9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2025 - Gesellschaft

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Die Psychologin Marina Chernivsky spricht im Interview mit der taz über ihr neues Buch "Bruchzeiten", den 7. Oktober und das Verhältnis von Juden und Nichtjuden in Deutschland: "Der genozidale Angriff des 7. Oktober hat etwas sichtbar gemacht, das wir für kontrollierbar geglaubt haben. Eine Bedrohung, die nicht neu ist, die aber in dieser extremen Form lange nicht gespürt worden war. Nachträglich waren es die Reaktionen der Welt - die Indifferenz, aber auch die Freude an den Massakern, die Lust an der Enthemmung, am Antisemitismus -, die tief verstörten... Der Angriff traf uns mit einer Wucht, die sich nicht allein aus biografischen oder historischen Bezügen erklären lässt. Es ist das Gedächtnis von Vernichtung, das Wissen um die Zerbrechlichkeit des kollektiven, jüdischen Lebens."

Es gibt einen großen Graubereich in der Prostitution. Das könnte man - als Diskussionsgrundlage - erst mal anerkennen, statt pauschal vom "Bordell Europa" zu sprechen, wie es Bundestagspräsidentin Julia Klöckner kürzlich tat, und ein "ein Sexkaufverbot nach dem Vorbild Schwedens" zu fordern, meint Anna-Lena Ripperger in der FAZ: Weder gebe es Belege für eine massive Zunahme von Prostitution noch Zahlen über die tatsächliche Größe des gesamten Rotlichtmilieus. An den beiden Prostitutionsgesetzen von 2002, dass Prostitution aus der "Sittenwidrigkeit" holte, und von 2017, das eine Anmeldung und Beratung von Prostituierten zur Pflicht macht, "gab und gibt es reichlich Kritik. Die Gefahr für Frauen, in Armut oder Illegalität zu rutschen, sei durch die neuen Regeln größer geworden, hieß es 2019 etwa in einer Auswertung des Prostituiertenschutzgesetzes für Nordrhein-Westfalen. ... Dem Gesetz wird aber auch Potenzial bescheinigt. Das Anmeldeverfahren und die Beratung bewertete die Mehrzahl der 2.350 befragten Prostituierten als positiv, 70 Prozent gaben an, die Arbeitsbedingungen in Prostitutionsbetrieben hätten sich verbessert."

In der Zeit verteidigt sich Ahmad Mansour gegen Vorwürfe im Jacobin und von Correctiv (unser Resümee, mehr hier, hier und hier), ein mit 9,5 Millionen Euro gefördertes Projekt zum Kampf gegen Antisemitismus bei muslimischen Schülern könne diese diskriminieren. "Correctiv erweckte den Eindruck, das Projekt, betreut von einem unabhängigen Beirat, sei unwissenschaftlich, womöglich rassistisch. Kein Wunder, dass wir bald Post von einer Zeitung bekamen, die uns unverblümt fragte: 'Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Projekt muslimische Jugendliche nicht pauschal problematisiert oder stigmatisiert?' Nachdem wir zusammen mit federführenden Wissenschaftlern des Projekts alle Fragen sachlich beantwortet hatten, zog die Zeitung diese zurück. Immerhin. Ist nun alles gut? Nein. Denn der Vorwurf des Rassismus ist schwerwiegend. Wieso müssen mein Team und ich nachweisen, dass wir keine Islamfeinde sind? Auch wir sind Muslime!"

Der Strafrechtler Michael Kubicielist kritisiert in der FAZ deutsche und EU-Gesetzgeber scharf für ihre geplante Verschärfung des Terrorismusstrafrechts: "Der Gesetzentwurf führt nämlich eine Entwicklung fort, welche die Strafrechtswissenschaft seit Langem kritisiert: die Verlagerung der Strafbarkeit weit ins Vorfeld von Straftaten. Dadurch reagiert das Strafrecht nicht auf eine risikoerhöhende und sozialinadäquate Handlung, sondern letztlich nur auf die böse Absicht. Angesichts des vorliegenden Entwurfes muss man sich in der Tat fragen, was vom Tat- und Schuldprinzip noch übrig bleibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2025 - Gesellschaft

