9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2021 - Ideen

In der NZZ denkt Benedict Neff über die Bilder von der Grenze zwischen Belarus und Polen nach: Können die Deutschen sie auf Dauer aushalten? Wer veröffentlicht sie und mit welchem Interesse? Was genau sieht man eigentlich, was ist echt, was inszeniert? Etwa bei dem Jungen, dem ein anderer Migrant Zigarettenrauch in die Augen bläst. Damit er weint, wenn er gefilmt wird? "Die Tatsache allerdings, dass die Szene von Migranten selbst gefilmt worden scheint, spricht nicht für diese These. Bild mutmaßt, der Rauch diene der Neutralisierung von Tränengas, das der Junge erwischt haben mochte. So oder so veranschaulichen die Interpretationen, wie schwierig auch die Bilder und Videos von der weißrussisch-polnischen Grenze zu deuten sind. Die Migranten medialisieren sich mit ihren Smartphones, sie werden von der weißrussischen Seite und von der polnischen Seite gefilmt und aus der Luft. Aber es fehlt der unabhängige Blick, vieles bleibt rätselhaft. Das Perfide der Bilder ist: Es macht keinen großen Unterschied, ob man das Kalkül dahinter versteht oder nicht. Auch wenn man die Strategie von Lukaschenko versteht, es bleibt das Dilemma zwischen der Pflicht zum humanitären Handeln und der politischen Vernunft, das menschenverachtende Spiel nicht mitzumachen."
Stichwörter: Belarus, Polen, Flüchtlingskrise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2021 - Ideen

"Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie und Xenophobie schlagen sich dieser Tage in Formen der Rede nieder, mit denen entwürdigendes, demütigendes und anderweitig diskriminierendes Verhalten anderen gegenüber bis hin zur verbalen Gewalt geduldet, gefördert oder vollzogen wird", sagte der Philosoph Martin Seel in einem von der FR publizierten Vortrag bei den Römerberggesprächen zum Thema "Sprache. Macht. Gerechtigkeit.. Wer darf wie reden?". Aber auch "bei dem Widerstand gegen diese missachtenden Formen der Rede geht es um Macht und Gegenmacht innerhalb der Sprache", ergänzt er und plädiert vor allem im Hinblick auf das Gendern "für einen sprachpolitischen Okkasionalismus. Darunter verstehe ich eine Haltung, die je nach Kontext unterschiedliche Arten der differenzsensiblen Kommunikation sowohl pflegt als auch toleriert. Dieser Okkasionalismus ist kein Opportunismus, der den gerade vorherrschenden Sprachkonventionen nach dem Mund redet. Im Gegenteil, er ist ein Sprachverhalten, das der jeweiligen Situation und dem jeweiligen Modus der Kommunikation gerecht zu werden versucht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2021 - Ideen

Die Pläne für eine Universität in Austin, die gegen die Sprachregelungen der modischen Linken angeht (unser Resümee), scheinen recht konkret zu sein, berichtet Thomas Thiel in der FAZ: "Allem Anschein nach handelt es sich bei der Universität von Austin um einen ernstzunehmenden Versuch, aus dem konstatierten Meinungskerker auszubrechen. Die Hochschule soll einen physischen Ort haben. Angeblich wird gerade über ein Grundstück verhandelt. Die Akkreditierung ist beantragt. Im Frühling soll die Lehre mit dem Programm 'Verbotene Kurse' beginnen, in dem über genau jene Dinge gesprochen werden soll, über die man andernorts nicht mehr reden dürfe. Kathleen Stock ist an der Konzeption beteiligt."

Auch Ayaan Hirsi Ali gehört zu den Gründungsmitgliedern der Uni. Bei Unherd erzählt sie, wie sie vor einigen Jahren zweimal wegen ihrer religionskritischen Positionen an amerikanischen Unis unter Druck geriet: "In beiden Fällen wurden akademische Freiheit und freie Meinungsäußerung von Islamisten in Frage gestellt. Aber das hat mich nicht beunruhigt: Als Abtrünnige, die viele Jahre damit verbracht hat, sie zu kritisieren, und im Gegenzug Todesdrohungen erhalten hat, war ich an ihre Antipathie gewöhnt. Der Sprung ins Jahr 2021 zeigt jedoch, dass es falsch war, diese zensorische Haltung als einen islamistischen Impuls abzutun."

