9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2021 - Ideen

Die Populärphilosophin Svenja Flaßpöhler polarisiert. Die ehemalige Sonntags-FAZ fand sie wichtig genug für einen ganzseitigen Feuilletonaufmacher, in dem es auch um Richard David Precht ging und beiden von Feuilletonchefin Julia Encke vorgeworfen wurde, Diskurse der extremen Rechten in die Mitte zu tragen (unser Resümee). Ronald Pohl porträtiert sie im Standard und hat auch mit ihr gesprochen. Sie spricht unter anderem über ihr aktuelles Thema "Sensibilität", die ein Vehikel von selbstdefinierten Opfergruppen sei: "Diese Debatten, die wir über Rassismus und Sexismus führen, sind nur deshalb möglich geworden, weil wir in einer sehr fortschrittlichen Gesellschaft leben. Sie bilden den Ausweis dafür, wie gleichberechtigt westliche Gesellschaften heute eingerichtet sind. Das berühmte Tocqueville-Paradox bezeichnet das: Je gleichberechtigter Gesellschaften sind, desto sensibler werden wir für noch bestehende Differenzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2021 - Ideen

Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler tragen dazu bei, jene "polemische Behauptungskette von Freiheitsberaubung und Selbstzensur" der Impfgegner "allmählich in die bürgerliche Mitte" zu transportieren, schreibt FAZ-Redakteurin Julia Encke in einem viel retweeteten Artikel. Die beiden äußerten Meinungen, "die man seit der Corona-Pandemie vor allem im rechten Spektrum findet: in der #allesdichtmachen-Aktion, mit der Schauspielerinnen und Schauspieler sich gegen Corona-Maßnahmen wehrten; immer wieder in der Bild-Zeitung, praktisch in jedem Leitartikel des Welt-Chefredakteurs Ulf Poschardt oder den Texten seiner Chefreporterin Anna Schneider, die sich hauptberuflich Gedanken darüber macht, warum es mit der Freiheit in Deutschland nicht gut bestellt ist - die damit übrigens beide sehr brav auf den Spuren ihres Verlegers wandeln, der sich in einer SMS ja auch bereits in einem DDR-Obrigkeitsstaat wähnte (das aber natürlich nur ironisch gemeint haben will)."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2021 - Ideen

Das heute eher für den Postkolonialismus eintretende Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin hat ein Podium zum Historikersteit 2.0 veranstaltet, über das Tania Martini in der taz berichtet. Auf dem Podium saßen  der Historiker Dan Diner, Bénédicte Savoy (Restitutionsberaterin von Emmanuel Macron) und María do Mar Castro Varela (Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Postkolonialismus). Auch in der Restitutionsfrage, die die Debatte um Postkolonialismus und Holocaust verbindet, gibt es Unterschiede, lernt sie mit Diner: "Nach 1945 stellte man fest, so Diner, dass es Eigentum, aber keine Erben gab: Der absolute Genozid habe erbenloses Eigentum hinterlassen. Da müsse doch etwas in einem rebellieren, fragte er zurück. Alle waren ausgerottet, 'also gibt es wohl so etwas wie den absoluten Genozid'. Beinah verzweifelt wirkte sein Rückgriff auf das Wort Endlösung, um verständlich zu machen, worum es in der Shoah doch ging: 'überall und alle an jedem Ort!' Unser Streben nach kollektiver Gleichheit sollte uns nicht daran hindern, die Unterschiede zwischen Massaker, ethnischer Säuberung und absolutem Genozid festzustellen, appellierte er völlig richtig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2021 - Ideen

