9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2021 - Geschichte

Die Historikerin Anna Hájková untersucht in ihrem Buch "The Last Ghetto" über Theresienstadt, wie sich im Lager mit seiner jüdischen, aber natürlich europäisch gemischten Bevölkerung "Gesellschaft konstituiert" habe (denn Gesellschaft, sagt sie, sei etwas ebenso Konstruiertes wie Geschlecht). Im Gespräch mit ihrer Kollegin Svenja Goltermann erklärt sie auf geschichtedergegenwart.ch, dass die entstehende Gesellschaft vor allem über "Binaritäten" funktioniert habe: "Sie unterschied nicht strikt, das ist ein dänischer Jude, das ist ein slowakischer Jude, das ist ein Wiener Jude, sondern sie dachte im Wesentlichen in den Kategorien 'Einheimische' und 'Ausländer'. Und das Interessante ist: Die 'Ausländer' schrieben an diesem Narrativ mit. Sie unterschieden ebenfalls zwischen 'den Protektoratsjuden' und 'wir sind die von außen'. Das sagt sehr viel über das ethnische Sehen und darüber, wie eine neu entstehende Gesellschaft sofort ethnische Unterschiede herstellt."
Stichwörter: Theresienstadt, Binarität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2021 - Geschichte

Am 24. April erinnern die Armenier an den Genozid gegen ihr Volk, erzählt Tigran Petrosyan in der taz. Dieser Genozid sei den achtziger Jahren intensiv erforscht worden. Aber es gebe Defizite im Vergleich etwa mit der Holocaustforschung: "Die Unzugänglichkeit von Quellen bildet das größte Problem für eine detaillierte und vertiefende Forschung für die Wissenschaftler*innen am Institut für Diaspora- und Genozidforschung (IDG, Website) an der Ruhr-Universität Bochum. Für den Gründungsdirektor Mihran Dabag liegt der Grund in der türkischen Leugnung des Genozids, in deren Folge der Zugang zu den Archiven und anderen Quellenmaterialien nicht nur erschwert, sondern lange Zeit nahezu unmöglich gemacht worden sei. 'Dies betrifft etwa Nachlässe wie Memoiren, Tagebücher, Schriftstücke von Politikern, Tätern und anderen Beteiligten, die beispielsweise grundlegend wären für eine 'Täterforschung', wie wir sie aus dem Kontext der Forschungen zu Nationalsozialismus und Holocaust kennen', sagt Dabag."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2021 - Geschichte

Die monumentale 16-teilige Edition "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden" ist abgeschlossen. Sie versammelt zentrale Zeugnisse zum Holocaust - sowohl von Tätern, als auch von Opfern und Zuschauern. (Aus einigen Bänden wurden im Perlentaucher vorabgedruckt.) In der Zeit spricht die Herausgeberin Susanne Heim mit Christian Staas - auch über den eigenen Erkenntnisprozess beim Lesen der Dokumente: "Ich war erstaunt, wie viel vermeintlich Bekanntes wir gar nicht genau wissen: Wer etwa hat angefangen mit der Kennzeichnung jüdischer Geschäfte? Ging das von der SA aus, die das Wort 'Jude' an die Schaufenster geschmiert hat? Gab es Direktiven der Städte oder von ganz oben? Dasselbe gilt für die Parkbänke, auf denen stand 'Nicht für Juden'. Wer das wann entschieden hat, ist unklar Hans Mommsen nannte das 'kumulative Radikalisierung' - und dafür liefert die Edition in der Tat starke Indizien. Verwaltungsbeamte betteln darum, die Juden endlich kennzeichnen zu dürfen. Ein Mieterschutzverein regt an, Straßen umzubenennen, die nach 'Nichtariern' heißen."

