In der
taz denkt Georg Seeßlen über
das Denken nach. Anstrengend, gibt er zu, und ganz was anderes, als
eine Meinung haben. "Die Rolle des Denkens beim Meinung-Haben nimmt, wie es scheint, rapide ab. Parallel zur Rolle von Faktizität, Logik, Common Sense. Die libertäre Vorstellung von Freiheit besteht darin, dass jede und jeder seine Meinung als Waffe im sozialen Hegemonie-Kampf einsetzen darf. Möglichst laut, drastisch und obszön. Darin gerinnen Restdenken, Biografie, Interesse und Wahn zum Spektakel. Wer eine Meinung hat, braucht sich mit dem Denken nicht mehr lange aufzuhalten. Das Denken selbst ist zu einem
Produktionsmittel für Meinungen verkommen. Selbst jene, die berufsmäßig für öffentliches Denken zuständig wären, die Intellektuellen und, nun ja, Philosophen, treten nur noch als
Meinungs-
Kasperle der Medien auf. Kehren wir also der Ökonomie des Denkens den Rücken und widmen uns einer
Ökologie des Denkens, nämlich als einer natürlichen, von Zerstörung und Vergiftung bedrohten Ressource. Dann gälte es, wie im Slow Food zu einer Achtsamkeit der Nahrung, im Slow Travelling zu einer Achtsamkeit des Reisens, im Slow Thinking zu einer Achtsamkeit des Denkens zu finden. Das Denken würde vielleicht zu seiner
natürlichen Würde zurückkehren."
Im
Guardian denkt Dan Brooks über den Begriff des "
Ausverkaufs" nach - ein Vorwurf, der in den Neunzigern wichtig zur Selbstbestimmung war, den man heutzutage aber nicht mehr oft hört. Dass "alternative" Bands sich oft saugut verkauften, was den Vorwurf des Ausverkaufs gegen andere ziemlich albern machte, versteht er inzwischen. Aber so ganz möchte er den Begriff nicht aufgeben. Denn Ausverkauf bedeute auch, Musik zu machen, die
erwartet wird, und das sei doch eigentlich ziemlich traurig: "Mit der Populärkultur des 21. Jahrhunderts stimmt doch etwas nicht, oder? Man muss kein Punk mittleren Alters sein, um zu denken, dass sie sich
weniger überraschend und lebendig anfühlt, als sie es einst war. Die Unterhaltungsindustrie im Allgemeinen und die Musikindustrie im Besonderen sind außerordentlich gut darin geworden, so viele Einheiten wie möglich zu verkaufen, aber der
Verkauf von Einheiten ist nicht die Aufgabe der Musik. So fehlerhaft die Idee des 'Ausverkaufs' auch war, so hat sie doch eine unumstößliche Wahrheit auf den Punkt gebracht: Nur ein Narr würde einen Song schreiben, um
Geld zu verdienen. Man schreibt einen Song, um
sich selbst zu überraschen, um anderen Menschen etwas zu geben, von dem sie nicht wussten, dass sie es wollen. Was der Popkultur des 21. Jahrhunderts vielleicht fehlt, ist eine
ausreichende Verachtung für diejenigen, die uns das geben, was wir bereits haben wollen."
Außerdem: In der
FR schreibt Harry Nutt zum Tod des Philosophen
Harry G.
Frankfurt.