9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 52 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2023 - Ideen

Der Historiker und Mathematiker Peter Turchin ist Begründer der Kliodynamik, die versucht, die Geschichte mit den Mitteln der Statistik zu erforschen. Gerade erst hat er das Buch "End Times. Elites, Counter-Elites and the Path of Political Disintegration" über ein mögliches Ende der USA veröffentlicht. "Leider sind Szenarien wie Bürgerkriege, ernsthafter Bevölkerungsrückgang, Epidemien, soziale Revolutionen sehr wahrscheinlich", sagt er im Welt-Gespräch mit Hannes Stein, in dem er einen zweiten amerikanischen Bürgerkrieg nicht ausschließt: "Ich habe große Sorge im Hinblick auf 2024. Wer immer die Wahl gewinnt - die Unterlegenen werden das Wahlergebnis nicht akzeptieren. Wenn die Westküste beschließt, sich nach einem Sieg von Trump für unabhängig zu erklären oder die Bundesstaaten im Nordosten sich nach einem Sieg von Biden von den USA lossagen, kann niemand wissen, was danach passiert. Weitverbreitete Aufstände, die von der Polizei niedergeschlagen werden?" Zudem werden Krisen hervorgerufen durch Elitenüberproduktion, meint er: "In Krisensituationen werden sehr viel mehr Aspiranten für Elitepositionen produziert, als untergebracht werden können. Zu viel Wettbewerb ist destruktiv, weil die gesellschaftlichen Normen untergraben werden. Dann verwandeln sich die Verlierer in Gegeneliten, die das Regime angreifen und versuchen, es durch Gewalt zu stürzen."

Vor knapp drei Jahren veröffentlichte Wolfram Eilenberger seinen Band "Feuer der Freiheit" über die Philosophinnen Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Simone Weil und Ayn Rand. Im FR-Gespräch nimmt Michael Hesse das Buch zum Anlass, Eilenberger zu fragen, wie die Philosophie heute auf das erneute Aufkommen der Rechten reagieren sollte: "In der deutschen Philosophie ist die Antwort aus der liberalen Theoriebildung immer noch Rawls und Habermas, als ob die derzeitigen Probleme richtig zu adressieren, geschweige denn zu lösen wären, indem man weiter an diesen Theorien rumdoktert. Es gibt geradezu einen dogmatischen Schlummer in der deutschen akademischen Philosophie", beklagt Eilenberger, der mit Blick auf den Krieg in der Ukraine empfiehlt, Simone Weil zu lesen: "Die Art und Weise, wie Simone Weil gedanklich mit ihrem Pazifismus gerungen hat, bleibt sehr eindrücklich für unsere heutige Zeit, für die Frage, wie wir zu kriegerischer Gewalt und Intervention stehen. Ein unvergessliches Denkereignis ist bei Simone Weil, als sie sagte, das eigentlich größte Opfer, das ein Mensch im Krieg bringen kann, besteht nicht darin, das eigene Leben zu lassen, sondern das Leben eines anderen zu nehmen. Wir denken darüber nach: Wäre ich bereit, für Kiew zu sterben? Während nach ihr die ethisch interessante Frage lautet: Wäre ich bereit, für Kiew zu töten? Das war, wäre für sie die eigentliche Überwindung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2023 - Ideen

Der Universalismus ist universeller, als es sich der Westen gern ausmalt, sagt der indische Politologe Pratap B. Mehta in einem langen Gespräch mit Jan Ross in der Zeit: "Der Westen liegt sehr falsch, wenn er die Vereinten Nationen oder die UN-Menschenrechtserklärung, die prägnanteste Artikulation universalistischer Werte in der modernen Welt, nur als ein Produkt des Westens betrachtet. Sie war das Produkt eines Aushandlungsprozesses, und in diesem Prozess haben Länder wie Indien die Position vertreten, dass Souveränität außer Kraft gesetzt werden sollte, wenn sie Institutionen wie die Apartheid ermöglicht. Ich denke, wir sollten es so sehen, dass jedes Land der Welt Teil eines dialogischen Universalismus ist. Der Westen würde sehr davon profitieren, wenn er einfach davon ausgehen würde, dass Universalismus tatsächlich universell ist."