Nicht wenige prominente Anführer der Studentenbewegung von 1968 sind später in ihrem Leben in die extreme Rechte abgerutscht. Darüber unterhalten sich Ellen Daniel und Michael Miersch bei den Salonkolumnisten mit Wolfgang Kraushaar, dem Historiker der Bewegung. Der extremste Fall ist Horst Mahler, der sich vom RAF-Terroristen zum Nationalsozialisten wandelte. Kraushaar sieht "durchaus eine Kontinuität in seinem Werdegang. Drei Kernelemente seines Denkens sind durch alle Wechsel bestehen geblieben: Erstens sein Antiliberalismus. Zweitens sein Hass auf Amerika. Er lehnte die amerikanische Kultur zutiefst ab und legte zugleich eine starke Affinität zu Russland an den Tag - zunächst zur Sowjetunion, später zum Putinismus. Das dritte Kontinuitätselement ist seine Ablehnung der westlichen Demokratie, insbesondere des Parlamentarismus."

Außerdem: In der NZZ denkt Aleida Assmann über die Begriffe Freiheit, Risiko und Sicherheit im historischen Wandel nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2021 - Geschichte

Claus Leggewie kommt in geschichtedergegenwart.ch auf die ikonische Figur des Ali La Pointe zurück, dessen Bild heute von Demonstranten in Algier hochgehalten wird, wie einst die Ikone Che Guevaras in Studentenprotesten. Eigentlich ein erstaunlicher Bezug, so Leggewie, denn der FLN-Kämpfer war eigentlich ein Kleinkrimineller, der sich sich der Befreiungsbewegung angeschlossen hatte und möglicherweise durch Verrat früh starb. In ihm konzentriert sich für Leggewie aber auch das dunkle Erbe des Algerienkonflikts: "Die fragliche Legitimität revolutionärer Gewalt im 'gerechten' Kampf um Unabhängigkeit und Entkolonialisierung, die gezielt unbeteiligte Zivilisten traf, oder auch die Omnipräsenz des Verrats und immense Rivalität in den klanartig organisierten Fraktionen des FLN und der Nationalbewegung. Dazu kommt, auf der anderen Seite, die 'Counterterrorism'-Strategie der Kolonialmacht, die in Algerien mit Terror und Folter, summarischen Exekutionen und großflächiger Vertreibung an die Grenze zum Genozid ging und der Guerillabekämpfung bis in heutige Schauplätze im Mittleren Osten Modell stand." Für die heutige Protestbewegung verkörpere Ali Lapointe den Wunsch, dass "die unvollendete Revolution von 1954ff. weitergehen - und erst gesiegt haben wird, wenn die 'Mumien' des FLN endlich gestürzt sind".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2021 - Geschichte

Im Tagesspiegel berichtet Bernhard Schulz über die Gründung der Stiftung "Orte der deutschen Demokratiegeschichte", mit der die Bundesregierung die Geschichte der deutschen Demokratie besser im kollektiven Gedächtnis verankern will. Einfach ist das angesichts verzettelter Zuständigkeiten und kleinteiliger Strukturen nicht, meint er, und zitiert zustimmend aus dem Konzeptpapier der Stiftung: "Trotz vielfachen Engagements und zahlreicher Initiativen ist nicht zu erkennen, dass eine der bereits existierenden Einrichtungen in der Lage wäre, unabhängig sowohl von Eigeninteressen wie auch vom politischen Tagesgeschäft und zugleich wissenschaftlich basiert der Thematik 'Orte der Demokratiegeschichte' deutlich neue und nachhaltige Impulse zu geben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2021 - Geschichte

Miryam Schellbach porträtiert die Historikerin Hedwig Richter in der FAS als "Pophistorikerin" mit einem eigentümlichen Mix aus modisch linken und konservativen Ideen. Das Kaiserreich feiert sie in ihrem Bestseller "Demokratie - Eine deutsche Affäre" als Etappe zur Demokratie und hat den unproportionierten Zorn einiger der Fürsten des Fachs (etwa Andreas Wirschings vom Münchner Institut für Zeitgeschichte, unser Resümee) auf sich gezogen. Aber "unabhängig von Machtfragen gibt es valide Einwände gegen ihre Forschung, wie es sie bei allen Historikern gibt. Richters streitbarster Punkt ist, dass sie den Nazi-Terror als Wegetappe des demokratischen Prozesses sieht. Damit, so sagt es ihr Kritiker Wirsching, gehe aber 'jede Präzision der Unterscheidung zwischen Demokratie und Demokratiefeindschaft verloren' - und der Nationalsozialismus wird zu einer Art Zwischenstation auf dem langen Weg zur modernen Demokratie."

