9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2021 - Internet

Die öffentlichen sozialen Netze wie Facebook und Twitter spielen zwar eine Rolle in der Kristallisation rechtsextremer Bewegungen, aber in gewisser Hinsicht sind sie auch schon raus, da sie öffentlich inzwischen zu stark unter Kontrolle stehen. Die Konspiration findet inzwischen woanders statt, schreibt Thomas Rudl bei Netzpolitik unter Bezug auf eine aktuelle Studie zu sogenanntem "Deplatforming", also dem Entzug des virtuellen Megaphons für Hetzer: "Da solche Akteure inzwischen eigene soziale Netzwerke wie Gab oder Parler aufbauen, auf denen sie keinen Löschstift fürchten müssen, verlagere sich der Blick perspektivisch auf eine andere Ebene. Im Visier stehen nun grundlegendere Infrastrukturen, etwa der DDoS-Schutzanbieter Cloudflare. Dieser ist aktuell etwa vor das früher bei Reddit gehostete 'TheDonald'-Forum geschaltet, um Angriffe abzuwehren. Dort tauschen sich Hardcore-Trump-Fans aus, unter anderem dort wurde die gestrige Demonstration in Washington organisiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2021 - Internet

Google, Facebook, Apple und Amazon müssen endlich aufgelöst und "demokratisch kontrolliert" werden, fordert der Soziologe Ulrich Dolata in der FR: "Beaufsichtigung heißt, in Europa und den USA eigenständige öffentliche Aufsichts- und Regulierungsagenturen einzurichten, die - besetzt mit anerkannten und öffentlich bestellten Expert:innen sowie parlamentarisch kontrolliert - mit weitreichenden Informations-, Kontroll- und Sanktionsrechten gegenüber den Plattformen ausgestattet werden müssten. Dazu zählen beispielsweise die Offenlegung der bislang völlig undurchsichtigen algorithmischen Filter, Ranking- und Ratingprinzipien oder die Kontrolle der Community Standards und der darauf aufbauenden Such- und Selektionskriterien der Plattformen."

"Autonomes Fahren ist schwieriger als ein Raketenflug", hat der Waymo-Chef John Krafcik in einem Gespräch mit der Financial Times (nicht online) gesagt, das Friedhelm Greis bei golem.de zusammenfasst. Waymo war von Google ausgegliedert worden. Krafciks Äußerungen klingen kleinlaut: "Wir sind in den vergangenen fünf Jahren sehr bescheiden geworden". Und Greis bestätigt: "Insgesamt hat sich der Hype um das autonome Fahren stark gelegt, vor allem, was den fahrerlosen Verkehr in Großstädten betrifft. So gab der Mitfahrdienst Uber seine Entwicklung autonomer Autos vor einem Monat auf. Auch Tesla-Chef Elon Musk musste die angekündigten Autopilot-Funktionen immer wieder verschieben, aber zumindest ist seine Raketenfirma SpaceX sehr erfolgreich." Allerdings hält Krafcik an dem Projekt fest, hat Milliarden Dollar eingeworben ud behauptet, dass heute Geborene keinen Führerschein mehr werden machen müssen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2021 - Internet

Die Digitalisierung verschlingt ungeheure Energie und trägt somit zum Klimawandel bei, auch wenn sich dieser Beitrag noch kaum beziffern lässt, schreibt Christiane Schulzki-Haddouti bei golem.de. Aber es gibt auch Potenzial zur Verbesserung, versichern ihr Experten wie Ralph Hintemann: "Beispielsweise nutzt das Hochhaus Eurotheum in Frankfurt am Main mit einem wasserbasierten Direktkühlsystem rund 70 Prozent seiner eigenen Abwärme, um Büro- und Konferenzräume sowie die Hotels und Gastronomie vor Ort zu beheizen. Hintemann verweist darauf, dass die Abwärme der Rechenzentren im Raum Frankfurt am Main ausreichen würde, um alle gewerblichen Immobilien der Stadt zu versorgen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2020 - Internet