Im Perlentaucher sehnt sich Nasrin Amirsedghi nach einem Denken, das wieder Farbe zeigt: "Ich habe die Farblosigkeit satt. Die Farblosigkeit der Wiederholung, der sich endlos drehenden Floskeln, der gepflegten Langeweile einer Gesellschaft, die sich selbst hypnotisiert. Ich habe die Farblosigkeit der Politikerlüge satt, dieses immergleiche Vokabular aus Verantwortung, Haltung und Dialog, hinter dem nichts als das taktische Zittern einer erschöpften Klasse steht. Ich habe die Farblosigkeit der woken Narrative satt, die in schrillen Farben daherkommen und doch nur das Grau ihrer moralischen Selbstgefälligkeit ausstrahlen. Ich habe die Farblosigkeit eurer Demokratie satt, die so korrekt geworden ist, dass sie jeden Funken Leidenschaft misstrauisch beäugt."

Einen "Eklat" würde Ronen Steinke in der SZ die Ereignisse um die Rede des Faschismus-Forschers Jason Stanley zum 9. November (unser Resümee) jetzt nicht gerade nennen, aber ein bisschen Aufregung gab es schon in der Frankfurter Westend-Synagoge. Die Reaktionen waren durchaus gemischt, meint Steinke: "Als Stanley dann noch die Formulierung 'Massenvernichtung in Gaza' in den Raum stellte, soll es in Teilen des Auditoriums sogar Applaus gegeben haben, wie Teilnehmer berichten - zugleich aber auch hörbares Entsetzen. Die Rede, die Stanley in der Westend-Synagoge hielt, enthielt schließlich auch noch den knalligen, wenn auch intellektuell eher dürftigen Talking point, die historischen Zionismus-Skeptiker Hannah Arendt und Albert Einstein 'dürften heute in Deutschland nicht mehr sprechen'. Als sei der Gegenwind, den man bei streitbaren Nahost-Thesen heute in Talkshows, Zeitungskolumnen oder auf Bühnen erhält, bereits gleichbedeutend mit Zensur." Steinkes Artikel ist ein bisschen ambivalent, einerseits hält er es für "legitim" eine "gefühlsschonende Trauer- und Gedenkveranstaltung" und "einen Raum für Tränen, Stille und Schmerz" schaffen zu wollen, andererseits hätte man Jason Stanley zu Ende reden lassen sollen, findet er. In der FR formuliert es Michael Hesse ein bisschen melodramatischer: "Faschismus-Experte Jason Stanley aus Synagoge in Frankfurt geworfen - Zum Schweigen gebracht".
Stichwörter: Stanley, Jason

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2025 - Gesellschaft

In der Frankfurter Westend-Synagoge kam es am 9. November zum Eklat. Dort redete der Philosoph Jason Stanley (der neulich ins Gespräch kam, weil er von Yale an die Uni von Toronto wechselte). Die Rede ging laut FAZ in Protesten der Anwesenden unter. Stanley sagte unter anderem: "Einzelne Juden für Israels Handeln verantwortlich zu machen, ist Antisemitismus... Kritik an den Gräueltaten Israels im Gazastreifen hingegen ist kein Antisemitismus. Kritik an Israels langjähriger ungleicher Behandlung des palästinensischen Volkes ist ebenfalls kein Antisemitismus." Nachtrag um 10.30 h: Absurd (danke der Kommentatorin "Lassmiranda Dennsiewillja" für den Hinweis) ist allerdings die Passage zur 7.Oktober-Relativiererin Masha Gessen und zu Hannah Arendt: "Die jüdische Schriftstellerin und Journalistin Masha Gessen wurde kürzlich mit dem Hannah-Arendt-Preis ausgezeichnet. Die Preisverleihung wurde jedoch abgesagt, da sie in einem Artikel eine Analogie zwischen Gaza und dem Warschauer Ghetto gezogen hatte. Aber auch Hannah Arendt erkannte die Ungleichbehandlung der Palästinenser deutlich und befürwortete einen Staat, der Juden und Palästinensern die gleichen Rechte als gleichberechtigte Bürger einräumt. Hannah Arendt dürfte heute in Deutschland nicht mehr sprechen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2025 - Gesellschaft