Der "Wokeismus", der zum Beispiel auf eine sozialen Konstruktion des Geschlechts beharrt und darum Feministinnen wie Kathleen Stock mobbt, erinnert an eine religiöse Erweckungsbewegung, meint der Philosoph Gerhard Schweppenhäuser in der taz. Denn seine Vertreter argumentieren wie Fundamentalisten jeglicher Provenienz aus der Verletzung seiner Gefühle heraus: "Nehmen wir an, eine Vertreterin des Kreationismus, die sich mit Argumenten der Evolutionstheorie auseinandersetzen muss, fühlt sich verletzt und in ihrer Weltsicht herausgefordert. Niemand sollte ihr das Recht streitig machen, anderen ihre Affekte mitzuteilen. Aber sollten Wissenschaftler:innen Redeverbot erhalten, weil Menschen, die sich mit den Lehren des Kreationismus identifizieren, sich durch evolutionstheoretische Beweisführungen verletzt fühlen könnten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2021 - Ideen

In der Zeit hat eine Gruppe von Universitätsleuten jene "Übermacht" angegriffen, die sich mit Kathleen Stock solidarisiert habe - die Feministin Stock ist wegen ihrer nicht gendertheoriekonformen Ansichten gemobbt worden und hat ihren Posten an der Uni Sussex aufgegeben (unserer Resümees). Die Autorengruppe der Zeit hat auch das "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" angegriffen, das sich mit Stock solidarisierte. In der FAZ antwortet der Politologe Uwe Steinhoff, der dem Netzwerk angehört: "Sowenig fehlende Parität automatisch Diskriminierung belegt, so wenig erzeugen umgekehrt 'die Einbeziehung marginalisierter Positionen' und 'pluralere Perspektiven' automatisch 'eine robustere Objektivität'. Die Objektivität einer wissenschaftlichen Theorie bemisst sich nicht an der paritätischen Besetzung des Forscherteams, das sie formuliert hat, sondern an ihrem methodisch prüfbaren Erklärungswert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2021 - Ideen

Magnus Klaue weiß zu schätzen, wie Pascal Bruckner seit seiner Polemik "Die Tränen des weißen Mannes" gegen Selbstmitleid oder Selbstkritik des Westens anschreibt. Aber dass er in seinem neuen Buch "Ein nahezu perfekter Täter" Frankreichs republikanisches Modell als Rettung gegen den amerikanischen Kommunitarismus setz, behagt Klaue auf ZeitOnline nicht: "Angesichts der Unerbittlichkeit, mit der Bruckner früher das Scheitern des Laizismus in Frankreich analysiert hat, wirkt diese Umkehrung der Inschrift der New Yorker Freiheitsstaue, die Frankreich zum Asyl für Emigranten aus dem amerikanischen Minoritätengefängnis erklärt, sehr idealistisch. Statt in einem kontrapunktischen Vergleich die fetischistische Politisierung der Minderheiten in den USA und Frankreich gegenüberzustellen und damit der Tatsache gerecht zu werden, dass der westliche Universalismus seit jeher geteilt - als amerikanischer und französischer - existiert hat, schlägt sich Bruckner auf die Seite der Französischen Republik. So integer seine Motive dafür sind, so haftet dieser Geste doch etwas Hoffnungsloses an."

In der NZZ findet der Schriftsteller und Klagenfurt-Jurist Philipp Tingler, dass das Moralisieren gesellschaftlicher Fragen zu Schönheit, Reichtum, Gesundheit vor allem dazu dient, das eigene Ungenügen zu kompensieren: "Ich kann moralistisch verurteilen, was mir ökonomisch oder auch intellektuell unerreichbar ist. Zum Beispiel irgendeinen vermeintlichen Prozentsatz der Gesellschaft als 'elitär' etikettieren, wenn ich selbst dessen Konsummöglichkeiten gerne hätte oder den Zugang zu einer exklusiven Bildungseinrichtung nicht geschafft habe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2021 - Ideen