Für die Zeit hat sich Cathrin Gilbert auf den Weg nach Berkeley gemacht, um mit Steven Pinker über freie Meinungsäußerung zu plaudern. Am gefährlichsten sei die rechte Troll-Kultur, weil sie Demagogen an die Macht befördere, "im Vergleich dazu haben die Apologeten der Cancel-Culture an Universitäten oder in den Verwaltungen eine geringe Macht." Aber: "Es gibt diese 'Woke'-Bewegung, die vorgibt, einen Krieg für die soziale Gerechtigkeit zu führen. (…) Vor ungefähr eineinhalb Jahren wurde diese Bewegung hier in den USA zu einer großen Modeerscheinung in der akademischen Welt. Ihre Anhänger sind fast in einem Wettbewerb, andere Leute der angeblich falschen Meinung, der unkorrekten Meinung zu überführen. Das ist ein idiotisches Streben, es geht zurück auf die Frankfurter Schule, die kritische Angsttheorie. Es liegt in der menschlichen Natur, dass Menschen sich ängstigen, wenn sie einer Minderheit angehören."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2021 - Ideen

In der Klimakrise wird es langsam Zeit, über Gewalt nachzudenken, schreibt Georg Diez in seiner taz-Kolumne und bezieht sich auf den schwedischen Autor Andreas Malm, der in seinem Büchern von "fossilem Faschismus" spricht und Pipelines in die Luft jagen will. Seine Bücher wurden unter anderem von Adam Tooze in der LRB gewürdigt (unser Resümee und Link). Diez dazu: "Ich glaube, es ist gut, diese Gedanken ernst zu nehmen, die Verweise auf Faschismus, Krieg, Kommunismus, um die Dringlichkeit der Situation deutlich zu machen… Die Gewalt, von der Malm spricht, ist ja tief verbunden mit dem Wesen unserer gegenwärtigen politischen und vor allem ökonomischen Ordnung - die Zerstörung von Natur und Lebensgrundlagen, die Ausbeutung der Länder im sogenannten Globalen Süden, die wiederum den Folgen des Klimawandels am drastischsten ausgesetzt sind, aber auch die Härte des Rechts gegen Klimaproteste, während die, die die Zerstörung der Umwelt verantworten, oft nicht nur geschützt, sondern subventioniert werden."

Ist Kathleen Stock wirklich von einem Mob verfolgt worden?  Andrej Reisin bezweifelt das bei den Übermedien. Es gehe "eben keineswegs primär um akademische Auseinandersetzungen: Stock ist auch Aktivistin und Treuhänderin der 'LGB Alliance', die sich in Großbritannien 2019 vom größten britischen Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen-, trans- und intergeschlechtlichen Verband 'Stonewall' abgespalten hat - weil er ihnen zu transfreundlich ist. Daher fehlt bei der Alternativ-Organisation das T für Transgender. Die Gruppe und ihr Status als 'gemeinnützig' sind in Großbritannien Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen und mehrerer Klagen, einigen gilt sie als 'Hate Group', die gegen transgender Personen hetze." Und die Feministin Stock habe schließlich selbst ausgeteilt. Während die Graffiti an den Uni-Wänden wahrscheinlich akademisch gemeint waren?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2021 - Ideen

Der Historiker Martin Schulze Wessel bringt in der FAZ eine späte Replik auf Dirk Moses' Verhöhnung des angeblichen "Deutschen Katechismus". Die These von der Singularität des Holocaust, schreibt Schulze Wessel, "ist kein Glaubens- und kein Verfassungssatz, sondern eine historische Einsicht von hoher Komplexität und als solche fragil. Sie einzubüßen würde eine Verarmung unseres historischen Gedächtnisses bedeuten." Schulze Wessel setzt sich dann aber weniger mit Dirk Moses auseinander als mit dem Historiker Sebastian Conrad, der im Merkur geschrieben hat. Ihm wie anderen in der Debatte wirft er vor, die Sache eigentlich wie eine Modefrage zu behandeln  und nicht zu fragen, "ob die These von der Singularität des Holocausts im Lichte unseres wissenschaftlichen Wissens zutreffend ist oder nicht. Zeitgemäß oder nicht zeitgemäß lautet das einzige Kriterium."