Val ist Autor des Buchs "La Gauche et L'Antisémitisme" in den Editions de l'Observatoire, mehr hier.
Martina Meister interviewt in der Welt den einstigen Charlie-Hebdo-Chef Philippe Val zu den islamistischen Attentaten vom 13. November 2015. Val hat sich nach den Anschlägen intensiv mit der Geschichte des Antisemitismus auseinandergesetzt und kommt zu keinem guten Ergebnis für den Anteil der Linken daran: "Im 19. Jahrhundert sorgten Figuren wie Pierre-Joseph Proudhon, Auguste Blanqui, aber vor allem Karl Marx für die Säkularisierung des religiösen Antisemitismus. Der weltliche Antisemitismus ist fortan die Grundlage des modernen Antisemitismus, der später von den nationalistischen Rechtsextremen und dann von Hitler übernommen wurde. Der Antisemitismus, der jetzt hier wie auch in Deutschland wieder hochkocht, ist der Antisemitismus einer Linken, die die Erwartungen eines Teils der muslimischen Wählerschaft bedienen will." Val findet mit Blick auf Jean-Luc Mélenchon und seine Anhänger auch die Formel: "Die extreme Linke ist nicht antisemitisch geworden, weil sie propalästinensisch ist. Sie ist propalästinensisch geworden, weil sie antisemitisch ist."

Donald Trump kritisiert zwar gern den Antisemitismus vieler Linker in den USA, den in der eigenen Maga-Bewegung ignoriert er lieber, berichtet Frauke Steffens in der FAZ: "Die Verleumdung liberaler Milliardäre wie George Soros, die angeblich eine organisierte Antifa finanzieren, betreiben Rechte von Carlson bis Trump. Trump bezeichnete Juden auch schon als 'Shylocks', beteuerte, dass er ihnen gern sein Geld anvertraue, und beschimpfte jüdische Amerikaner als 'illoyal gegenüber Israel', wenn sie Demokraten wählten. Der Begriff 'Globalisten' für Gegner fällt häufig und ist nach Meinung von Fachleuten eine antisemitische Chiffre. Elon Musk stimmte beispielsweise einem Post bei X zu, in dem es hieß, Juden stünden hinter angeblichem Rassismus gegen Weiße und einer Verschwörung, diese zu 'ersetzen'. Diese 'Great Replacement Theorie' verbreitete auch [der vor kurzem ermordete Charlie] Kirk. Zur Strategie rechter Bewegungen gehört es, sich rhetorisch von Extremen wie [den Neonazi Nick] Fuentes abzugrenzen, während man von der Verschiebung des Sagbaren, die diese Akteure vorantreiben, profitiert."

Die schnellen Fahndungserfolge beim Juwelendiebstahl im Louvre verdanken sich auch einer israelischen Sicherheitsfirma, erzählt Michael Wolffsohn in der NZZ. Für die Franzosen ist das ein bisschen peinlich: "Trotz der nicht erst seit dem Gaza-Krieg bestehenden Spannungen zwischen Paris und Jerusalem wandte sich das französische Sicherheitspersonal an eine Adresse in Israel. Zur Gesichtswahrung erfolgte die Beauftragung über die Dépendance der Israeli in Rom. Der lautstarke Boykott israelischer Verteidigungsunternehmen durch den Präsidenten Macron und der Hilferuf an die Sicherheitsfirma passen nicht zusammen." Wolffsohn erkennt darin ein Muster: "In ihrer rund dreitausendjährigen Geschichte wurden Juden von Nichtjuden, sogar von ihren Kritikern, Gegnern und Feinden, nur und vor allem dann toleriert oder sogar umworben, wenn man sie brauchte."

Deutschland hat ziemlich liberale Prostitutionsgesetze: "Männer in Deutschland, die einen anderen menschlichen Körper kaufen wollen, werden derzeit vom Staat dabei geschützt, also unterstützt", schreibt  Valérie Catil in der taz. Sie befürwortet den Vorschlag von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, das "nordische Modell" einzuführen, das Sexkauf, aber nicht -verkauf illegalisiert. Denn die deprimierende Wirklichkeit sieht so aus: "Als Freier kann man auf der Welt nur selten auf Prostituierte treffen, die ihre Körper freiwillig verkaufen. Laut einer Studie üben weltweit lediglich rund zehn Prozent ihre Tätigkeit freiwillig aus. Dass männliche Gewalt und weibliche Unterdrückung Prostitution innewohnt, ist somit unumstritten. Einige Aussteigerinnen sagen, dass sie sich an die vermeintliche eigene Freiwilligkeit klammern mussten, um in dem Job zu überleben. Ob und wie freiwillig diese Arbeit selbst in den besten Fällen stattfindet, kann man nur den Frauen glauben, die sich als frei bezeichnen."

