9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2022 - Gesellschaft

Bei aller Liebe fürs Klima, in der SZ ist Philipp Bovermann doch ziemlich abgestoßen von der Rhetorik, mit der Klimaaktivisten auf den Tod einer Radfahrerin reagierten, nachdem ein Bergungsfahrzeug im Stau steckengeblieben war: "Anstatt einfach mal innezuhalten, weil da jemand gestorben ist, anstatt Entsetzen und Bedauern zu äußern und dann full stop, veröffentlichte die Gruppe eine Erklärung, in der sie sich über 'eine Welle der Vorwürfe, Unwahrheiten und Hetze' beschwerte. ... Über das Schicksal der 'Letzten Generation' wird wohl entscheiden, ob sie sich einen Rest von Empathie für die Menschen bewahrt, die sie aufrütteln, warnen und, ja, retten will. Denn ein Protest, der einzig seine eigene Radikalität thematisiert (Seht her, wozu eure Untätigkeit uns getrieben hat!), ist nichts mehr als eine öffentliche Beschäftigung der Bewegung mit sich selbst."

Das Recht auf Cannabis wird dem Stoff nebenbei die letzte Poesie nehmen, und das ist auch richtig so, schreibt Claudius Seidl im Aufmacher des FAZ-Feuilletons: "Verbote helfen nicht, das haben ja die Jahre des Verbots gezeigt. Sich einzureden, dass der Stoff, bloß weil er demnächst erlaubt sein wird, deshalb auch harmlos sei, wäre fast genauso verkehrt. Und im Grunde muss in dem Moment, da Cannabis integriert ist, die Desintegration schon beginnen: Auch das Rauchen ist erlaubt, wenn auch nicht überall; aber dass es schädlich ist, ein Zeichen von Schwäche eher als von Verwegenheit, ein Laster, auf das man nicht auch noch stolz sein sollte - das ist heute jedem Raucher bewusst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2022 - Gesellschaft

Was heißt Solidarität heute eigentlich noch?, fragt der Soziologe Heinz Bude in der SZ. Ein neues "Wir" soll heute das "neoliberale Ich" ablösen, dummerweise hat die politische Rechte das Bedürfnis nach einem Wir bereits vergiftet und die politische Linke findet keine Antwort, so Bude: "Der Solidaritätsgedanke kann sich heute nicht mehr auf ein Wir berufen, das die Orientierungen für die Vielen ausgibt. Die Milieus der Wir-Bildung gibt es weder in der Sozialdemokratie oder bei den Gewerkschaften noch in den katholischen oder protestantischen Domänen der christlichen und sozialen Union. Auch das liberale Wir ist zwischen Nationalliberalen, Wirtschaftsliberalen und Sozialliberalen gespalten, und im grünen Milieu sind die Unterschiede zwischen Berlin und Stuttgart bei aller Liebe nicht auf einen Nenner zu bringen. Eine Idee von Solidarität, die die Leute bewegt, muss also durch das Nadelöhr des Ichs gehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2022 - Gesellschaft

Nein, allzu viel Sinn kann FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube im Leitartikel dieser Zeitung den Kunstklebe-Aktionen der Klima-Aktivisten nicht abgewinnen. Und auch all jene Stimmen, die die Aktivisten auf Twitter verteidigen, finden nicht seine Zustimmung. Als "besonders grotesk", bezeichnet er eine Argumentation, die die Klebeaktionen selbst zur Kunst hochstilisiert: "Hier meldet sich eine Tiefenhermeneutik, die aus jedem Unfug Sinn herauspresst. Die Aktionen werden selbst zu künstlerischen verklärt, und Kunst darf aus Sicht der Kunst natürlich fast alles. Kunstwerke, wird als Bedeutung der Attacken angegeben, würden selbst zu bedrohtem Kulturgut, wenn nichts gegen den Klimawandel getan werde. Trivial: Wenn die ganze Erde brennt, brennt auch das Museum. "

Kann es sein, dass Kaube hier auf den FAZ-Kollegen Patrick Bahners bezieht, der in einem Twitter-Thread genau so argumentierte: "Die Aktivisten haben die Einladung zum Dialog angenommen und bringen die Kunstwerke zum Sprechen. Sie haben die aktualisierte Museumsdefinition von @IcomOfficiel verstanden. 'Open to the public, accessible and inclusive, museums foster diversity and sustainability.'"

