9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2767 Presseschau-Absätze - Seite 82 von 277

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2022 - Gesellschaft

"Let's Say Gay", überschreibt die New-York-Times-Kolumnistin Pamela Paul ein kleines Plädoyer gegen die Queerisierung des Diskurses über Homosexualität: "'Queer' kann fast alles bedeuten, und genau das ist der Punkt. In der Queer-Theorie geht es darum, normative Kategorien rund um Geschlecht und Sex bewusst aufzubrechen, insbesondere binäre Kategorien wie Männer und Frauen, hetero und schwul. Wenn man sagt, man sei queer, kann das bedeuten, dass man schwul ist; es kann bedeuten, dass man heterosexuell ist; es kann bedeuten, dass man unschlüssig ist, was sein Geschlecht angeht, oder dass man es vorzieht, es nicht zu sagen. Wenn du sagst, dass du queer bist, kann das so so geringfügig sein wie der Kuss eines Mädchens von einem anderen Mädchen im zweiten Studienjahr an der Uni. Es kann auch bedeuten, dass du dich tapfer durch die Prosa von Judith Butler in einem Kurs über Queerness im elisabethanischen Theater geackert hast."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2022 - Gesellschaft

Bei Wismar ist eine Unterkunft für ukrainische Flüchtlinge abgebrannt. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Politiker (fast) aller Couleur zeigen sich entsetzt, der Staatsschutz ermittelt. Aber dies "ist nicht der erste Vorfall", erinnert Konrad Litschko in der taz. "So zählte das Bundeskriminalamt allein im ersten Halbjahr 2022 bundesweit 43 Straftaten auf Geflüchtetenunterkünfte - Sachbeschädigungen, Schmierereien oder Hausfriedensbrüche. Etliche auch in westdeutschen Bundesländern. Wie viele sich davon gegen ukrainische Geflüchtete richteten, wurde nicht gesondert erhoben. Der Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern berichtet von einer 'sehr schlechten Stimmung' in den vergangenen Wochen. Politik und Verwaltung hätten zunehmend von 'Belastung' oder 'hohem Migrationsdruck' gesprochen, Geflüchtete anonym oder offen Hassbotschaften erhalten, auch aus den Montagsdemos gegen die Regierungspolitik heraus. Flüchtlingsratvorsitzende Ulrike Seemann-Katz kritisiert deshalb auch die 'geistige Brandstiftung': Lasse man diese zu, 'können wir bald alle nicht mehr sicher leben'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2022 - Gesellschaft

Der Klimaschutz als gesamtgesellschaftliches Projekt könnte so viel weiter sein, wenn er nicht so von links besetzt wäre, seufzt Philipp Bovermann in der SZ. Es gibt auch bei Konservativen viele Naturschützer, aber die, meint er, werden von der linken Rhetorik abgeschreckt: "Umfragen belegen regelmäßig, wie wichtig der Schutz der Natur und des Klimas vielen Menschen ist. Sie scheinen nur denen nicht zu vertrauen, die ihn auf ihre Demo-Transparente schreiben, gleich neben 'System Change' (statt 'Climate Change'). Sie fürchten diese Rettung mehr als die Gefahr, wenn es Klimaschutz nur mit Genderstern und einem bunten Strauß weiterer Anliegen gibt. Greta Thunberg teilte Anfang des Monats einen Tweet von 'Fridays for Future', der einen Boykott der 'israelischen Apartheid' forderte."