Susan Neiman hat ein Buch geschrieben, in dem sie versucht, sich als Linke von der Kultur der Wokeness abzusetzen. Die Ideale der Aufklärung sind es, an denen wir festhalten müssen, sagt sie im Zeit-Gespräch mit Elisabeth von Thadden: "Die Ideale der Aufklärung sind nie vollkommen realisiert worden. Die Denker des 18. Jahrhunderts waren Männer ihrer Zeit. Sie waren also sexistisch, und man findet in ihren Werken auch rassistische Bemerkungen. Doch das ändert nichts daran, dass sie bahnbrechend darin waren, den Eurozentrismus zu verwerfen und Europa aus der Perspektive der restlichen Welt zu sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2023 - Ideen

Julian Nida-Rümelin empfiehlt in der FAZ, wir sollten mehr Demokratie wagen. Und uns nicht vor KI oder ChatGPT fürchten: "Wir haben gegenwärtig keinen massiven Produktivitätsfortschritt wie bei Einführung der Dampfmaschine, der Elektrizität, des PC und des Internets in den neunziger Jahren. Es ist ziemlich bescheiden, was Künstliche Intelligenz bislang an Produktivitätsfortschritten hervorgebracht hat. Da sollten wir uns fragen: Warum bringt das ökonomisch so wenig? Deutschland hängt in der Digitalisierung hinterher und ist dennoch eines der produktivsten Länder der Welt. Wie kann das denn sein?"

Außerdem: Dietmar Dath hat ein Buch über KI gelesen, Keith L. Downings "Gradient Expectations: Structure, Origins, and Synthesis of Predictive Neural Networks", über das er auf einer Seite in der FAZ mäandert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2023 - Ideen

In Frankreich wird eher noch erbitterter über "Wokeness" gestritten als in Deutschland, ganz einfach weil es in Frankreich auch noch eine säkulare Linke gibt, die sich durch die woken Diskurse, die zudem den Säkularismus verabscheuen, abgehängt sieht. Jürg Altwegg resümiert in der FAZ mehrere aktuelle Debatten und empfiehlt besonders das bei Odile Jacob erschienene Buch "Après la déconstruction" als "Analyse der Ausprägungen von Wokeness in verschiedenen Disziplinen... Die Schriftstellerin Véronique Taquin beschreibt die 'aktuelle Phase' der Dekonstruktion als 'revolutionäre Ideologie'. Der Ideenhistoriker Pierre-André Taguieff rekapituliert ihre Genealogie aus der französischen Rezeption von Heidegger und Nietzsche und ihre Instrumentalisierung als 'Kriegsmaschine gegen die westliche Zivilisation'. Luc Ferry macht die Wurzeln der Wokeness im 'antihumanistischen Denken' der Achtundsechziger aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2023 - Ideen

Peter Sloterdijk hat mit "Die Reue des Prometheus - Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung" ein Buch zur Klimakatastrophe vorgelegt. Im Gespräch mit Stefano Vastano für die taz wird er recht konkret: "Die Kühe sind in diesem Zusammenhang als die wahren Feinde der Menschheit zu identifizieren. Sie stehen quasi gleichwertig neben der chinesischen Diktatur, deren Führer meinen, ein Anrecht auf nachholende Umweltverbrechen zu besitzen, die bis 2060 fortgehen sollen. Zurzeit verbrennt man dort 4 Milliarden Tonnen Steinkohle pro Jahr mit entsprechenden Emissionen, Tendenz steigend, sofern man das jetzt dazukommende russische Erdöl hinzunimmt. Was wir hierzulande veranstalten, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, spielt sich vor dem chinesisch-amerikanisch-indischen Hintergrund in den Größenordnungen eines Flohzirkus ab. Deutschland hat aktuell 1,8 Prozent Anteil an der Globalbelastung der Atmosphäre, doch 75 Prozent entfallen auf die infernalischen großen drei."

