9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2016 - Internet

Die Zeit des großen App-Booms ist vorüber, schreibt Peter Kafka in recode.net, der seinen Artikel mit vielen Statistiken belegt: "Selbst die größten App-Verleger müssen konstatieren, dass ihr Wachstum nachlässt oder stagniert. Die meisten Leute haben alle Apps, die sie wollen oder brauchen. Neue wollen sie nicht. Im letzten Monat sind die Downloads für die 15 größten App-Verleger um 20 Prozent gesunken."

Inzwischen arbeiten laut Joseph Lichterman im Niemanlab mehr Mitarbeiter in den USA in reinen Online-Medien als in Zeitungen. Hier seine beeindruckende Grafik:


Stichwörter: Apps, Grafik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2016 - Internet

Der Link-Aggregator Rivva, der die Debatte im deutschen Netz abbilden will, sucht einen Sponsor. Marcel Weiß zitiert in Neunetz den Rivva-Betreiber Frank Westphal, der eher ein Schrumpfen der deutschen Internetszene beklagt. Weiß stimmt ihm zu: "Man sieht sehr deutlich an Rivva, welches Vernetzung von Diskurs analysiert, also aufzeigt, was publikationsübergreifend, also wirklich öffentlich, diskutiert wird, dass der vernetzte Diskurs in Deutschland maximal bruchstückhaft existiert. Er ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme."

Der Silicon-Valley-Investor Michael Lazerow nimmt auf Linkedin Stellung zu Peter Thiels jahrelanger Racheaktion an dem Boulevard-Blog Gawker, das gern auch Silicon-Valley-Milliardäre belästigt (unsere Resümees). Und er findet, dass Thiel dem Vertrauen in die Branche schadet: "Er hat auf dem Schwarzmarkt eine Atombombe gekauft, um sie bei einem Schulhofstreit über Online-Klatsch einzusetzen. Er nannte seinen Feind Al Qaida, bezeichnete die Autoren und Redakteure als Terroristen und möchte die ganze Firma weghaben. Peter rechtfertigte seine geheimen finanziellen Aktivitäten 'als eine meiner besten wohltätigen Aktionen', was mehr über Peters Idee von Wohlfahrt als über seine Absichten aussagt." Lazerow konstatiert mit Blick auf Giganten wie Google und Facebook eine um sich greifende Vertrauenskrise. Nellie Bowles liefert in einem Kommentar für den Guardian einige interessante Hintergründe zu der Geschichte.

Der ehamalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio findet das Internet in der FAZ schon irgendwie gut, aber ihn stört doch, dass die verbrieften Autoritäten geschwächt werden: "Die Öffentlichkeit (verliert) mit der Zentralität auch innere Ordnung und Verlässlichkeit. An die Stelle von journalistischer Recherche tritt das zusammengeklickte Momentanwissen in Erregungszuständen. Öffentliche Meinung wird volatiler und emotional verführbarer. Eine kritische Analyse, was die neuen Informationsbedingungen im Netz mit neuen populistischen Bewegungen in Europa und den Vereinigten Staaten zu tun haben, könnte aufschlussreich sein." Ohne Internet wäre so etwas wie Nationalsozialismus niemals möglich gewesen!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2016 - Internet

Schwarz-weiß und ziemlich oberflächlich werden in Deutschland die Debatten über die Folgen der Digitalisierung geführt, meint Johannes Kuhn in der SZ. Beispiele: Als Airbnb aufkam, wurde es praktisch nur als Konkurrenz zu Hotels gesehen. "Auf den ersten Blick ging es wirklich nur um das Geschäft mit den Übernachtungen; inzwischen ist klar, dass der Erfolg solcher Zimmervermietungen das Miet- und Wohnraumgefüge in Städten verändert - und damit auch deren Sozialstruktur. Ein Dienst wie Uber wiederum wird auf die Folgen für die Taxi-Industrie abgeklopft, obwohl die Technologie und Geschäftsmodell ganz andere Fragen aufwerfen: Wenn man die Stehzeit eines Autos, die bisher 90 Prozent beträgt, besser nutzt, bietet das die Chance, den Nahverkehr in Städten neu zu ordnen. Doch welche Rolle hat dabei die öffentliche Hand, welche die Privatwirtschaft? Statt über eine Alternative nachzudenken, die auf lokalen Kooperationen aufbaut, ist das Thema jedoch in vielen deutschen Städten per Verbot erledigt, der Status quo siegt vorerst."