Daniel Haas schaltet sich in der Welt aus sehr persönlicher Perspektive in die Debatte um Sterbehilfe ein. Seine beiden Eltern haben sich das Leben genommen, sein Vater weil er als Unternehmer die Schmach des Bankrotts nicht ertragen wollte, seine Mutter viele Jahre später, weil sie unter Depressionen litt. Wer sich das Leben nimmt, habe die Nachkommen nicht im Blick, schreibt Haas: "Er ist konzentriert auf sein eigenes Befinden und erklärt erschöpft wie Godard den Kindern und Kindeskindern, dass bei ihm nichts mehr zu holen sei. Selbstmörder 'drehen sich heim', wie die Österreicher sagen. Ihr Zuhause liegt im Jenseits. Im Diesseits sind sie unbehaust geblieben, und dort lassen sie dann ihr Leben und alle anderen zurück. Für Aussprachen, Korrekturen, Debatten stehen sie nicht mehr zur Verfügung. 'Der Suizidäre beansprucht eine Verfügungsgewalt über sich, die Welt und auch über den Schmerz der Zurückbleibenden', schreibt Roger Willemsen in seinem Buch 'Der Knacks'. Sehr gut kann man diese Anmaßung bei Heinrich von Kleist studieren. Wie er heiter, mit viel rhetorischem Elan, seiner Schwester schreibt, dass ihn 'ein Strudel nie empfundener Seligkeit' ergriffen habe und dass das Grab jener Frau, die er zum Suizid überredet hatte, ihm 'lieber ist als die Betten aller Kaiserinnen der Welt', das verschlägt mir beim Lesen jedes Mal die Sprache. Und genau das soll wohl der Effekt solcher Abschiedsprosa sein: die Hinterbliebenen mundtot zu machen. Klarzustellen, dass im Angesicht der eigenen Todessehnsucht keine Argumente mehr zählen, auch jenes nicht, man liebe den Selbstmörder und wolle ihm helfen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2022 - Gesellschaft

Vor fünf Jahren wurde "#MeToo", ursprünglich ein Twitter-Hashtag, der von der Schauspielerin Alyssa Milano im Kontext des Weinstein-Skandals erfunden wurde, zu einer globalen Bewegung, die die Welt verändert hat, schreibt Simone Schmollack in der taz: "Dieses Phänomen wäre ohne soziale Netzwerke, die oft zu Recht auch unsoziale Netzwerke genannt werden, nicht möglich gewesen. Durch die Schnelligkeit und die Möglichkeit, über Twitter, Facebook, Instagram an jedem Winkel der Erde jederzeit Betroffene zu erreichen, ist die Welt um eine wichtige Debatte reicher. Und natürlich durch Milanos scheinbar schlichte Aufforderung: Schreibe einfach MeToo."

Die Psychologin Pia Lamberty und die Publizistin Katharina Nocun haben gemeinsam das Buch "Gefährlicher Glaube - Die radikale Gedankenwelt der Esoterik" herausgebracht. Carolina Schwarz unterhält sich mit ihnen für die taz über die gefährlichen Irrlehren der Esoterik.Lamberty sagt: "Schon immer steckte in esoterischen Welten auch völkisches Gedankengut. Die dort weitverbreitete Fortschrittsfeindlichkeit und Antimoderne ist häufig ein Einfallstor für Antisemitismus. Teilweise geht das so weit, dass Juden und Jüdinnen die Schuld an der Shoah gegeben wird. Ein Problem ist, dass Esoterik sich als apolitisch versteht und die Menschenverachtung so von vielen übersehen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2022 - Gesellschaft

Die Soziologen Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger haben in ihrem Buch "Gekränkte Freiheit" die Weltanschauung der Querdenker untersucht, die sie "libertäre Autoritäre" nennen. Die meisten kommen "aus der modernen Mitte", sind "oft links oder liberal sozialisiert", erklären die beiden im Interview mit Nils Schniederjann von der Berliner Zeitung. Diese Menschen hatten den Staat immer als Freiheitsgaranten wahrgenommen. Ansonsten war er für sie unsichtbar - anders als für die "unteren Klassen", in deren Alltagsleben der Staat schon immer involviert war. "Durch die vorherige Unsichtbarkeit des Staates haben gerade diese Menschen vergessen, dass sie abhängig sind vom Rest der Gesellschaft. Jetzt nehmen sie Freiheit als etwas Absolutes, das ihnen persönlich gehört und verdrängen, dass diese Freiheit soziale Voraussetzungen hat. Jemand aus der oberen Mittelschicht begegnet dem Staat fast nie oder höchstens mal, wenn er die Kinder in der Schule anmeldet oder in eine Verkehrskontrolle kommt. Nur bei der Steuer ärgert man sich jedes Jahr. Aber da kommt nicht das Jugendamt oder das Sozialamt vorbei. Da gibt es keine Sanktionierung. Den Staat haben sie vorher als Enabler, nicht als Eingreifenden wahrgenommen. Jetzt haben diese Leute plötzlich gesehen: Der kann auch anders. Und das waren sie nicht gewohnt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2022 - Gesellschaft