Ach so, ja, kann sein, auch wenn er den Namen des Kollegen vornehm verschweigt, denn Kaube fährt fort: "Insofern ist es blanker Sarkasmus, zu sagen, die Aktivisten hätten die Einladung der Museen zum Dialog angenommen und - die abgegriffenste Phrase - brächten die Kunstwerke zum Sprechen. Doch was genau spricht der Monet denn durch den Kartoffelbrei und das Geschrei der Aktivisten hindurch zum feinhörigen Verteidiger des Krawalls?"

Die Aktionen der Klima-Aktivisten bewirken übrigens weniger, dass übers Klima als dass über die Aktivisten gesprochen wird, bemerkt Klaus Hillenbrand in der taz: "Im Mittelpunkt der Kampagne steht also gar nicht das politische Ziel, sondern es geht um die Kampagnenteilnehmer. Das erinnert an das Verhalten so mancher Sekte."

In der FR erzählt Arno Widmann eine kurze Geschichte des zivilen Ungehorsams und seiner Grenzen. Gandhi können die Klimaaktivisten eher nicht als Vorbild in Anspruch nehmen, meint er: "Der Ungehorsam muss - das scheint für Gandhi die Grenze zu sein - vom Gewissen des Ungehorsamen getragen werden. Es geht dabei nicht um das ferne, hehre Ziel - den Sturz der Fremdherrschaft, die Abschaffung von Ausbeutung oder ähnliches -, sondern um die konkrete Aktion. Die Begründung, man habe mit den bisherigen Aktionen keine Wende in der Klimapolitik erreicht und müsse jetzt darum gegen Gemälde vorgehen, hat mit Gandhis Vorstellung von zivilem Ungehorsam nichts zu tun."

Amerika kriegt die Drogen nicht in den Griff. Nach wie vor sterben Tausende an der Substanz Fentanyl, die Drogen beigemischt wird und fünfzigmal stärker ist als Heroin, berichtet Frauke Steffens in der FAZ. "Fentanyl hat dabei Heroin als Todesursache verdrängt: In 67 Prozent der Fälle enthielten die tödlichen Dosen den Stoff. Fachleute machen neben der Pandemie auch Drogensucht dafür verantwortlich, dass die allgemeine Lebenserwartung jüngst um 2,7 Jahre zurückging und auf dem niedrigsten Stand seit 1996 ist - für Native Americans, Latinos und Schwarze liegen die Rückgänge zwischen 6,6 und vier Jahren. Männer aus diesen Gruppen sterben auch am häufigsten an Überdosen - allein 2020 stieg die Zahl der Drogentoten unter schwarzen Männern laut der Bundesgesundheitsbehörde um 44 Prozent, für Weiße war der Anstieg mit 22 Prozent ebenfalls historisch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2022 - Gesellschaft

In der taz würdigt Lale Artun die verstorbene Mevlüde Genç, die zwei Töchter, eine Nichte und zwei Enkelinnen bei dem Brandanschlag in Solingen verlor, und sich dennoch für Versöhnung einsetzte. Die CDU hatte vor dem Anschlag monatelang gegen Flüchtlinge Stimmung gemacht und drei Tage vor dem Anschlag mit Hilfe der SPD eine Einschränkung des Asylgrundrechts durchgesetzt: "Bundeskanzler Helmut Kohl ließ sich bei der Trauerfeier in Solingen 1993 entschuldigen: Man wolle keinen 'Beileidstourismus', sagte sein Regierungssprecher, und Kohl habe 'nun weiß Gott auch andere wichtige Termine'. Sich diese gefährlichen Unverschämtheiten erinnernd vor Augen zu führen, schärft das Bewusstsein für die Leistung Mevlüde Gençs. Es braucht Größe, es braucht schier grenzenlose Menschenliebe, um nach der Ermordung fünf seiner Kinder und Kindeskinder zur Versöhnung aufzurufen - während das Land der Täter sich in Ausflüchten und Abwiegelung übt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2022 - Gesellschaft

Die Stimmung gegenüber Juden hat sich in Amerika verschlechtert, schreiben Michelle Boorstein und Isaac Arnsdorf in der Washington Post. Zwar gibt es weniger Menschen, die in Umfragen antisemitische Einstellungen bekunden, aber mehr Furcht vor Gewalt. Prominente wie der Basball-Spieler Kyrie Irving oder der Rapper Kanye West (der sich nur noch Ye nennt) äußern offen antisemitische Positionen. Dabei entstehen seltsame Allianzen: "Fox News-Moderator Tucker Carlson ist in Clips, die von Vice News veröffentlicht wurden, Ye während eines Interviews nicht ins Wort gefallen, als der Künstler eine heute von einigen geteilte Überzeugung wiederholt, dass heutige Juden nicht die rechtmäßigen Juden der Bibel seien. Dies ist Teil einer Doktrin, die von der als 'Black Hebrew Israelites' bekannten Bewegung vertreten wird: dass Afroamerikaner die wahren Nachkommen der alten Israeliten sind, ein Glaube, der oft mit dem Vorwurf vermischt wird, dass Mainstream-Juden nicht die eigentlichen Juden seien."

