Anlässlich der Diskussion über eine Impfpflicht plädiert Nele Pollatschek in der
SZ dafür,
Freiheit künftig auf ihre Konsequenzen abzutasten, wenn es mit der Vernunft nicht so weit her ist: "Das bedeutet, dass man auf
absolute Freiheit setzen sollte, da, wo auch die unvernünftige Entscheidung
tragbar ist. Aber eben nicht da, wo man eigentlich vorher schon sicher ist, dass bestimmte Entscheidungen
ausgeschlossen werden müssen. Wer weiß, dass sich eine große Mehrheit der Bürger impfen lassen muss, darf nicht so tun, als könnten alle Bürger frei entscheiden, im Vertrauen darauf, dass 'frei' automatisch 'vernünftig' heißt."
In der
Welt argumentiert der Jurist
Kai Möller mit viel klein-klein gegen eine Impfpflicht. Sein Hauptargument: Sie würde in erster Linie die bislang Ungeimpften schützen und die haben sich ja freiwillig für ihr Risiko entschieden. Entstehung von Corona-Varianten, die Überlastung des Pflegepersonals, der unnötige Tod von Patienten, deren Betten von Corona-Erkrankten belegt sind, kommen in seiner Rechnung nicht vor. Er glaubt eh, dass die Impfpflicht
andere Gründe hat: "Würde eine Impfpflicht funktionieren? Der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr sagt, dass sie zumindest in der aktuellen Situation nicht hilft, da sie
zu spät kommen wird, um in diesem Winter noch etwas zu bewirken. Es kann also gut sein, dass der Vorschlag einer Impfpflicht weniger davon getrieben ist, ein Problem zu lösen, als vielmehr von
Ressentiments gegenüber Ungeimpften - einer Haltung, die Deutschland und Österreich vielleicht noch auf die Füße fallen wird. Aber selbst wenn die Impfpflicht in gewissem Sinne ein Erfolg werden sollte ... wäre sie nur zu einem hohen Preis zu haben. Deutschland und Österreich sollten diesen Preis, nämlich den der Verletzung der
Grundrechte und der Menschenwürde, nicht zahlen."
"Warum diese
Fixierung auf die Freiheit, da sie doch in keinem ernstzunehmenden Sinn des Wortes gefährdet ist",
fragt sich der italienische Philosoph
Maurizio Ferraris in der
NZZ. "Die Welt in Zeiten der Pandemie ist keineswegs freiheitsfeindlich, in ihr aber regiert nicht mehr die Hoffnung, sondern vielmehr
die Angst. Vor ein paar Tagen hat Italiens bedeutendstes Institut für sozioökonomische Studien eine Erhebung zum
Gemütszustand der Impfgegner durchgeführt. Die Untersuchung kam zum Ergebnis, dass Orientierungslosigkeit, prekäre Anstellungsverhältnisse, Einbuße an ökonomischem und sozialem Kapital, Statusverlust sowie Misstrauen gegenüber Institutionen und neuen Technologien zu den zermürbenden Folgen des Ausnahmezustands gehören. Es resultiert, mit anderen Worten, ein
Verlust an sozialen Bindungen und darum auch der daraus sich ergebenden Verpflichtungen, die dem Dasein erst Sinn verleihen. Im Protest gegen die angebliche Bedrohung der Freiheit manifestiert sich also, schaut man genauer hin, insgeheim der Wunsch nach Aufmerksamkeit, nach Sicherheit und Leitlinien."