Annette Jensen und Ute Scheub schreiben in der taz einen Nachruf auf die Autorin und Forscherin Silke Helfrich, die in Deutschland maßgeblich die Idee der "Commons" wieder ins Spiel brachte. Sie ist im Alter von 54 Jahren beim Bergsteigen ums Leben gekommen. "Ihr ist zu verdanken, dass sich die Debatte immer stärker von einer vor allem wirtschaftlichen Perspektive emanzipierte. Nicht Güter oder Gegenstände stehen in der heutigen Commonsdebatte im Zentrum, sondern die Beziehungen der Beteiligten untereinander und zur Welt."
Stichwörter: Commons, Helfrich, Silke

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2021 - Ideen

Eigentlich hat zwar Kathleen Stock die Uni von Sussex verlassen (unsere Resümees), und nicht umgekehrt. Aber einige deutsche Akademiker tun in einem "Einspruch" in der Zeit so, als sei es die Position von Stock, die die "Macht" repräsentiert. Besonders ärgern sich die Akademiker über die Berichte der Medien, die Stocks Position nicht völlig abwegig fanden: "Die Einseitigkeit in der Darstellung solcher Fälle hat Methode und ist ein echter Grund zur Sorge. Immer wieder soll die Öffentlichkeit mit ähnlichen Strategien davon überzeugt werden, dass es ausgerechnet die Etablierten sind, die bedroht würden. So wird allein die Tatsache, dass bestimmte Positionen kritisiert werden, als Angriff auf die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit oder gar als 'Mobbing' identifiziert. Eine weitere Strategie ist, die Effekte von Petitionen oder offenen Briefen zu übertreiben und zugleich die realen Macht- und Gewaltverhältnisse, die die akademische Welt durchziehen, zu bagatellisieren oder zu leugnen."

In der NZZ begrüßt Sarah Pines die Gründung der Austin-Universität, denn: "Noch nie war das amerikanische akademische (insbesondere das geisteswissenschaftliche) Feld so eng, unfrei und lernbehindernd wie heute. Über ein Drittel konservativer Akademiker haben für ihre Ansichten Disziplinarmaßnahmen zu befürchten. Ein Viertel aller Akademiker der Geisteswissenschaften unterstützen Amtsenthebungen gegen Kollegen, die sich kritisch in Fragen zu Immigration oder Geschlecht äußern. Vier von fünf Doktoranden würden, so das Center for the Study of Partisanship and Ideology, konservative Akademiker von Beruf und Campus-Leben ausschließen, wenn sie könnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2021 - Ideen

Jule Govrin, Spezialistin für die "politische Dimension von Körpern und die Verwundbarkeit als Modus der Gleichheit",  ist bei geschichtedergegenwart.ch nicht sehr zufrieden damit, wie der Fall Kathleen Stock wahrgenommen wurde, die ihren Posten an der Uni Sussex aufgab, weil sie die Proteste der Transbewegung nicht mehr ertrug: "Ihr Fall ist aufschlussreich, weil die Rahmung des Konflikts als Frage der Meinungsfreiheit verdeckt, dass die Rhetorik des biologischen Geschlechts, wie sie Stock betreibt, einer reaktionären Schlagrichtung folgt." Die Gemengelage an der Uni Sussex sei schwer zu beurteilen: "Wenn Stock bedroht wurde, ist dies nicht hinnehmbar.  Das gilt allerdings für beide Seiten." TransMenschen seien Gewalt ausgesetzt: "Diese Gewalt wird durch transfeindliche Rhetorik verstärkt. Dazu gehört auch, dass Stock Transgeschlechtlichkeit als Fantasiegebilde verzerrt und im Schulterschluss zur LGB Alliance steht, die  Transgeschlechtlichkeit mit Pädophilie und Bestialität assoziiert. Man kann demnach von einer beidseitigen Bedrohungslage ausgehen. Die Studierenden hatten jedes Recht, gegen Stocks politische Polemik zu protestieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2021 - Ideen