In Deutschland glauben viele Menschen immer noch, dass nur eine Gruppe von Bösewichtern für den Holocaust verantwortlich sei, ist die Schriftstellerin Mirna Funk in der NZZ überzeugt. Auch darum, und weil er ständig seine Gestalt verändert, sei der Antisemitismus hierzulande nie verschwunden: "Die Entwicklung des Judenhasses sieht eigentlich so aus: Erst hassten sie die Juden wegen ihrer Religion, dann hassten sie die Juden wegen ihrer Rasse, und jetzt hassen sie alle Juden, die Zionisten sind. ... Als Jude und Jüdin ist das Leben jetzt wie Roulette. Entweder setzt man auf Rot oder auf Schwarz. Guter Jude sein heißt gegen Israel sein. Schlechter Jude sein heißt für Israel sein. Aber anders als beim Glücksspiel kann man beim Woke-Game nur verlieren. Genauso wie die assimilierten Juden in Deutschland 1933."

Die woke Blase bei Twitter blubbert vor Wut (aber man muss sich sicher keine Sorgen machen, dass sie platzt): Bari Weiss und andere gründen eine neue Universität in Austin (hier die Website), die allein der Wahrheit verpflichtet sein soll. Mit dabei sind prominente Autoren und Historiker wie Steven Pinker, Ayaan Hirsi Ali und viele andere. Einen Gründungstext schreibt auf dem Substack-Blog von Weiss der Anglist Pano Kanelos, einst Präsident des  St. John's College. Die Atmosphäre an geisteswissenschaftlichen Instituten in den USA schilder er als erdrückend. Das ganze hat aber auch mit der Lage der Unis in den USA insgesamt zu tun, wo es längst nicht mehr um Wahrheit geht:  "Tatsächlich haben viele Universitäten gar keinen Anreiz mehr, ein Umfeld zu schaffen, in dem intellektueller Dissens geschützt ist und modische Meinungen hinterfragt werden. Die Funktion unserer prestigeträchtigsten Schulen besteht darin, als Polieranstalt für die nationale und globale Elite zu dienen. Hinter den efeubewachsenen Mauern beschäftigen sich diese Studenten mit immer unzugänglicheren Theorien, während die Leute ein paar Straßen weiter mühsem ihren Lebenunterhalt bestreiten müssen. Bei den meisten anderen Einrichtungen geht es schlicht darum, den finanziellen Zusammenbruch zu vermeiden. Sie befinden sich in einem verzweifelten Wettbewerb um eine schwindende Zahl von Studenten, die immer weniger in der Lage sind, die explodierenden Studiengebühren zu bezahlen." Anna Schneider berichtet in der Welt.

Wann darf der Staat die Freiheiten seiner Bürger einschränken? Wenn er nur so die Grundlagen dieser Freiheit sichern kann zum Beispiel, meint in der NZZ der Philosoph Martin Rhonheimer: "Staatlicher Zwang ist immer rechtfertigungsbedürftig, die individuelle Freiheit ist es nicht. Natürlich ist nicht alles, was aus Freiheit getan wird, gut. Deshalb ist auch alles freie Handeln ethisch hinterfragbar und normierbar. Politisch-rechtlich jedoch ist individuelle Freiheit weder begründungsbedürftig noch ethisch zu normieren. Politisch wird sie nur dann (auch ethisch) illegitim, wenn sie die gleiche Freiheit anderer zu beschränken oder gar aufzuheben beginnt. Insofern ist ein liberaler Staat eine rechtlich geordnete Koexistenz gleicher Freiheiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2021 - Ideen

Heute scheint alles machbar zu sein, uneingeschränkte Selbstentfaltung möglich. Das kann böse enden, warnt der Philosoph Alexander Grau in der NZZ. Dennn "wo das nicht gelingt, wird die Realität selbst als emanzipationsfeindlich wahrgenommen. Sogar vergleichsweise einfache Tatsachen wie die Existenz zweier Geschlechter erträgt das narzisstische Bewusstsein unserer Gegenwart nicht mehr. Die Welt an sich wird ihm zum Hort von Diskriminierung. Denn in ihr gibt es Schöne und Hässliche, Kluge und Dumme, Begabte und Unbegabte. Also gilt es die Welt selbst zu überwinden und eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Hier, in dieser narzisstischen Realitätsverachtung, hat der Machbarkeitswahn der Gegenwart seine eigentlichen Wurzeln. ... Denn der Wahn von der grenzenlosen Gestaltbarkeit der Welt erzeugt fast zwangsläufig eine Rigorosität des Denkens und einen Totalitarismus des Handelns."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2021 - Ideen

