9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2764 Presseschau-Absätze - Seite 38 von 277

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2024 - Gesellschaft

In der FR stellt Hannah El-Hitami auf zwei Seiten den 2019 gegründeten und in den Niederlanden sitzenden Verein "European Legal Support Center" (ELSC) vor, der Menschen vertritt, die wegen ihrer "pro-palästinensischen" Aktivitäten Probleme mit der Justiz, der Polizei oder der Ausländerbehörde bekommen. Das Migrationsrecht sei schon jetzt ein "viel härteres Sanktionsmittel als das Strafrecht", sagt der Rechtsanwalt Alexander Gorski, der beim ELSC Mandanten vertritt, denen infolge von Demonstrationsteilnahmen oder Posts in den sozialen Medien aufenthaltsrechtliche Sanktionen drohen: "Deutschen Staatsbürgern drohe im Falle einer Verurteilung wegen strafbarer Aussagen meist eine Geldstrafe, doch Personen ohne deutschen Pass werde die aufenthaltsrechtliche Zukunft verbaut. 'Da geht es um die Existenz.' Laut der Berliner Staatsanwaltschaft wurden in Berlin seit dem 7. Oktober 961 Verfahren 'im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt' eingeleitet. Etwa die Hälfte wurde eingestellt. Von den 237 Verfahren 'im Zusammenhang mit Demonstrationen zum Nahost-Konflikt' wurde knapp ein Drittel eingestellt." Laut "NGO Monitor" gehört das ELSC zu den BDS-nahen palästinensischen Organisationen. "Die ELSC veröffentlicht keinerlei Finanzdaten, Spenderinformationen oder Finanzierungsquellen."

Derweil erzählt der in Russland aufgewachsene und in New York lebende Rabbi Benjamin Goldschmidt in der Welt, wie jüdische Gemeinden mit dem Anstieg des Antisemitismus auch in den USA gezwungen sind, mehr Geld für bewaffnete Wachen auszugeben und Sicherheitsgebühren auf ihre Mitgliedsbeiträge aufzuschlagen. Er fordert politische Maßnahmen, "die dazu beitragen, Antisemitismus zu bekämpfen und unsere Gemeinschaften vor Hass zu schützen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2024 - Gesellschaft

Thomas Schmid ist in der Welt fassungslos: Bei einer sogenannten "Friedensdemonstration" in Bonn hält eine Person ein Plakat in die Höhe mit der Aufschrift "May every day be Oktober 7th" ("Möge jeder Tag ein 7. Oktober sein"): "Es gibt da nichts zu deuteln: Das ist ein Aufruf zum täglichen Mord an Juden. Keine der anwesenden Personen scheint sich an dem Satz zu reiben oder zu stören, von Protest zu schweigen. Es ist, als nähmen sie ihn gar nicht wahr. Oder akzeptierten ihn als eine Aussage, die eben so mitläuft: vielleicht überspitzte, aber jedenfalls legitime Meinungsäußerung. Erschreckend daran ist, dass Frauen und Männer, die erkennbar alle Freiheiten der liberalen Gesellschaft genießen können und genießen wollen, wie beiläufig mitteilen, dass sie den 7. Oktober 2023 gerne zum antiisraelischen und antijüdischen Normalfall machen würden."Die Politik hat noch nicht begriffen, was für eine Art von Politikerin Sahra Wagenknecht ist, hält Jörg Lau auf Zeit Online fest. An den Verhandlungen mit der CDU in Thüringen lässt sich das gut beobachten - Wagenknecht versucht, die Partei gegen ihren eigenen Vorsitzenden Friedrich Merz auszuspielen. Wagenknecht behauptete, Merz hätte "faktisch einen Kriegseinsatz Deutschlands gegen Russland gefordert", zitiert Lau, eine Falschbehauptung. Die CDU verhandelt trotzdem weiter: "Es kommt für Sahra Wagenknecht darauf an, die mächtige, stolze Union mit ihrem westlichen Wertepathos dazu zu zwingen, den Gesslerhut der 'Friedenspolitik' zu grüßen. Der Begriff 'Frieden' wird so für eine Politik gekapert, die der Ukraine die Unterstützung verweigert. Aber wer könnte schon gegen 'Friede' sein?" Sahra Wagenknechts Politik ziele "darauf ab, den Diskurs zu verschieben, Symbole zu setzen, Identitäten umzuschreiben. Und damit ist sie derzeit singulär erfolgreich. Gut möglich, dass sie mit ihrer Methode auch die Union austrickst - und diese das erst bemerkt, wenn es zu spät ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2024 - Gesellschaft