Patrick Bahners antwortet in der FAZ auf einen Artikel der Historiker Ulrich Schlie und Thomas Weber in der Welt (unser Resümee), die unter Bezug auf ein Urteil gegen die Hugenberg-Erben behaupten, der Hohenzollern-Prinz habe keinen "erheblichen Vorschub" für die Errichtung der Naziherrschaft geleistet, weil sie auch ohne ihn zustande gekommen wäre: "Nach diesem Standard wäre erheblicher Vorschub auch bei Kampfgefährten Hitlers wie Gregor Strasser oder selbst Rudolf Heß zu verneinen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2021 - Geschichte

Vergangene Woche hatten die Historikerin Hedwig Richter und der Zeit-Redakteur Bernd Ulrich in der Zeit eine erinnerungspolitische Wende gefordert: Den Deutschen attestierten sie eine Schuldobsession, die "Sonderweg-Erzählung" lähme das Land, schrieben sie (Unser Resümee). "Beschämend" nennen heute im SZ-Feuilleton die Historiker Christina Morina und Dietmar Süß den Text und werfen den Autoren vor, einen "Popanz aufzubauen, um historische Tiefe zu suggerieren": "Für die drängenden Fragen nach der Zukunft des NS-Gedenkens interessiert sich der frivole Vorstoß derweil nicht. Vielmehr dient die Abrechnungspose zur Ausschmückung einer faktenarmen Kritik an der Politik im Dauerkrisenmodus. Dass man allein für diesen Effekt bereit ist, die neurechte Rede vom 'Schuldkult' wenn auch nicht wörtlich zu zitieren, so doch wortreich zu bedienen und so in die politische Mitte zu hieven, ist gefährlich. Die Überlegungen von Hedwig Richter und Bernd Ulrich stellen deshalb nicht weniger dar als einen geschichtspolitischen Einschnitt. Mit ihrem Plädoyer, sich von den 'Ketten' der bislang geltenden 'Raison d'Etre' und von 'Zombie-Paradigmen' zu lösen, stellen sie den Grundkonsens eines prinzipiell selbstkritischen Umgangs mit der NS-Zeit infrage."

Wilhelm von Preußen hat dem Nationalsozialismus keinen "erheblichen Vorschub" geleistet (Unsere Resümees), dafür war er viel zu unbedeutend, schreiben die Historiker Ulrich Schlie und Thomas Weber in einer zweiseitigen Analyse im Feuilleton der Welt: "'Erheblicher Vorschub' ist ein unbestimmter Rechtsbegriff. Vorschub haben Hitlers Machtergreifung viele geleistet, insbesondere auch die alten Eliten in Heer, Beamtenschaft und Diplomatie, und ohne Zweifel auch der ehemalige Kronprinz. Was aber kann 'erheblicher Vorschub' in der konkreten historischen Situation 1932/1933 bedeuten? Bei der Beantwortung der Kernfrage ist es rechtlich unerheblich, ob Wilhelm von Preußen die Staatsform der Weimarer Republik abgelehnt hat oder nicht. Die KPD beispielsweise bekämpfte heftig die Weimarer Republik. Doch es wäre absurd, deshalb den Kommunisten vorzuwerfen, Hitlers Machtergreifung 'erheblichen Vorschub' geleistet zu haben."  Sollten den Hohenzollern nun "Ausgleichsleistungen zustehen, würden aus ihnen eine moralische, historische und gesellschaftspolitische Pflicht für die Hohenzollern entstehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2021 - Geschichte

