9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2274 Presseschau-Absätze - Seite 53 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2023 - Ideen

Die postkoloniale Philosophin Henrike Kohpeiß glaubt mit dem Begriff der "bürgerlichen Kälte" dem Verhalten Europas gegenüber Flüchtlingen auf die Spur zu kommen. In der FAS wird sie von Novina Göhlsdorf und Lennardt Loß. zu ihrem Buch "Bürgerliche Kälte - Affekt und koloniale Subjektivität" interviewt: "Kälte hilft uns, Gefühle zu organisieren, schafft einen Ort, an dem man sich ausruhen kann: weil man sich durch sie unempfänglicher macht für die affektiven Anforderungen seiner Umwelt. Doch auf gesellschaftlicher Ebene schützt Kälte auch davor, sich mit dem Ausmaß der Gewalt zu konfrontieren, das man miterzeugt hat; sich verantwortlich zu fühlen für die vielen, etwa klimatischen und kolonialen, Katastrophen, die Europa verursacht hat." Bliebe noch die Frage, warum sie die Flüchtlinge nach einer derart kalten Gegend so zu sehnen scheinen.

Bürgerliche Kälte? Der auch in Peking lehrende Pilosoph Otfried Höffe fordert in der FAZ eine neue Ethik des Mitleids, allerdings keine "gegen die Realität resistente Ethik": "Wie sind die immer wieder neuen Bootsflüchtlinge zu beurteilen? Wir gehen davon aus, dass sie aus schwerer Not fliehen, die freilich geringer ist als die von Kranken, Alten, Müttern und Kindern. Es sind nämlich vor allem junge Männer, die zudem aus Familien stammen, die das Geld für die Schlepper haben oder sich besorgen können. Die Männer wissen längst, dass sie sich auf ein gefährliches Unternehmen einlassen, auf ein Vabanquespiel, bei dem sie zum Zweck eines besseres Leben ihr bloßes Leben aufs Spiel setzen. Muss man ihnen trotzdem jeden Funken einer Mitschuld abstreiten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2023 - Ideen

Vielleicht auch nicht ganz unironisch, dass der post-foucaldianische Philosoph Joseph Vogl seine Abschiedsvorlesung an der HU der Wolke widmet, also einem Ding, das nicht dingfest zu machen ist. Die Vorlesung erinnerte selbst an Foucaults berühmte überfüllte Vorlesungen am Collège de France, findet Andreas Bernard in SZ. "Wenn die Wolke weniger Gegenstand als flüchtiges 'Ereignis' ist, wie Vogl sagt, kann das Schwebende als Credo der wissenschaftlichen Arbeit insgesamt aufgefasst werden - nicht als ein zu überwindendes und fixierendes Defizit, sondern als Tugend, so ähnlich wie er es 17 Jahre zuvor im Hinblick auf die Geste des Zauderns beschrieben hat. Eine Wissenschaftsethik des Schwebenden wäre das Antidot gegen das Dingfeste, gegen die Statik und Machtfülle reiner Datenerfassung etwa..., deren perfide Metapher der 'cloud' allem widerspricht, was Vogl an diesem Abend über die Wolke sagt."

"Das Ephemere soll ein Paradigma des Paradigmatischen selbst werden", nimmt Tagesspiegel-Redakteur Gregor Dotzauer aus der Vorlesung mit.
Stichwörter: Vogl, Joseph

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2023 - Ideen

In der taz denkt Georg Seeßlen über das Denken nach. Anstrengend, gibt er zu, und ganz was anderes, als eine Meinung haben. "Die Rolle des Denkens beim Meinung-Haben nimmt, wie es scheint, rapide ab. Parallel zur Rolle von Faktizität, Logik, Common Sense. Die libertäre Vorstellung von Freiheit besteht darin, dass jede und jeder seine Meinung als Waffe im sozialen Hegemonie-Kampf einsetzen darf. Möglichst laut, drastisch und obszön. Darin gerinnen Restdenken, Biografie, Interesse und Wahn zum Spektakel. Wer eine Meinung hat, braucht sich mit dem Denken nicht mehr lange aufzuhalten. Das Denken selbst ist zu einem Produktionsmittel für Meinungen verkommen. Selbst jene, die berufsmäßig für öffentliches Denken zuständig wären, die Intellektuellen und, nun ja, Philosophen, treten nur noch als Meinungs-Kasperle der Medien auf. Kehren wir also der Ökonomie des Denkens den Rücken und widmen uns einer Ökologie des Denkens, nämlich als einer natürlichen, von Zerstörung und Vergiftung bedrohten Ressource. Dann gälte es, wie im Slow Food zu einer Achtsamkeit der Nahrung, im Slow Travelling zu einer Achtsamkeit des Reisens, im Slow Thinking zu einer Achtsamkeit des Denkens zu finden. Das Denken würde vielleicht zu seiner natürlichen Würde zurückkehren."