In der NZZ sieht der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider im Internet dagegen nur eine gefährliche Heilsutopie sozialistischer Netz-Gemeinschaften.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2016 - Internet

Seit acht Jahren wird in Berlin kostenloses flächendeckendes WLAN angekündigt, pünktlich zur Fußball-Europameisterschaft sollen nun hundert Sendemasten aufgestellt werden. Auf FAZ.net macht sich Niklas Záboji Sorgen um die Folgen für private Internetprovider: "Welcher Student zwischen Neukölln und Wedding wird bei ordentlicher Datenübertragung dann noch einen Internet-Vertrag abschließen wollen? Und damit nicht genug: Wie viele Mobilfunkkunden bleiben noch übrig, wenn in Zukunft das Gros der städtischen Bevölkerung statt mit Vodafone und O2 kostenfrei über Whatsapp oder Skype telefonieren wird? Dass elektronische Kommunikation zur Staatsaufgabe wird, aus Steuermitteln finanziert, kann man für richtig halten. Diesen Zustand durch einen schleichenden Prozess herbeizuführen, indem auf städtischer Ebene W-Lan-Sendemaste errichtet werden, folgt jedoch keinerlei politischem Fahrplan und bedroht unerwartet das Geschäftsmodell von Unternehmen, die jahrelang in private Netze investiert haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2016 - Internet

Der Investor und Facebook-Miteigner Peter Thiel hat Klagen gegen das Klatschmagazin Gawker finanziert, offenbar um sich dafür zu rächen, dass das Magazin ihn vor langer Zeit outete und auch sonst nicht so gut behandelte (unser Resümee). Thiel hat diese Klagen in der New York Times selbst als "wohltätigen" Akt beschrieben. Nun antwortet Gawker-Chef Nick Denton in einem offenen Brief an Thiel und droht offen mit weiterer Berichterstattung: "Wir, aber auch jene Personen, die Sie gegen uns in die Schlacht geschickt haben, sind bis auf die Knochen entblößt worden. Unere Texte, Online Chats und Finanzen sind durch die Presse und Gerichte gegangen. In der nächsten Phase, werden auch Sie ihre Dosis Transparenz bekommen. So philantropisch und gut durchgeplant Ihr Ansinnen auch gewesen sein mag, die Details werden grauenhaft sein." Noch gebe es aber auch eine Alternative: eine Podiumsdiskussion mit Moderator.

Ben Thompson beschreibt in stratechery den comic- und hollywoodreifen Anstrich dieser Auseinandersetzung: "In dieser Hinsicht könnte es gar nicht perfekter sein, als dass Thiel sein Vermögen durch Investitionen in Facebook machte, wo er immer noch im Aufsichtsrat sitzt. Facebook im Besonderen und das Internet im Allgemeinen haben Sensationsklitschen wie Gawker überhaupt erst ermöglicht, so wie sie den Journalismus geschwächt haben, in dem sie dessen regionale Monopole zerstörte, die ihm einst erlaubten, die Schwachen zu bestärken und die Starken anzugreifen. Thiel als Inkarnation jener Tech-Industrie ist wie der Superheld, der das Problem bekämpft, das er selber schuf." Die Pointe, dass Presse einst moralisch höher gestanden habe, ist natürlich von köstlicher Naivität.

Weiteres zum Thema: Für den Tagesspiegel porträtiert Moritz Schuller den Internetunternehmer Thiel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2016 - Internet

Ja, Facebook ist tendenziös, dies aber nicht trotz, sondern wegen der Algorithmen, schreibt Zeynep Tufekci in der New York Times: "Algorithmen sind kein Durchbruch der Ingenieurstechnik, der unser Leben präziser macht. Algorithmen sind Milliarden halbintelligenter Frankensteins, mit enger aber tiefer Expertise für bestimmte Themen, die wir selbst nicht verstehen. Und sie spucken Antworten auf Fragen aus, die unmöglich nur duch Zahlen zu klären sind - alles unter dem Deckmantel von Objektivität und Wissenschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2016 - Internet

Im Guardian schreibt ein anonymer ehemaliger Facebook-Mitarbeiter, der für den sozialen Dienst "Trending Topics" redaktionell betreute (unsere Resümees): "Das meiste, wenn nicht alles, was über die Trending Topics in Gizmodo zu lesen war, ist verzerrt oder aus dem Kontext gerissen. Es gab keine politische Schlagseite, und wir waren nicht gehalten 'konservative' Nachrichten zu unterdrücken." Die Arbeitsbedingen bei Facebook seien allerdings grottig gewesen.

In der taz berichtet Peter Nowak, dass Facebook offenbar mit Hingabe kurdische Symbole - nicht nur von der PKK - löscht und damit auf Anfragen der türkischen Regierung reagiert.
Stichwörter: Facebook, Kurden

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2016 - Internet

"Für Jubel ist es noch zu früh", schreibt Ingo Dachwitz bei netzpolitik.org zur Ankündigung der Bundesregierung, die WLAN-Störerhaftung abzuschaffen, die die Ausbreitung eines offenen in Deutschland wesentlich behinderte. Niemand weiß bisher genau, wie der neue Gesetzestext lauten soll, so Dachwitz: "Ärgerlich an der Debatte ist vor allem, dass der konkrete Änderungsvorschlag noch niemandem schriftlich vorliegt, gleichzeitig aber bereits Erfolge gefeiert werden. Wir müssen derweil abwarten, ob die Große Koalition tatsächlich eine bedingungslose Abschaffung der Störerhaftung beschließt oder lediglich den gröbsten Unfug aus einem Gesetz streicht, welches ansonsten die Rechtsunsicherheit für Betreiber offener Netze fortschreibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2016 - Internet

Wir haben gestern auf einige Artikel über den immer größeren Einfluss Facebooks und über Vorwürfe der Manipulation von "Trending Topics" verwiesen. Facebook hat zwar nicht dementiert, aber sich distanziert, berichtet jetzt Eike Kühl in Zeit online und kommentiert: "Abgesehen von möglichen Einflüssen auf die Nutzer geht es in der aktuellen Debatte darum, dass tatsächlich Menschen die Auswahl der Trending Topics treffen. Das ist verständlich: Vor den Gizmodo-Berichten gab es kaum Einblicke in das System und Facebook hält sich traditionell zurück. Das Unternehmen beruft sich stattdessen gerne auf seine automatisierten Analysen. Und genau dort liegt das Problem."

