9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2021 - Geschichte

Das neue "Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung" (Website) erinnert an die Flucht von 14 Millionen Deutschen, ohne die historische Verantwortung zu schmälern, erzählt Jörg Lau in der Zeit. Freundlich empfangen wurden die Flüchtlinge übrigens nicht: "Sie waren tatsächlich so unwillkommen wie die meisten Flüchtlinge in der Menschheitsgeschichte. Das Trauma, alles verloren zu haben - und die Erfahrung, die Berechtigung zum 'Lastenausgleich' in einem erniedrigenden Verfahren beantragen zu müssen, in dem die Vertriebenen oft genug wie Schmarotzer und Sozialbetrüger behandelt wurden -, belastet die Betroffenen bis heute. Oft werden noch deren Nachkommen das Gefühl nicht los, nirgends richtig dazuzugehören." Besprechungen und Hintergründe zur Ausstellung bringen außerdem FR und Berliner Zeitung.

Außerdem: Julia Hubernagel berichtet in der taz über das Hohenzollern-Wiki von Historikern, die von Klagen der Familie überzogen wurden, ebenso Patrick Bahners in der FAZ (unser Resümee).

Die "Plage" der Besitzansprüche der Hohenzollern geht auf die Weimarer Republik zurück, schreiben die Historiker Peter Brandt und Lothar Machtan in der SZ: "Sie beginnt nämlich damit, dass der erste parlamentarisch regierte Staat, der 1918/19 in Deutschland entstand, der gestürzten Hohenzollern-Monarchie von Anfang an mit einer erstaunlichen Kulanz gegenübertrat. Weniger freundlich formuliert, lässt sich sagen, dass er hier macht- wie geschichtspolitisch 'gekniffen' hat. Statt Tabula rasa zu machen, suchten die Berliner 'Volksbeauftragten' den revolutionären Sturz der Hohenzollern-Dynastie durch großzügige staatliche Zuwendungen an die Entthronten gleichsam wiedergutzumachen. Durch diese verkappte Danksagung für den formellen Thronverzicht verhalfen sie der Familie Preußen zu einer Art Sonderstatus. Das Dilemma, in dem sich der Staat heute in diesem Streit um Rückerstattungen befindet, begann also schon 1918: als man den nach Holland entflohenen König und Kaiser Wilhelm II. sich nicht nur dort ungestört etablieren ließ, sondern ihm auch noch unglaubliche Mengen königlichen (nicht unbedingt privaten) Besitzes ungeprüft hinterherschickte: mehr als 60 Güterwagen der Eisenbahn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2021 - Geschichte

Die Hohenzollern wollen Geld vom Staat, das sie nur kriegen sollen, falls sich zur allgemeinen Überraschung herausstellt, dass sie den Nazis keinen erheblichen Vorschub geleistet haben. Auf dem Weg dahin überziehen sie Forscher und Journalisten bei kleinsten Fehlern mit teuren Klagen und Aufforderungen zur Unterlassung (auch der Perlentaucher war betroffen). Die Historiker wehren sich nun mit einer Dokumentationsseite im Internet, berichtet Christian Staas bei Zeit online und erinnert an die Auseinandersetzung: "Die Klagen des Prinzen folgten in ähnlich hoher Schlagzahl wie die Pressebeiträge und Interviewäußerungen kritischer Historiker. Und mittlerweile sind sie längst nicht mehr nur ein Ärgernis für die Betroffenen und jene, die Sorge haben, bei einem falschen Wort abgemahnt zu werden. Sie sind auch zum Problem für die Klagenden selbst geworden: zu einem Politikum in den außergerichtlichen Verhandlungen."