"Die Zukunft der deutschen Demokratie ist so wenig gewiss wie die des deutschen Fußballs", unkt der gerade emeritierte Literaturwissenschaftler und - laut FR - Finanzmarktexperte Joseph Vogl im Gespräch mit Michael Hesse. Schuld ist der Kapitalismus. Und es profitiert die extreme Rechte, weil sie anders als die in solchen Dingen offenbar unschuldige Linke, Ressentiments bewirtschaften kann. Die gegenwärtige Krise nutze der Rechten, "weil die Rechten das Ressentiment kostengünstig und mit einem breiten Angebot von Schuldigen bedienen: Nicht die Klimakatastrophe, sondern die Grünen machen Ärger; nicht eine Seuche, sondern perfide Wissenschaftler waren das Problem; und wenn die Wirtschaft kriselt und crasht, macht sich eben eine Verschwörung von Globalisten oder der Migrant von nebenan daran, mir meinen Wohlstand wegzuschnappen. Es gibt für eine rechte und rechtsextreme Politik also sehr viel Brennmaterial, und es verwundert darum nicht, dass auch einige Funktionäre konservativer Parteien nun wieder einmal ihr Herz daran erwärmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2023 - Ideen

Etwas abstrakt und ehrlich gesagt etwas langweilig streiten Donatella Di Cesare und Omri Boehm in der Zeit über den Begriff der universellen Menschenrechte. Boehm erläutert am Beispiel Israels, wie er Universalismus versteht: "Genau wie die israelische Souveränität neu gedacht werden muss, muss auch das Streben nach palästinensischer Souveränität neu überdacht werden. Der Begriff der Menschenwürde kann uns dabei helfen: Bereits die Idee der Würde des Menschen setzt der nationalen Souveränität Grenzen. Wer sie wirklich ernst nimmt, muss sich auch zu der Vorstellung bekennen, dass die Menschenwürde am Anfang des Gesetzes steht, nicht die staatliche Souveränität." Di Cesare antwortet: "Meine Perspektive ist viel radikaler, Herr Boehm. Ich stelle die Souveränität des Subjekts selbst infrage. Es ist Zeit, dem Selbst endlich die 'arche', den Vorrang, zu entziehen. Vor dem Selbst kommt der Andere, dem es zu antworten gilt. Ich rede von der 'an-archischen Verantwortung'. Die Menschenwürde ist die Würde des Fremden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2023 - Ideen

Der russische, in Italien lebende Schriftsteller Nicolaj Lilin galt mal als von Roberto Saviano und Irvine Welsh gefeierter "transnistrischer Hemingway", inzwischen verfasst er als "Hobbyhistoriker" Sachbücher, die Putins Propaganda verbreiten, schreibt in der NZZ Ulrich M. Schmid, der Lilins krude Thesen im einzelnen zerlegt: "Für Lilin ist der gegenwärtige Ukraine-Krieg eine Spätfolge des 'österreichischen Genozids an den Russen in Galizien zwischen 1914 und 1917'. Um diese abenteuerliche These überhaupt nachvollziehen zu können, muss man Lilins Grundannahmen kennen. Er geht davon aus, dass es historisch in der Ukraine nur 'Russen' gab, weil die Russen und die Ukrainer ja ein Volk seien. Er habe diese Einheit in seiner sowjetischen Kindheit noch in Transnistrien beobachten können. Lilin wiederholt hier Putins Lieblingsthese, die allerdings bereits durch die Unterdrückung des ukrainischen Nationalprojekts im zaristischen Russland ad absurdum geführt wird: Wenn es angeblich keine ukrainische Nation gibt, dann kann man sie auch nicht verbieten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2023 - Ideen