Im Gespräch mit Till Schmidt von libmod.de plädiert der Historiker Eckart Conze für einen differenzierten, aber nicht schönfärberischen Blick auf das Kaiserreich. Die "Schattenlinien" müssten im Bewusstsein bleiben: Wer nur "darauf verweist, dass auch in England Matrosenanzüge getragen wurden, zeichnet ein oberflächliches und unvollständiges Bild, das Ergebnisse jahrzehntelanger Forschung ignoriert. Es ist aber auch ein gefährliches Spiel: Denn damit werden Stichworte geliefert für jene Nationalisten, die das Kaiserreich in ein rosiges Licht tauchen und es als freiheitlich verfassten Nationalstaat charakterisieren, es als 'normale Nation' bezeichnen, um die Bundesrepublik in seine Tradition stellen zu können; die behaupten, das Kaiserreich werde von Kritikern im Inland wie im Ausland als autoritär und aggressiv dargestellt, um das Deutschland des 21. Jahrhunderts an einer selbstbewussten nationalen Politik zu hindern. Sie merken: Wissenschaftlicher und öffentlicher Diskurs lassen sich nicht voneinander trennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2021 - Geschichte

Als ausgesprochen aufschlussreich empfiehlt die Historikerin Karina Umbach in der taz die gerade in Britannien erschienenen Tagebücher des reaktionären Lebenmanns Chips Channon, der sich in den zwanziger Jahren der englischen Aristokratie mit Gehässigkeiten, Antisemitismus und Nazi-Sympathien empfahl. Auch mit den Hohenzollern war er dicke: "Channon war mit zwei Söhnen des Ex-Kronprinzen Wilhelm befreundet und lernte während der Olympiade deren Mutter Cecilie kennen. Das gemeinsame Mittagessen verlief gut, auch wenn der Ästhet Channon dabei die geschmacklose Umgebung ausblenden musste: 'Fritzi (Friedrich von Preußen) führte uns nach Cecilienhof, das die kaiserliche Familie für englisch hält. Es ist ein scheußliches Haus … falscher Tudorstil, kurz vor dem Krieg erbaut. Dass man auf einen See schauen kann, ist eine Erleichterung. Die Inneneinrichtung ist royal: plüschig, palmig … und keine Ornamente außer Fotos von toten Monarchen und ein paar Familienporträts, alle hässlich.'"

Der Historiker Werner Renz erinnert in der FR an den Prozess gegen Adolf Eichmann, den Architekten des Holocausts, der vor sechzig Jahren am 11. April 1961 in Jerusalem begann: "Der Jerusalemer Prozess war ein Meilenstein der internationalen Strafjustiz. Nicht umsonst ist vom Weg von Nürnberg über Jerusalem nach Den Haag die Rede. Eine Tragik will es scheinen, dass drei Akteure der Prozesse von Nürnberg und Jerusalem, die USA, Russland und Israel, dem 1998 geschlossenen Gründungsvertrag für den Internationalen Strafgerichtshof nicht beitraten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2021 - Geschichte

In der Diskussionen über den Kolonialismus ist viel von der wirtschaftlichen Ausbeutung aber wenig vom Faktor der Missionierung die Rede. Der  Historiker Heiko Wegmann erzählt im Gespräch mit Tim Körner von der taz die Geschichte des Caritas-Gründers Lorenz Werthmann, der ein starker Befürworter des Kolonialismus war, natürlich ganz im Sinne der katholischen Kirche. Wegmann hat die Dokumente eines Kongresses gelesen, an dem Wertmann teilnahm und wo die katholische Position zu den Kolonien skizziert wurde. "Bei den Referaten über sogenannte 'Rassenmischehen' in deutschen Kolonien wurden Gleichheitsvorstellungen ebenso wie Kolonialrassismus deutlich: Es hieß, die Bibel gelte für alle Menschen, so wie sie vor Gott gleich seien. Formelle Verbote von 'Mischehen' lehnte man also ab. Sie würden das 'Zutrauen der schwarzen Zöglinge' und damit das Missionswerk stören. Katholische Geistliche seien deshalb in Einzelfällen dazu gezwungen, in den Kolonien solche Eheschließungen vorzunehmen."