Die Historikerin Hedwig Richter, die mit "Demokratie- Eine deutsche Affäre" einen Besteller gelandet hatte und auf Twitter bestens vernetzt ist, ist von einigen Kollegen in äußerst scharfen Kritiken abgewatscht worden (unser Resümee). Jetzt antwortet sie im geisteswissenschaftlichen Rezensionsmagazin Sehepunkte auf ihre Kritiker, darunter besonders Andreas Wirsching (hier) und Christian Jansen (hier). Historiker seien zu sehr in den Begriffen der alten Bundesrepublik verhaftet, schreibt sie: "Das gilt auch für die Unterscheidung von 'Demos' und 'Ethnos', die beide Rezensenten bei mir vermissen. So wichtig für heutige Demokratien diese Differenz ist, so wenig prägte sie die Demokratiegeschichte. Die französischen Revolutionäre verstanden die viel gepriesene egalitäre 'Nation' keineswegs als ein Gleichheitskonzept für alle Menschen. Die USA blieben bis weit ins 20. Jahrhundert eine zutiefst rassistische, häufig dezidiert fremdenfeindliche Demokratie. Anders als die rechtsstaatlich schwache US-Demokratie des 19. Jahrhunderts setzte der starke Obrigkeitsstaat des Kaiserreichs hingegen die garantierten Rechtsgleichheiten für Männer immer wieder durch: Trotz aller Diskriminierungen etwa konnten die als fremde 'Nation' geltenden Polen ihr Wahlrecht ausüben und mit eigenen Kandidaten ins Parlament einziehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2021 - Geschichte

Ulrich Herbert hat zusammen mit Susanne Heim und Götz Aly die monumentale Quellensammlung zur "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" herausgegeben, die nun nach 16 Bänden abgeschlossen sind (aus drei davon haben die Herausgeber Vorabdrucke im Perlentaucher gebracht, hier, hier und hier). In der taz spricht Herbert mit Stefan Reinecke über die Edition. Auf die Frage, ob es noch weiße Flecken auf der Forschungslandkarte der Judenvernichtung gebe, antwortet er: "Ja. Vor allem in Südosteuropa, in Griechenland, Rumänien, in der Ukraine. In den letzten Jahren wird der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Interessen und Vernichtungspolitik verstärkt diskutiert und erforscht - in Deutschland und in den einst besetzten Ländern. Der Holocaust war auch und vielfach sogar in erster Linie ein systematischer, staatlich organisierter Raubmord."

Susanne Gaschke unterhält sich in der Welt mit dem Hohenzollernprinz Georg Friedrich, der die Rolle seiner Familie fürs Zustandekommen des Naziregimes nicht völlig herunterspielt: "Ich selbst habe mehrfach betont, dass die Jahre von 1930 bis 1935 in politischer und moralischer Sicht der Tiefpunkt unserer fast tausendjährigen Familiengeschichte waren." Aber das Kaiserreich sei doch auch eine gute Sache gewesen, sagt er dann im Hedwig-Richter-Sound und schafft es glatt seinen Vorfahren ein Verdienst an der Entstehung der Sozialdemokratie zuzurechnen, weil es ja "auch positive Entwicklungen gab, zum Beispiel unabhängige und erfolgreiche Wissenschaften. Eine fortschrittliche Sozialpolitik, die zwar ursprünglich den Sozialdemokraten das Wasser abgraben sollte, sie aber unter dem Strich stark machte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2021 - Geschichte

In der SZ fragt Lothar Müller, warum keine Archäologen zugezogen wurden, als bei Ausschachtungsarbeiten rund um die Universitätsbibliothek in Berlin Dahlem im Sommer 2014 Knochenfragmente gefunden wurden. Auf dem Gelände stand früher das Kaiser-Wilhelm-Institut, das die Rassen- und Geburtenpolitik der Nazis wissenschaftlich unterfütterte und die Zwillingsforschung Joseph Mengeles unterstützte. Die Knochen wurden inzwischen eingeäschert. "Die Herkunft der Knochen aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut ist also so gut wie sicher, wo sie aber zuvor waren, lässt sich nicht bestimmen. Der Verdacht, dass ihre Herkunftsgeschichte nach Auschwitz und zu Josef Mengele führt, kann nicht zur Gewissheit werden. Er bleibt aber bestehen."
Stichwörter: Mengele, Josef