Der Berliner Grüne Stefan Gelbhaar versucht weiter, sich zu rehabilitieren. Ihm wurde in einer abgekarteten Aktion von grünen Kolleginnen und dem RBB Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gemacht (unser Resümee). Er wehrte sich juristisch und bekam Recht - aber es läuft immer noch ein Prozess, berichtet Stefan Alberti in der taz. Mehrere Medien, auch die SZ und die Sendung "Zapp" hatten angestrengt versucht herauszufinden, ob nicht doch "was dran" ist an den Vorwürfen. Nun ist Gelbhaar bei der Kandidatenaufstellung der Grünen in Pankow für das Berliner Abgeordnetenhaus gescheitert. Die Partei sei erleichtert: Die "fortgesetzte gerichtliche Auseinandersetzung sowie weiter vorliegende Berichte von Frauen über als übergriffig oder belästigend empfundenes Verhalten Gelbhaars hätten den Grünen-Wahlkampf landesweit bei einem geglückten Comebackversuch begleiten können. Denn der von ihm angestrebte Wahlkreis 6, Prenzlauer Berg Nordost, ist der berlinweit sicherste bei den Grünen. Gelbhaar hätte der nächsten Fraktion im Abgeordnetenhaus genauso angehört wie die aktuelle Vizefraktionschefin Klara Schedlich, die zugleich seine Prozessgegnerin ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2025 - Gesellschaft

Während der Schweizer Bundesrat vor kurzem entschied, ein Kopftuchverbot an Schulen wäre nicht verfassungskonform, hat in Kosovo jüngst das Oberste Gericht das Kopftuchverbot, das in den meisten Schulen des Landes gilt, als rechtens erachtet. Kosovo war nach den Kriegen in Ex-Jugoslawien unter den Einfluss radikaler Prediger aus Saudi-Arabien geraten, erläutert die Feministin Saïda Keller-Messahli im Gespräch mit Bettina Weber vom Tages-Anzeiger. Aber das Land wehrt sich gegen den Einfluss: "Kosovo ist gemäß seiner Verfassung laizistisch. In den meisten arabischen Ländern hingegen ist der Islam Staatsreligion, obwohl es früher etwa in Syrien, dem Irak, Algerien oder Tunesien Reformen gab, um den Einfluss der Religion auf die Politik zu reduzieren. Aber mit dem Durchbruch des politischen Islam 1979, als Khomeini im Iran den Schah stürzte und ein Mullah-Regime errichtete, errang die islamistische Muslimbruderschaft einen großen Sieg. Ihre Ideologie sprang auf andere Länder über - auf einmal trugen Frauen dort ebenfalls viel öfter Kopftuch. Die Ideologie der Muslimbruderschaft und ihre Auslegung eines 'reinen' und politischen Islam haben diese Gesellschaften vollkommen verändert."
Stichwörter: Kopftuchverbot, Kosovo

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2025 - Gesellschaft

In der Jüdischen Allgemeinen tritt die Ethnologin Susanne Schröter ihrem Kollegen Ahmad Mansour zur Seite, dem von der Bundesregierung Gelder für ein Antisemitismusprojekt zugesagt wurden (unsere Resümees). Gutachter hatten sich dagegen geäußert, das Projekt wurde überarbeitet, die Gutachter waren nicht zufrieden. Aber das ist ein normaler Vorgang, schreibt Schröter: "In meiner eigenen langjährigen Erfahrung als Gutachterin sowohl in kleinen Vorhaben als auch in sehr großen und kostspieligen Verbundprojekten war ich auch nicht immer begeistert, hätte so manches Mal eine Ablehnung begrüßt oder ein anderes Projekt befürwortet. Doch darum geht es nicht. Entscheidungsbefugt sind letztendlich die fördernden Institutionen. Und das ist gut so. Denn wäre dies anders, würden viele Forschungen niemals beginnen, weil sich immer jemand findet, die nicht einverstanden ist." Religionskritische Forscher muslimischen Ursprungs mussten sich immer wieder Vorwürfe mangelnder Wissenschaftlichkeit anhören. Dahinter steckt für Schröter das "Bemühen eines sozialwissenschaftlichen Mainstreams, islamistische, antisemitische oder frauenfeindliche Einstellungen innerhalb der muslimischen Communities zu verschleiern."