Ben Thompson von stratechery.com sieht die "tiefe Ironie" der Geschichte woanders: "Facebook wird massiv dafür kritisiert, dass es den News mit dem Algorithmus durch den Einsatz menschlicher Kuratoren eine Tendenz gibt, die man früher dem Algorithmus zuschrieb. Und doch ist es der Algorithmus, der den News-Feed steuert, um Klicks zu erzielen, der entschieden mehr Schaden an unserer Politik anrichtet, als es jeder menschliche Kurator könnte."

In der FAZ meint Ursula Scheer: "Alle Medien wählen aus und gewichten, 'neutral' kann das nie sein. Richtig. Und das ist auch okay, solange klar ist: Hier wird ausgewählt, hier wird ein Angebot gemacht, das nicht so tut, als wäre es das Resultat einer interesselosen maschinellen Kalkulation."

Doch genau in dieser Klarheit liegt die Gefahr: Sie würde Facebook und Co. als Medien ausweisen. Und das wollen die Internet-Konzerne auf keinen Fall, erklärt Christian Meier in der Welt: "Als Medienunternehmen unterlägen sie einer völlig neuen Bewertung nach Kriterien wie beispielsweise journalistische Verantwortung, die sie sich lieber erst gar nicht zu eigen machen wollen."

Der Schaden liegt jedenfalls nicht darin, dass Facebook angeblich konservative Quellen benachteiligte, meint Nilay Patel bei The Verge: "Facebook unterstützt den Parteitag der Republikaner, und Peter Thiel, Board member von Facebook, ist ein Trump-Delegierter, auch wenn Mark Zuckerberg bei einer Entwicklerkonferenz kritische Anmerkungen über Trump machte. All diese Dinge geben mehr Auskunft über das Verhältnis zwischen Facebook und konservativen Medien als die 'Trending News Box', die ohnehin ein wenig beachteter Müll ist."

Und doch ist die Sache peinlich für Mark Zuckerberg. Das US Senate Commerce Committee, das in Medien- und Verbraucherfragen zu ständig ist, hat jetzt einen Brief mit Fragen an Zuckerberg gesandt, berichtet Michael Nunez, dessen Techblog Gizmodo das Thema aufgebracht hatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2016 - Internet

Tony Haile bringt bei recode.net den ersten Teil einer vierteiligen Serie über die neue Übermacht von Facebook im Medienbusiness - besonders dem amerikanischen. Dieser Aufstieg ist engstens mit einer anderen Revolution im Netz verknüpft: "Facebook ist die Überschrift, aber die treibende Kraft sind die Mobilgeräte. Der mobile Internettraffic der Medien hat 50 Prozent des Gesamttraffics überschritten und nähert sich den 60 und 70 Prozent an. Mobiler Traffic kommt drei- bis viermal häufiger über soziale Medien als Traffic von Computern, und dieser soziale Traffic kommt mit höherer Wahrscheinlichkeit von Facebook als von Twitter. Auf mobilen Geräten heißt Traffic für Medien immer mehr: Facebook."

Dass Facebook dabei nicht immer journalistischen Kriterien folgt, geht aus Michael Nunez' Artikel in Gizmodo hervor, demzufolge Facebook bestimmte "Trending Topics" manipuliert. "Konservative" Nachrichten würden schlecht gestellt - auch Artikel über Facebook selbst würden künstlich heruntergespielt. Mehr Links dazu bei turi2.

Facebook selbst reagierte bereits mit einem bedauernden Statement auf die Manipulationsmeldung. Ungewöhnlich, meint der bekannte Blogger Mathew Ingram in Fortune, denn normalerweise "ignoriert Facebook diese Art Geschichten. Aber das große Problem ist nicht, dass ein paar Redakture die 'Trending Topics' manipulierten. Das Problem liegt darin, dass Redakteure ganz allgemein in sozialen Netzwerken redaktionelle Entscheidungen treffen und dass die Auswirkung dieser Entscheidungen über den News-Algorithmus extrem weitreichende Konsequenzen haben kann, und das, obwohl der Prozess, durch den diese Entscheidungen fallen, ganz und gar undurchsichtig ist."

(Via turi2) Der Adblocker "Adblock Plus", der so vielen Medien zu schaffen macht, ist unterdessen über eine Milliarde mal heruntergeladen worden, berichtet Sarah Perez bei Techcrunch.