Die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz hat sich nach dem 7. Oktober klar gegen "propalästinensische" Genozid-Vergleiche in Bezug auf Israels Gaza-Feldzug gewandt. Zum Jahrestag veranstaltete sie eine szenische Lesung mit Texten von Opfern des 7. Oktober. Im Gespräch mit Martin Brandt spricht die Gedenkstättenleiterin Deborah Hartmann über ihren Kampf gegen Relativierungen, Gleichsetzungen und Vereinnahmungen von allen Seiten. Ein besonders heikler Punkt ist für sie auch der Umgang mit der AfD: "Seitens der AfD gibt es einen großen Andrang, Gedenkstätten zu besuchen. Das ist natürlich eine Form der Instrumentalisierung, die diese Partei dafür nutzt, um sich als nicht geschichtsrevisionistisch zu inszenieren. Häufig organisieren Bundestagsabgeordnete Besuche für Menschen aus ihrem Wahlkreis, was über das Bundespresseamt finanziert wird. Wenn sich solche Gruppen ankündigen, haben wir bisher versucht, das differenziert anzugehen und sie nicht kategorisch abzulehnen - in der ganzen Ambivalenz, die da drinsteckt. Wir bereiten diese Führungen dann so auf, dass sie sehr klar in ihrer politischen Aussage sind. Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag, und vielleicht gibt es ja Menschen darunter, bei denen man ein Umdenken erzeugen kann, weil es sich nicht bei allen um gefestigte AfD-Mitglieder handelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2024 - Gesellschaft

Überall wird über Verbote diskutiert, wenn auch in unterschiedlicher Tendenz. Während wohlmeinende Professoren besorgt sind, dass Antisemitismusklauseln in der Kulturförderung zensorisch wirken könnten, befürwortet man doch ein Verbot der AfD wie heute Gareth Joswig in der taz oder Ronen Steinke in der SZ (siehe oben) und wendet sich gegen eine Evaluierung von Landeszentralen für politische Bildung durch die politische Aufsicht. Hierüber berichtet heute Christian Jakob in der taz am Berliner Beispiel. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) stellt die Berliner Landeszentrale und ihr Angebot auf den Prüfstand, eine Petition dagegen hat 20.000 Unterschriften, so Jakob, der aber konzediert, dass die Förderung sogenannter "zivilgesellschaftlicher" Organisationen in den letzten Jahren rapide zugenommen hat: "2015 startete etwa das Programm 'Demokratie leben' mit einem Jahresbudget von 40,5 Millionen Euro. Heute kann es über 182 Millionen Euro pro Jahr für etwa 700 Projekte ausgeben. Der Etat der Bundeszentrale für politische Bildung liegt im laufenden Jahr bei 96 Millionen Euro."

Wie fatal es sich allerdings auswirken kann wenn sich der Staat mit "Demokratieförderung" und anderen Subventionen eine Gesellschaft nach seinem Bilde schafft, thematisiert der Fotograf, Autor und Perlentaucher-Kolumnist Peter Truschner in einem Artikel für die Berliner Zeitung über die neuerdings überall in Frage stehende Förderung etwa von Literatur oder Kino: "Was sich harmlos Förderrichtlinien nennt, stellt in Wahrheit eine Vorzensur dar, zumindest aber eine Aufforderung zur Selbstzensur. Wer glaubt, dass daraus eine unabhängige, kritische Gegenwartskunst hervorgehen kann, kann auch gleich an den Weihnachtsmann glauben. Der Staat will sich jedoch keine Feinde, sondern loyale Claqueure heranzüchten, weshalb er nicht droht, sondern für stillschweigende Übereinkunft Subventionen, Preise, Stipendien und eine stattliche Anzahl an Posten mit Festgehalt, Rente und Ruhegeld in Aussicht stellt. Die Folgen dieser Praxis schildert die Filmemacherin Narges Kahlor: 'Alle machen das Gleiche, um finanzielle Unterstützung zu bekommen. Wer wirklich kreative Filme drehen will, schafft das nicht. Der ganze Betrieb ist eine große, ängstliche Familie."