"Während Zürich über 'Mohr' streitet, wird in Kairo 'Sklavenkopf' serviert und in Libyen mit Menschen gehandelt." Das zeugt von einem Antirassismus, der "paradoxerweise tief eurozentrisch" ist, meint in der NZZ der marokkanisch-schweizerische Islamwissenschaftler Kacem El Ghazzali, total unbeeindruckt von hiesigen Rassismus-Diskursen. Der Mohr zum Beispiel "war in der Geschichte kein Opfer, sondern ein selbstbewusster Akteur. Zur Zeit der Griechen und Römer war Nordafrika integraler Teil der mediterranen Zivilisation." Und im Mittelalter war er "ein Eroberer. Die maurische Herrschaft erstreckte sich über die Iberische Halbinsel und drängte bis nach Frankreich vor, wo sie erst 732 in der Schlacht von Tours gestoppt wurde. ... In Marokko feiert eine junge Generation von Nationalisten, was sie als 'maurische/mohrische Kultur' bezeichnet. Sie besetzen den Begriff positiv und betonen ausschließlich die Heldentaten der Vorfahren - oft in bewusster Abgrenzung und sogar abwertend gegenüber Arabern und anderen nicht nordafrikanischen Ethnien, inklusive schwarzer Afrikaner. Hier ist der Mohr wieder kein Opfer, sondern selbst Rassist und Täter. Diese Perspektive findet in der eurozentrischen Zürcher Debatte kaum Beachtung. Es entsteht der Eindruck, dass ein postkolonial geprägter Diskurs ein Opfernarrativ über jene Gruppen legt, die sich selbst gar nicht primär als Opfer dieses Begriffs verstehen."

Man muss diese Zahlen mal auf sich wirken lassen: 25 Prozent der 18 bis 24-Jährigen stimmen für die Linkspartei, 21 Prozent für die AfD. CDU und SPD kommen gerade mal auf 13 und 12 Prozent. Tobias Blanken macht dafür in der Welt einerseits die immer schlechtere Schulbildung der Jugendlichen verantwortlich. Andererseits allerdings gebe es einen regelrechten Generationskonflikt, in dem die Politik stets zugunsten der Rentner entscheide. Ein anderes Beispiel ist die Wehrpflicht. Da wird gesagt, "dass der Gesellschaft etwas zurückgegeben werden soll. Nur - wofür? Für die ramponierten Schulen, die zu kleinen Mietwohnungen, die Sondervermögen oder die schwierigen Zukunftsaussichten? Denn auch das ist Teil der bitteren Wahrheit, über Stellenentlassungen wird groß berichtet, über die ausbleibenden Neueinstellungen kaum. Und dass die Jugendarbeitslosigkeit zurückkehrt: Seit 2019 hat sich die Zahl der Arbeitslosen zwischen 15 und 25 Jahren fast verdoppelt."

Auch Matthias Heine diagnostiziert in der Welt einen akuten Bildungsverfall, nicht nur in Deutschland, und auch an Universitäten: "Britische Universitäten bieten Kurse an, in denen Studenten lernen, sich wieder so zu konzentrieren, dass sie überhaupt lange Romane lesen können. Ein ehemaliger Dozent einer englischen Elite-Uni spottet: 'Die Frage lautet nicht mehr 'Was lesen Sie an der Universität?', sondern 'Lesen Sie an der Universität?' Die New York Times fragte kürzlich ihre Leser: 'Wurden Sie im High-School-Englisch-Unterricht verpflichtet, ganze Bücher zu lesen? Erzählen Sie uns davon!' Als handele es sich um eine existenzielle Grenzerfahrung!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2025 - Gesellschaft

Die akademische Welt ist in Aufruhr: Schockiert durch den 7. Oktober hat die Bundesregierung Mittel zu einem Forschungs- und Schulprojekt Ahmad Mansours gegen Antisemitismus vergeben (unsere Resümees), auch in der Stadt Berlin wurden Gelder an Antisemitismusprojekte vergeben (unser Resümee). Der an der FU lehrende Integrationsforscher Ruud Koopmans hat für die Empörung nur eine maliziöse Bemerkung übrig:


Inzwischen hat auch die SZ das Thema aufgegriffen: Dem ehemaligen Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) wird vorgeworfen, Mittel aus dem Berliner Budget "Projekte mit besonderer politischer Bedeutung" ohne weitergehende Prüfung mutmaßlich an dubiose Firmen weitergeben zu haben, schreibt Peter Laudenbach in der SZ. Dies haben die Grünen-Abgeordneten Susanna Kahlefeld und Daniel Wesener herausgefunden, deren Dossier zum Fall der SZ vorliegt. "Besonders brisant ist eine Aktennotiz vom März 2025, mit der 'die Hausleitung', also der Senator, 'die volle zuwendungsrechtliche Verantwortung (einschließlich Haftung im Schadensfall) im Sinne der Landeshaushaltsordnung' übernimmt. Das zuständige Referat III A wird angewiesen, 'für die in der beigefügten Liste aufgeführten Projekte ohne inhaltliche und umfassende zuwendungsrechtliche Prüfung Zuwendungsbescheide rein technisch zu erstellen und diese der Hausleitung zur Unterzeichnung vorzulegen'. Das wirkt zumindest wie die Umgehung gängiger Verwaltungspraxis."

In der Zeit fürchtet sich Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, schon vor den Sonntagsreden am 9. November. "Der 9. November ist für viele Juden mittlerweile ein Tag, dem wir mit Schrecken entgegengesehen. Denn er ist nicht so vergangen, wie wir dachten... Was mich angesichts meiner familiären Verbindung zum Nahen Osten besonders schmerzt: dass die verbale und physische Bedrohung in Deutschland längst nicht mehr nur auf das Konto von Neonazis und Rechtsextremen geht. Es ist eine unbequeme Wahrheit, doch sie muss ausgesprochen werden: Hass auf Juden und Israel kommt besonders aggressiv aus der muslimischen Community - und von linksorientierten Deutschen ohne Migrationshintergrund. ... Heißt das, dass Rechtsextremismus weniger gefährlich geworden ist? Nein! Aber wer an Gedenktagen so allgemein spricht, dass unklar bleibt, welch unheilige Allianz aus Rechtsextremen, Islamisten und Linken entstanden ist, der gefährdet uns."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2025 - Gesellschaft

Alan Posener greift in seinem Blog starke-meinungen.de (der Artikel ist bereits von Sonntag) die Recherche von Correctiv.org zu Ahmad Mansour auf (unser Resümee). Der Correctiv-Artikel bemängelt vor allem, dass ein Projekt Mansours zu muslimischen Antisemitismus an Schulen, das von der vorigen Bundesregierung bewilligt wurde, unter "Experten" umstritten sei. In dem Correctiv-Artikel werden anonyme Gutachter zitiert, die vor allem bemängeln, dass Mansour den Antisemitismus bei muslimischen Schülern untersuchen will - nicht übergreifend bei allen. "Es ist eine Machtfrage", meint Posener: "Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, sollte Mansour erst gar nicht untersuchen dürfen, was tatsächlich der Fall ist. Jede Lehrkraft, die in einer Schule unterrichtet, wo es eine Mehrheit oder beträchtliche Minderheit muslimischer Schüler gibt - in Berlin oder München, Bremen oder Frankfurt am Main - , weiß, dass der israelbezogene - aber selten auf Israel beschränkte - Antisemitismus ein Problem ist. Wenn das nicht bei allen Schülern und Schülerinnen der Fall ist - umso besser." 

In dem Correctiv-Artikel wird auch die bekannte Friedensforscherin Nicole Deitelhoff befragt, die bei Mansour die wissenschaftliche Qualität nicht gewährleistet sieht und sich hier einig weiß mit jenen anonymen Experten, die sich schon gegenüber der Bundesregierung geäußert hatten. Es gehe allein um die Reinheit der Wissenschaft, rechtfertigt sie sich nochmal bei Twitter: "Natürlich kann und sollen Regierung und Parlament in der Lage sein, Forschungsthemen anzuschieben, wenn sie denken, dass das politisch wichtig ist. Die Förderung konkreter Projekte muss dann aber den Kriterien der wissenschaftlichen Qualitätssicherung entsprechen. Und wenn die Politik eine Organisation als Organisation unterstützen will, dann sollte sie das nicht im Rahmen der Forschungsförderung tun." Es folgt bei Twitter ein kleiner Streit mit Posener.