Für die NZZ besucht Benedict Neff den rechten französischen Schriftsteller Renaud Camus auf seinem Schloss in Südfrankreich zu einem ausgedehnten Dinner mit Lachs, Weißwein und Macarons. Ganze zwei Seiten räumt die NZZ frei, um Camus zu porträtieren, auf den die Verschwörungstheorie vom "großen Bevölkerungsaustausch" zurückgeht, und der auch mal twittert, im Vergleich dazu sei der Völkermord an den Juden geradezu "kleinkariert". Wir erfahren, dass Camus seinen Partner siezt, und er bekommt viel Raum, um seine Theorien auszubreiten und seine Isolation zu bejammern. Aber dann geht es doch mal zur Sache: "Camus versucht den angeblichen Bevölkerungsaustausch gar nicht erst mit Zahlen zu belegen, er spricht vom 'Gefühl einer Evidenz'. 'Der Begriff Bevölkerungsaustausch benennt in adäquater Weise, was die Leute sehen und erleben', glaubt Camus. Was Camus verschweigt: Der Begriff benennt vor allem, was die Menschen fürchten. Camus ist der Verkünder einer Migrationsdystopie. Und diese verfängt deshalb so gut, weil die europäische Zuwanderungs- und Asylpolitik seit Jahrzehnten den Eindruck von Kontrolle vermissen lässt. Die Theorie korrespondiert also teilweise mit der Wirklichkeit, mit realen Missständen, und verzerrt diese ins Verschwörerische."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2023 - Ideen

"Tatsächlich scheinen die Städte … längst den allgemeinen Verlust an existenziellen Sicherheiten und Solidarität widerzuspiegeln, der einmal als Verflüssigung der Gesellschaft bezeichnet wurde", schreibt der Stadtplaner Robert Kaltenbrunner in der FR mit Blick auf immer mehr Überwachungskameras und Sicherheitsdienste in Städten: "Dieses Gefühl einer existenziellen und zugleich nicht handhabbaren Verunsicherung ist neu. Es breitet sich aus, löst Loyalitäten auf und lässt jeden vereinzelt zurück. Das verändert auch die Städte. Eine Antwort auf diesen Transformationsprozess ist das verstärkte Bemühen um persönliche Sicherheit, welches zu einem Ersatzziel geworden ist (...). Wo die Existenz des Einzelnen nicht mehr sicher ist, sollen es wenigstens die Häuser und Straßen sein. Dazu werden Kameras, Sicherheitsdienste oder Polizeistreifen eingesetzt und der urbane Raum wird geteilt. Häuser werden zu Festungen, Plätze werden so angelegt, dass sich Menschen dort möglichst nicht aufhalten: keine Sitzgelegenheiten, Sprinkler an den Wänden, abgeschrägte Fenstersimse halten Besucher und Besucherinnen fern, Überwachungssysteme und Patrouillen verbreiten eine nervöse Stimmung. Der Architekturtheoretiker Steven Flutsy spricht in diesem Sinne von 'verbotenen Räumen', deren Ziel es sei, den städtische Raum zu zerteilen und Verbindungen zwischen den einzelnen Segmenten zu verhindern."
Stichwörter: Kaltenbrunner, Robert

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2023 - Ideen

Richard Herzinger wendet sich in seiner Perlentaucher-Kolumne gegen den Begriff des "Narrativs", der häufig genug eingesetzt wird, Angriffe auf Demokratien zu relativieren: "Diese bequeme Position intellektueller und moralischer Unbeteiligtheit lässt sich jedoch nur so lange durchhalten, bis Kräfte auftauchen, die keinerlei Koexistenz akzeptieren, sondern auf die gewaltsame Unterwerfung aller anderen 'Narrative' aus sind. Auf diesen Einbruch der Realität des absolut zerstörerischen Bösen in die zivilisierte Welt aufgeklärter Vielfalt zeigt sich das vom Geist der 'Postmoderne' durchdrungene Bewusstsein nicht vorbereitet - hat es doch rationale Unterscheidungskriterien zwischen Wahr und Falsch, Gut und Böse jahrzehntelang verwischt."
Stichwörter: Narrative