Die Exiliranerin Monireh Kazemi bekennt bei hpd.de ihre Überraschung, nicht nur über das Ausmaß der Proteste im Iran, sondern auch über die Solidarität hierzulande. Selbst Grüne oder Linke, von denen sie sich bisher als "Islamophobe" behandelt fühlte, unterstützen die Proteste im Iran! "Ich gehe dieser Tage zu den Demos und Kundgebungen. Alles überrascht mich. Nicht nur, dass die Linke und die Grünen dabei sind, sondern auch viele Iranerinnen und Iraner, die bislang wegen geplanter Iranreisen und Familien in ihrem Geburtsland immer vorsichtig gewesen sind. Viele Menschen fühlen sich von der Brutalität der Islamischen Republik betroffen und erscheinen in großen Mengen auf den Straßen. Und es sind nicht nur Iranerinnen und Iraner oder Kurden, nein, es kommen auch Deutsche, Afghanen und sogar Ukrainer."

Ebenfalls bei hpd.de findet sich ein hilfreicher Grundsatztext der Organisation "Terre des Femmes" zur Klärung der Begriffe "Femizid", "Feminizid" und Ehrenmord", die tatsächlich alle trotz der gleichen frauenfeindlichen Dimension in unterschiedlichen Kontexten stehen. Besonders umstritten sei der Begriff des Ehrenmords, auch weil er in diskriminierende Absicht benutzt werde. Dennoch trage er bei, "sich über die Spezifika der geschlechtsspezifischen Gewalt mit einem vermeintlichen Ehrkontext bewusst zu sein. Alle Stellen, die mit (potenziell) bedrohten oder betroffenen Personen in Kontakt geraten können, müssen über die besondere Gefährdungslage informiert sein. Denn nur so kann aus unserer Sicht gewährleistet sein, dass gefährdete Personen frühzeitig identifiziert und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln geschützt werden. Denn die Gefahr geht bei Ehrverbrechen nicht "nur" von einem (potenziellen) Täter aus, sondern zumeist von einem (Familien-)Kollektiv an Personen."

Francis Fukuyama setzt seine Promotiontour für sein aktuelles Buch "Der Liberalismus und seine Feinde" in der Welt fort, im Interview mit Mladen Gladic erläutert er, weshalb die USA für "nicht sehr rassistisch" hält ("in Harvard, Yale, Stanford steht der Anteil an asiatischen Studenten in keinem Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerung") und warum er das meritokratische Prinzip ablehnt: "In den meisten öffentlichen Schulsystemen der USA gab es spezielle Schulen für begabte Kinder. Und man musste eine Prüfung ablegen, um aufgenommen zu werden. Vor allem nach den Black-Lives-Matter-Unruhen wurden viele Programme abgeschafft, mit der Begründung, dass sie Schwarze diskriminieren, denn bei den standardisierten Aufnahmeprüfungen schneiden sie nicht gut ab. Ich halte das für problematisch, denn standartisierte Tests sind ein wichtiges Mittel, um Fähigkeiten zu messen. Nebenbei bemerkt, hat das eine starke politische Gegenreaktion hervorgerufen."