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2021 - Geschichte

In der FR erinnert Arno Widmann an die vor zweihundert Jahren geborene Frauenrechtlerin und Autorin Luise Büchner, die heute heillos im Schatten ihres Bruders Georg steht: "In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Ludwig und Luise Büchner weitaus bekannter. Die Bedeutung ihres genialen Bruders war keinem der Geschwister klar. Luise war zum Beispiel gegen die von Karl Emil Franzos geplante Veröffentlichung des Woyzeck-Fragmentes. Nicht etwa wegen Franzos' massiver Eingriffe in den Text, sondern weil sie fand, das Werk schade dem Ansehen ihres Bruders. Es ist eine beeindruckende Familienkonstellation. In einer Generation Georg, Luise und Ludwig. Davor fast nichts und danach wieder nichts. 'Nichts' ist natürlich Unsinn, aber es verblüfft doch die Explosion von Kreativität in dieser einen Generation. Und nur dort. Wie kommt sie zustande? Warum verpufft sie wieder? Anders als bei den Bachs. Georg und Ludwig, beide werden sie Mediziner wie der Vater. Die Tochter wäre es wahrscheinlich auch geworden. Familien sind rätselhafte Brutstätten."
Stichwörter: Büchner, Luise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2021 - Geschichte

Der Historiker Wolfram Wette erinnert in der Zeit an den Überfall auf die Sowjetunion vor achtzig Jahren, der zur Überraschung Stalins die Idylle des Hitler-Stalin-Pakts jäh beendete. Ziel war "die Eroberung von 'Lebensraum im Osten', seine Ausbeutung und Germanisierung, was sich nur erreichen ließ durch die Vernichtung all jener Menschen, die es wagen sollten, sich den Deutschen entgegenzustellen. Zugleich hatte Hitler das alles überwölbende Feindbild benannt: die 'jüdisch-bolschewistische Machthaberschaft' in Moskau - ein Topos, der schon lange vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten geläufig war und der weit über das Kriegsende 1945 hinaus seine giftige Wirkung entfalten sollte."

Bereits vorgestern hatte Götz Aly in der Berliner Zeitung an den Überfall erinnert und beklagt zum wiederholten Male, dass der Bundestags des Überfalls nicht gedenkt: "Am Ende waren 27 Millionen sowjetische Männer, Frauen und Kinder von Deutschen getötet und viele zehn Millionen in tiefes Unglück gestürzt worden. Daran will der Deutsche Bundestag und wollen viele Deutsche bis heute nicht erinnern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2021 - Geschichte

In Berlin haben gestern Denkmalschützer, Politiker und Sportfunktionäre über die Zukunft des Olympiageländes in Berlin - einst das "Reichssportfeld" der Nazis - diskutiert, berichtet Jan Heidtmann in der SZ. Die Denkmalpflege will das Areal samt Skulpturen unangetastet lassen. "Als 'Denkmal und Zeugnis der Olympischen Idee, Zentrum für Breiten- und Spitzensport, Ort für Kulturveranstaltungen und Grünraum, NS-Erbe und eine der bedeutendsten Sportanlagen des 20. Jahrhunderts', wie Thomas Härtel, Präsident des Landessportbundes, es einordnet." Der SPD-Politiker Peter Strieder dagegen will die Skulpturen abräumen, "die unkommentiert auf dem Gelände stehen. Und um das Maifeld insgesamt, von Wällen aus 'deutscher Erde' gesäumt. 'Lass es uns öffnen, lass uns dort feiern', sagt er. 'Die Stadtgesellschaft muss es sich aneignen.' Ein Beispiel dafür, wie das gehen könnte, sei das Tempelhofer Feld, ein ebenfalls für die Nazis zentrales Gelände in Berlin, heute eine Freifläche für alle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2021 - Geschichte