Man kann aber auch wissenschaftlich qualifiziert sein und dennoch die Ablehnung der sensiblen Kollegenschaft erfahren. Voraussetzung hierfür ist, dass man Jude ist. Über den Umweg der deutschen Berichterstattung (und ihrer Widerspiegelung im Perlentaucher) ist die Affäre Eva Illouz nun auch nach Frankreich gelangt. Die französisch-israelische Soziologin ist bekanntlich von einem Kolloquium an der Uni Rotterdam ausgeschlossen worden, weil ihre Präsenz "Unwohlsein" bei ihren niederländischen Kollegen ausgelöst hätte, wie ihr per Mail beschieden wurde. In La Règle du Jeu veröffentlicht der Historiker Marc Knobel einen offenen Brief an den niederländischen Botschafter in Frankreich, Jan Théophile Versteeg: "Ich bitte Sie eindringlich, Herr Botschafter, die zuständigen Behörden auf die Schwere dieses Problems aufmerksam zu machen. Die akademische Freiheit zu schützen und jede Form der Ausgrenzung aufgrund von Zugehörigkeiten oder Herkunft zu bekämpfen, heißt, die universellen Grundsätze zu verteidigen, auf denen Hochschulbildung basiert. Es ist Ihre Aufgabe, im Geiste des Dialogs Ihrer Regierung und den Hochschulbehörden die Unannehmbarkeit dieser Situation zu vermitteln." Folgt jene barocke Schlussformel, die es nur noch in französischen Briefen gibt: "Veuillez agréer, Monsieur l'Ambassadeur, l'expression de ma haute considération." In der taz kommentiert Jan Feddersen die niederländische Ausladung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2025 - Gesellschaft

Es ist für junge Frauen überhaupt nicht mehr hip, sich mit ihrem Freund in den sozialen Medien zu zeigen, informiert Donata Künßberg in der taz und bezieht sich auf einen Text der Autorin Chante Joseph in der britischen Vogue, der angeblich eingeschlagen hat ("Is Having a Boyfriend Embarrassing Now?", 300.000 neue Follower auf Tiktok). Demnach ist es für junge Frauen modisch gesehen grenzwertig, Männer zu mögen, aber wirklich schlechter Geschmack, sich auch noch mit ihnen auf Instagram abzubilden: "Das Bedürfnis danach, sich vom Boyfriendland abzugrenzen, ist verständlich. Klar ist, dass der Trend, Männer aus dem Fokus zu nehmen, unter anderem in Tradwife- und Manosphere-Content seine regressiven Gegenstücke hat und keinesfalls die Gegenwartskultur als Ganzes abbildet. Im Internet trennen nur ein paar Scrolls die Sätze 'Dating als Frau ist ein Ritual der Erniedrigung' und 'Ich ordne mich freudvoll meinem Ehemann unter, denn er ist der Anführer und Beschützer unserer Familie' voneinander. Irgendwo auf diesem Spektrum sitzt die eigene hetero Beziehung."

Schon erstaunlich, wenn "gemeinnützige" Medien wie correctiv.org, die selbst mit Stiftungs- und Staatsmillionen vollgepumpt werden, andere Akteure der Zivilgesellschaft wie Ahmad Mansour angreifen. Stella Hesch stellt auf correctiv.org mittels einer höchst aufwendigen Recherche in Zweifel, ob es mit rechten Dingen zuging, dass Mansour nach zahlreichen antisemitischen Vorfällen an Schulen von der Bundesregierung Gelder erhielt, um gegen Antisemitismus unter Schülern mit Migrationshintergund Projekte zu entwickeln und zu forschen - zumal Mansour wegen islamkritischer Äußerungen "umstritten" sei: "So sagte er beispielsweise im Juli 2021 in einem Podcast der FAZ: 'Der Islam hat sich noch nie in eine andere Kultur integriert und wird es auch nicht in Europa tun.' Auf der Plattform X schrieb Mansour, Gebetsräume in Schulen seien ein 'gefährlicher Kompromiss'. Unter streng gläubigen Muslimen, aber auch unter Linken gilt Mansour angesichts solcher Bemerkungen als Reizfigur." Mansour verteidigt sich in einem Twitterpost. Correctiv.org wird unter anderem von der Mercator-Stiftung unterstützt, so wie die "Gesellschaft für Freiheitsrechte", die neulich eine Verbandsklage einreichte, um muslimische Schüler zu verteidigen, "denen das islamische Gebet auf dem Schulgelände untersagt wird" (unser Resümee).

