9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2016 - Kulturpolitik

Na, wenigstens einer ist traurig über die Schleifung der Dahlemer Museen. Ian Johnson schreibt im Blog der New York Review of Books: "Noch Mitte Januar konnte man ganz allein in einer Höhle voller Freskos aus der Seidenstraßenoase von Turfan stehen, in aller Ruhe die Auslegerboote des Südpazifik betrachten oder die Geschichte von Buddhas Leben in Steinfriesen aus Gandhara studieren. Zur Erfrischung gab es eine mensa-ähnliche Cafeteria, wo man für fünfzig Cent Tee aus einem Samowar bekam, Nachfüllen gratis. Die Besucher kamen, weil sie sich für Kunst interessierten, nicht weil es Teil ihrer großen Berlin-Tour war."

Jürgen Tietz begutachtet für die NZZ das neue Stadtviertel Phoenix-See in Dortmund, wo nur noch eine Thomasbirne an die Stahlvergangenheit erinnert. Dafür gebe es jetzt einen großen künstlichen See und eine vorbildliche Uferbebauung mit Wohnungen, Cafes, Büros und Einfamilienhäusern: "Es galt, dem üblichen Wildwuchs von Vorstadtsiedlungen einen Riegel vorzuschieben. Auf 'Architektenmessen' wurden daher Bau- und Kaufwillige mit Architekten zusammengebracht, um die Möglichkeiten einer künftigen Gestaltung der Eigenheime auszuloten. Nur wenige Häuser mit Schrägdach und Säulengebrabbel haben sich heute zwischen den kubischen Neubauten verloren. Die Dichte einer solchen Einzelhausbebauung muss man freilich mögen, aber sie schafft ein Bild der Einheit mit Variationen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.02.2016 - Kulturpolitik

Ausgerechnet den rassistischen Künstler Johannes Itten erklärt Neil MacGregor in seinem Deutschland-Buch zum Hauptrepäsentanten des Bauhauses. Philipp Oswalt, ehemals Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau widerspricht in der FAS vehement: "Auch wenn das frühe Bauhaus Itten viel verdankt und er selber später unter den Nationalsozialisten als entarteter Künstler galt, so ist MacGregors Darstellung Ittens als Essenz des Bauhauses doch falsch. Erst durch das Zurückdrängen der Esoterik am frühen Bauhaus und die Hinwendung zur Industrieproduktion unter dem Slogan der neuen Einheit von Kunst und Technik von 1923 wurde das Bauhaus zu dem, wofür es später bekannt wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2016 - Kulturpolitik

Manuel Brug besucht für die Welt die Dresdner Semperoper, die immer wieder unfreiwillig als Kulisse für Pegida-Aufmärsche herhalten muss. "'Wir müssen da durch', sagt nüchtern die farbige Mezzosopranistin Tichina Vaughn, die seit 2010 in Dresen als Solistin engagiert ist. 'Die Straßenbahnen fahren dann nicht mehr in der Altstadt, ich muss meine Einkäufe montags vor 18 Uhr erledigt haben und ich spüre, wie die Stimmung immer aggressiver wird. Wenn das so weitergeht, wird Dresden bald eine geteilte Stadt sein', fährt die Amerikanerin fort, die ihre besorgten Verwandten und Freunde auf Facebook beruhigt. 'Noch fühle ich mich hier sicher, obwohl ich so exponiert bin, was ich wiederum nutze und mich schon an diversen Gegenveranstaltungen auch außerhalb der Oper beteiligt habe.'"
Stichwörter: Dresden, Pegida, Semperoper, Altstadt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2016 - Kulturpolitik

Londons ehemaliger Rotlichtbezirk King's Cross wird seit einigen Jahren gentrifiziert, berichtet in der NZZ Marion Löhndorf, die das tatsächlich gar nicht so schlecht findet. Denn das alte Viertel mit seinen Drogenbanden und notorisch verschmutzten Luft war auch nicht so toll. Zumal man sich heute Mühe gibt, alte Gebäude zu renovieren statt abzureißen: "Die wichtigsten historischen Gebäude - die Stars des Viertels - wie die Güterhalle und die Gaskessel blieben erhalten und wurden einer neuen Bestimmung zugeführt. In den ehemaligen Getreidespeicher und in die Güterhalle zog Central Saint Martins, eine der weltbesten Designschulen, ein. Modestudenten sind von dort aus in weniger als drei Stunden in Paris."

