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Namibia reisen. In der taz erklärt der Historiker Jephta Nguherimo, Autor  Autor des Buches "unBuried-unMarked: The unTold Namibian Story of the Genocide of 1904-1908", warum das nicht genug ist. "Steinmeier und sein namibischer Amtskollege Hage Geingob verstehen nicht, worum es geht, wenn wir, die Betroffenen, die Wiederherstellung unserer Würde als von der Erinnerung und den Narben der Verbrechen gezeichnete Völker einfordern. Wiederherstellung unserer Würde heißt Entschädigung für unser gestohlenes Land und Rekonstruktion der dem Völkermord zum Opfer gefallenen soziokulturellen und ökonomischen Aspekte unserer Gesellschaften."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2021 - Geschichte

Deutschland erkennt die Ermordung der Herero und Nama nun als Völkermord an und wird sich entschuldigen und zur Wiedergutmachung gut eine Milliarde Euro zur sozialen Unterstützung zahlen. In der SZ findet Bernd Dörries, dass sich die Bundesregierung inzwischen auch dafür entschuldigen musste, dass sie sich so spät entschuldigt: "Den Genozid in Namibia hat man stets als juristisches Problem behandelt, nicht als menschlich-moralisches. Es sollte bloß kein Präzedenzfall geschaffen werden angesichts des Leids anderer Völker. Gleichzeitig zeigte die Politik mit dem Finger auf andere, verurteilte den Völkermord der Türken an den Armeniern."

In der Welt erinnert Hannes Stein an das Massaker von Tulsa in Oklahoma, bei dem 1921 ein weißer Lynchmob das schwarze Stadtviertel Greenwood zerstörte und bis zu dreihundert Menschen tötete: "Es gibt ein Wort für das, was 1921 in Tulsa, Oklahoma, geschah: Pogrom. Zeitungen wie die New York Times verurteilten das Massaker. Aber in jenem Teil von Tulsa, wo die Sieger wohnten, wurden hinterher Postkarten verkauft, die brennende Häuser und schwarze verstümmelte Körper zeigten. Weiße Kapuzen mit weißen Roben blieben für viele Jahre das beliebteste Halloweenkostüm für Kinder. Tausende traten in den Ku-Klux-Klan ein. Offiziell nannte der Klan sich 'Benevolent Society', wohltätige Gesellschaft; ein Jahr nach dem Pogrom errichtete er eine Art Tempel, der sich 'Beno Hall' nannte. Die Leute in Tulsa sagten: 'Beno' - das stehe als Abkürzung für 'Be No Nigger, Be No Catholic, Be No Jew'." WNYC Studios haben zu den Ereignissen von Tulsa eine hervorragende Podcast-Reportage erstellt, die ab nächster Woche aus außerhalb der USA hörbar ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2021 - Geschichte

Es hilft immer, sich seine Meinung nicht nur am Schreibtisch zu bilden, lernt man aus einem Interview der SZ mit dem schottischen Germanisten Ritchie Robertson über die Frage, ob die Aufklärung die Grundlage für den Rassismus legte: "'Rassische' Ungleichheit war kein zentraler Gedanke der Aufklärung. Er schlich sich überall da ein, wo man versuchte, die Menschheit zu klassifizieren. Aber konkrete Kontakte und Reisen veränderten das Denken. Ein Beispiel: Als besonders wild galten die 'Hottentotten' im heutigen Namibia. Aber dann erschienen Reiseberichte, die ihre Kultur verteidigten. Und ein Reisender wie Georg Forster stellt seine ethnografischen Beobachtungen mit größtem Respekt an. Die Reisenden der Aufklärungszeit behaupten keineswegs eine prinzipielle Überlegenheit des 'Westens'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2021 - Geschichte

Beat Stauffer, Autor von Büchern über den Maghreb, erinnert in der NZZ an den einstigen Multikulturalismus Arabiens - am Beispiel etwa der Hafenstadt La Goulette in Tunesien: "Viele heutige Bewohner der Stadt dürften nichts mehr davon wissen, dass La Goulette einst ein Schmelztiegel war, in dem Angehörige fast aller Mittelmeerkulturen miteinander lebten, dass hier die Schauspielerin Claudia Cardinale geboren wurde und dass es einst ein Quartier namens La Petite Sicile gab. Nur im Film 'Un été à La Goulette' des tunesischen Filmschaffenden Férid Boughedir ist dieser vergangenen Zeit ein Denkmal gesetzt. Tempi passati. Der heutige Bürgermeister von La Goulette gehört der islamistischen Partei Ennahda an. Mit Diversität hat diese Partei nichts am Hut, ganz im Gegenteil. Sie kämpft unermüdlich für die Erhaltung der 'islamischen Identität' Tunesiens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2021 - Geschichte

