
Der Historiker und Mathematiker
Peter Turchin ist Begründer der
Kliodynamik, die versucht, die Geschichte mit den Mitteln der Statistik zu erforschen. Gerade erst hat er das Buch
"End Times. Elites, Counter-Elites and the Path of Political Disintegration" über ein mögliches
Ende der USA veröffentlicht. "Leider sind Szenarien wie
Bürgerkriege, ernsthafter
Bevölkerungsrückgang, Epidemien, soziale Revolutionen sehr wahrscheinlich", sagt er im
Welt-Gespräch mit Hannes Stein, in dem er einen
zweiten amerikanischen Bürgerkrieg nicht ausschließt: "Ich habe große Sorge im Hinblick auf 2024. Wer immer die Wahl gewinnt - die Unterlegenen werden das Wahlergebnis nicht akzeptieren. Wenn die Westküste beschließt, sich nach einem Sieg von Trump für unabhängig zu erklären oder die Bundesstaaten im Nordosten sich nach einem Sieg von Biden von den USA lossagen, kann niemand wissen, was danach passiert.
Weitverbreitete Aufstände, die von der Polizei niedergeschlagen werden?" Zudem werden Krisen hervorgerufen durch
Elitenüberproduktion, meint er: "In Krisensituationen werden sehr viel mehr Aspiranten für Elitepositionen produziert, als untergebracht werden können. Zu viel Wettbewerb ist destruktiv, weil die gesellschaftlichen Normen untergraben werden. Dann verwandeln sich die Verlierer in
Gegeneliten, die das Regime angreifen und versuchen, es durch Gewalt zu stürzen."

Vor knapp drei Jahren veröffentlichte
Wolfram Eilenberger seinen Band
"Feuer der Freiheit" über die Philosophinnen Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Simone Weil und Ayn Rand. Im
FR-Gespräch nimmt Michael Hesse das Buch zum Anlass, Eilenberger zu fragen, wie die Philosophie heute auf das erneute
Aufkommen der Rechten reagieren sollte: "In der deutschen Philosophie ist die Antwort aus der liberalen Theoriebildung immer noch Rawls und Habermas, als ob die derzeitigen Probleme richtig zu adressieren, geschweige denn zu lösen wären, indem man weiter an diesen Theorien rumdoktert. Es gibt geradezu einen
dogmatischen Schlummer in der deutschen
akademischen Philosophie", beklagt Eilenberger, der mit Blick auf den
Krieg in der Ukraine empfiehlt, Simone Weil zu lesen: "Die Art und Weise, wie Simone Weil gedanklich mit ihrem Pazifismus gerungen hat, bleibt sehr eindrücklich für unsere heutige Zeit, für die Frage, wie wir zu kriegerischer Gewalt und Intervention stehen. Ein unvergessliches Denkereignis ist bei Simone Weil, als sie sagte, das eigentlich größte Opfer, das ein Mensch im Krieg bringen kann, besteht nicht darin, das eigene Leben zu lassen, sondern das Leben eines anderen zu nehmen. Wir denken darüber nach: Wäre ich bereit, für Kiew zu sterben? Während nach ihr die ethisch interessante Frage lautet:
Wäre ich bereit,
für Kiew zu töten? Das war, wäre für sie die eigentliche Überwindung."