In Berlin frisst die Gentrifizierung gerade ihre Kinder, kann man einem Tagesspiegel-Interview mit Irina Liebmann und Anne Jelena Schulte entnehmen. Die beiden Autorinnen haben Mieter eines Hauses in Prenzlauer Berg 1980 und 2015 befragt und festgestellt: die ehemaligen Verdränger haben jetzt selbst Furcht, verdrängt zu werden. "Im Vergleich zu derzeitigen Neumieten wohnen sie günstig. Eine Bewohnerin erzählte, dass der Vermieter ihr gesagt habe, dass er ständig Angebote von Interessenten bekommt, die die doppelte Miete bezahlen würden", erzählt Anne Jelena Schulte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2016 - Kulturpolitik

Im Interview mit dem Tagesspiegel zeigt Eckart Köhne, Präsident des Deutschen Museumsbundes, wenig Verständnis für die Proteste des Kunsthandels gegen das neue Kulturgutschutzgesetz: "Der Kunsthandel funktioniert nach einem Geschäftsmodell der Barockzeit: Connaisseur und Händler tauschen sich über den Eigenwert eines Objektes aus, die Hintergründe - insbesondere die Provenienz - bleiben ausgeblendet. Der Weg der Kulturgüter ist nicht nachvollziehbar. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Wer heute eine Tütensuppe kauft, kann lesen, was drin ist. Bei Bioprodukten erfährt man sogar, wo die Kuh geweidet hat. Auch Kunstobjekte brauchen einen Pass, in dem steht, woher sie kommen, welchen Weg sie genommen haben. Dann sind alle auf der sicheren Seite. Die nun geplanten Ein- und Ausfuhrregelungen sind ein Schritt in Richtung Transparenz."

Berlin, vergiss das Einheitsdenkmal, ruft Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung. Keiner will die dusslige Schale. Sie wird teuer und ihre Aufstellung zerstörerisch, so Bernau: "Und welch denkmalpflegerische Brutalität: Die weitgehend intakten Mosaiken des Monuments für Kaiser Wilhelm I. und dessen Sockelbau müssen nämlich für die Goldschale schwer beschädigt werden. Dennoch hat der Berliner Senat das Projekt jetzt genehmigt, so wie auch die Projekte Staatsoper, Magnus-Haus, Friedrichswerdersche Kirche etc. Wie will man eigentlich ruchlosen Investoren den Schutz von historischen Bauten abverlangen, wenn wir mit unserem Erbe selbst ruchlos umgehen?"

Die FAZ meldet, dass die Historikerin Gundula Bavendamm das "wohl schwierigste deutsche Gedenkstättenprojekt", nämlich die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung leiten wird. Im Interview mit Patrick Bahners macht sie einen tatkräftigen Eindruck: "Hier überlappt sich die Opfer-Täter-Dichotomie. Die Täternation Deutschland und Nationen, die sich den Opfernationen zurechnen, erinnern an ihr Leid und ihre Verluste. Man braucht diplomatisches Geschick, um die SFVV aus dem Stellungskrieg geschichtspolitischer Kontroversen herauszuführen. Sie gehört in die Mitte der Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2016 - Kulturpolitik

Kein Blatt vor den Mund nimmt die eiskalt abservierte ehemalige Kulturministerin Frankreichs, Fleur Pellerin, im Interview mit Marie Guichoux im NouvelObs. François Hollande hatte ihr nach ihrer Ernennung vor fünf Jahren gesagt, "Geh ins Theater und schmeichle". "Ich hatte mir drei Achsen gesetzt, kulturelle Demokratisierung, Verjüngung und Freiheit des Schaffens. Siebzig bis achtzig Prozent des Budgets sind fest gebunden und gehen an etwa hundert Institutionen und höhere Schulen. Siebzig Prozent des Budgests werden in der Region Paris ausgegeben... Ich wollte nicht die Ministerin der In-Kreise sein... 'Geh ins Theater und schmeichle' - ich hielt diese Worte des Präsidenten für einen Scherz. In Wahrheit waren sie eine Anweisung."

Im SZ-Interview mit Jörg Häntzschel hält der Archäologe Michael Müller-Karpe auch das neue Gesetz zum Kulturgüterschutz für unzureichend, um den Handel mit illegal ausgegrabenen Antiken zu verhindern, vor allem durch einen Passus, der alle Werke legalisiert, die vor 2007 schon einmal in Deutschland waren: "Alle diese Objekte gelten nicht mehr als unrechtmäßig eingeführt und werden nicht mehr zurückgegeben. Sie sind gewaschen."

Der in Freiburg Philosophie lehrende Andreas Sommer meint dagegegen in der NZZ, man solle die Kulturgüter eher vor dem Staat als vor den Sammlern schützen: "Der private Besitz von Kulturgütern weckt Neid und beflügelt das Moralisieren. Aber warum sollten Staaten die berufenen, unbestechlichen Hüter von Kulturgut sein?"