Sophie Scholl wäre in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden und wird gebührend gefeiert. Das ist gut so, schreibt Joachim Käppner in der SZ: "Und dennoch: Man wird niemals an der traurigen Wahrheit vorbeikommen, dass eine zeitweise beträchtliche Mehrheit der Deutschen das Regime mittrug, es unterstützte oder ihm gar zujubelte. Aktiver Widerstand gegen Adolf Hitler war die Sache einer verfemten Minderheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2021 - Geschichte

Amerikanischer Rassismus ist nicht mit europäischem Rassismus gleichzusetzen, hält Toni Stadler in der NZZ mit Blick auf die Geschichte fest: "Der institutionelle Rassismus Europas war (mit Ausnahme des Nationalsozialismus) nicht gegen ethnische Minderheiten zu Hause gerichtet, sondern primär gegen Andersfarbige weit weg. Moralisch besser macht ihn das nicht, aber anders als in den USA. Mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 verschwand die rassistische Literatur aus ordentlichen Haushalten."

In den USA ist nach der Enthüllung einer Bronzeskulptur im New Yorker Central Park eine Diskussion über den angeblichen Rassismus der Suffragetten entbrannt, die Vorwürfe basieren unter anderem "auf der Behauptung, die Vorkämpferinnen für das Frauenstimmrecht hätten sich an einer angeblichen Vorzugsbehandlung schwarzer Männer gestört", berichtet Marc Neumann in der NZZ und wendet ein: "Wenn sich jemand darüber ärgert, dass man das eine (Abschaffung der Sklaverei, Wahlrecht für Afroamerikaner) tut, aber das andere (Wahlrecht für weiße und schwarze Frauen) lässt, dann macht das noch niemanden zum Rassisten, sondern vielmehr zur Kämpferin für soziale Gerechtigkeit für alle, Frauen inklusive."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ schreibt die Historikerin und Biografin Maren Gottschalk über die Widersprüche der Sophie Scholl.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2021 - Geschichte

Die neu edierten Tagebücher aus der Nazizeit der SPD-Politikerin Anna Haag sind in der Presse in den letzten Wochen gefeiert und naheliegender Weise mit denen Victor Klemperers verglichen worden. Günter Randecker rückt bei kontext allerdings einige Behauptungen über Haag gerade. Die Tagebücher sind keineswegs zum ersten Mal publiziert worden. Und sie basieren auf einer Bearbeitung in der Nachkriegszeit. Es gebe Schönungen im Detail, auch stimme es nicht, wie in einigen jüngsten Rezensionen behauptet, dass Haag in der Nazizeit Schreibverbot hatte. Er zitiert aus einigen regimefrommen Schriften Haags. Das Tagebuch ist für ihn damit nicht entwertet. Aber "es sind solche offensichtlichen Widersprüche und Ambivalenzen, die deutlich machen: Anna Haags handschriftliches Tagebuch hat eine sorgfältige Edition mit exakten Anmerkungen verdient, eine Edition, die auch Unterschiede zwischen den verschiedenen Fassungen benennt und kenntlich macht. Zu solch mangelhaften Ausgaben, wie es jetzt passiert ist, kann es kommen, wenn sich weder Verlag noch Herausgeberin ausreichend um die originäre Quelle kümmern."

In den USA wird zum 200. Todestag vor allem über die Wiedereinführung der Sklaverei durch Napoleon in den französischen Kolonien diskutiert, so schrieb die aus Haiti stammende Historikerin Marlene L'Haut etwa in der New York Times, Napoleon habe keine Gedenkfeier verdient, weiß Stefan Brändle in der FR und ergänzt: "War Napoleon ein Kolonialist, Rassist, ja ein Sklaventreiber? Auf jeden Fall ein Kind seiner Zeit. 'Ganz einfach, ich bin für die Weißen, weil ich weiß bin', sagte er und höhnte: Die Afrikaner seien so unzivilisiert, dass sie nicht einmal wüssten, 'was Frankreich ist'. Bonapartisten geben zu bedenken, ihr Idol habe in seinen Armeen auch Dunkelhäutige bis in den Generalsrang befördert, so den Vater des Schriftstellers Alexandre Dumas. Doch das wiegt wenig im Vergleich zur Wiedereinführung der Sklaverei 1802. Die Französische Revolution hatte sie erst acht Jahre zuvor abgeschafft und damit Hundertausenden auf der ganzen Welt Hoffnung, wenn nicht die Freiheit gegeben. Bonaparte verschärfte aber sogar den furchtbaren 'Code Noir' (Schwarzes Gesetz), der die importierten Sklaven Möbelstücken gleichstellte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2021 - Geschichte