Facebook entwickelt eine Software, die Presseartikel resümieren kann, berichtet Daniél Kretschmar in der taz: "Facebook wird nicht einmal mehr zitieren müssen, und mit seinen Exzerpten nebenbei dem endlosen Urheberrechtsstreit mit den Verlagen eine nette neue Wendung geben. Viel faszinierender jedoch ist, dass keine noch so minimale menschliche kuratorische Leistung mehr hinter der Nachrichtendiät stehen würde, nur der neutrale, alles durchdringende Algorithmus. Vor dem sind alle gleich - und genau deshalb sehr unterschiedlich. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2020 - Internet

Da wir Timo Daums ersten Artikel über die deutsche Autoindustrie und das Thema "Autonomes Fahren" zitiert haben (Resümee), verweisen wir auch auf die heutige Fortsetzung. Im ersten Artikel konstatierte Daum, dass die deutsche Industrie hinterhinkt. Heute erläutert er, dass es zwei Ansätze des autonomen Fahrens gibt: das Aufrüsten von Autos mit immer neuen Assistenzsystemen für die Fahrer (der deutsche Weg) und Robo-Taxis, wo der Fahrer nur noch Passagier ist (China und Amerika): "Bereits im April 2017 ging unter dem Namen Waymo One der weltweit erste Selbstfahr-Taxidienst im Stadtgebiet von Austin, Texas, an den Start - die Wüstenstadt ist bekannt für gleichbleibend gute Wetterbedingungen und ein übersichtliches Straßennetz. Das Fahrzeug wird wie bei einer Taxi-App bestellt und ein Aufnahmepunkt, meist die nächste Straßenecke oder etwa ein Supermarktparkplatz, gewählt. Das Fahrzeug kommt, per App wird die Tür geöffnet und der Kunde kann Platz nehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2020 - Internet

Internetwerbung ist die Quelle des Reichtums für Google und Facebook, aber die Sache ist komplex. Bestimmte Werbeplätze (auch im Perlentaucher) werden durch eine Art Auktion verkauft, aber Google stellt hier oft zugleich die Infrastruktur zur Verfügung und ist Wettbewerber. Im Kartellverfahren gegen Google, das jetzt in Amerika angestrengt wird, spielt das eine wichtige Rolle, berichtet Daniel AJ Sokolov bei heise.de: "Bei 'Header Bidding' eröffnet nicht ein Werbeserver sondern ein JavaScript im Browser des Users mehreren Werbebörsen die Möglichkeit, für die Werbeflächen zu bieten. Der Werbeserver des Webseitenbetreibers (in der Regel der Google Ad Manager) hat dann Nachrang. Für die Webseitenbetreiber war das lukrativ, doch Google habe seine Felle davonschwimmen sehen. Seither soll Google mit hohem Aufwand und Erfolg gegen Header Bidding ankämpfen. Zunächst gestattete es den Einsatz mehrerer Werbebörsen - soll aber insgeheim seine eigene Börse gewinnen haben lassen, selbst wenn ein fremdes Gebot höher war."

Außerdem: In der FAZ schreibt Niklas Maak ein euphorisches Porträt über den Internetkritiker Evgeny Morozov, der gerade eine monumentalen Kultur- und Ideologiegeschichte des Internets schreibt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2020 - Internet

Revolutionär nennen Alexander Fanta und Thomas Rudl bei Netzpolitik die EU-Vorschläge für die Einschränkung der Macht der großen Internetplattformen: "Plattformen mit mehr als 45 Millionen Nutzenden in der EU sollen eigenen Regeln folgen. Sie erhalten Auflagen für neue Maßnahmen gegen die Verbreitung illegaler Inhalte, sie müssen die Wirkungsweise ihrer Algorithmen offenlegen und eine unabhängige Prüfung der gefassten Maßnahmen erlauben. Wenn sich die Konzerne den Auflagen widersetzen, drohen Strafen von bis zu sechs Prozent ihres globalen Jahresumsatzes." Es soll eine Transparenzpflicht für Algorithmen geben. Selbst die Zerschlagung von Google oder Facebook soll mit diesem Gesetz möglich werden, so die Autoren. Serafin Dinges fasst erste Reaktionen zusammen.