Joachim Güntner kommt in der NZZ noch einmal auf die Aberkennung von Konrad Lorenz' Ehrendoktorwürde durch die Universität Salburg zurück.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2016 - Kulturpolitik

Erste Museen in Deutschland probieren die in Großbritannien erfolgreiche Politik des kostenlosen Eintritts für die Sammlungen, schreibt Catrin Lorch in der SZ: "Das Folkwang-Museum schaffte im vergangenen Juni die Eintrittskarten ab. Nur für große Sonderschauen muss noch gezahlt werden; der Besuch der Sammlung und kleinerer Ausstellungen ist frei. Die Krupp-Stiftung übernahm die rund eine Million Euro, die das auf fünf Jahre angelegte Projekt kostet, denn die Einnahme-Ausfälle müssen der Stadt ersetzt werden. 'Weil wir aber nur so wenig Besucher in der Sammlung hatten, war das nicht eben teuer', sagt Bezzola. Das Ergebnis: Im Januar 2015 betrachteten 1476 Besucher die ständige Sammlung. Im Januar 2016 waren es 7544. Eine Steigerung um 400 Prozent."
Stichwörter: Folkwang Museum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2016 - Kulturpolitik

Cécile Amar porträtiert für das Journal du Dimanche die neue französische Kulturministerin Audrey Azoulay, die aus einer bildungsbürgerlichen jüdisch-marokkanischen Familie kommt (ihr Vater war Berater des marokkanischen Königs Hassan II, was nicht jeder als eine ehrenvolle Position bezeichnen würde). In dem Porträt spricht sie auch über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus: "'Ich habe nicht die geringste Erinnerung an Streitigkeiten über Identität oder an Antisemitismus.' (...) Bis sie mit zwanzig Jahren an die Elite- und Verwaltungshochschule ENA ging, hatte sie nie Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht: 'Es war ein Schock, hier habe ich den Antisemitismus des alten Frankreich kennen gelernt.'"

tazler Rolf Lautenschläger blickt betrübt auf die ersten Entwürfe für das geplante Museum des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum: "Vom Hochhaus über lange Glaskisten bis hin zum antiken Museumshof scheint alles möglich. Aber etwas, das wirklich zwischen die Architekturikonen von Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie und Scharouns Philharmonie passt? Fehlanzeige."

Weiteres: In der FAZ berichtet der Islamwissenschaftler Stefan Weidner von Deutschland als Gastland bei einem Kulturfestival in der saudischen Hauptstadt Riad.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2016 - Kulturpolitik


Ideenwettbewerb "Das Museum des 20. Jahrhunderts und seine städtebauliche Einbindung": Modellfoto des Siegerentwurfs Tarn-Nr. 1281 © bei den Verfassern / www.lindner-fotograf.de

Marcus Woeller stellt in der Welt die ersten - anonymen - Entwürfe für das Museum des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum vor. Die Vorgaben hatten es in sich: "Gesucht wird ein Alleskönnerzwitterwesen. Die Architektur soll es mit Mies van der Rohes Nationalgalerie und Scharouns Philharmonie aufnehmen, ohne sie aber zu überstrahlen. Gleichzeitig soll sie auch ein Bindeglied für die Nord-Süd-Achse zwischen Gemäldegalerie und Kunstgewerbemuseum zur Staatsbibliothek werden. Und eine funktionierende städtebauliche Figur, ohne Straßenverläufe und bestehende Platzanlagen anzutasten." Am nächsten scheint Woeller dem der Entwurf mit der Tarnnummer 1281 zu kommen. In der SZ berichtet Jens Bisky.

Außerdem: Für die SZ besucht Thomas Steinfeld die Biblioteca Girolamini in Neapel, die von ihrem einstigen Direktor vor einigen Jahren geradezu ausgeplündert wurde und seitdem geschlossen ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2016 - Kulturpolitik

Damit schöne neue Wohnungen für das "neue Berliner Bürgertum", so der Senat, entstehen konnten, wurde trotz aller Warnungen von Denkmalschützern dicht an der Friedrichswerdersche Kirche gegraben. Jetzt zeigt sich, dass die Warnungen berechtigt waren: Die Kirche hat neue Risse. In der Berliner Zeitung reagiert Nikolaus Bernau bitter: "Bevor jetzt wutbürgerliche Lesermailschreiber ihre Tastatur aufschlagen: Unsere Beamten und auch die meisten Politiker sind meistens ziemlich kompetent. Sie wissen, was sie tun, sie tun es mit Blick auf die Wähler, also auf uns! Bevor also in dieser Stadt Denkmalpfleger und Fachbeamte nicht mehr populistisch als unfähige Bremser bezeichnet werden, muss wohl ein echtes Desaster passieren. In Köln brauchte es schließlich auch die Katastrophe des Stadtarchiv-Einsturzes, bis sich die breitere Bevölkerung bewusst wurde: Das gehört nicht irgendwem, sondern uns."
 
Und in der Welt fragt Dankwart Guratzsch: "Wie weit reicht die Gewährleistungspflicht eines Bauherrn? Die Frage könnte Berlin schon bald in eine peinliche Lage bringen."

Weiteres: In der NZZ stellt Andrea Gnam eine Studie zum sowjetischen Plattenbau vor. Die Franzosen streiten um den Circonflexe, den die Académie abschaffen will, berichtet Matthias Heine in der Welt. Linguisten in beiden Teilen Koreas arbeiten derweil an einem gemeinsamen Wörterbuch, erzählt Fabian Kretschmer in der taz.