Eine wirkliche Aufarbeitung der politischen Maßnahmen in der Coronakrise wird es nicht geben, weil sich die Ampelparteien nicht auf ein Modell dafür einigen können und die CDU daran erst recht kein Interesse hätte, beobachtet Paul Gross in der FAZ. "Es geht aber längst nicht nur um die abstrakte Idee von Aussprache und Befriedung, um Zugeständnisse an die derzeit vom Politikbetrieb abgewandten Teile der Gesellschaft. Es geht ebenso darum, Fragen zu beantworten, die sich fachlich stellen. Es geht darum, wie sich Deutschland effektiv auf immer wahrscheinlicher werdende Pandemien vorbereiten kann."

Außerdem: Die Idee der "kulturellen Aneignung" basiere auf einem Gedanken, der "jede" Solidarität verdient, lernen wir in einem FAZ-Artikel des Kulturwissenschaftlers Thomas Thiemeyer. Die britische Philosophin Kathleen Stock hatte ihre Universität nach Vorwürfen der Transphobie verlassen (unsere Resümees). Nun hat sie mit "Material Girls" ein Buch veröffentlicht, in dem sie über "gesunde" Sexualität, Biologie und Feminismus nachdenkt. Die "Besessenheit der Linken, alles zu moralisieren, ist das Gegenteil von erotisch", sagt sie im Gespräch mit der Berliner Zeitung, in dem sie vor allem #MeToo und Pornografie verantwortlich macht, die Beziehung der Menschen zur Sexualität vergiftet zu haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2024 - Gesellschaft

Ein klarer Rechtsruck ist laut der aktuellen Shell-Studie unter den 12 bis 25jährigen nicht zu erkennen, schreiben Adefunmi Olanigan und Cem-Odos Güler in der taz: "Grundsätzlich ist dabei sowohl jungen Männern als auch Frauen eine vielfältige Gesellschaft wichtig - bei Mädchen ist dieser Wunsch aber deutlich stärker ausgeprägt. 72 Prozent der jungen Frauen sprachen sich für eine bunte Gesellschaft aus, während es bei den Männern 56 Prozent waren. (…) Die Angst vor Kriegen, ob in der Ukraine oder im Nahen Osten, ist so groß wie nie. Sie hat sich fast verdoppelt von 46 auf 81 Prozent. Dazu kommt die Sorge um die wirtschaftliche Lage und Angst vor Armut. Und auch die wachsende zwischenmenschliche Feindseligkeit beunruhigt junge Menschen. Dabei ist auch die Angst vor Ausländerfeindlichkeit gewachsen und deutlich größer als die Angst vor Zuwanderung: 58 Prozent äußerten die Furcht vor rassistischer Gewalt, während 34 Prozent sich wegen der Zuwanderung in Deutschland sorgten - dieser Wert ist im Vergleich zu vor fünf Jahren fast unverändert."

Am Freitag wird ein Bündnis, dem unter anderem Amnesty International Deutschland und Terre des Hommes Deutschland angehören, vor dem Kanzleramt fordern, Menschenleben nicht mit zweierlei Maß zu messen und palästinensisches Leben genauso wertzuschätzen wie israelisches Leben. "Warum hat es fast ein Jahr gedauert, bis solche schlichten Grundsätze universellen Zusammenlebens mit Selbstbewusstsein auf einen zentralen Platz der Republik getragen werden", fragt sich taz-Kolumnistin Charlotte Wiedemann : "Weil wir ein trauriges, feiges, verlogenes Land geworden sind. Weil in diesem Jahr viele Hoffnungen zertreten wurden, nicht zuletzt die Hoffnung auf eine gelingende Einwanderungsgesellschaft." Das "Denksystem der Staatsräson" sei nicht nur autoritär, "sondern auch überaus komfortabel, eine Art nationales Sofa der gebildeten Schichten. ... So ist eine Mentalität vorsätzlicher Ignoranz entstanden: Als gebe es ein spezielles deutsches Recht, nicht zu wissen - nicht zu wissen, was genau in Israel, Gaza oder der Westbank vor sich geht oder wie gefährlich Israels radikale Rechte tatsächlich ist." Mit den Gaza-Protesten habe Deutschland daher "die Bewegung bekommen, die es verdient. Darin sind viele migrantisch, viele ohne deutschen Pass, manche staatenlos, die meisten sehr jung und viele mit prekären Jobs."
Stichwörter: Amnesty International