Übersetzer haben manchmal einen intimeren Kontakt zu einem Text als selbst der Autor - sie sehen, wie ein Text strukturiert ist, und ob er funktioniert. Im Gespräch mit Martina Meister von der Welt spricht der Übersetzer Olivier Mannoni über die Tendenz von Übersetzern, die Fehler von Originaltexten zu glätten oder stilistische Grobheiten abzuschleifen. Das hat er bei Hitlers Pamphlet "Mein Kampf", das jetzt in seiner wissenschaftlichen Übersetzung in Frankreich herauskommt, nicht getan. Und er redet sich seinen Frust von der Seele: "'Mein Kampf' ist unlesbar, ein entsetzliches Buch, das grob dahingefuscht wurde: schlecht gedacht, schlecht konzipiert, schlecht geschrieben. Die Sprache ist konfus, überfrachtet und voller Syllogismen. Beim Übersetzen muss man in die Tiefe gehen, und da merkt man, wie ein Text gebaut ist, und auch, dass man es in diesem Fall mit einem extrem schwammigen Denken zu tun hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2021 - Geschichte

Auf dem Gelände des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts sind schon vor einigen Jahren Knochen gefunden worden. Laut Götz Aly in der Berliner Zeitung spricht einiges dafür, das es sich um Überreste von Auschwitzgefangenen handelte, die von Josef Mengele gequält worden waren - denn Mengele schickte seine "Präparate" an dieses Institut. Dem damaligen FU-Präsidenten Peter-André Alt wirft Aly vor, die Funde heruntergespielt zu haben. Die Konchen wurden eingeäschert. Seit einiger Zeit gibt es weitere Funde, analysiert von den FU-Archäologen Reinhard Bernbeck und Susan Pollock: "Allerdings setzt der heutige Präsident der FU, der Mathematiker Günter M. Ziegler, viel daran, über die ihm sichtlich unangenehme Angelegenheit schnell Gras wachsen zu lassen. Er unterbindet bis heute die von den Archäologen seiner Universität vorgeschlagenen weiteren Grabungen. Statt Aufklärung versprach er im Februar ein kleines Gedenkritual und einige erklärende Tafeln bislang unbekannten Inhalts." Aly fordert weitere Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts.

Im Tagesspiegel fordern Johanna Korneli, Max Czollek und Jo Frank eine "plurale Erinnerungskultur", keine nationale mehr. Es geht nicht darum, "die in den vergangenen Jahrzehnten entwickelte deutsche Erinnerungskultur in Gänze zu dekonstruieren", versichern sie. "Ziel ist eine Weitung des Blicks. So könnte der 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus auch weitere Gruppen von im Nationalsozialismus Ermordeter in unser Gedenken miteinschließen - Sinti*zze und Roma*nja, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung." Zugleich will man auch Erinnerungsmomente pflegen, "die zum pluralen Deutschland und seinen Einwohner:innen gehören, die noch gar keinen Raum im deutschen Erinnerungsnarrativ haben: der Krieg in Afghanistan, in Syrien, im Irak, die Revolution im Iran, die Migration als Ergebnis der Implosion der Sowjetunion, das Leben als Nachfahren kolonialer Unterdrückung".

Perlentaucher Thierry Chervel antwortet auf A. Dirk Moses' Polemik über den angeblichen "Katechismus der Deutschen", der darin bestehe, quasi religiös an die "Singularität" des Holocaust zu glauben (unsere Resümees): "Jedes Ereignis ist singulär, nur beim Holocaust wird die Singularität in Frage gestellt. Bei jedem Ereignis dienen Vergleiche dazu, die Singularität herauszuarbeiten, aber auch Verbindungen zu anderen Ereignissen offenzulegen. Am Ende bleiben einige Besonderheiten, sonst wäre das Ereignis keins. Die Infragestellung der Singularität ist die eigentliche Besonderheit in der Debatte um den Holocaust." Das religiöse Denken verortet Chervel bei Moses und Co. : "Der Postkolonialismus ist der Kampf des Narrativs gegen die Erzählung."

