9punkt - Die Debattenrundschau

Jemand, der ein Krokodil füttert

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.05.2021. Der deutsche Antisemitismus ist nicht ein Problem mit den Juden, sondern ein Problem mit uns selbst, schreibt Peter Longerich in der FAZ. In Zeit online warnt Josef Joffe: "Mikroaggression bedeutet universelle Sprachkontrolle." In der taz ist Andreas Fanizadeh Jürgen Habermas dankbar, dass er einen Preis eines Scheichs letztlich ausschlug. Rico Grimm erinnert bei den Krautreportern daran, was ein Patent eigentlich ist. Die Katastrophe am Berg Meron war eine Katastrophe mit Ansage, stellt hpd.de fest. Und Richard Herzinger will die Welt nach Herfried Münkler lieber nicht betreten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.05.2021 finden Sie hier

Kulturpolitik

Jürgen Habermas hat den Sheikh Zayed Book Award wegen der undemokratischen Politik der Arabischen Emirate letztlich abgelehnt (unser Resümee). Andreas Fanizadeh ist ihm in der taz dafür dankbar und kritisiert eine auswärtige Kulturpolitik, die gern mit solchen Regimes kooperiert und auch Habermas drängte, den Preis anzunehmen: "Wo politisch nichts mehr geht, da geht oft noch etwas mit Kultur, so das Credo der mit auswärtiger Kulturpolitik Beschäftigten. Und sie haben oftmals recht. Das Goethe-Institut bietet in manchen Ländern tatsächlich Oasen für einen freieren Kulturaustausch. Die Softpower Kultur unterschätzen autoritäre Regimes häufig, die jeweiligen Zivilgesellschaften schätzen sie um so mehr. Habermas' Schriften zirkulieren im Arabischen. Sollten sie wegen seiner Ablehnung in den Emiraten nun unterm Tisch gehandelt werden, wäre die Wirkung aufgrund seiner Redlichkeit nur um so größer."

Ideen

Die deutsche Politik hat in den letzten Jahren zwar ein gewisses Bewusstsein für untergründig fortlebende Strömungen des Antisemitismus entwickelt, aber noch weiß man zu wenig über sie, beobachtet der Historiker Peter Longerich, der in seinem neuen Buch über Antisemitismus als eine "deutsche Geschichte" schreibt, in der FAZ: "Wenn man nach den tieferen Ursachen für die Zählebigkeit des Antisemitismus fragt, dann greift die Erklärung, dass gerade in Krisenzeiten Sündenböcke gesucht werden und die Juden eben seit jeher in diese Rolle gedrängt wurden, zu kurz. Die Frage 'Warum immer die Juden?' muss vielmehr auf die Verfassung der Mehrheit zielen, die über einen langen historischen Zeitraum immer die gleiche Minderheit abwertet und sich von ihr abhebt."

Geopolitiker Herfried Münkler hat neulich in der NZZ die Idee universeller Werte verabschiedet und die Welt in Münklersche Räume unterteilt, die sich in Ruhe lassen sollten (unser Resümee). Sollte jemand in einem nicht westlichen Raum eine Vorliebe für Demokratie entwickeln, hat er laut Münkler leider Pech gehabt - der Ukraine bescheidet er etwa, dass sie sich mit Putin arrangieren solle. Richard Herzinger ist in seinem Blog nicht einverstanden: "Der Kardinalfehler in Münklers Vorstellung von einer kommenden neuen Weltordnung besteht in der impliziten Annahme, die antidemokratischen Mächte würden sich damit begnügen, ihre eigenen 'Räume' zu beherrschen, nachdem sie dort erst einmal ihre eigenen 'Normstrukturen' durchgesetzt haben. Die wirklichen Verhältnisse zeigen jedoch ein ganz anderes Bild. Mit Cyberattacken und Desinformationskriegsoperationen zielt Putins Russland darauf, die liberalen Demokratien in ihrem Inneren zu zerstören, und auch Peking strebt verschärft nach Kontrolle über die internen Schaltstellen der westlichen Gesellschaften."
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Geschichte

Sophie Scholl wäre in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden und wird gebührend gefeiert. Das ist gut so, schreibt Joachim Käppner in der SZ: "Und dennoch: Man wird niemals an der traurigen Wahrheit vorbeikommen, dass eine zeitweise beträchtliche Mehrheit der Deutschen das Regime mittrug, es unterstützte oder ihm gar zujubelte. Aktiver Widerstand gegen Adolf Hitler war die Sache einer verfemten Minderheit."
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Europa

Bedeutet die Kandidatur Hans-Georg Maaßens für einen Bundestagswahlkreis schon, dass die CDU schwache Knie gegenüber Populisten bekommt? Im Interview mit Jan Pfaff von der taz warnt der in Harvard lehrende Politikwissenschaftler Daniel Ziblatt, Autor des Buchs "Wie Demokratien sterben", jedenfalls vor schiefen Ebenen - am Beispiel der USA: "Das Parteiestablishment der Republikaner hat immer geglaubt, dass sie alles im Griff haben - bis sie es nicht mehr im Griff hatten. Sie haben versucht, Trump für ihre eigenen Zwecke zu nutzen, für niedrigere Steuern und wirtschaftsfreundliche Politik. Das Verhältnis hat sich aber sehr schnell umgekehrt, Trump hat die Partei benutzt. Populistische Tendenzen kann man nicht einfach an- und ausknipsen. Von Winston Churchill gibt es ein Zitat, das das Verhalten der Republikanischen Parteiführung damals gut zusammenfasst: 'Ein Appeaser ist jemand, der ein Krokodil füttert, in der Hoffnung, dass es ihn zuletzt frisst.'"
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Religion