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2024 - Gesellschaft

Buch in der Debatte

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Der Soziologe Andreas Reckwitz beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit den gesellschaftlichen Verlusten, die der verlorene Glaube an eine bessere Zukunft mit sich bringt. "Das ist eine riesige Herausforderung, für die ganze Gesellschaft", erklärt er im Interview mit Spon: "Wie gehen wir mit Verlusten um, die sich nicht vermeiden lassen? Die moderne Politik ist vom Fortschrittsversprechen geprägt und hat den Anspruch, die Lebensbedingungen stetig zu verbessern. Wenn es heißt, der Gürtel müsse enger geschnallt werden, dann gilt das immer nur auf Zeit - damit es später umso besser weitergeht. Dieses Denken stößt an seine Grenzen. Insofern ist es kein Wunder, dass der Populismus einen solchen Aufschwung hat. Seine Wählerbasis sind Menschen, die Status- oder Machtverluste erfahren haben oder befürchten." Offen über diese Verluste zu sprechen, "zum Beispiel über irreversible Klimaschäden oder die Erschütterung der globalen Sicherheitsarchitektur, wäre sicher ein Anfang. Positiv gesprochen geht es darum, die Gesellschaften resilienter zu machen, einen Umgang mit Negativereignissen zu finden, sie zu vermeiden oder wenigstens abzumildern. Die nächste Pandemie wird kommen, wir sollten darauf vorbereitet sein. Die Klimakrise ist schon da, wir sollten uns dafür rüsten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2024 - Gesellschaft

Nicholas Potter untersucht für die taz das Berliner Medienportal Red, das bei vielen linken Aktivisten beliebt sei. Es sticht vor allem mit krass antiisraelischen Videos hervor, war bei Uni-Besetzungen "propalästinensischer" Aktivisten zugegen, die für andere Medien gesperrt waren, und feierte den 7. Oktober als "prisonbreak" - und sehr vieles spricht dafür, dass enge, auch finanzielle Verbindungen zu Russland bestehen, bis hin zur Übernahme alter Russia-Today-Strukturen. "Die undurchsichtige Finanzstruktur von Red hat wohl auch Gründe: 'Russland betreibt eine Vielzahl 'verdeckt unterstützter Medien' und Red scheint auf den ersten Blick eine davon zu sein', sagt Florian Töpfl der taz. Er ist Professor an der Universität Passau und forscht zur ausländischen Medienstrategie Russlands. Seit Jahren versucht der Kreml, alles zu verstärken, was die liberale, westliche Demokratie destabilisiert. Im September analysierte die taz interne Papiere der russischen Propagandafabrik SDA, die mit Desinformation die deutsche Öffentlichkeit beeinflussen will. Teils seien solche Medien sogar mehrsprachig, sagt Töpfl. Dazu gehört auch das Portal Red, das inzwischen auch Artikel auf Spanisch oder Türkisch veröffentlicht."

Auch der Tagesspiegel recherchiert zu "propalästinensischen" Aktivisten. Julius Geiler und Claudia von Salzen kommen auf die Besetzung von Räumen der Humboldt-Universität im Mai zurück. Sie zeigen, dass die Aktivisten zum Teil keineswegs Studenten waren, sondern aus der verbotenen Organisation Samidoun kamen. Heute organisieren sie sich bei "Masar Badil", wie die Tagesspiegel-Autoren einem Dossier des Vereins "democ" entnehmen: "'Masar Badil' versucht den Recherchen von democ zufolge ... auch, in mehreren Ländern ein breites Bündnis zusammenzubringen, dessen gemeinsamer Nenner die Ablehnung Israels ist. Konferenzen fanden beispielsweise in Madrid, Brüssel und im kanadischen Ottawa statt. Für dieses Netzwerk veranstaltet 'MB' Online-Seminare und Videokonferenzen, in denen mehrfach Vertreter der Terrororganisation Hamas als Redner geladen wurden." Auf seiner Webseite stellt sich "democ" als "Zusammenschluss von Journalisten, Wissenschaftlern und Medienschaffenden vor, die gemeinsam demokratiefeindliche Bewegungen beobachten, dokumentieren und analysieren".

Die "propalästinensischen" Protestgruppen an der Columbia Universität in New York und anderen amerikanischen Unis radikalisieren sich immer weiter, stellt Frauke Steffens in der FAZ fest: "Der Ableger von 'Jewish Voice for Peace' (JVP) an der Hochschule, der zeitweise suspendiert wurde, teilte am Jahrestag des 7. Oktober einen Post von Autor Dan Cohen bei X, in dem es hieß, dass im Oktober 1944 hunderte Juden im Vernichtungslager Auschwitz den Aufstand gewagt hatten und dass 'die Palästinenser' 79 Jahre später 'eine ähnliche Attacke gegen ihre zionistischen Unterdrücker' unternommen hätten. Um den Jahrestag des Hamas-Massakers veranstaltete JVP gemeinsam mit 'Students for Justice in Palestine' (SJP) eine 'Mahnwache für unsere Märtyrer, die von der zionistischen Einheit massakriert wurden.' SJP schrieb dazu bei X, man gedenke auch des Jahrestags der 'historischen Al-Aksa-Flut-Operation' - das ist die Bezeichnung der Hamas für das Massaker an israelischen Juden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2024 - Gesellschaft

