Der Historiker
Martin Schulze Wessel bringt in der
FAZ eine späte Replik auf
Dirk Moses' Verhöhnung des angeblichen "Deutschen Katechismus". Die These von der Singularität des Holocaust, schreibt Schulze Wessel, "ist kein Glaubens- und kein Verfassungssatz, sondern eine
historische Einsicht von hoher Komplexität und als solche fragil. Sie einzubüßen würde eine Verarmung unseres historischen Gedächtnisses bedeuten." Schulze Wessel setzt sich dann aber weniger mit Dirk Moses auseinander als mit dem Historiker
Sebastian Conrad, der im
Merkur geschrieben hat. Ihm wie anderen in der Debatte wirft er vor, die Sache eigentlich
wie eine Modefrage zu behandeln und nicht zu fragen, "ob die These von der Singularität des Holocausts im Lichte unseres wissenschaftlichen Wissens zutreffend ist oder nicht.
Zeitgemäß oder
nicht zeitgemäß lautet das einzige Kriterium."
In Deutschland glauben viele Menschen immer noch, dass nur eine Gruppe von Bösewichtern für den Holocaust verantwortlich sei, ist die
Schriftstellerin Mirna Funk in der
NZZ überzeugt. Auch darum, und weil er ständig seine Gestalt verändert, sei der
Antisemitismus hierzulande nie verschwunden: "Die Entwicklung des Judenhasses sieht eigentlich so aus: Erst hassten sie die Juden wegen ihrer Religion, dann hassten sie die Juden wegen ihrer Rasse, und jetzt hassen sie alle Juden, die
Zionisten sind. ... Als Jude und Jüdin ist das Leben jetzt wie Roulette. Entweder setzt man auf Rot oder auf Schwarz.
Guter Jude sein heißt gegen Israel sein.
Schlechter Jude sein heißt für Israel sein. Aber anders als beim Glücksspiel kann man beim Woke-Game nur verlieren. Genauso wie die assimilierten Juden in Deutschland 1933."
Die woke Blase bei Twitter blubbert vor Wut (aber man muss sich sicher keine Sorgen machen, dass sie platzt):
Bari Weiss und andere gründen eine
neue Universität in Austin (
hier die Website), die allein der Wahrheit verpflichtet sein soll. Mit dabei sind prominente Autoren und Historiker wie
Steven Pinker,
Ayaan Hirsi Ali und viele andere. Einen
Gründungstext schreibt auf dem Substack-Blog von Weiss der Anglist
Pano Kanelos, einst Präsident des St. John's College. Die Atmosphäre an geisteswissenschaftlichen Instituten in den USA schilder er als erdrückend. Das ganze hat aber auch mit der
Lage der Unis in den USA insgesamt zu tun, wo es längst nicht mehr um Wahrheit geht: "Tatsächlich haben viele Universitäten gar keinen Anreiz mehr, ein Umfeld zu schaffen, in dem intellektueller
Dissens geschützt ist und modische Meinungen hinterfragt werden. Die Funktion unserer prestigeträchtigsten Schulen besteht darin, als Polieranstalt für die
nationale und globale Elite zu dienen. Hinter den efeubewachsenen Mauern beschäftigen sich diese Studenten mit immer unzugänglicheren Theorien, während die Leute ein paar Straßen weiter mühsem ihren Lebenunterhalt bestreiten müssen. Bei den meisten anderen Einrichtungen geht es schlicht darum, den
finanziellen Zusammenbruch zu vermeiden. Sie befinden sich in einem verzweifelten Wettbewerb um eine schwindende Zahl von Studenten, die immer weniger in der Lage sind, die explodierenden Studiengebühren zu bezahlen." Anna Schneider
berichtet in der
Welt.
Wann darf der Staat
die Freiheiten seiner Bürger einschränken? Wenn er nur so die Grundlagen dieser Freiheit sichern kann zum Beispiel,
meint in der
NZZ der Philosoph
Martin Rhonheimer: "Staatlicher Zwang ist immer rechtfertigungsbedürftig, die individuelle Freiheit ist es nicht. Natürlich ist nicht alles, was aus Freiheit getan wird, gut. Deshalb ist auch alles freie Handeln
ethisch hinterfragbar und normierbar. Politisch-rechtlich jedoch ist individuelle Freiheit weder begründungsbedürftig noch ethisch zu normieren. Politisch wird sie nur dann (auch ethisch) illegitim, wenn sie
die gleiche Freiheit anderer zu beschränken oder gar aufzuheben beginnt. Insofern ist ein liberaler Staat eine rechtlich geordnete Koexistenz gleicher Freiheiten."