Sollte man BDS-Unterstützer wie Annie Ernaux oder Roger Waters boykottieren? Nein, meint Harry Nutt in der FR, findet aber eine andere Frage auch bedeutsamer: "Warum eigentlich wird nicht leidenschaftlich darüber debattiert, wie solch eine Haltung sich in zahlreichen Institutionen des deutschen Kulturbetriebs bis in die Leitung hinein etablieren konnte, wo doch in beinahe jeder Eröffnungsrede, von was auch immer, Dialog und demokratische Strukturen hochgehalten werden?"

"Laut einer Recherche von Correctiv.Lokal und der Initiative "FragDenStaat" gaben nur 57 Prozent der öffentlichen deutschen Krankenhäuser mit gynäkologischer Abteilung an, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen", schreiben Anastasia Trenkler und Marvin Wenzel im Tagesspiegel+. "Das gilt für die medizinische und kriminologische Indikation. Nach der Beratungsregel sind es weniger als 40 Prozent. In Bayern ist die Situation besonders düster. Dort gaben neun von 83 öffentlichen Kliniken an, ein solches Angebot zu haben, so die Rechercheergebnisse. Bei katholischen Einrichtungen werden Schwangerschaftsabbrüche nur im äußersten Notfall durchgeführt. Etwa zur Rettung des Lebens der Mutter. Aus dem christlichen Selbstverständnis resultiert auch, dass die Caritas-Beratungsstellen seit dem Jahr 2000 bei der Schwangerschaftskonfliktberatung keine Beratungsscheine mehr ausstellen dürfen. Auch die Streichung von Paragraf 219a, der es Mediziner bis vor kurzem strafrechtlich verbot, über das Durchführen von Schwangerschaftsabbrüchen zu informieren, bedauerte die Caritas."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2022 - Gesellschaft

Ein neuer Faschismus ist aufgezogen, und er wird erst einmal bleiben, fürchtet Georg Diez in dlf kultur nach den Wahlerfolgen der Rechten in Schweden, Italien, Niedersachsen und der jüngsten AfD-Demo in Berlin: "Da war einmal diese extreme Aggression, die in die Straße getragen wird, ein Hauptschauplatz faschistischer Machteroberung. In Berlin sah man Menschen, die wahllos auf Passanten einbrüllten, die sie als Feinde sahen, als Gegner, die weg müssen. 'Faules Pack, faules Pack', riefen sie, was durchaus an die Arbeitslager der Nationalsozialisten oder anderer faschistischer Bewegungen erinnert. Dazu die Attacken auf die Medien. ... Zur Wut kommt jetzt die Irrationalität - und hier liegt eine besonders große Gefahr. Die Wut mag in vielem verständlich sein, sogar berechtigt, nachvollziehbar. Es geht vielen Menschen schlechter, die wirtschaftliche Lage ist bedrückend für viele Menschen. Der Faschismus setzt genau hier an - und zündet den Funken, der sich über den Verstand erhebt. Damit, und auch das wurde in Berlin sichtbar, entziehen sich viele dieser Menschen dem Gespräch, sie weichen zurück in die Bastionen ihres eigenen Wahns. Das Völkische, das Rassistische, das Ausgrenzende sind verschiedene Varianten dieses Wahns."

Kann Hass auch ein Gerechtigkeitsgefühl sein? Das lehnt die Berliner Philosophin Hilge Landweer im Interview mit dem Standard rundheraus ab: Der antikapitalistische linke Diskurs übte noch Kritik, "Kritik an den Verhältnissen. Kritik passiert aus dem Gefühl heraus, dass dasjenige, was von ihr vorgefunden wird, nicht rechtens sei. Es handelt sich um Ungerechtigkeiten. Das Gefühl, das genau diese Empfindung ausdrückt, heißt Empörung. Hass ist niemals ein Gerechtigkeitsgefühl. Er fixiert sich auf den Gehassten und unterstellt ihm irgendwelche Eigenschaften oder Taten. Er lässt sich nicht rechtfertigen. Empörung dagegen nimmt Maß an dem, worüber sie sich empört: Die Ungerechtigkeit muss der Größe des Gefühls entsprechen."