Heute kritisiert Ahmed Mansour in der Welt genau diese Klage: "Die GFF behauptet, es gebe ein 'Gebetsverbot' an Schulen mit solchen Regeln. Davon kann keine Rede sein. Jeder kann in sich gehen und beten, etwa vor einer Prüfung. Aber stark religiöse Schüler dürfen andere nicht unter Druck setzen. Doch genau das geschieht an vielen Schulen, besonders an solchen mit einem hohen Anteil an muslimischen Schülern. ... Wo mehrere Schüler in der Pause öffentlich ihre Gebetsteppiche ausrollen und demonstrativ beten, immer getrennt nach Geschlecht, setzen sie schon damit andere unter Druck, die ihren Glauben nicht so wie sie leben." Doch auch Gebetsräume an öffentlichen Schulen sind für Mansour kein Ausweg. Sie "schwächen die Freiheit und nützen vor allem den Radikalen. Das leistet am Ende den Minderheiten Vorschub, die Religion als Machtmittel gegen die Mehrheit der Schüler nutzen - während die stillere, oftmals muslimische Mehrheit im Stich gelassen wird. Diese anderen wollen einfach nur Kinder und Jugendliche sein, einfach lernen, sich entwickeln, flirten, die Welt erkunden, frei und ohne Angst ihre Meinungen austauschen. Darum geht es im Grundgesetz, das jedem seine Würde garantiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2025 - Gesellschaft

Ohne Wirtschaftswachstum bröckelt die Demokratie, erklärt die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln im taz-Interview. Und Deutschland steckt seit drei Jahren in der Rezession. Was tun? Vor allem Frauen können immer noch nicht ihr volles Potential auf dem Arbeitsmarkt ausschöpfen, meint Fuchs-Schündelin: "Wenn Frauen anfangen, mehr zu verdienen als ihre Männer, dann machen sie wieder mehr Hausarbeit, um das zu kompensieren. Sie wissen um die Kosten und reagieren darauf. Das findet man in den USA und in Westdeutschland. In Ostdeutschland trifft es nicht zu. Das ist auch ein Grund, warum viel mehr Frauen als Männer Beförderungen ablehnen. Sie wissen, dass das für sie risikoreicher und mit mehr Kosten verbunden ist. Es gibt sehr viele talentierte Frauen, die ihre Fähigkeiten nicht entsprechend in den Arbeitsmarkt einbringen. Das ist schlecht für das Wirtschaftswachstum und sollte der Regierung nicht egal sein."

Wenn postkoloniale Bewegungen von Rassismus sprechen, dann wird Antisemitismus häufig ausgeklammert. Denn "Jüdinnen und Juden werden zunehmend als 'weiß' oder weißen Herrschaftsinteressen dienlich identifiziert", erklärt Uwe Mattheiß in der taz, der sich die Ausstellung "Schwarze Juden, weiße Juden?" im Jüdischen Museum in Wien angesehen hat. Die möchte genau mit diesem Irrtum aufräumen: "'Include Jews In Your Activism', fordert die Künstlerin Hannah Michelle Provisor in einer Illustration der Ausstellung, verweist auf die Diversität jüdischer Identitäten und fordert, Erfahrungen von 'Jews of Color' im intersektionalen Diskurs über Diskriminierungstatbestände mit einzubeziehen. Die Chancen dafür stehen ausgesprochen schlecht. Aktivist:innen der 'Black Lives Matter'-Demonstrationen von 2020 finden sich heute vielfach an der Spitze 'propalästinensischer' Demonstrationen. Ungeachtet des weltweiten Anstiegs antisemitischer Übergriffe nach dem 7. Oktober erklärt eine vorherrschende theoretische Begründung von antirassistischem Aktivismus die in der Schoah gipfelnde jüdische Verfolgungsgeschichte für vergangen."