Im Guardian denkt Dan Brooks über den Begriff des "Ausverkaufs" nach - ein Vorwurf, der in den Neunzigern wichtig zur Selbstbestimmung war, den man heutzutage aber nicht mehr oft hört. Dass "alternative" Bands sich oft saugut verkauften, was den Vorwurf des Ausverkaufs gegen andere ziemlich albern machte, versteht er inzwischen. Aber so ganz möchte er den Begriff nicht aufgeben. Denn Ausverkauf bedeute auch, Musik zu machen, die erwartet wird, und das sei doch eigentlich ziemlich traurig: "Mit der Populärkultur des 21. Jahrhunderts stimmt doch etwas nicht, oder? Man muss kein Punk mittleren Alters sein, um zu denken, dass sie sich weniger überraschend und lebendig anfühlt, als sie es einst war. Die Unterhaltungsindustrie im Allgemeinen und die Musikindustrie im Besonderen sind außerordentlich gut darin geworden, so viele Einheiten wie möglich zu verkaufen, aber der Verkauf von Einheiten ist nicht die Aufgabe der Musik. So fehlerhaft die Idee des 'Ausverkaufs' auch war, so hat sie doch eine unumstößliche Wahrheit auf den Punkt gebracht: Nur ein Narr würde einen Song schreiben, um Geld zu verdienen. Man schreibt einen Song, um sich selbst zu überraschen, um anderen Menschen etwas zu geben, von dem sie nicht wussten, dass sie es wollen. Was der Popkultur des 21. Jahrhunderts vielleicht fehlt, ist eine ausreichende Verachtung für diejenigen, die uns das geben, was wir bereits haben wollen."

Außerdem: In der FR schreibt Harry Nutt zum Tod des Philosophen Harry G. Frankfurt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2023 - Ideen

Erst eine der von uns ausgewerteten Zeitungen hat Peter Frankopans Globalgeschichte des Klimas "Zwischen Himmel und Erde" besprochen. Stattdessen wird in wenigen Wochen bereits das vierte Interview mit Frankopan geführt - heute von Jörg Häntzschel in der SZ, der von dem Historiker erfährt, was ihn noch mehr sorgt als der Klimawandel: "die Gefahr einer nuklearen Eskalation, Vulkanausbrüche, Pandemien, die schlimmer sein werden als Covid 19. Aber eines ist klar: Wir leben in einer fragmentierten Welt. Wir Europäer sollten darüber nachdenken, wie wir unseren Mitmenschen jetzt helfen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2023 - Ideen

Eine Forschergruppe, die die Durchsetzung des Begriffs Anthropozän betreibt, hat nun einen Ort erkoren, an sich die Behauptung eines entsprechenden, vom fatalen Einwirken des Menschen geprägten Erdzeitalters belegen lässt, den Crawford-See in Kanada. Hier hat man einen "Golden Spike" angebracht, wie man es an Erdorten tut, an denen sich ein Erdzeitalter manifestiert. Einer der Hauptlobbyisten des Begriffs in Deutschland ist Bernd Scherer, ehemals Chef des Hauses der Kulturen der Welt. Im Gespräch mit Fritz Habekuß und Maximilian Probst von der Zeit stellt er die zum nunmehr offiziellen Beweis die entsprechenden moralischen Fragen: "Wie gehe ich mit dem Wissen um, dass ich nie alles über einen Gegenstand weiß? Es beginnt schon damit, wie man sich als Mensch auf dieser Erde sieht. Bin ich ein Akteur, der einfach draufloslebt? Oder betrachte ich mich als Gast und bemühe mich, umsichtig zu handeln? Das ist in unseren Konsumgesellschaften nur schwer möglich."