"Eine Sache aber ändert das Gesetz wohl nicht", warnt Ulrich Machold in einem lesenswerten, sich nicht nur aufs Meckern beschränkenden Artikel auf Zeit online. "Es behandelt die Digitalgiganten weiter vor allem als Unternehmen, deren wirtschaftliche Macht kontrolliert werden muss. Das sind sie aber längst nicht mehr. Google, Twitter, YouTube und Co. greifen schon jetzt so tief in Fragen von Macht, Wahrnehmung und persönlicher Freiheit ein, dass sie mitbestimmen können, wie sich Gesellschaften konstituieren und wie Menschen ihr Leben leben." Machold greift deshalb einen Vorschlag von Sinan Aral auf, Professor am Institute for Data des MIT, der die Techregulierung unabhängigen Experten überlassen will (ähnlich, wie die Zentralbank die Geldpolitik reguliert). "'Wir müssen uns entscheiden, ob wir kleckern oder klotzen wollen', sagt Soziologe [Ulrich] Dolata. 'Klotzen würde bedeuten: die Konzerne womöglich zu entflechten, sie aber vor allem rigide zu beaufsichtigen - zum Beispiel durch eine europäische Regulierungsbehörde, die demokratisch legitimiert, parlamentarisch angebunden und mit Experten besetzt ist, die auch Zugang zu den internen Aktivitäten haben.' Es müsse auch möglich sein, Algorithmen zu überprüfen und Grundstandards wie politische Neutralität festzulegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2020 - Internet

Alexander Fanta führt für Netzpolitik ein faszinierendes Gespräch mit der Wettbewerbsforcherin Dina Srinivasan, die Googles Stellung auf dem Online-Anzeigenmarkt untersucht hat. Ihre Beobachtung ist, dass der Anzeigenmarkt heute funktioniert wie der Finanzmarkt: Anzeigen werden nicht mehr direkt in Medien geschaltet, sondern über Google als Makler oder Broker. "Wenn die Leute über Google nachdenken, sagen sie zunächst, Google macht eine Suchmaschine. Wenn man dann versteht, dass Google fast all sein Geld über Anzeigen macht, kommt die nächste Vermutung und man sagt, 'oh, das liegt daran, dass Google eine Menge Anzeigen auf Youtube und in der Suche verkauft'. Und das stimmt ja auch. Aber dann muss man verstehen, dass Google nicht nur auf seinen eigenen Seiten Anzeigen verkauft, sondern auch auf Millionen anderen Seiten in der ganzen Welt." Dabei entsteht aber ein Interessenskonflikt, so Srinivasan, denn Google ist zugleich Broker und Marktplatz - und schiebt sich selbst einen immer größeren Teil der Einnahmen zu: "Auf den Finanzmärkten haben wir proaktive Firewall-Anforderungen. Makler können nicht mit Börsenmitarbeitern sprechen. Sie müssen sich in verschiedenen Gebäuden befinden. Sie müssen sicherstellen, dass sie nicht gegen Interessenkonflikte verstoßen."