Rebranding ist in Mode schreibt Kenan Malik in seiner Observer-Kolumne. Mark Zuckerberg rebrandet seine Firma und hofft, dass alles Negative von ihr abfällt. Und im Londoner Imperial College benennen sie Gebäude um und hoffen, dass ihr koloniales Erbe in Vergessenheit gerät. Am Beispiel des Gebäudes, das nach dem Naturforscher Thomas Henry Huxley benannt ist, zeigt Malik, wie der Antirassismus historische Differenziertheit begräbt: "Huxley war wie die meisten historischen Persönlichkeiten eine komplexe Persönlichkeit mit Eigenschaften und Überzeugungen, die man bewundern und solchen, die man beklagen kann. Er spielte eine wichtige Rolle bei Entwicklung und Popularisierung der Evolutionstheorie, bei Bildungsförderung, bei der Ablehnung des 'Polygenismus' (der Vorstellung, dass verschiedene 'Rassen' verschiedene Arten seien) und bei der Bekämpfung des Hardliner-Rassismus, während er die Idee einer Rassenhierarchie von Unter- und Überlegenheit akzeptierte. Ihn in erster Linie als Rassisten zu sehen und zu behaupten, dass die Beseitigung seines Rassismus für die Schaffung einer gleichberechtigteren und vielfältigeren Gesellschaft von Bedeutung ist, bedeutet, sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart zu verzerren. Denn inwiefern würde die Entfernung von Huxleys Büste und die Umbenennung des Saals das Leben der Minderheitenstudenten am Imperial College verbessern?"

Jan Feddersen kommentiert in der taz den Rücktritt Sussexer Professorin und Feministin Kathleen Stock, die von Transaktvisiten wegen ihrer genderkritischen Position seit Jahren attackiert wurde aber auch von Kollegen: Mehr als 600 unterschrieben einen gegen sie gerichteten Brief. "Mit der Demission Stocks wird auch die Meinungs- und Forschungsfreiheit als krass bedroht erkannt werden - hier nicht von rechts, sondern auch von einem Teil der Linken. Dass der Fall, wie behauptet wird, einer zwischen Progressiven und Konservativen sei, zwischen den Frischen und Alten, ist falsch: Wokistan gibt sich links - und ist doch nur ein antifreiheitlicher Mob im Zustand der Selbsttrunkenheit."

"Vielfalt wird zur Einfalt, wenn sie sich vom Ideal zur Ideologie wandelt", meint Alexander Kissler in der NZZ zum Fall Stock. "Die Intoleranz triumphiert, und die Vernunft stirbt, wo eine bestens vernetzte weltanschauliche Lobbygruppe zu Macht und Einfluss gelangt. Das Bekenntnis zur akademischen Freiheit wird wertlos, tritt Identitätspolitik an die Stelle des Arguments. Das im deutschen Sprachraum vergleichbare Fälle sammelnde Netzwerk Wissenschaftsfreiheit weiß ein Lied davon zu singen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2021 - Ideen

Im Interview mit der NZZ erklärt der französische Philosoph Alain Finkielkraut, der gerade sein neues Buch "Ich schweige nicht" veröffentlicht hat, warum er Antirassismus inzwischen für eine Ideologie hält: "Der Antisemitismus ist eine Variante des Antirassismus geworden, vor allem in Deutschland. Der Beweis ist Israel. Israel gilt als ein rassistischer Staat, der die Palästinenser unterdrückt. Und alle Juden sind verdächtig. Die große Errungenschaft des Antirassismus besteht also darin, dass er sich den Antisemitismus einverleibt und die Shoah gegen die Juden gerichtet hat. Ihnen wird vorgeworfen, sie würden die Shoah instrumentalisieren, um ihre Aggression zu rechtfertigen oder sogar die Shoah auf die Palästinenser umzuschreiben. Zu diesem Antirassismus gesellt sich der Islam. Es stimmt, er ist eine Religion. Aber diese Religion ist ein Problem. Sie ist mit der europäischen Zivilisation nicht vereinbar. Muslime können sich natürlich integrieren. Mit dem Islam als solchem ist es aber schwieriger. Wenn Sie das sagen, werden Sie der Islamophobie bezichtigt. Was ist Antirassismus also geworden? Ein Verbot, der Realität ins Auge zu sehen. Ich wurde viel häufiger beschuldigt, ein dreckiger Rassist zu sein als ein dreckiger Jude."