Dazu passt ein Porträt über den jüngsten Shooting star der French Theory, der aber Däne ist. Elisabeth von Thadden porträtiert fürs Feuilleton der Zeit den jungen Autor Nikolaj Schultz mit vielen anekdotischen Details, die ordentlich Atmo geben ("er sucht nach seinem Zigarettenpapier. Zwei Kaffee") Der Soziologe, dessen Mentor Bruno Latour war, prägt in seinem neuesten Buch den Begriff der "Land Sickness". Es geht um das von den Boomern ausgelöste Antrhopozän: "Großmutter, ja, jetzt taucht sie im Gespräch auf wie zuvor schon im Buch, sei heute individuell ein Opfer der planetarischen Erwärmung, von Hitze, Dürre und deren Folgen. Und doch klage er, der Enkel, die Großeltern-Generation als soziales Kollektiv politisch dafür an, die Tragödie nicht verhindert zu haben. Ein Wohlstandsleben zu leben heißt im Klimawandel, andere zu zerstören oder künftig an ihrem Leben zu hindern. Und das verändert die hehre moderne Idee der Autonomie: Sie ist von Schuld nicht zu trennen, und sie entspringt der narzisstischen Hybris, von der eigenen Abhängigkeit abzusehen, um sich stark zu fühlen."

Von Schultz liegt auf deutsch das mit Latour verfasste Buch "Zur Entstehung einer ökologischen Klasse" vor. Sein Buch "Land Sickness" liegt bisher nur auf englisch vor und wird gerade übersetzt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2023 - Ideen

Im doppelseitigen Gespräch mit taz-Autor Peter Unfried sagt Slavoj Zizek wie üblich alles Mögliche, aber im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass der Philosoph seinen kommunistischen Ideen treu bleibt, damit heute aber ausgerechnet die modische Linke provoziert: "Ich zweifle, ob die traditionellen liberalen Demokratien in Zukunft funktionieren werden. Man hat alle vier Jahre Wahlen, während China bis 2050 durchplanen kann. Wir brauchen eine Idee, wie wir individuelle Freiheit schützen und dennoch größere Koalitionen hinbekommen. Deshalb bin ich auch so gegen die woke Linke. Weil sie spaltet sich in Kleingruppen, die sich gegenseitig attackieren. Statt Gemeinsames voranzubringen, sät sie ständiges Misstrauen gegenüber allem, was man sagt, und völlig ohne grundsätzliches Programm. Das ist wirklich tragisch und selbstzerstörerisch. Wir werden uns stärker in Richtung große Koalitionen orientieren müssen."

Ein recht unheimliches Licht auf die feineren, auch intellektuelleren Kreise der Bundesrepublik bis in die jüngste Gegenwart wirft die Geschichte der Münchner Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung, in der bekanntlich deutlich rechtsextreme Vorstände wie Armin Mohler und Heinrich Meier mit einem Stiftungsvermögen von 600 Millionen Euro hantieren konnten. Heute schreibt Marcel Lepper in der taz über den fehlenden Willen der Stiftung zur Aufarbeitung - er selbst sollte das als neuer Vorstand tun und wurde gefeuert (unsere Resümees). Die ungemütlichste Erkenntnis ist, dass offenbar alle den rechtsextremen Kontext kannten und sich sehr gern einladen ließen: "Hochkarätige Wissenschaftler hatte schon Mohler eingeladen. Manchen imponierte der reaktionäre Stil und das hohe Honorar. Sie schmückten mit ihren Namen auch unter Meier eine Struktur, die sich vom diskursiven Abwehrkampf gegen die angebliche 'linksliberale' Hegemonie nie losgesagt, sondern ihn allenfalls subtiler weitergeführt hatte.  Er hielt sich an die Regel, dass ein Thinktank umso einflussreicher agieren kann, je weniger er als solcher erkennbar ist."