In der Welt unterhält sich Marie-Luise Goldmann mit der mit der Philosophin Svenja Flaßpöhler über deren neues Buch "Sensibel" sich mit modernen Empfindlichkeiten auseinandersetzt. Ihr geht es darum, "Sensibilität und Widerstandskraft miteinander ringen  zu  lassen,  um  zu  einer dritten Position zu finden", sagt Flaßpöhler und verweist auf den Begriff der Resilienz: "Immunität heißt, man vermeidet immer schon das negative Ereignis. Das tritt gar nicht erst ein. Das ist die Logik der Safe Spaces. Oder auch von totalitären Systemen. Man richtet die Gesellschaft so aus, dass gar nichts mehr passiert. Das Prinzip der Resilienz dagegen ist ein, wenn man so will, demokratisches Prinzip, das mit Krisen, Zumutungen und Schmerzen rechnet. Resilienz nimmt diese Unvermeidbarkeit auf und versucht, daraus eine Stärke zu entwickeln." Und sie erinnert daran, dass Empathie durchaus auch paternalistische Züge haben kann: "Ach, das ist so ein schwacher Mensch, ich muss diese Person schützen. Das ist aber oft eine Art von Kleinmachen und Festschreiben in der Opferperson. Mitgefühl ist noch lange keine Moral."

Auf Zeit online denkt die britische Philosophin Onora O'Neill über Rechte und Pflichten nach. Letzeres scheint aus der Mode gekommen: Sie fragt, warum "die Menschenrechte allein nicht genug sind. Ein wenig verwundert stelle ich fest, dass ich nach Jahrzehnten philosophischen Schreibens noch einmal ein Denken beleben möchte, dem es auch um Pflichten geht. Wir brauchen mehr als eine Theorie der Gerechtigkeit. Natürlich meine ich das nicht, weil ich von Rechten nichts hielte, sondern aus drei anderen Gründen: erstens, weil Menschenrechte eines Gegenparts bedürfen, der die Pflicht hat, sie zu garantieren; zweitens, weil sie nicht jeweils bedingungslos gelten, sondern oft in Konflikt zueinander stehen, daher der Abwägung und eines praktischen Urteils bedürfen; und drittens, weil sie oft aus Gründen eingeschränkt werden, die gar nicht menschenrechtlicher Art sind, wenn etwa das Recht auf Schutz der Privatsphäre seine Grenzen darin findet, dass öffentliche Güter wie Sicherheit und Gesundheit gewahrt werden müssen. Mehr Rechte zu fordern hilft da nicht weiter."

In der NZZ denkt Kaspar Villiger über Rechte und Pflichten an einem konkreten Beispiel nach: Corona. "Es stellen sich berechtigte Fragen: Darf aus ethisch-moralischen Gründen von den Menschen erwartet werden, dass sie sich freiwillig impfen lassen, weil sie sonst nicht nur sich selbst, sondern auch den Mitmenschen, dem Gesundheitswesen und der Wirtschaft schaden? Dürfte oder sollte der Staat angesichts des statistisch nachgewiesenen Nutzens der Impfung und deren relativer Harmlosigkeit sogar eine Impfpflicht einführen? Oder geht der Staat schon mit der milden Form der Zertifikatspflicht zu weit? ... Das Vertrackte bei diesen Fragen ist die Erfahrung, dass es keine Freiheit ohne Regeln gibt."

Wi beginnt und wo endet Theater, fragt der Philosoph Otfried Höffe in einem NZZ-Essay. Nicht auf der Bühne, das steht für ihn fest. "Im Nachspiel kehren wir ins Theater zurück. Das Vorspiel kann man an einem beliebigen Tag der Zeitung entnehmen. Zum Beispiel Anfang November: An der Klimakonferenz in Glasgow machen Demonstranten auf ihre Anliegen aufmerksam, mit phantasievollen Aktionen und Gewändern. Ist das Theater? Oder ist eher der ganze Klimagipfel Theater, da die Anreise Tausender von Delegierten den CO2-Ausstoss kräftig befördern wird und das Ergebnis einmal mehr beschämend mager sein dürfte?"