Anlässlich der Verurteilung des Kochs Alfons Schuhbeck wegen Steuerhinterziehung zu drei Jahren und zwei Monaten Haft fragt sich in der SZ Ronen Steinke, warum Eigentumsdelikte in Deutschland höher bestraft werden als Straftaten gegen Leib und Leben: "Sobald das Rechtsgut Eigentum ins Spiel kommt, geschieht Erstaunliches. 'Angeklagter! Warum haben Sie den Discogast ins Gesicht geschlagen?' - Dass wir in einem Land leben, in dem es wesentlich günstiger ist zu antworten 'Weil er ein Ausländer ist, und ich hasse Ausländer' (dann: Körperverletzung, Mindeststrafe: fünf Tagessätze Geldstrafe), als 'Weil ich ihm sein Bier klauen wollte' (dann: Raub, Mindeststrafe: ein Jahr Haft), bleibt bemerkenswert. Die Attacke auf das Eigentum wirkt gewichtiger als die Schläge."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2022 - Gesellschaft

Schön, dass Gender inzwischen als kulturell konstruiert gilt, meint Andrea Roedig in der NZZ, noch besser fände sie allerdings, wenn dies auch für Race gälte. Roedig erinnert an die Aufregung um die Amerikanerin Rachel Dolezal, die sich ihren weißen Eltern zum Trotz als Schwarze fühlte und von aller Welt dafür angegriffen oder verspottet wurde: "Nur, wo etwas zu holen ist, lohnt sich der Hinweis auf Original und Fälschung. Alle Argumente, die gegen die Aneignung von Race gelten, lassen sich auch gegen den Anspruch auf Gender wenden. Die Debatten darum, wer sich warum 'Frau' nennen darf, haben das zur Genüge gezeigt. Aber derzeit bedeutet der Fake-Vorwurf im Fall von Race politisch etwas ganz anderes als im Fall von Gender. Vielleicht wird in zwanzig Jahren die harsche Beschimpfung Dolezals als 'race fake' genauso peinlich unpassend erscheinen wie heute die Beschreibung Brandon Teenas als 'Frau, die ein Mann sein wollte'."
Stichwörter: Gender, Race

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2022 - Gesellschaft

Der Philosoph Raphaël Enthoven stellt im Franc Tireur eine überraschende Frage: Viele Frauen zeigten, wie sie sich in Solidarität mit den Iranerinnen eine Haarsträhne abschnitten. Was man aber nicht sah, war, dass Frauen im Westen aus Solidarität mit Iranerinnen ihr Kopftuch ablegten, obwohl sie doch angeblich für die Freiheit der Frauen kämpfen, es zu tragen oder nicht: "Heißt das, dass verschleierte Frauen auf der ganzen Welt alle gleichgültig gegenüber dem Martyrium der Iranerinnen wären? Das kann man bezweifeln. Warum ist es für alle so einfach, sich eine Haarsträhne abzuschneiden, und für einige so schwierig, ihr Haar zu zeigen? Hypothese: Liegt es daran, dass es selbst in Ländern, in denen es gesetzlich erlaubt ist, zum Beispiel in Frankreich, sehr gefährlich ist, vor einer Kamera das Kopftuch abzunehmen und stolz zu sagen, dass man dies tut? (...) Wenn das Tragen des Kopftuchs eine Freiheit wie jede andere ist, ist es wohl leicht zu konstatieren, dass es selbst... niemals ein Symbol der Freiheit sein wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2022 - Gesellschaft