Ein bisschen erstaunlich ist, dass Lepper nicht auf Patrick Bahners' FAZ-Artikel zur Verteidigung der Stiftung (unser Resümee) eingeht, der eine "schauerromantische Voreinstellung unserer Debatten über das Nachleben des Nationalsozialismus" diagnostiziert hatte. Etwas mehr dazu gibt es in diesem Twitter-Thread Leppers.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2023 - Ideen

"Kommunikation" ist nicht zuletzt dank Jürgen Habermas zum "Fetischwort" unserer Gesellschaft geworden, seufzt in der NZZ der Germanist Jochen Hörisch, der sich nach großen Stilisten wie Theodor W. Adorno oder Walter Benjamin zurücksehnt, denen es nicht um Verständlichkeit, sondern um Irritation und Dissens ging, wie Hörisch schreibt. Aber: "Philosophen, die einen unverwechselbaren Stil pflegen und der Intuition Ausdruck zu geben vermögen, dass auch in der Sphäre des Denkens der Ton die Musik macht, stehen heute zumeist unter Verdacht. Die vorherrschende analytische Philosophie ist zuallererst einmal eine Verbotsphilosophie: So wie Hamann oder Hegel, Schopenhauer oder Nietzsche, Heidegger oder Bloch, Adorno oder Sloterdijk, Derrida oder Deleuze, Kittler oder Theweleit darf man nicht denken und schreiben, wenn man universitär bestallter Philosoph werden will."

In der Welt würdigt Magnus Klaue mit Max Horkheimer, dessen Todestag sich heute zum fünfzigsten Mal jährt - und den Hörisch mit keinem Wort erwähnt, den Mann "im Schatten Adornos".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2023 - Ideen

Im taz-Interview mit Caspar Schaller erklärt die amerikanische Kulturtheoretikerin Catherine Liu, warum sie aus dem Kulturkampf aussteigt und wie auch linke Akademiker zu Verwaltern des Kapitalismus wurden: "In einer Fabrik müssen alle Arbeiter für alle anderen Arbeiter Verantwortung übernehmen, weil am Fließband sonst jemand seine Hand verliert. Dazu will der Boss, dass alles schneller geht, du hingegen willst weniger arbeiten, eure Interessen sind also grundsätzlich verschieden. Selbst wenn du die anderen nicht magst, zwingt dich die Produktionsweise dazu, miteinanderzustehen, um eure Position zu verbessern. Im Gegensatz dazu gibt es E-Mail-Jobs. Für viele PMS (die Professional Managerial Class) spielt es gar keine Rolle, wie gut sie ihre Arbeit verrichten. Es geht nur darum, wie man sich präsentiert, nämlich als gut vernetzt, freundlich und hilfsbereit. Es geht also darum, der oberen Hierarchiestufe vorzuspielen, dass man gut ist. Es geht um Schein. Daraus fließt ihre Obsession mit Kultur und individuellem Verhalten, mit emotionaler Regulierung, individuellen Konsumentscheiden, Expertenwissen, mit Tugend. Man muss das Richtige sagen, um die Autorität zu befriedigen, nicht einander zu helfen. Es gibt keine liberale Sprache der Solidarität."

Die parlamentarische Linke hat sich zu sehr von Identitätspolitik ablenken lassen und darüber die soziale Frage vernachlässigt, meint auch der Rechtsextremismusforscher Wilhelm Heitmeyer, mit Blick auf die Umfrage-Erfolge der AfD im FR-Gespräch. Aber "das gilt nicht nur für die Linke. Wir haben es seit den 90er Jahren mit einer Entwicklung zu tun, in der sich ein autoritärer Kapitalismus entwickelt hat, der riesige Kontrollgewinne aufweist, ob nun bei Standortfragen, sozialen Standards oder Wohlfahrtsfragen. Im Gegenzug hat die nationalstaatliche Politik in diesen Feldern riesige Kontrollverluste erlitten. Die Politik verlor also die Kraft oder auch den Willen, die soziale Ungleichheit zu bekämpfen und das wird in der Bevölkerung natürlich wahrgenommen. Dem haben zurückliegende Regierungen und durchaus auch die parlamentarische Linke nichts entgegengesetzt."

