Es hält sich unter deutschen Journalisten wirklich
kein Klischee hartnäckiger als die Behauptung, es gebe die warme, persönliche Kultur auf der einen Seite und das kalte algorithemengesteuerte Digitale auf der anderen Seite. Auch
SZ-Redakteur Felix Stephan
scheint zu glauben, seine Zeitung werde noch mit der Handpresse hergestellt, wenn er den "
prädigitalen Literaturbetrieb aus Verlagen, Kritik, Jurys, Buchhändlern und informierten Lesern" feiert, der die Buchbranchen durch die Corona-Krise trage. Was er meint ist, dass die Verlage
ohne Amazon zwar leiden, aber doch irgendwie über die Runden kommen: "In der Krise erleben sich die deutschen Verlage und Buchhandlungen zum ersten Mal seit langer Zeit als
resilient und belastbar: Verlage organisieren Kampagnen, in denen sie auf die Orte hinweisen, an denen auch jetzt Bücher verkauft werden. Unabhängige Buchhändler nehmen Bestellungen an und tragen sie zur Abholung zum nächsten Geschäft, das noch öffnen darf, zu Metzgern und Apotheken. Reihenweise fahren Buchhändler
mit Fahrrädern und Kastenwagen ihre Bücher selbst zu den Kunden. Schriftsteller lesen aus ihren Wohnzimmern." Das ist ganz wunderbar, nur "prädigital" ist
gar nichts mehr. Und die Auslieferung mit Fahrrädern und Kastenwagen dürfte schon in den Außenbezirken der Städte auf ihre Grenzen stoßen.
Stefanie Sippel fragt in der
FAZ, wie weit die Hilfen der Bundesregierung für die
Kulturbranchen reichen werden, und spricht mit Betroffenen: "Besonders hart trifft die Situation
kleine Verlage. Mark Lehmstedt betreibt einen solchen, vier Mitarbeiter hat er in Leipzig. Der
Lehmstedt-Verlag bringt vor allem Bildbände heraus. Wie so viele andere hat auch er neuntausend Euro Soforthilfe bekommen. Doch davon kann er nicht einmal
für einen Monat seine laufenden Kosten decken: Miete, Versicherungen, Verlagsauslieferung, Lagerkosten, Gewerbesteuern. 'Wir haben einen Umsatzrückgang von 98 Prozent', sagt Lehmstedt."