Der Internetrecherchedienst Bellingcat hat zusammen mit internationalen Medien wie CNN und Spiegel herausgefunden, dass eine Gruppe von FSB-Agenten hinter dem Mordversuch an Alexej Nawalny steckt. In einem eigenen Artikel erklären die Rechercheure, wie sie auf die Spur kamen: Sie verfolgten Telefon-Metadaten von Mitarbeitern von Chemiewaffenlaboren und FSB-Agenten. Offenbar sind sie erstaunlich leicht an die Daten gekommen und belegen nebenbei, wie wichtig Datenschutz ist: "Die meisten der Informationen, die wir für unsere Recherchen nutzten, hätte man in den meisten westlichen Ländern nie bekommen, aber in Russland sind sie entweder gratis oder gegen eine geringe Gebühr leicht erhältlich. Hinzukommt, dass russische E-Mail-Provider wie Mail.ru und Rambler und soziale Netzwerke wie Vkontakte wesentlich weniger sicher und auf Privatsphäre fokussiert sind als ihre westlichen Äquivalente, was zu häufigen Datenleaks und robusten Suchmöglichkeiten führt."

Viel wird derzeit geforscht, wie man trotz Distanz bei Videochats Nähe herstellen kann, erzählt ein zoommüder Michael Moorstedt in der SZ. Zum Beispiel mit der App Together: "Sie ist darauf ausgelegt, dass isolierte Großeltern mit ihren Enkelkindern Kontakt halten können und kombiniert deshalb eine Vorlese- und Spielefunktion mit einem Videochat. ... Eine der vielversprechendsten Lösungen nennt sich Proximity Chat. Vereinfacht gesagt hat man hier Chaträume, in denen man sich zwischen den Konversationen hin und herbewegen können soll wie auf einer Party. Jeder Nutzer wird von einem Avatar repräsentiert, der frei durch einen virtuellen Raum gesteuert werden kann. Genau wie im echten Leben kann man dann nur die Teilnehmer sehen und hören, deren Icons sich in der Nähe des eigenen befinden. Genauso kann man nicht hören, was andere bereden, deren Avatare sich auf der anderen Seite des Raums befinden. Erst wenn man sich nähert, werden ihre Stimmen lauter und ein Videokästchen erscheint auf dem Bildschirm."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2020 - Internet

Online nachgereicht: Georg Blumes und Ann-Kathrin Neziks Porträt des EU-Beamten und studierten Physikers Prabhat Agarwal in der Zeit. Agarwals Job ist es, die Macht von Google, Amazon, Facebook und Apple zu beschränken: "Laut einem Entwurf aus dem September könnten die so aussehen: Gatekeepern - also den großen Plattformen - wollen sie demnach verbieten, eigene Angebote zu bevorzugen oder sich an Daten von Wettbewerbern zu bereichern. Das wäre ein Frontalangriff auf die großen vier, ein tiefer Eingriff in ihre Geschäftsmodelle. Google dürfte seine Nutzer dann vielleicht nicht mehr so einfach von der Suchmaschine auf YouTube oder Google Maps lenken, die auch zum Konzern gehören. Apple müsste zulassen, dass der Streamingdienst Spotify und andere Rivalen sein Bezahlsystem umgehen."
Stichwörter: Streamingdienste, Spotify

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2020 - Internet

Facebook hat sich eine Art Rundfunkrat geschaffen, der strittige Fälle über Streichungen von Äußerungen oder Gruppen klären soll. Der Rat wird allgemein für seine Zahnlosigkeit kritisiert, schreibt David Gilbert bei Vice.com. Sechs Fälle sollen jetzt verhandelt werden, unter anderem "ein Fall, in dem ein Nutzer Screenshots von Tweets des ehemaligen malaysischen Premierministers Mahathir Mohamad gepostet hat, in denen dieser erklärte, dass 'Muslime das Recht haben, wütend zu sein und Millionen von Franzosen für die Massaker der Vergangenheit zu töten'. Der Nutzer sagte, der Beitrag sei nur dazu gedacht, das Bewusstsein für die 'schrecklichen Worte' des ehemaligen Premierministers zu schärfen." Neben dem Oversight Board hat sich noch ein "Real Facebook Oversight Board (RFOB)" aus externen Facebook-Kritikern gebildet, die unter anderem die Verbannung Steve Bannons von Facebook fordern.