Außerdem: In der NZZ hält der Schriftsteller Giuseppe Gracia die Konzepte des Kulturrelativismus für "destruktiv": "Die Idee, dass alle Kulturen relativ seien und die darin enthaltenen Normen nur ihre eigene, innere Gültigkeit haben dürften, so dass kein Kulturraum einen anderen beurteilen könne, weil es keine kulturübergreifenden Normen gebe, stellt selber eine kulturübergreifende Norm dar." Und: "Eine Kultur der Toleranz kann gar nicht überleben, wenn sie ihre eigene Voraussetzung, dass nämlich alle tolerant sein müssen, nicht absolut setzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2023 - Ideen

In einem großen ZeitOnline-Essay diagnostizieren Georg Diez und Max Krahé mit Blick auf die Razzien gegen die Letzte Generation eine Veränderung der liberalen Demokratie im Zeichen des Klimawandels: "Es sind nicht die Aktionen der Letzten Generation, die undemokratisch sind oder die Demokratie gefährden, es sind die derzeitigen Maßnahmen gegen die Letzte Generation, die gesellschaftliche Überzeugungsprozesse blockieren und damit der Demokratie und dem Rechtsstaat von morgen gefährliche Altlasten hinterlassen", verteidigen die beiden die Aktivisten unter anderem mit Blick auf das Buch "Überfluss und Freiheit - Eine ökologische Geschichte der politischen Ideen" des französischen Philosophen Pierre Charbonnier, der dort die materiellen Bedingungen von Freiheit analysiert: "Die planetare Klimakrise, schreibt Charbonnier, stelle die wesentlichen Annahmen liberaler Politik infrage, die mit menschlicher Freiheit sowie Autonomie zu tun haben - und untrennbar mit Wohlstand oder sogar Überfluss verbunden sind. Freiheit sei in der Moderne dadurch ermöglicht worden, dass symbolisch wie materiell die Verbindung zur Natur, zum Land, das man bewirtschaftet, gekappt worden sei - ein Bruch zwischen Natur und Kultur, dem Menschen und seiner Umwelt. Doch gerade deshalb bestand von vornherein eine grundlegende Schieflage innerhalb unserer Konzeption von Freiheit. Diese wurde nämlich nur durch Externalisierung möglich, 'Emanzipation als Ausbeutung', wie Charbonnier es formuliert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2023 - Ideen

Im Tagesspiegel-Interview spricht der ewig Unerschrockene Wolf Biermann über sein kommunistisches Elternhaus, lumpenhafte Bescheidenheit und den neuen verklärenden Blick auf die DDR: "Das ist keine Sehnsucht, das ist aggressives Selbstmitleid. In einer Diktatur verwenden die meisten Menschen ihre Energie und Klugheit darauf, einigermaßen durchzukommen: nicht zu feige, nicht zu frech. Und es gibt viele gute Gründe, sich feige zu verhalten. Aber wenn Menschen alles Unrecht dulden, wenn sie im Betrieb oder in der Familie immer den Schwanz einziehen oder den Kopf, dann macht sie das chronisch seelenkrank. Diese Deformation wird unbewusst vererbt von Generation zu Generation. Oder wie es der große Pädagoge Pestalozzi mal formulierte: 'Man erzieht und erzieht, und dann machen sie einem doch alles nach.' Die Ostdeutschen sind nach zwei Diktaturen hintereinander doppelt geprägt. Kaputte Häuser und Straßen kann man in 30 Jahren wieder aufbauen, kaputte Menschen dauern etwas länger... Wir alle gehen nicht nur kaputt an den Schlägen, die wir einstecken, sondern auch an den Schlägen, die wir nicht austeilen."

Vor hundert Jahren wurde das Frankfurter Institut für Sozialforschung gegründet. Sein heutiger Direktor, der Soziologe Stephan Lessenich, steht im FR-Interview mit Michael Hesse genauso ratlos wie einst Adorno und Horkheimer vor der großen Frage, warum die Menschen einfach keine radikale Gesellschaftsveränderung wollen und die Linke immer wieder scheitert: "Der Erfolg von rechten Angeboten liegt nicht nur darin, dass sie ausbeutbare Emotionen und Affekte wecken, sondern es werden auch knallharte Interessen angesprochen. Eine Bevölkerungsmehrheit in den reichen Industrieländern weiß, was sie zu verlieren hat durch die 'falsche' Migration oder durch wirklich durchgreifende Maßnahmen gegen den Klimawandel, durch ein radikal anderes Energieregime dieser Gesellschaft oder ein Ende des Wachstumskurses und die Forderung nach Verzicht. Seinen eigenen Lebensstandard zu verlieren, kann rationaler Weise niemand wollen. Wenn sich dann jemand anbietet, diesen zu schützen, wie die politische Rechte, ist das erst einmal ein attraktives Angebot."