In der Welt erzählt Mirna Funk, wie sie sich und ihre kleine Tochter in Tel Aviv im Keller vor den iranischen Raketen in Sicherheit brachte, während draußen noch die palästinensischen Attentäter herumliefen, die sieben Menschen umbrachten, und darüber nachdachte, ob das Leben in Berlin nicht einfacher wäre. Wäre es wohl nicht: "Ich weiß nicht, ob irgendjemand - außer die Juden in der Diaspora - verstehen können, was seit einem Jahr in uns vorgeht. Wie schwer es ist, nicht zu wissen, wohin man soll und wo man eigentlich sicher ist. Denn sicher ist es nicht, in einer Stadt zu leben, in der Tausende tagtäglich seit einem Jahr 'Intifada, Intifada' brüllen dürfen, ohne dass jemand einschreitet. Denn Intifada ist das, was nur wenige Minuten vor dem Raketenangriff, wenige Meter von meiner Wohnung entfernt, passiert war. Intifada ist sieben Menschen in einer Tram und an einer Haltestelle zu erschießen und zwölf zu verwunden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2024 - Gesellschaft

Im Welt-Interview verteidigt der Soziologe Armin Nassehi die Grünen gegen Ulf Poschardt. Das "Versagen der Grünen", das Poschardt anspricht, sei ein Topos, der sich mittlerweile verselbstständigt habe: "Es ist ein lohnender Zurechnungspunkt, und die permanenten 'Keine Koalition mit den Grünen'-Beteuerungen sind doch fast schon eine Objektbesetzung. Ihre Frage ist, sorry, Teil der Misere: Dahinter steckt die simple Ideologie von mehr oder weniger Staatstätigkeit. Langweilig. Die Frage ist doch: welche Staatstätigkeit? Stattdessen werden die alten Ideologien gepflegt. Am Ende, das haben wir in der Bundesrepublik immer wieder gesehen, müssen die Falschen das Richtige machen: der Konservative Adenauer die Westbindung, der linke Brandt die bürgerliche Demokratisierung. Nur der konservative Kohl konnte maximale nationale Autonomie an Europa abgeben, Schröders Arbeitsmarktreformen musste ein Sozialdemokrat machen. So wird man den Grünen die ökologische Wende nicht allein zugestehen. Aber sehr wohl braucht man sie dazu als Partner."

"Wir benötigen dringend EU-weite Regeln, um die Vergewaltigung narkotisierter Frauen zu ahnden", fordert im Spon-Interview die italienische Historikerin Laura Schettini, die anlässlich des Falls Pelicot (unsere Resümees) auf die Geschichte der Vergewaltigung bis ins Römische Reich zurückblickt: "Im römischen Recht, das unser juristisches System bis ins 20. Jahrhundert geprägt hat, besaß das Familienoberhaupt sowohl das ius corrigendi, also das Recht, alle Familienmitglieder mit Gewalt zu disziplinieren als auch das ius in corpus: das Recht, frei über den Körper der Ehefrau zu verfügen. Die Frau galt als männliches Eigentum, das dazu dient, die Legitimität der Nachkommen zu sichern. Vergewaltigung innerhalb der Ehe war kein Delikt. (…) In Italien galt das ius corrigendi bis 1956; Vergewaltigung innerhalb der Ehe ist seit Ende der Sechzigerjahre eine Straftat. Wie der Fall Pelicot zeigt, sind manche Männer bis heute der Ansicht, der Ehemann dürfe mit seiner Frau machen, was er will."