Äußerst gründlich und ziemlich skeptisch liest Simon Strauß in der FAZ das 137-seitige Programm der Grünen, die er trotz ihres mageren Abschneidens in Sachsen-Anhalt bundesweit auf der Siegerstraße sieht. Er stellt einige Widersprüche fest, einige recht liberale Äußerungen zu Wirtschaft, aber viel Doktrinäres und Identitätspolitisches zum Thema "Zusammen leben". Außerdem notiert er, dass die jüngsten Geschichtsdebatten schon Eingang ins Programm gefunden haben. Beim Stichwort Erinnerungskultur toppt der Kolonialismus den Holocaust. "Der Absatz endet mit einem zweifelhaften Plädoyer für die Erweiterung des kollektiven Gedächtnisses: 'Gleichzeitig muss sich die deutsche Erinnerungskultur für die Erfahrungen und Geschichten der Menschen öffnen, die nach Deutschland eingewandert sind, und das Gedenkstättenkonzept entsprechend weiterentwickelt werden.' Was genau soll das heißen - 'weiterentwickeln'? (…) Sechs Mal fällt im Programm das Wort 'kolonial', kein einziges Mal die Begriffe 'Holocaust' oder 'Shoa' - das sind die Grünen im Jahr 2021 eben auch."

Außerdem: In seinem Blog republiziert Richard Herzinger einen älteren Text, in dem er an den Historikerstreit vor 35 Jahren erinnert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2021 - Geschichte

Vor hundert Jahren fand einer der extremsten Ausbrüche rassistischer Gewalt in der Geschichte der USA statt, das Pogrom von Tulsa. Präsident Joe Biden hat den gestrigen Montag und den heutigen Dienstag zu Tagen des Gedenkens an das Massaker erklärt. Ed Pilkington erinnert im Guardian an dieses Ereignis. Die Zahl der Toten wird auf 300 geschätzt. Belangt wurde niemand: "Eines der frappierendsten Merkmale des Massakers von 1921 ist, dass trotz des Ausmaßes und der Grausamkeit der Gewalt - zusätzlich zu den Morden wurden etwa 1.200 Häuser von Schwarzen zerstört - nicht eine der mehr als hundert Anklagen, die in der Folge erhoben wurden, jemals vor Gericht verhandelt wurde."

"Danach wurde eine Decke des Schweigens über die Stadt gebreitet", setzt Gilles Paris in Le Monde die Geschichte fort: "Die Tulsa Tribune, eine lokale Zeitung, erwähnte die Tragödie in ihren Gedenkspalten nicht. Der Präsident der Vereinigten Staaten erinnerte am Montag daran, dass alles getan wurde, um die Wunden offen zu halten, und verwies insbesondere auf die Verantwortung der Gemeinde sowie des Bundesstaates bei der Einführung von Bauvorschriften, die die Kosten für einen eventuellen Wiederaufbau des verwüsteten Gebiets erhöht hätten."

Matthias Küntzel erinnert bei mena-watch.de an den "Farhud" ein Pogrom gegen die Juden von Bagdad vor genau achtzig Jahren. 179 Menschen wurden umgebracht, viele Geschäfte wurden zerstört. Das Pogrom wurde angestachelt von Amin al-Husseini, dem Mufti von Jerusalem, der sich zu dieser Zeit in Bagdad befand (kurz vor dem Pogrom aber geflohen war) und der Rundfunkpropaganda aus Berlin, so Küntzel. "In den kommenden Wochen wurde insbesondere der Islam für die Zwecke des Nationalsozialismus eingesetzt. Während dieser Wochen stand der Mufti al-Husseini mit den Machern des Nazi-Rundfunks in Zeesen bei Berlin in ständigem Kontakt. Das arabischsprachige Programm dieses Nazi-Senders war in Bagdad bekannt und beliebt."