Anders als seine Vorgänger, die Napoleon-Jubiläen mieden, wird Emmanuel Macron heute den 200. Todestag dieses Urbilds aller Caudillos, Putschisten und Gran Liders begehen, berichtet Michaela Wiegel in der FAZ. Offenbar fühlt er sich dem bonapartistischen Erbe Frankreichs, das ebenso prägend ist wie das absolutistische, verbunden: "Der Präsident wolle in seiner Rede 'das Beste des Kaisers' erwähnen, ohne 'das Schlimmste des Kaiserreichs' zu vergessen, heißt es im Elysée-Palast. 'Gedenken ist nicht Zelebrieren', äußerte ein Berater. Macron wolle sich 'zehn Generationen später' nicht ein rückblickendes Urteil anmaßen. An der Gedenkstunde sollen nicht nur Mitglieder der französischen Wissenschaftsakademien teilnehmen, auch Oberschüler sind eingeladen. Die beschwichtigenden Erklärungen aus dem Elysée zeigen, wie heikel das Gedenken bleibt."

Das ist typisch Macron, der weder aus einer rechten noch aus einer linken Tradition kommt, meint der Historiker Nicolas Offenstadt im Interview mit der SZ. "Er betont einerseits sehr unkritisch die Kontinuität Frankreichs. Zum 150. Jahrestag der Republik hat er gesagt, dass wir uns zu unserer Geschichte bekennen müssten, dass wir ihr zustimmen sollen. ... Doch die andere Seite der Medaille ist, dass Macron auch Frankreichs Verbrechen klar benennt, dass er auch die negativen Seiten zeigt. Er hat die Verantwortung des Staates für die Folter und Ermordung der algerischen Unabhängigkeitskämpfer Maurice Audin und Ali Boumendjel anerkannt. Und das entspricht überhaupt nicht den Hardlinern des Roman national."

In der FR wirft Arno Widmann mit den Brüdern Goncourt einen Blick auf die Geschichte, die Napoleon hervorbrachte: Sie veröffentlichten 1862 "'Die Frau im 18. Jahrhundert'. Darin heißt es: 'Im 18. Jahrhundert ist die Frau das regierende Prinzip, die anordnende Vernunft, die kommandierende Stimme. Sie ist universelle, alles entscheidende Ursache, der Ursprung aller Ereignisse, die Quelle aller Dinge.' So betrachtet muss man die Französische Revolution auch sehen als den Aufstand richtiger Männer gegen den von den Pompadours und Marie Antoinettes effeminierten Königshof. Die Republik ist Männersache. Olympe de Gouges, die dagegen zu Felde zog und energisch das Wahlrecht für Frauen einforderte, wurde am 3. November 1793 mit der Guillotine hingerichtet. ... Die Revolution war, legen die Goncourts nahe, ein männlicher Backlash. An ihrem Ende steht mit dem kleinen Napoleon der große Mann par excellence."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2021 - Geschichte

Stefan Reinecke liest für die taz die kürzlich freigegebenen FBI-Berichte über Rudi Dutschke, die zeigen, wie intensiv die Behörde unter dem fanatischen J. Edgar Hoover Dutschkes Werdegang verfolgte und die letztlich darauf hinausliefen, dass man Dutschke trotz seiner amerikanischen Ehefrau kein Visum für die Einreise erteilte. "Kurzum: Weil Dutschke eine Bedrohung ist, dürften 'humanitäre Gründe und familiäre Zusammenhänge' keine Rolle spielen. Der SDS-Mann aus Westberlin wird, so die Befürchtung, in den USA zum 'neuen Führer der Neuen Linken' aufsteigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2021 - Geschichte

Sophie Scholl, die in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre, wurde nicht als Widerstanskämpferin geboren, schreibt der Scholl-Biograf Robert M. Zoske in der taz, im Gegenteil, zu Beginn war sie eine begeisterte Nazi-Anhängerin. Ihr Bruder Hans habe den Anstoß zum Widerstand gegeben: "Auch er war zunächst ein nationalsozialistischer Fahnenträger, der ohne Weiteres ein SS-Mann hätte werden können. Doch die staatliche Verfolgung aufgrund seiner Arbeit mit Jungen außerhalb der Hitlerjugend und seine lange homosexuelle 'große Liebe' zu einem Jugendlichen seiner Gruppe entfremdeten ihn vom Nationalsozialismus. In Frankreich und Russland erlebte er als Soldat und Medizinstudent die Gräuel des Kriegs. Mit seinem engsten und 'einzigen Freund' Alexander Schmorell schrieb er Mitte 1942 die ersten vier Flugblätter der Weißen Rose und rief zum Widerstand auf."