Die Politik hat die Frauen, die mit Deutschland Freiheit und Emanzipation verbanden und dadurch hier ihr Leben verloren, im Stich gelassen, schreibt der Islamismusexperte Ahmad Mansour in der Welt. Zu lang ging es bei der Integration um Spracherwerb, Wohnen, Gesundheit, Arbeit und Beruf - zu wenig um patriarchalische Strukturen. Es herrsche Nachholbedarf: "Weil diese Strukturen mit den Grundsätzen einer aufgeklärten Demokratie nicht vereinbar sind, sei es die Geschlechtertrennung, das Tragen eines Kopftuchs bei Mädchen, die fehlende Gleichberechtigung, die Ablehnung von Homosexualität, die Legitimation von Gewalt in der Erziehung und im alltäglichen Miteinander, Zwangsheiraten, der Wert der Jungfräulichkeit bei unverheirateten Frauen. Je mehr sich Kulturen bei solch zentralen Thema unterscheiden, desto schwieriger wird die Integration in eine demokratischfreiheitliche Gesellschaft, desto ausgeprägter ist die Angst vor Identitätsverlust, die zugewanderte Menschen entwickeln. Für viele ist die Lösung, noch stärker auf ihren mitgebrachten Werten zu beharren."

Vor kurzem ist Sacheen Littlefeather gestorben (unser Resümee und Video ihres berühmtesten Auftritts). Sie hatte 1973 als Native American im Auftrag von Marlon Brando die Entgegennahme eines Oscars verweigert. Nun stellt sich heraus, dass sie gar keine Native American war, sondern eine schlichte Hispano-Amerikanerin mexikanischen Ursprungs, berichtet Nina Rehfeld in der FAZ. Rehfeld bezieht sich auf  eine Recherche im San Francisco Chronicle: "Verfasst hat den Artikel Jacqueline Keeler, die registrierte Staatsangehörige der Navajo ist. Sie legt eine weitreichende Recherche zum Stammbaum der Familie Cruz vor. Weder dort noch in den Akten der White Mountain Apache in Arizona, zu denen sich Littlefeather zählte, habe sie einen indigenen Hintergrund für Littlefeather oder ihre Familie finden können. Marie Louise Cruz, geboren am 14. November 1946 im kalifornischen Salinas, habe keine indigenen Vorfahren gehabt, genauso wenig wie ihr Vater Manuel Ybarra Cruz und ihre Mutter Geroldine Marie Barnitz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2022 - Gesellschaft

Frauen werden in der Medizin benachteiligt, sagt die Autorin Elinor Cleghorn, die ein Buch über die Geschichte der Gendermedizin geschrieben hat, im Gespräch mit Nicole Opitz von der taz: "Die Medizin war schon immer eines der Machtsysteme, das auf der Binarität von sex und gender bestand. Und die Vorstellungen der Medizin über die Gesundheit und den Körper von Frauen sind heute untrennbar mit diesen sehr geschlechtsspezifischen Varianten verbunden." Würden sie nicht so benachteiligt, wäre der Unterschied zwischen der Lebenszeit der Frauen und der Männer also noch größer?
Stichwörter: Binarität, Gender

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2022 - Gesellschaft

In den USA gibt es eine massive rechte Cancel Culture, gebildet aus Republikanern und Evangelikalen, die an Schulen und Bibliotheken Bücher verbieten will, berichtet Dorothea Hahn in der taz: "Oft richten sich Einschüchterungen direkt gegen Bibliothekare. In Denham Springs, Louisiana, bezichtigt eine Facebook-Seite eine Schulbibliothekarin als 'Kriminelle und Pädophile'. In Jamestown Township, Michigan, kürzen die Wähler den Bibliothekshaushalt, weil ihnen Bücher im Bestand missfallen. In Virginia erhalten Bibliothekare Drohmails, nachdem sie bei der Arbeit auf Video aufgenommen werden. In Idaho kündigt eine Bibliothekschefin, nachdem Demonstranten ihr 'biblische Strafen' angedroht haben und Leute mit Schusswaffen bei Sitzungen in ihrer Bibliothek auftauchen. Von Januar bis Anfang September dieses Jahres hat der Verband amerikanischer Bibliotheken 681 Versuche erfasst, Bücher aus Bibliotheken zu verbannen."

In der NZZ würde Reinhard Mohr einiges dafür geben, von der Politik mal wieder als Erwachsener mit einem Hirn angesprochen zu werden. Die "infantilen" Antworten unserer politischen Klasse auf Probleme und kritische Fragen gehen ihm enorm auf den Geist: "Es geht eben gerade nicht um Dialog, um 'Transparenz', 'Achtsamkeit' und 'Respekt', sondern um autoritäre Botschaften, die gezielt unters Volk gebracht werden müssen. Diesem Ziel dienen seit längerem auch kreative Wortschöpfungen wie 'Mietendeckel', 'Rettungsschirm' und 'Gaspreisbremse'. Sie nähren die kindliche Vorstellung, es gebe da ein praktisches Gerät, mit dem Papa alles wieder gut machen könne."