45 Menschen kamen letzte Woche bei einer Massenpanik am Berg Meron ums Leben, wo trotz der in Israel einigermaßen bewältigten Coronakrise Zehntausende orthodoxe Juden feierten. Es war eine Katastrophe mit Ansage, schreibt Adrian Beck bei hpd.de, denn schon seit Jahren ist klar, dass der Ort viel zu eng ist für solche Ansammlungen. Sie sagt etwas aus über den wachsenden Einfluss der Ultraorthodoxen in Israel: "'Lag BaOmer' ist der 33. Tag zwischen dem Pessachfest (dem Auszug des jüdischen Volkes aus der ägyptischen Sklaverei) und 'Shawuot', dem jüdischen Erntedankfest. Lag BaOmer ist deswegen so wichtig, weil es der einzige Tag in dieser 49-tägigen Periode ist, an dem geheiratet werden darf. Noch im letzten Jahr hatten die israelischen Behörden das Fest vollständig untersagt und über 300 Personen verhaftet. Dass sich die israelischen Behörden in diesem Jahr weniger rigoros zeigten, mag daran liegen, dass sie von der schieren Größe der Menge überwältigt waren. Nur etwa 5.000 Polizeikräfte standen den 100.000 Charedim gegenüber."
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Politik

Rico Grimm bringt bei den Krautreportern eine lange und differenzierte Recherche zur Frage, ob einer Freigabe der Impfstoffpatente globale Gerechtigkeit herstellen würde. Nebenbei erinnert er daran, was ein Patent ursprünglich ist, nämlich eine Belohnung dafür, das jemand sein Wissen öffentlich macht: "Die Idee hinter den ersten Patenten war einfach: Erfinder:innen sollten, sobald sie eine Entdeckung machten, der Welt davon erzählen. In der Patentschrift mussten sie ihre Erfindung so beschreiben, dass theoretisch alle Fachleute die Erfindung nachbauen könnten. Im Gegenzug für ihre Offenheit bekamen die Patentinhaber:innen das Recht, ihre Erfindung für eine gewisse Zeit exklusiv zu vermarkten. Sie bekamen ein Monopol." Hintergründe zum Handelsabkommen TRIPS, das Patente-Frage und mögliche Ausnhamen regelt, erläutert Justus Dreyling in Netzpolitik.
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Gesellschaft

Jens Lehmann ist aus dem Aufsichtsrat von Hertha BSC gefeuert worden, weil er den schwarzen TV-Fußballexperten Dennis Aogo als "Quotenschwarzen" bezeichnet hat. Zurecht, findet Hamed Abdel-Samad auf Facebook: "Allerdings ist die Empörung darüber in den Medien äußerst selektiv. Denn hätte man die gleiche Äußerung über einen Schwarzen, der Trump wählt oder bei der AFD aktiv ist, wäre die Empörung ausgeblieben. In 2017 bezeichnete Jakob Augstein in einer Spiegel-Kolumne Muslime, die gegen den islamistischen Terror in Köln demonstriert haben als Onkel-Tom-Türken. Die von den Medien hofierte Journalisten Kübra Gümüşay bezeichnete die Islamkritikerin Necla Kelek einige Jahre zuvor als 'Haus-Türkin' in Anlehnung die afroamerikanischen Haussklaven. Weder nach Augsteins noch nach Gümüşays rassistischen Äußerungen habe ich einen Aufschrei in den Medien gehört oder in den sozialen Netzwerken gehört."

Auch der grüne Tübinger OB Boris Palmer hat sich auf Facebook zu dem Lehmann-Vorgang geäußert, ebenso wie zu Fußballspieler Dennis Aogo, der seinen Job als Fernsehkommentator los ist, weil er vor laufender Kamera den Ausdruck "Trainieren bis zum Vergasen" gebraucht hatte. "Lehmann weg. Aogo weg. Ist die Welt jetzt besser? Eine private Nachricht und eine unbedachte Formulierung, schon verschwinden zwei Sportler von der Bildfläche", kommentierte Palmer auf Facebook. In seinem Post, berichtete um Mitternacht im Tagesspiegel Christopher Stoltz, zitierte Palmer auch eine Kommentatorin, die das N-Wort benutzt und behauptet hatte, dass Aogo eben dieses Wort ihrer Freundin gegenüber benutzt hatte, die er zu, äh, heute würde man wohl wieder sagen "unsittlichen" Handlungen aufgefordert hatte.

Sittlichkeit erfordere Zwang, erklärte einst Robbespierre. "Worte für die Ewigkeit, auch 200 Jahre später", meint in der NZZ Josef Joffe an die woke Linke gewandt. "Die Schlachtrufe sind nun 'systemischer Rassismus', 'unbewusstes Vorurteil', 'Mikroaggression' - buchstäblich unfassbare Tatbestände à la chinoise. Das prinzipielle Problem: Wenn das Böse 'strukturell' ist, hilft nur die Abrissbirne. Wenn Entwürdigung unbewusst ist, müssen 236 Millionen weiße Amerikaner in die Gehirnwäsche. Mikroaggression bedeutet universelle Sprachkontrolle. Hinter der Radikalisierung lauert eine totalitäre Dystopie."

Archiv: Gesellschaft