Auf dem Gelände des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts sind schon vor einigen Jahren
Knochen gefunden worden.
Laut Götz Aly in der
Berliner Zeitung spricht einiges dafür, das es sich um Überreste von Auschwitzgefangenen handelte, die von
Josef Mengele gequält worden waren - denn Mengele schickte seine "Präparate" an dieses Institut. Dem damaligen FU-Präsidenten Peter-André Alt wirft Aly vor, die Funde heruntergespielt zu haben. Die Konchen wurden eingeäschert. Seit einiger Zeit gibt es weitere Funde, analysiert von den FU-Archäologen
Reinhard Bernbeck und
Susan Pollock: "Allerdings setzt der heutige Präsident der FU, der Mathematiker Günter M. Ziegler, viel daran, über die ihm
sichtlich unangenehme Angelegenheit schnell Gras wachsen zu lassen. Er unterbindet bis heute die von den Archäologen seiner Universität vorgeschlagenen weiteren Grabungen. Statt Aufklärung versprach er im Februar ein kleines Gedenkritual und einige erklärende Tafeln bislang unbekannten Inhalts." Aly fordert weitere Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts.
Im
Tagesspiegel fordern Johanna Korneli, Max Czollek und Jo Frank eine "
plurale Erinnerungskultur", keine nationale mehr. Es geht nicht darum, "die in den vergangenen Jahrzehnten entwickelte deutsche Erinnerungskultur
in Gänze zu dekonstruieren", versichern sie. "Ziel ist eine
Weitung des Blicks. So könnte der 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus auch weitere Gruppen von im Nationalsozialismus Ermordeter in unser Gedenken miteinschließen - Sinti*zze und Roma*nja, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung." Zugleich will man auch Erinnerungsmomente pflegen, "die zum pluralen Deutschland und seinen Einwohner:innen gehören, die noch gar keinen Raum im deutschen Erinnerungsnarrativ haben: der
Krieg in Afghanistan, in Syrien, im Irak, die Revolution im Iran, die Migration als Ergebnis der Implosion der Sowjetunion, das Leben als
Nachfahren kolonialer Unterdrückung".
Perlentaucher Thierry Chervel
antwortet auf
A. Dirk Moses' Polemik über den angeblichen "Katechismus der Deutschen", der darin bestehe, quasi religiös an die "
Singularität" des Holocaust zu glauben (unsere
Resümees): "
Jedes Ereignis ist singulär, nur beim Holocaust wird die Singularität in Frage gestellt. Bei jedem Ereignis dienen Vergleiche dazu, die Singularität herauszuarbeiten, aber auch Verbindungen zu anderen Ereignissen offenzulegen. Am Ende bleiben einige Besonderheiten,
sonst wäre das Ereignis keins. Die Infragestellung der Singularität ist die
eigentliche Besonderheit in der Debatte um den Holocaust." Das religiöse Denken verortet Chervel bei Moses und Co. : "Der Postkolonialismus ist der
Kampf des Narrativs gegen die Erzählung."
Äußerst gründlich und ziemlich skeptisch liest Simon Strauß in der
FAZ das 137-seitige
Programm der
Grünen, die er trotz ihres mageren Abschneidens in Sachsen-Anhalt bundesweit auf der Siegerstraße sieht. Er stellt einige Widersprüche fest, einige recht liberale Äußerungen zu
Wirtschaft, aber viel Doktrinäres und Identitätspolitisches zum Thema "
Zusammen leben". Außerdem notiert er, dass die
jüngsten Geschichtsdebatten schon Eingang ins Programm gefunden haben. Beim Stichwort
Erinnerungskultur toppt der Kolonialismus den Holocaust. "Der Absatz endet mit einem zweifelhaften Plädoyer für die
Erweiterung des kollektiven Gedächtnisses: 'Gleichzeitig muss sich die deutsche Erinnerungskultur für die Erfahrungen und Geschichten der Menschen öffnen, die nach Deutschland eingewandert sind, und das Gedenkstättenkonzept entsprechend weiterentwickelt werden.' Was genau soll das heißen - 'weiterentwickeln'? (…) Sechs Mal fällt im Programm das Wort '
kolonial', kein einziges Mal die Begriffe '
Holocaust' oder '
Shoa' - das sind die Grünen im Jahr 2021 eben auch."
Außerdem: In seinem Blog
republiziert Richard Herzinger einen älteren Text, in dem er an den
Historikerstreit vor 35 Jahren erinnert.