In der NZZ wünschen sich Yvonne Aki-Sawyerr, Bürgermeisterin von Freetown in Sierra Leone, und Ottilie Bälz von der Robert Bosch Stiftung, dass auch klimabedingte Migration bei Klimagipfel in Glasgow eine Rolle spielt. "Eine 2020 von der US-Zeitschrift 'Proceedings of the National Academy of Science' veröffentlichte wegweisende Studie zeigt, dass Klimazonen wie die Sahara, die heute nur 0,8 Prozent der Erdoberfläche ausmachen, sich bis 2070 auf fast ein Fünftel des Globus ausdehnen könnten. Zwischen ein und drei Milliarden Menschen (und nicht zu vergessen Tiere und Pflanzen) werden sich von den gewohnten klimatischen Bedingungen verabschieden müssen. Millionen Menschen werden gezwungen sein, in die verbleibenden, immer dichter besiedelten oder in die neuen gemäßigten Regionen der Welt zu migrieren. Städte haben schon heute taugliche Strategien entwickelt, den wachsenden Herausforderungen durch Klimawandel und Migration mit innovativen und inklusiven Massnahmen zu begegnen. Die Weltgemeinschaft, und solches sollte in Glasgow entschieden werden, muss mehr Ressourcen dafür bereitstellen."

Philipp Sarasin sinnt in seinem Geschichtsblog geschichtedergegenwart.ch über die Frage nach, warum Michel Foucault bis heute ein so beliebter und wohl der meist zitierte Philosoph ist. Nun, er hat noch den modischsten Diskursen die Vorlagen geliefert, etwa jener Sehnsucht in modernen Zeiten, sich trotz des Komforts, in dem man lebt, als Opfer zu fühlen. Dafür lieferte Foucault in "Überwachen und Strafen" die Argumentation: "Die moderne Macht, so Foucaults berühmte Diagnose, ist 'produktiv', sie zerstört die Körper nicht, sondern macht sie 'nützlich'. Tiefschwarz war dann die Schlussfolgerung: Die modernen Gesellschaften seien überhaupt zu einem 'Kerker-Archipel' geworden, und wir alle seien Teil der großen Disziplinarmaschine - 'jeder ein Rädchen', wie es am Ende von Überwachen und Strafen heißt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2021 - Ideen

Im Interview mit der NZZ erklärt Anne Applebaum, die in Atlantic gerade einen großen Essay über die "neuen Puritaner" geschrieben hat, warum sie den Begriff "Cancel Culture" nicht mag: Es verortet das Canceln links, dabei sei es eher ein Problem kultureller Institutionen: Universitäten, Zeitungen, Magazine, Museen, Stiftungen. Die Atmosphäre dort erinnert sie an das Sowjetsystem: "Ich ziehe den Vergleich nicht mit dem politischen System in der Sowjetunion. Es geht mir um eine Atmosphäre der Angst, um eine Form von Gruppendruck, die man oft in den Kulturinstitutionen autokratischer Länder findet. Sehr häufig sorgt dort nicht reine Gewalt für stromlinienförmiges Denken und Handeln, sondern die soziale Kontrolle unter Kollegen. Dass man etwas Falsches sagt und dann daheim von der Polizei abgeholt wird - so ist es natürlich in Stalins Russland gewesen. Aber im Polen der 1970er Jahre beispielsweise funktionierten die Dinge anders. Da hat man sich aus Gruppendruck an die Grenzen gehalten, die jeder kannte. Diesen Konformitätsdruck wollte ich beschreiben, denn in einigen Kultureinrichtungen der USA beobachte ich eine Entwicklung in diese Richtung."

