In der
FAZ diskutieren die Juristen
Horst Dreier und
Christian Hillgruber über die Widersprüche der Regelung zum
Schwangerschaftsabbruch. Für Hillgruber, der keinen Unterschied zwischen Embryo und Kind macht, "muss über die Frage des Schwangerschaftsabbruchs immer unter Beachtung des
Lebensrechts und der Würde des Kindes entschieden werden. Es ist keine reine Selbstbestimmungsfrage der schwangeren Frau". Gegen den Abtreibungsparagrafen stellt er sich nicht generell, aber er fordert, dass die
Beratung, die vor einer Abtreibung für die Schwangere Pflicht ist, die Frau eindeutig für das "ungeborene Leben" gewinnen soll. "In der Beratung soll die Mutter, wenn ihr das nicht ohnehin bewusst ist, darüber aufgeklärt werden, dass ihr Kind eine Würde und ein eigenständiges Lebensrecht auch ihr gegenüber hat. Im Übrigen soll die Schwangere durch
einfühlsame Beratung für das Leben des Ungeborenen gewonnen werden. ... Und ja, da gibt es Defizite,
Pro Familia erkennt zum Beispiel die
Lebensschutzorientierung der Beratung nicht an und setzt sie in der Praxis nicht um. Der Organisation müsste die Beratungslizenz entzogen werden, weil sie die Rahmenbedingungen verletzt." Horst Dreier, der die Widersprüche des Abtreibungsparagrafen sehr viel deutlicher sieht, argumentiert vor allem pragmatisch: Er würde an der jetzigen Regelung festzuhalten, weil sie funktioniert. Keiner der beiden Herren hat ein Gespür für seinen Paternalismus.
Schon erstaunlich, dass in einer Zeit, in der immer wieder
Vielfalt und
Toleranz gepredigt wird, vor allem die
Einfalt herrscht. Man zieht sich zurück in Safe Spaces, wo man sich von allen abschotten, die die eigenen Ansichten nicht teilen, überlegt
Ahmad Mansour in der
Welt. Die Antwort auf widersprechende Ansichten darf jedoch "nicht das Canceln sein, sondern der
Gang dorthin,
wo es wehtut, wo nicht Zustimmung, sondern Widerspruch wartet. Medien müssen dies täglich vorleben, Schulen müssen das Debattieren zum Pflichtfach machen, Debattierclubs sollten zu einem zentralen Ort jugendlicher Freizeitgestaltung werden. 'Umstritten' und 'streitbar' dürfen keine abwertenden Etiketten sein, sondern
Auszeichnungen - Beweise, dass jemand bereit ist, sich dem offenen, zivilisierten Konflikt zu stellen."
Ähnlich sieht das auch Ijoma Mangold in der
Zeit. Ihm stößt auf, dass Diskussionen immer öfter mit dem Vorwurf des "
Kulturkampfs" abgebrochen werden, dabei sollten sie in diesem Moment doch erst richtig losgehen: "In Deutschland hat der Begriff Hochkonjunktur, seit dem progressiven Lager der Wind ins Gesicht weht. ... Wenn die Trump-Administration die
DEI-
Programme einstampft, die für
diversity,
equity und
inclusion standen, dann ist das nämlich denklogisch
in genau dem Maße Kulturkampf, wie es deren Einführung einst eben auch war. Nur dass das moralisch fortschrittsbewusste Establishment in den Zehnerjahren nicht auf die Idee gekommen wäre,
Wokeness könnte etwas mit Kulturkampf zu tun haben - man sah in allen entsprechenden Maßnahmen vom Sprachregime über die Antirassismus-Seminare bis zur Regenbogenflagge auf dem Bundestag nur
Emanzipationsakte im Geiste der geschichtlichen Fortschrittsvernunft. ... in Wahrheit haben wir eben alle ein kulturkämpferisches Gen in uns. Es kostet übermenschliche Anstrengungen, seine
Mitwelt nicht erziehen zu wollen - das gilt für progressive Gesellschaftsprojekte genauso wie für die konservative Reconquista-Agenda. Also auf in den Kulturkampf - nur so lernen wir uns gegenseitig kennen!"
Der
Kultur geht es schlecht,
diagnostiziert Johannes Franzen in der
taz. Schuld sind der siegreiche Rechtspopulismus, der sich "mit dem Darwinismus eines ins mythische gesteigerten Neoliberalismus" verbindet, "der sich immer darauf berufen kann, dass die Gesellschaft sich diesen elitären Luxus nicht mehr leisten will. Damit ist auch die Kultur Opfer der Mischung aus
Austerität und Marktglaube, die seit Längerem die Fundamente unserer Gesellschaft erodiert", so Franzen, der hofft, dass die
Populärkultur die Kultur insgesamt retten kann, weil sie vitaler sei, meint er und führt als Beleg die Debatten über J.K. Rowling an.
Weitere Artikel: Im Interview mit der
FAZ erklärt der bayerische Antisemitismusbeauftragte
Ludwig Spaenle, was Bayern in Sachen Antisemitismusprävention unternimmt und er konstatiert, "dass der
Judenhass jetzt in der Mitte der Gesellschaft angelangt ist. Die Kritik an der israelischen Regierung, die völlig berechtigt ist, und am Verhalten der israelischen Armee wird auf jüdische Menschen in diesem Land pauschal übertragen, und
es ist schick geworden, Juden zu verfolgen." Und Elisabeth von Thadden unterhält sich in der
Zeit mit dem Philosophen
Jonathan Lear über
Dankbarkeit.