Kanye West ist das selten zu beobachtende Phänomen des rechten Schwarzen: Er stellte die Verbrechen der Sklaverei in Frage, nannte Abtreibung ein Verbrechen und trug ein 'White Lives Matter'-Shirt auf einer Modenschau. Und jetzt gibt er auch noch antisemitische Parolen von sich. Ein Problem, findet Moritz Baumstieger in der SZ, denn West ist nur "das jüngste Beispiel eines Großkünstlers mit erhöhtem Mitteilungsbedürfnis, der erst abdreht und sich dann den Juden und Israel zuwendet, um mal nach dem Rechten zu sehen. Der deutsche Sänger Xavier Naidoo: erst ein bisschen kryptisches Geschwurbel, dann Reichsbürger-Rhetorik, dann Holocaust-Relativierung. Roger Waters, genialischer Mitbegründer von Pink Floyd: kämpft seit jeher für die Unterdrückten dieser Erde, seit rund 15 Jahren nun schwer verbohrt mit Theorien zum 'Apartheidsstaat' Israel unterwegs und nicht mehr zu stoppen. Nun der Rapper aus den USA."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2022 - Gesellschaft

Die anthroposophisch geprägte Uni Witten plant eine Veranstaltung mit den Corona-Skepikern Ulrike Guérot und Stefan Homburg unter dem Titel "Die Würde des Menschen - (un)antastbar?" Seriöse Wissenschaftler sagten ab, da Guérot und Homburg in veritable Verschwörungstheorien abgeglitten seien. Die Uni verteidigt die Veranstaltung mit dem Argument der Meinungsfreiheit. Matthias Meisner legt den Streit in seinem Blog mit dem hässlichen Namen Volksverpetzer dar, das sich Verschwörungstheorien widmet. Interessant bei dem Streit ist natürlich, wie bestens gesellschaftlich und politisch vernetzt die Coronaskepsis ist, sobald sie im anthroposophischen Dunstkreis betrieben wird: "Die Veranstalter der Tagung, eine Initiativgruppe an der Universität Witten mit dem Namen 'Das Ich im Wir', äußern sich nicht zu der Auseinandersetzung. Die Gruppe hat sich vor gut einem Jahr gegründet. Eine maßgebliche Rolle spielt Professor Peter Gaidzik, Leiter des Instituts für Medizinrecht und geschäftsführendes Mitglied der Ethikkommission der Hochschule. Zur Arbeit der Initiativgruppe hier nur eine Kostprobe: Im Mai lud sie den Parapsychologen Harald Walach zu einer Videokonferenz ein, Gaidzik damals mit im Publikum. Es moderierte Bettina Berger vom Lehrstuhl für anthroposophische Medizin. Sie schaltete sich zu von einem Symposium der vom Altbundespräsidenten und seiner Frau gegründeten Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung, laut einem Spiegel-Bericht aus dem Jahr 2010 ein Lobbyverein der pseudowissenschaftlichen Homöopathie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2022 - Gesellschaft

Der Biologe Florian Schwarz wendet sich bei hpd.de gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetz, das es jedem ab 14 selbst überlässt zu definieren, ob er Mann oder Frau sei. Damit werde einer kleinen Minderheit Definitionsgewalt gegeben, so Schwarz. Aber die Probleme der Transpersonen löst es nicht: "Es wäre schön, wenn es die einfache Lösung gäbe, die das Gesetz vortäuscht, um die Diskriminierung von Transsexuellen zu beenden. Aber die gibt es nicht. Die Gesellschaft kann es nicht ändern, dass Transsexuelle 'im falschen Körper' stecken - auch nicht, indem sie behauptet, es gebe keinen Zusammenhang zwischen biologischem Körper und sexueller Identität. Es gibt - aufgrund der menschlichen Evolution - diesen Zusammenhang. Es gibt nur eben - wie immer in der Evolution - auch Ausnahmen von der Regel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2022 - Gesellschaft