Etwas schwammig beschreiben die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer und der Pädagoge Constantin Wagner, die schon 2009 ein Buch zu dem Thema vorlegten, in der taz "antimuslimischen Rassismus" zwar nicht als den neuen Antisemitismus, beide aber als komplementäre Phänomene, die ihren Fokus vor allem "rechts" haben: "Der Kampf um die Anerkennung von antimuslimischem Rassismus als vergleichbares Moment zur Spaltung der Gesellschaft hat noch einen weiten Weg vor sich. Der verallgemeinernde Verweis auf muslimische Attentäter oder Antisemiten trägt zur erschwerten Anerkennung der Gefahr bei, die sich durch Anschläge auf Moscheen und Personen zeigt und die nicht weniger virulent ist. Es ist deshalb ein Vergleich antisemitischer und antimuslimischer Diskurse angebracht." Statt sich also von muslimischem Antisemitismus ablenken zu lassen plädieren die beiden ganz im Sinne von Wolfgang Benz und Aleida Assmann für eine Art "Dialog der Religionen", also "Entwicklungen und Initiativen..., die sich gegen diese pauschalierenden Zuweisungen stellen und zeigen, dass sich gemeinsam Zeichen setzen lassen - so vor Jahren, als Rabbiner und Imame gemeinsam eine Erklärung gegen Gräberschändungen verfassten".

Nele Pollatschek fragt dagegen in der SZ mit David Baddiel, dessen Buch "Und die Juden?" sie für die SZ bespricht, warum "Menschen, deren politische Praxis sich gegen 'sämtliche -ismen und Phobien' - also gegen Rassismus, Sexismus, Islamophobie - richtet, die Diskriminierung von Juden häufig als Lappalie abtun, oder als politisch motivierte Propaganda."

Armin Nassehi kommt in einem etwas abstrakten Text für die taz nochmal auf die Diskussionen über rechtsextreme Verlage auf der Buchmesse zurück und macht darauf aufmerksam, "wie entlastend im Diskurs über den Rassismus der bekennende Rassist ist, den man von der Buchmesse expedieren kann. Aber das wäre schlicht zu einfach - und davor muss man dann ehrlicherweise sogar die Rechten in Schutz nehmen, solange sie nicht strafrechtlich auffällig geworden sind." Doris Akrap argumentiert ebenfalls in der taz in der gleichen Sache etwas konkreter. Wäre Jasmina Kuhnkes Behauptung, "sie würde auf der Messe 'gekillt' werden, aus einer anderen politischen Richtung gekommen, wäre sie mit Recht als Verschwörungsfantasie gelabelt worden".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2021 - Ideen

Deniz Yücel ist der neue Präsident des deutschen PEN-Zentrums, dem er erst vor kurzem beigetreten ist. Gegenüber Jan Wiele von der FAZ zeigt er sich "überzeugt, 'dass wir als PEN aus Prinzip und für unsere Glaubwürdigkeit im Zweifel immer für die Freiheit des Wortes und der Kunst sein müssen. Auch für die Freiheit des dummen Wortes, auch für die Freiheit der bescheuerten Kunst, auch dann, wenn es wehtut. Gegen die Mächtigen, gegen die Bösen - und wenn es sein muss, auch gegen die Guten.' ... Man müsse ertragen können, wenn jemand bei einer offiziellen Veranstaltung plötzlich ans Mikrofon dränge wie die Stadtverordnete Mirrianne Mahn, die bei der Verleihung des Friedenspreises in der Paulskirche die Rede des Oberbürgermeisters Peter Feldmann unterbrochen hatte, um zu kritisieren, dass 'schwarze Frauen auf der Buchmesse nicht willkommen' gewesen seien. Befremdlich aber findet Yücel die Reaktion Feldmanns, daraufhin sofort nachzugeben und sich für den Ausschluss bestimmter Verlage von der Buchmesse auszusprechen."

Der reichlich fußlahme deutsche Pen-Club kann einen wie Deniz Yücel gut gebrauchen, meint Jan Feddersen in der taz: "Freiheit versteht er im kulturellen Ausdruck nicht geschmackspolizeilich grundiert. Yücel ist im Gegenteil 'auch für die Freiheit des dummen Wortes, auch für die Freiheit der bescheuerten Kunst'. Und: 'Gegen die Mächtigen, gegen die Bösen - und wenn es sein muss, auch gegen die Guten.' Mit anderen Worten: Diese Bewerbung überzeugte."