Das Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung hat Schulen der Stadt geraten, zum 7. Oktober doch besser keine Schweigeminute abzuhalten. In einem Schreiben der Behörde, das auf Twitter zirkuliert, heißt es: "Es soll an diesem Tag aber nicht um Sachinformationen, um richtig / falsch und das große 'Aber…' gehen. Verzichtet deshalb auf große Gesten wie Schweigeminuten, Aufforderungen zur Trauer oder Empathie. Verzichtet auch auf das gemeinsame Schauen von Reportagen in der nächsten Woche. Statt dessen: Gebt den Schülerinnen und Kolleg:innen am 07.10.2024 und der kommenden Woche Raum, ihre Emotionen zu teilen. Fragt nach, hört zu und wenn es an eurer Schule Rituale der gemeinsamen Trauer gibt, bietet diese an. Hier wären zum Beispiel denkbar: gemeinsam tausend Kraniche der Hoffnung zu falten an einem Baum auf dem Schulgelände Wünsche der Hoffnung zu befestigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2024 - Gesellschaft


In der SZ wirft Jan Heidtmann dem Berliner Senat im Allgemeinen und Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner im Besonderen vor, die Solidarität mit Israel seit dem 7. Oktober über alle anderen Bedürfnisse zu stellen. Er erinnert: "In der Stadt leben nicht nur 30.000 Menschen jüdischen Glaubens, sondern auch an die 180.000 aus unterschiedlichen Ländern des Nahen Ostens. Über 40.000 von ihnen sind Palästinenser. Durch Verwandte und Freunde im Gazastreifen oder in Libanon erleben sie jeden Tag mit, was auf den 7. Oktober folgte: der Tod Tausender unschuldiger Kinder und die Vertreibung Hunderttausender. Sie beanspruchen mit demselben Recht wie Berlins Juden, dass ihr Schmerz und ihre Trauer gehört wird. Wie so viele Krisen in der Welt, ist auch diese in der Hauptstadt angekommen - in ihrer ganzen Komplexität."

Ihrer Trauer gaben junge Demonstranten palästinensischer und anderer Herkunft - übrigens in huldvoller Anwesenheit von Greta Thunberg - zum Jahrestag in Neukölln mit Böllern und Flaschenwürfen auf die Polizei Ausdruck:

Thomas Thiel unterhält sich in der FAZ mit Orna von Fürstenberg vom Netzwerk jüdischer Hochschullehrender über die neue Unsicherheit auf dem Campus. Sie spricht vor allem auch die nicht so greifbaren Effekte der neuen Stimmung an den Unis an: "Ein großes Thema sind Ausladungen oder das Ausbleiben von Einladungen, die man sonst immer bekommen hat. Es kommt vor, dass Redner zu jüdischen Themen gebeten werden, die Universität durch die Hintertür zu betreten, damit es zu keiner Konfrontation mit Aktivisten kommt. Manche Kollegen sind auf Onlinelehre umgestiegen, um Anfeindungen und Konfrontationen zu vermeiden. Juden werden so aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt, und manche meinen, das Problem sei damit gelöst. Wir haben gemerkt, dass sich eine Linie verschoben hat und ein Bruch durch die Universitäten geht."

In Frankreich hatte die neue Bildungsministerin Anne Genetet für den 7. Oktober eine "Zeit der Besinnung und des Nachdenkens" an den Schulen angekündigt. Aber das Projekt wurde schnell kassiert, berichtet Michaela Wiegel in der FAZ: "Kurz nach dem Interview korrigierte das Kabinett der Bildungsministerin die Darstellung. Das Gedenken zum 7. Oktober an den Schulen finde nicht statt. Genetet habe sich geirrt, hieß es. Es werde am 14. Oktober eine Schweigeminute an allen Schulen für die von Islamisten ermordeten Lehrer Samuel Paty und Dominique Bernard geben." Gleichzeitig hat übrigens der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon alle Studenten aufgerufen, vom 8. Oktober an Palästinenserfahnen in allen Universitäten aufzuhängen.

Zu den erschreckendsten Erkenntnissen aus dem 7. Oktober gehört für Salonkolumnist Bernd Rheinberg die Tatsache, dass sich "wie auf Knopfdruck im Westen eine Kampagne gegen Israel initiieren lässt. Da gab es einen in drei Wellen generalstabsmäßig geplanten und durchgeführten Angriff, ein Massaker mit über Tausend Ermordeten, eine Geiselnahme von 250 Menschen und eine abscheuliche propagandistische Übertragung dieser Gräueltaten in die Weltmedien - und es bedarf nicht der geringsten Anstrengung oder Zeitverzögerung, Israelfeinde in den freien westlichen Gesellschaften wie ein großes Fremdenbataillon aus nützlichen Idioten und fanatischen Sympathisanten als vierte Welle zu mobilisieren und das mit einer klar definierten Aufgabe: Fortsetzen des Kriegs gegen Israel durch Stimmungsmache, Desinformation, Propaganda, Gewalt, Sympathiekundgebungen für die Hamas."