"Dass Mädchen als 'unislamisch' gemobbt, judenfeindliche Beschimpfungen gerufen und demokratische Werte verachtet werden, ist Alltag in deutschen Klassenzimmern - und ein Tabuthema", schreibt der Psychologe Ahmad Mansour zum Auftakt der sechsteiligen Welt-Serie "Integration - die große Überforderung". Lehrer haben Angst, sofort als rassistisch oder islamophob bezeichnet zu werden, wenn sie die Probleme ansprechen, nicht zuletzt dank hunderter, von staatlich finanzierten NGOs entsandten Antirassismus-Experten, die die Schulen aufsuchen, fährt er fort: "In Politik und Medien sind Kräfte am Werk, die all das nicht hören wollen. Sie sind auf der Suche nach Akteuren, die ihnen Fantasien über Integration verkaufen. Nach dem Motto, 'Je mehr Konflikte, desto besser - die Integration funktioniert'. Die Zusammenhänge zwischen Migration und Messerangriffen werden geleugnet, Ehrenmorde als Femizide bezeichnet, kulturelle Ursachen verdrängt und Antisemitismus unter Muslimen durch Judenfeindlichkeit in der deutschen Mehrheitsgesellschaft relativiert. Anstatt Muslime oder Flüchtlinge als mündige Menschen zu behandeln, die für ihr eigenes Handeln Verantwortung übernehmen können und sollen, werden sie nur als Opfer angesehen."

Die FAZ zitiert Ergebnisse einer Studie des "Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR)" eines Expertengremiums, das die Politik berät. Antimuslimische und antisemitische Einstellungen werden hier auch getrennt für die Bevölkerung mit Migrationshintergrund erfasst. Beides gibt es in beiden Gruppen. Als antimuslimische Einstellung wird offenbar auch angesehen, dass vier von zehn Befragte angeben, "unter Muslimen in Deutschland seien viele religiöse Fanatiker": "Letzteres bejahen 38 Prozent der Personen ohne Migrationshintergrund, von den Befragten mit Migrationshintergrund sehen das rund 43 Prozent so." Zum Antisemitismus lautet das Resümee: "In der Bevölkerung mit Migrationshintergrund neigen Muslime häufiger zu antisemitischen Einstellungen als Christen und Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören."

Nach dem rechtsextremen Anschlag von Halle vor drei Jahren und einem vereitelten islamistischen Anschlag in Hagen im letzten Jahr konnten die jüdischen Gemeinden auch dies Jahr nicht unbehelligt Jom Kippur feiern, meldet unter anderem rnd.de: In der Synagoge in Hannover wurde während des Gottesdienstes ein Fenster eingeworfen.

Die NZZ startet eine Kolumne, in der sich die jüdischen Autorinnen Dana Vowinckel und Zelda Biller Briefe aus Berlin und Tel Aviv schreiben und über Antisemitismus in Deutschland austauschen. "Du sagst, du denkst nicht täglich an den Holocaust. Ich nehm dir das nicht ab. Eigentlich wollte ich dich fragen, ob du denkst, das wird sich in Israel ändern, aber wo besser an den Holocaust denken als in Deutschland?", fragt Vowinckel. Biller, die nach Israel ziehen wird, antwortet: "Während du zu einer ostdeutschen Therapeutin gehst, die wahrscheinlich mehr von dir therapiert wird als du von ihr, mache ich eben Witze. Das heißt nicht, dass ich den immer dreister werdenden Antisemitismus nicht ernst nehme, es ist bloß mein Versuch, nicht verrückt zu werden. Meine Therapie. Ich gehöre außerdem nicht zu den Juden, die denken, dass es ihre Aufgabe ist, die Deutschen umzuerziehen. Das müssen die schon irgendwie selber hinbekommen - oder eben nicht. Ich amüsiere mich über diese Shitshow einfach so lange, bis ich keine Lust mehr habe, in einem Land zu leben, in dem kaum jemand ohne Scham oder Abscheu das Wort 'Jude' aussprechen kann."